Mann sitzt vor Bildschirm mit Zackenmustern

Die Hirnwellen werden per EEG gemessen. © Anders Sandberg under cc

Die Sicht der Neurobiologie auf Heilige und Psychopathen ergibt gleichermaßen ein eindeutiges und kontroverses Bild. Eindeutig in dem Sinne, dass diese Menschen anders sind, kontrovers, weil sich verschiedene Arten des Andersseins herauskristallisieren.

Die Sicht der Neurobiologie auf Psychopathen

So ist die Sicht der Neurobiologie auf die Bedeutung der Korrelationen diverser Daten – schon was Ursache und was Wirkung ist, ist umstritten – uneinheitlich. Zum einen wird ein Gendefekt vermutet. Das Gen, was für die Produktion des Enzyms Monoaminooxidase A zuständig ist, sorgt für den Abbau diverser Neurotransmitter und kann im Störungsfall zu einer Dysregulation führen. Allerdings hängt der Ausdruck dieser Genveränderung wiederum von sozialen Faktoren ab.

Es wird eine Unfähigkeit vermutet Emotionen zu lesen und manche Studien scheinen das zu bestätigen, doch andererseits reicht schon die Logik aus, um zu erkennen, dass derjenige, der andere quälen, manipulieren oder ausnutzen will, sie auch emotional „lesen“ können muss und neuere Studien belegen, dass Psychopathen zu einer bestimmten Empathie fähig sind.

Allgemein wird ein Defekt in Form einer Unteraktivierung in einer Region des Hirns vermutet, die emotionale Regulation verarbeitet und die Amygdala, die Insula, das Cingulum und den orbitofrontalen Cortex umfasst. Aber auch eine Abnahme der grauen Substanz, sowie ein Unteraktivierung des ganzen Gehirns wurde beobachtet, die einerseits mit der Angstfreiheit der Psychopathen zu tun haben könnte, andererseits erklärt, warum sie mitunter extreme Reize brauchen.

Sehr erstaunlich ist, dass nach experimentellen Befunden ausgerechnet Psychopathen in einigen Bereichen (nicht in allen) sogar hilfsbreiter sind, als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Hirnwellen

Es gibt mindestens fünf verschiedene Arten von Hirnwellen, die mit unterschiedlichen Aktivitäten des Gehirns assoziiert werden. Üblicherweise sind die Alpha- und Beta-Wellen jene des Wachzustandes, Theta-Wellen kommen in Traum oder Meditation vor, Delta-Wellen im traumlosen Tiefschlaf und die Gamma-Wellen bei Zuständen einer konzentrierten Aufmerksamkeit und in der Meditation.

Die Kombination von Wellen der Schlafzustände (Delta, Theta) und der Wachzustände (Alpha, Beta, Gamma) gelten bei Kindern als unproblematisch, weisen aber ansonsten auf ernste Hirnerkrankungen hin. Offensichtlich anders verhält es sich bei Psychopathen, bei denen Theta-Wellen auch im Wachzustand auftreten, was man sonst nur bei Kindern sieht oder bei Heiligen, zumindest bei Menschen, die in der Meditation weit fortgeschritten sind.

Die Sicht der Neurobiologie auf Heilige

fröhlicher Mönch von Buddhaschrein

Humor und Offenheit kennzeichnet Heilige © Jirka Matousek under cc

Auch Heilige sind anders. Sei scheinen auf eine Art das andere Extrem des Spektrums darzustellen. Aus Sicht der Neurobiologie fallen auch hier diverse Besonderheiten auf. Zum einen starke Aktivität des linken Frontalcortex, dann eine Anomalie der Gamma-Wellen, die in Hirnen meditierender Mönche massiv stärker ausgeprägt sind. Doch dies verweist nicht auf Dämmerzustände, sondern auf eine Spitzenleistung des Gehirns.

Von einer Aktivierung des gesamten Hirns wird berichtet, ebenfalls von einer gleichzeitigen Aktivität von Hirnwellen des Wachbewusstseins und Theta- und Delta-Wellen, einer selektiven Ausschaltung bestimmter Bereiche und anderen Phänomenen.

Die unterschiedlichen Befunde mögen damit zu tun haben, dass es auch ganz verscheiden Arten von Meditation gibt und jede Art andere Fähigkeiten trainiert. So erwähnt Kevin Dutton in seinem Buch Psychopathen: Was man von Heiligen Anwälten und Serienmördern lernen kann Ekmans Experimente zur Schreckreaktion und die sensationelle Fähigkeit im Zustand des offenen Gewahrseins die Schreckhaftigkeit nahezu vollständig zu verlieren. Ein lauter Knall in nächster Nähe und die tibetischen Meister blinzeln nicht einmal. Erste Folgestudien wurden auch mit fortgeschrittenen Meditierenden in Deutschland durchgeführt und erste Ergebnisse zeigen signifikante Unterschiede, auch hier.

Doch abseits einer Freakshow gibt es gute Gründe zu meditieren und von den Vorteilen der Heiligen und Psychopathen zu profitieren. Denn so extrem voneinander entfernt sie auch sein mögen, Heilige und Psychopathen vereint eine Schnittmenge von Eigenschaften, die uns auch im Alltag weiterhelfen können, wenn wir an Fokussiertheit, mentale Härte, Offenheit und Furchtlosigkeit denken, um nur ein paar zu nennen.

In jedem Fall bringen die Daten unser gewohntes Weltbild etwas durcheinander, denn mehr und mehr stellt sich heraus, dass die früher für so eindeutig gehaltene Grenze zwischen psychisch krank und gesund doch um einiges unklarer ist, als gedacht. Weder kann man Heilige und Mystiker pathologisieren, noch sind eindeutig pathologische Eigenschaften in allen Fällen schlecht zu nennen.

Es ist nicht zuletzt die Sicht der Neurobiologie, die grundsätzliche Neubewertungen, auch nach dem Sinn von Krankheiten, ermöglichen.

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