Kitsch ist, wie wohl alles in der Welt, nicht einpolig gut oder schlecht. Wie immer, macht die Dosis das Gift sowie Nutzen und Gefahren von Kitsch aus. Er kann einem helfen, ein Stück weit Privatheit und Heimeligkeit zu schaffen. Er überzeichnet Reize, die uns alle berühren, doch es wäre schade, wenn man völlig kalt und unberührbar würde.

Das kurzzeitige Abtauchen in vermeintlich seichte Welten (in denen einfache Regeln gelten) hat immer auch einen entspannenden Charakter, den man ebenfalls bei Massenphänomenen findet.

Die Sehnsucht nach einer heilen Welt taucht auf, wenn die Gegenwart überfordernd erscheint und wird im oft unbekümmert vereinfachten Früher und Damals gesucht. Sei es in einer Phantasie-Kindheit oder einer romantisierten Idee der Urhorde, der alten Griechen, als die Welt noch in Ordnung war. (vertiefend hier)

Grandiosität und Personenkult

Statue von Mao

Grandiosität ist ein Merkmal von Kitsch © Christopher under cc

Sind Seifenoper und Beziehungsdrama nicht selten der Kitsch für die Frau, so findet man dieselbe Schlichtheit für den Mann in Sportevents. Hier gibt es noch Helden und Schlachten, hier ist stets klar, worum es geht, was das Ziel ist und wie die Regeln sind. Die Showelemente von Boxveranstaltungen mit pompöser Musik und glitzernden Roben seien ein Beispiel, die Inszenierungen der Formel 1 ein anderes, was die sportlichen Höchstleistungen nicht schmälern soll.

Wo es noch echte Männer mit klaren Zielen gibt, ist der Personenkult (fast immer um Männer) nicht weit. Nutzen und Gefahren von Kitsch, durch dessen Instrumentalisierung, werden hier besonders deutlich. Gerade in den tyrannischsten Diktaturen findet man an allen Ecken überlebensgroße Bilder des gütigen großen Vaters. Was kann schöner und selbstverständlicher sein, als diesem weisen Führer zu dienen? Hier wird die Nähe von religiösem Kitsch und nicht selten atheistischem Personenkult spürbar. Der gute Vater in der technisierten Umwelt und der höchste Dienst ist es, sich demütig in diese vermeintlich perfekte Ordnung einzufügen.

Und der Nutzen? Er liegt ebenfalls in der Zurückstellung der eigenen Triebwünsche, zugunsten einer Idee von etwas Größerem. Das Unbehagen in der Kultur liegt nach Freud in eben dieser Ambivalenz. Es ist die Kultur, der wir fast alles verdanken, doch als Gegenleistung zur Bändigung der Natur verlangt sie eben auch von uns die zwischenzeitliche Triebunterdrückung – und das tun wir nicht immer gerne oder wir gehen ins andere Extrem:

Ordnung und Sauberkeit

Klein, sicher, behaglich, ordentlich und sauber muss es sein. Wo es drinnen blitzt, fehlt draußen nur noch der unvermeidliche Gartenzwerg, der Paradefall des Deutschen Kitsches. Doch wo Sauberkeit betont wird, ist das Wissen um die andere Seite, das Schmutzige, nicht weit. Das Verbotene, der Schweinkram, der den anderen vorbehalten ist, während man selbst den Einbruch des Unreinen wegzuwischen versucht. So mancher Putz- und Ordnungszwang hat hier seine Wurzel.

Kitsch und Sexualität

Gartenzwerg

Eine Ikone des Kitsch © redcctshirt under cc

Ein wesentliches und unbewusstes Element ist das merkwürdige Verhältnis des Kitsches zur Sexualität. Viele Elemente des Kitsches sind offen asexuell. Die netten Kinderlein, die noch keine „unreinen“ Gedanken haben. Gesteigert wird die asexuelle Komponente noch in den vielen Formen des religiösen Kitsches. Engel, als das Symbol der körperlosen „Reinheit“ schlechthin, daneben die Jungfrau Maria mit ihrem, vom heiligen Geist gezeugten, Kind. Die Kombination ist der kindlich gelockte Puttenengel.

Doch die Entsexualisierung ist nur die eine Seite, zugleich gibt es eine obsessive Beschäftigung mit sexuellen Thematiken und ein Interesse daran, wer mit wem, wann, wo und wie oft. Im Bauernschwank und in zotigen Witzen in geselliger Runde, nicht selten vom Alkohol enthemmt, geht es dann schon derber zu. Man weiß sehr gut, um was es geht und das interessiert auch brennend – gerade auch den sauberen Bürger.

Auch die Klassiker des deutschen Kitsches sind symbolisch nicht ohne. Der schon erwähnte Gartenzwerg steht mit der unvermeidlichen roten Zipfelmütze seinen Mann bei Wind und Wetter. Chapeau! Zum beliebten Inventar des kleinbürgerlichen Gelsenkirchener Barock gehört neben dem Ölbild vom röhrenden Hirsch auch die rassige Zigeunerin mit dem Dekolleté, das in doppelter Hinsicht tief blicken lässt.

Nutzen und Gefahren von Kitsch liegen in seiner Eindeutigkeit, die keine Ambivalenzen zulässt, bei sich nicht und bei anderen nicht. Die Fähigkeit Sex und Sorge kombinieren zu können, wird zugunsten sexueller Tabus negiert. Doch klug genutzt, kann er zwischenzeitlich ein bisschen heile Welt erzeugen.