alte Rechenmaschine mit Drehkurbel

Kann man das Leben nach dem Nutzen berechnen? © Pelle Sten under cc

Mit Nützlichkeitsdenken ist hier die Eigenschaft gemeint, das zu gebrauchen und anzunehmen, von dem man sich einen Nutzen für das eigene Ich verspricht, eine an sich verständliche und oft sinnvolle Herangehensweise, die allerdings an Grenzen und innere Widersprüche gelangt. Dies ist ein Thema für sich, aber auch als Exkurs zur Serie über Wunderheilungen gedacht.

Es ist Teil einer gesunden Ichentwicklung, die eignen Bedürfnisse kennenzulernen, sie einzufordern und in Absprache mit seinen Mitmenschen auch zu versuchen, sich sein Leben angenehm und den eigenen Wünschen gemäß zu gestalten. Man versucht in sein Leben die Elemente einzubauen, die einem wünschenswert und sinnvoll erscheinen, orientiert an den Normen und Vorstellungen der Gesellschaft und Zeit, aus der man stammt.

Zum anderen ist das Nützlichkeitsdenken bei gesellschaftlichen Fragestellungen und unseren ethischen Einstellungen wichtig, etwa im Rahmen des Utilitarismus.

Paradoxe Entwicklungen beim Glauben

Unsere Zeit und Kultur ist seit der Aufklärung primär rational und wissenschaftlich-technisch geprägt. Der Glaube an, im weitesten Sinne, Übersinnliches gilt als Relikt, das zwar noch irgendwie mitläuft, aber nach und nach ausstirbt, mindestens in den aufgeklärten Teilen der Welt. Jüngere Ergebnisse kommen zu einigen Schlüssen, die nicht so ganz in dieses Weltbild passen. Zwar gilt religiöses Denken als primitiv, aber es erweist sich als recht stabil und erfolgreich und damit eben als gesellschaftlich nützlich.

Im Rahmen der Darwinschen Evolutionstheorie gibt es nur ein Kriterium für Erfolg und biologische Fitness, mit der eher geglückte Anpassung als Stärke gemeint ist: Nachkommen hervorzubringen, die alt genug werden, um ihrerseits Nachkommen hervorzubringen. Die westliche Wertehemisphäre, die wesentlich auf diese Idee baut, sieht sich selbst zwar als den anderen überlegen an, doch gerade im zentralen Punkt der biologischen Fitness ist es nicht sonderlich gut um sie bestellt. Nachkommen aus eigener Kraft, also Fitness à la Darwin, hat die westliche Welt kaum zu bieten.

Schon werden Stimmen laut, man solle den Religionen ihr Geheimnis ablauschen, ohne irgendwie religiös werden zu müssen. Wenn das Geheimnis aber nun genau der Glaube ist, läuft das auf eine „Wasch mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass“-Idee hinaus, die einen inneren Widerspruch des Nützlichkeitsdenkens darstellt.

Forschungen über den Nutzen das Glaubens fallen ambivalent aus, er hat Vor- und Nachteile. Entgegen verbreiteter Vorstellungen sind gläubige Menschen nicht moralischer als andere, allerdings bietet Religion einen Schutz vor im allgemein als schädlich angesehenen äußeren Einflüssen, wie Drogen und dergleichen, und religiöse Menschen helfen sich untereinander in stärkerem Maße, das heißt, der gemeinsame Glaube vermag die Reihen zu schließen.

Die Tendenz zu glauben, wesentliche Dinge lägen nicht in unserer Hand, ist unter gläubigen Menschen ebenfalls stärker verbreitet und bringt Licht und Schatten. Ein wenig mehr Gelassenheit und das Gefühl, es wird schon alles seinen Sinn haben, was aber mitunter mit einem Mangel an Vorsicht einhergeht, auch dort, wo sie etwas bewirken könnte. Überspitzt könnte man sagen, man fühlt sich manchmal, wenn auch eventuell grundlos, besser, geborgener.

Nützlichkeitsdenken und Heilung

Mann mit Brille, linke Hand vorm Mund, schwarzweiß

Kann ich alles glauben, was mir nutzt? © Simon Li under cc

Dieses bei einigen, vor allem stark Gläubigen, vorhandene bessere Gefühl sollte man für unser Nützlichkeitsdenken ausschlachten können. Doch hier ergeben sich weitere Probleme. Rational, aufgrund der Studienlage, könnte man schon auf die Idee kommen, dass der Glaube einem in Krisenzeiten, wie bei schweren Erkrankungen, psychischen Krisen oder Schicksalsschlägen mindestens dabei hilft, mit der Situation besser fertig zu werden, sei es, dass man meint, es habe alles einen Sinn oder der Überzeugung ist, man habe noch ein Ass im Ärmel. Es wäre also auch hier gut, diese Kraft zu nutzen, vielleicht wieder isoliert, abgekoppelt vom weltanschaulichen Überbau.

Aber kann das Nützlichkeitsdenken hier greifen? Kann man glauben, weil es gut wäre und man davon profitieren würde, so tun, als ob? Man glaubt es sich ja selbst nicht. Ein authentischer Glaube ist kein zweckrationales Rechenspiel, aber auch nicht irrational. Man muss schon überzeugt sein. Gemäß unserem Weltbild müsste man an etwas glauben, was man zugleich nicht glauben darf.

Um diesem inneren Widerspruch zu entkommen, könnte es helfen, die scharfe Trennung zwischen Emotionalität und Rationalität zu hinterfragen. Von Ansätzen aus anderen Kulturen bis zu Ergebnissen der Hirnforschung und der Philosophie spricht manches für diese Idee.

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