Engel und Teufel als Steinrelief

Die Projektion: ein bedeutender psychischer Abwehrmechanismus

Engel und Teufel als Steinrelief

Die Bewertung anderer ist oft eine Frage der Projektion. © Vix_B under cc

Wie der Körper so hat auch die Psyche ein Abwehr- oder Immunsystem, die Projektion ist ein wesentlicher Baustein davon.

Projektionen sind deshalb interessant, weil sie zum einen populär sind – fast jeder kennt den Begriff – und man zum anderen an ihnen demonstrieren kann, wie Abwehrmechanismen sich mit der zunehmenden Schwere der Pathologie verändern.

Projektion und die neurotische Struktur

Die klassische Projektion liegt dann vor, wenn bestimmte psychische Eigenschaften, wie Aggression, Sexualität, Gier, Neid, Lebendigkeit oder Unordnung in einer Person entwertet sind und daher von ihr nicht toleriert werden können. Da diese Anteile als schlecht oder böse bewertet sind, findet man sie nicht bei sich und schiebt sie anderen in die Schuhe und dort werden sie dafür überdeutlich als störend wahrgenommen und bekämpft. Zur Projektion eigener Anteile gehört zusätzlich, dass man emotional gereizt auf dieses Thema reagiert und ihm scheinbar überall begegnet.

Doch man ist überzeugt, von dieser Eigenschaft nichts zu haben, weder denkt und noch fühlt man so, das Thema ist bei „den anderen“ gut aufgehoben und es belastet einen nicht weiter, außer, wenn man durch diese damit konfrontiert wird, dann ist man verärgert und gereizt. Doch wo das nicht der Fall ist, konnten sowohl der kognitive als auch der emotionale Anteil projiziert werden, die eigene Psyche sonnt sich in Unschuld, das entwertete, böse, schlechte Element ist bei jemand anderem geparkt und nie käme man von sich aus auf die Idee, es könne meines sein.

Verräterisch ist allein der unangemessene Ärger über Themen, auf die andere gelassener reagieren.

Projektive Identifikation und schwere Persönlichkeitsstörungen

Die reine Projektion ist ein reifer Abwehrmechanismus, die projektive Identifikation tritt vor allem im Rahmen schwerer Persönlichkeitsstörungen auf und ist ein unreifer Abwehrmechanismus. Auch hier wird der kognitive Anteil projiziert: „Nicht ich bin aggressiv, sondern die anderen, ich wehre mich nur.“ Der Unterschied liegt darin, dass man den emotionalen Anteil nicht wegbekommt. Im Selbsterleben heißt das, man meint genau zu spüren, was der andere vorhat, wie durchtrieben und hinterlistig er ist, denn das Hauptthema der projektiven Identifikation sind Arten von Aggression und Manipulation. Und wie böse der andere ist, schleppt man ständig mit sich herum, kommt jedoch auch hier nicht auf die Idee, dass es eigene Aggressionen sein könnten, die man sieht: denn man spürt ja genau, was der andere will und meint und denkt, dass man sich nicht hinters Licht führen lässt und die Wahrheit nur etwas klarer sieht, als alle anderen. Die Größenphantasien, die hier durchschimmern, sind typisch für die Ebene der schweren Persönlichkeitsstörungen.

Die Problematik liegt darin, dass Abwehrmechanismen im Grunde den Sinn haben, die Psyche vor bestimmten schmerzhaften Konfrontationen und Einsichten zu schützen. Auf der neurotischen Ebene ist der Mensch psychisch gut genug organisiert, so dass es zwar bestimmte blinde Flecken gibt, meistens den Bereich des ungehemmt Lebendigen, Sexuellen, Kreativen betreffend, doch sind stabile und realistische Beziehungen in vielen Lebensbereichen möglich. Wer an schweren Persönlichkeitsstörungen leidet, bewegt sich unentwegt in einem Klima von Aggressionen und Misstrauen, Machtspielen und Kontrolle und findet den Ausweg aus eigener Kraft oft nicht mehr. Die Abwehrmechanismen auf dieser Ebene vergrößern mitunter das Problem, was einen Teufelskreis in Gang setzt.

Die psychotische Projektion

Streng genommen gibt es in der Psychose kein Ich mehr, weil Psychose einen Ichzusammenbruch meint, was andersrum bedeuten kann, dass die Betroffenen es so erleben, als gäbe es nur noch Ich. Dennoch werden hier Anteile wahnhaft auf die Welt projiziert. Wahnhaft deshalb, weil die Möglichkeit des kommunikativen Zugangs oftmals erloschen ist, die Möglichkeit die Projektion doch noch einzufangen auch.

In der paranoiden Schizophrenie sind typische Projektionen, dass alle Welt sich gegen einen verschworen hat oder das man eine besondere Bedeutung hat und der Fernsehsprecher einem durch seine grüne Krawatte geheime Zeichen gibt.

Selbst die Kontrolle über den eigenen Körper scheint zu entgleiten, erkennbar in der Projektion, jemand würde einen magisch oder mit geheimen technischen Mittel daran hindern, die Gliedmaßen zu bewegen, zu sprechen oder zu denken.

Rücknahme der Projektion

Die Aufgabe bei allen Formen der Projektion lautet, die projizierten Anteile als solche zu erkennen und wieder ins eigene Ich zu integrieren. Theoretisch leicht zu verstehen, in der Praxis aber oft ein langer und harter Ritt.

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Kommentare
3 Antworten zu “Die Projektion: ein bedeutender psychischer Abwehrmechanismus”
  1. Johannes Hunger sagt:

    „(…) weil die Möglichkeit des kommunikativen Zugangs oftmals erloschen ist, die Möglichkeit die Projektion doch noch einzufangen auch“.

    Exakt das war der Grund, weshalb die Beziehung zwischen mir und meiner BL-Partnerin zum Scheitern verurteilt war. Ich hätte weiter an ihr festgehalten, aber merkte, dass kein Durchkommen mehr war.

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    • Florian sagt:

      Hallo Johannes,

      wie war das Verhalten deiner Partnerin?

      Ich habe gerade das gleiche Problem… Meine Ehefrau trennt sich gerade und die Gründe dafür sind im Endeffekt alles Dinge, die sie selbst nicht „erfüllt“ hat. Und jetzt wird alles auf mich projiziert…

      Auch ich habe kein Durchkommen mehr zu ihr. Alles was ich sage wird falsch interpretiert.

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    • rocky sagt:

      Dass kein Durchkommen bei ihr war, könnten Sie sehr wohl projiziert haben.

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