zwei Prozellanmäuse

Darfs ein bisschen süßer sein? © tiffany terri under cc

Der Begriff Kitsch hat in unserem Sprachgebrauch einen negativen Klang. Die Grenze, die zwischen Kitsch und Kunst verläuft, ist fließend, wir betrachten den Kitsch hier primär in seiner psychologischen Wirkung.

Ein wesentliches Merkmal des Kitsches ist die Naivität. Naivität nicht in der Form der Anfertigung, die im Kunstgewerbe durchaus mit hoher technischer Fähigkeit einhergehen kann, sondern im Motiv. Hier wird eine kleine, heile Welt beschworen, die es eigentlich nie gegeben hat, die gute alte Zeit mit dem Höhepunkt in einer phantasierten heilen Kinderwelt, so wäre man gerne Kind gewesen.

Es glänzt ein wenig mehr, ist etwas greller und bunter als in der Realität. Die Szene ist überschaubar, warm, kuschelig und behaglich; große Kulleraugen drücken eindeutige Gefühle aus, alles ist putzig und niedlich. Draußen ist die gefährliche Welt, hier drinnen ist es wohlig und sicher, manchmal sauber und ordentlich, oft auch liebevoll chaotisch und irgendwie riecht es nach Kuchen.

Kitsch in der Unterhaltungsindustrie

Typische Szenen sind auch die Gefühlsverwicklungen der vermeintlich Bessergestellten. Vor der grandiosen Kulisse eines Alpenpanoramas, eines Schlosses oder Landsitzes, fernab von den Verwirrungen und Notwendigkeiten der alltäglichen Welt, sieht der Zuschauer, dass auch die Reichen und Schönen ihre Sorgen und Nöte haben und dass Cabriofahren mit wehem Herzen auch nicht alles ist. Die großen Gefühle der kleinen Leute sind doch dieselben wie bei „Königs“, ist die erleichternde Botschaft. Die eindeutige Szenerie wird mit seichter Musik untermalt – wo die makellosen Zahnreihen blitzen, darf das Streichorchester nicht fehlen.

Der Zeitschriftenmarkt der Regenbogenpresse bedient dieselben Klischees, zeigt einerseits die Pracht und den Glamour, aber dann auch das Scheitern der Stars. Die Suggestion des Unerreichbaren, die Idee, dass Glück wesentlich von Äußerlichkeiten wie Schönheit, Geld und Ruhm abhängt und dann doch die Cellulite in Großaufnahme, die Ehekrise, die vierte Entziehungskur. Am Ende sind sie, zum Glück, doch alle gleich.

Die letzte Chance

Die neuerdings beliebten Casting-Shows sind ähnlicher Machart. Das Leben hat dem jungen Talent bisher übel mitgespielt, aber nun bekommt es noch eine alles entscheidende Chance, entweder Hartz 4 oder Superstar. Es geht um alles oder nichts. Darüber urteilt eine Reihe von nicht selten selbstgefälligen und entwertend urteilenden Menschen und wir dürfen live die bebenden Lippen und die Tränen der Enttäuschung oder Erleichterung miterleben.

Zu dieser Variante zählt der Kämpfer, der alleine gegen die Welt steht und der sich am Ende doch durchbeißt, obwohl niemand an ihn geglaubt hat. Kitsch und Archetyp begegnen sich.

Überhaupt ist Musik ein beliebtes Medium um Kitsch zu transportieren. Der Herzschmerz-Schlager: Umkomplizierte und eingängige Musik, mit Texten, die gerne die Heimat und die Liebe besingen, dass es zu Hause doch am besten ist und dass der reuige Sünder, der viel „Mist“ gemacht hat, doch erkannt hat, dass sie die Beste ist, wenn sie ihm doch nur noch ein letztes Mal verzeiht. Wir ahnen, dass sie es, zu Tränen gerührt, tut, weil sie ja immer an ihn geglaubt hat und wusste, dass er ganz tief drinnen doch ein gutes Herz hat.

Kitsch und Weltbild

Kitschfiguren im Garten

Ein Sammelsurium an Schönlichkeiten © Anthony Easton under cc

Wir haben nun schon einige psychologische Elemente des Kitsch gefunden. Es ist eine schwarz-weiß Welt, die hier gezeichnet wird. Die Gefühle sind groß, aber eindeutig. Ist die Liebe immer noch da, wird schon alles klappen, es gibt die eine letzte Chance, aber die muss man nutzen, dann ist das Happy End garantiert.

Es liegt an den Umständen, an anderen, nicht an dir, ist die stille Botschaft, die da vermittelt wird. Gerade Jugendliche aus dem prekären Milieu glauben daran, dass es nur die Alternative Sekt oder Selters gibt, man entweder alles gewinnt oder alles verliert. Das Glück wird an Äußerlichkeiten gekettet, Geld und ein dickes Auto, der Rest kommt dann schon von selbst, zur Not kann man ihn kaufen.

So wird die Chance zum Superstar zu werden wohl tatsächlich als faires Angebot wahrgenommen und der voyeuristische Part gar nicht als sonderlich schlimm erlebt. Dass es zwischen Himmel und Hölle aber noch eine eigene Welt mit ganz anderen Möglichkeiten und Spielregeln gibt, wird dabei ausgeblendet.

Doch auch wenn der Kitsch für kulturell Benachteiligte gemacht wird, so gehören zu seinem Weltbild doch idealisierte oder sentimentalisierte Mittelschichtwerte.