Lernen ohne Schule steht für viele Eltern von Schülerinnen und Schülern außerhalb des Möglichen. Doch Meldungen über Unterrichtsausfälle, Gängeleien auf Schulhöfen, überforderte Lehrer und Ängste von Kindern, tagtäglich die Schule besuchen zu müssen, lassen immer mehr Eltern aufhorchen. Alternativen zum derzeitigen Regelschulsystem sollen her und neben zahlreichen Privatschulen mit unterschiedlichsten Ansätzen wird Homeschooling, d.h. ein Lernen ohne Schule, immer mehr zum Begriff.

Lernen ohne Schule dank Homeschooling

Lernen ohne Schule am Küchentisch

Lernen ohne Schule am Küchentisch © IowaPolitics.com under cc

Homeschooling erfährt in den USA – und auch vielen anderen Ländern wie z.B. Frankreich, Österreich oder Großbritannien – einen Aufwärtstrend. In Deutschland dagegen stellt man sich von Seiten des Staates quer. Homeschooling-Kinder besuchen keine Schule und werden, salopp gesagt, zu Hause unterrichtet. Schulmaterialien, Lehrpläne, Übungen und Kontrollen gelangen via Internet, Post o.ä. direkt auf den Küchentisch. So gibt es z.B. Fernschulen, die eine geordnete Abfolge der Lernstoffvermittlung möglich machen. Darüber hinaus unterstützt auch der freie Zugang zu städtischen Bibliotheken ein Lernen ohne Schule. Den Lernenden ist es bestenfalls möglich, auch direkt „vor Ort“, z.B. in der Natur, in Museen u.ä., ihr Wissen anzueignen.

Die Eltern übernehmen zumeist die Rolle des Lernbegleiters. Aber auch andere Formen der Organisation sind beim Lernen ohne Schule möglich. So finden sich z.B. Eltern zusammen und unterstützen ihre Kinder abwechselnd in kleineren Gruppen. Als besonders vorteilhaft wird beim Lernen ohne Schule von vielen Verfechtern betrachtet, dass die Kinder schon sehr frühzeitig Fähigkeiten erwerben, sich selbst aus Büchern, Quellen aus dem Web usw. den Lernstoff anzueignen. Der oft bemängelte Frontalunterricht wird durch selbstständige und unterstützende Projektarbeit ersetzt. (Homeschooling-Eltern bevorzugen es, die Lerninhalte ähnlich wie in der Schule vorzugeben. Vom Homeschooling abzugrenzen ist das Freilernen bzw. Unschooling, bei welchem keinerlei Lerninhalte vorgegeben werden und die Kinder sich frei mit dem beschäftigen, was sie interessiert.)

Mit Selbstständigkeit und Kreativität zum Erfolg

John Taylor Gatto, mehrfach in New York zum Lehrer des Jahres ausgezeichnet, gilt als einer der führenden Kritiker des derzeitigen Schulsystems. Auch wenn Gattos Ansichten vor allem das freie Lernen unabhängig von vorgegebenen Lerninhalten untermauern, so sind diese auch für die Homeschooling-Szene von Interesse. Gemäß Gatto unterbindet die Schule die Lust und den natürlich innewohnenden Drang der Kinder zu lernen. Frontalunterricht, strikte Vorgaben und allgegenwärtige Kontrolle machen laut Gatto die Kinder zu lebenslang abhängigen, sich unterordnenden und nicht selbstständig denkenden Wesen, die fremdbestimmt und ohne zu hinterfragen ihren vorbestimmten gesellschaftlichen Weg gehen (Gatto, 2009).
So wird gemäß den Schulkritikern den Kindern in der Schule verwehrt, sich selbst auf kreative Art und Weise Antworten auf bestehende Fragen zu geben; stattdessen bekommen sie diese im Regelschulsystem mundgerecht und für alle gleichermaßen vorgegeben.

Lernen ohne Schule: Kind vor Bienenstock

Lernen ohne Schule in der Natur © wissenschaftsjahr under cc

Neben kreativer Eigenarbeit und (selbstgesuchten) Experimenten zur Veranschaulichung der Lerninhalte sehen Befürworter der Homeschooling-Szene noch weitere Vorteile beim Lernen ohne Schule.

Dem eigenen Lerntempo angemessen

Ein Lernen ohne Schule ermöglicht dem Lernenden seinem eigenen Tempo entsprechend vorzugehen. Direkte Vergleiche mit anderen entfallen, was sich durchaus auch positiv auf das Selbstkonzept junger Schüler auswirken könnte.

In Sicherheit lernen Kinder am besten

Lernen ohne Schule bringt ein Lernen in Sicherheit mit sich, so die Befürworter. Kleinere Gruppen in vertrauter Umgebung machen es möglich – so lernen Kinder am besten. Ängste, Aggressionen, Konkurrenz oder Neid zwischen den Klassenkameraden oder auf dem Schulhof fielen weg, stattdessen Konzentration auf das Wesentliche. Ein Augenmerk, das Homeschoolern auch später im Berufsleben durchaus Vorteile verschaffen könnte.

Selbstbewusst – selbst geschafft

Wenn Kinder beim Lernen ohne Schule die bestehenden Aufgaben – ihrem Reifegrad angemessen – weitestgehend selbst organisiert angehen könnten, hätte dies gemäß den Befürwortern des Homeschoolings positive Auswirkungen auf ihr Selbstbewusstsein und natürlich auch auf die eigene selbstständige Arbeitsweise – ein Bonus für das spätere Vorgehen im Job oder an der Uni.

Havard & Co. räumen Homeschoolern Plätze ein

Diese Selbstständigkeit beim Arbeiten, frei von Konkurrenzdenken u.ä., scheint sich, gemäß den Verfechtern, bis nach Havard rumgesprochen zu haben. Denn Havard und andere Elite-Universitäten vergeben eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen nun auch an Homeschooler.

Lernen ohne Schule bietet den Befürwortern viele Vorteile. Dem gegenüber stehen Kritiker, welche verschiedene Gefahren im Trend des Homeschoolings sehen. In Teil zwei dieser Serie werden wir uns mit den kritischen Stimmen in Bezug auf ein Lernen ohne Schule befassen.

Quelle:

  • Gatto, J.T. (2009). Verdummt noch mal! – Dumbing Us Down: Der unsichtbare Lehrplan oder Was Kinder in der Schule wirklich lernen. Bremen: Genius Verlag.
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