Statue einer verzweifelten Frau

Vom Leid erdrückt © eflon under cc

Psychische Krisen kommen schleichend oder ganz plötzlich, aber immer zum falschen Zeitpunkt. Angst, Verzweiflung und Depression sind ungebetene Gäste im Leben.

Eigentlich hatte man sein Leben halbwegs geplant oder zumindest andere Träume gehabt und dann das. Manche trifft es eher im Leben, andere später. Für einige ist es ein Trauma, ein einmaliges, überwältigendes Ereignis, für andere eine Kette langer, leidvoller Erfahrungen, aber irgendwann stehen psychische Krisen als Ergebnis im Raum, in aller Härte und Unausweichlichkeit. Nicht selten verändern sie das Leben nachhaltig.

Der Tag, an dem alles anders wurde

Auf einmal ist sie da, die Erkenntnis, dass es so nicht weiter gehen kann, dass man seit längerer Zeit auf dem falschen Weg ist. Ganz plötzlich, eines Morgens oder in einer schlaflosen Nacht. Zuviel Alkohol oder Drogen, der falsche Partner, die falschen Freunde, ein Job, an dem man längst jedes Interesse verloren hat. Das Abwägen von alten Sicherheiten und gefühlten Verpflichtungen, das schlechte Gewissen, es geht hin und her, wie so oft, doch auf einmal ist das Bewusstsein da, dass man ein Problem hat.

Oder es passiert lauter, dramatischer. Ein Unfall, eine Vergewaltigung, ein Überfall. Eine Panikattacke aus heiterem Himmel, ein psychischer oder körperlicher Zusammenbruch, eine schlimme Diagnose oder der Tod eines nahen Menschen. Oft sind psychische Krisen Katastrophen und pflügen das Leben vollkommen um. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, alle Pläne und Träume scheint das Schicksal umzuwerfen. Was nun?

Was tun bei psychischen Krisen?

Die Standardantwort lautet: Bei kleinen Krisen hilft man sich selbst oder wartet ab, dass es sich irgendwie von selbst wieder einrenkt, bei echten Katastrophen nimmt man am besten professionelle Hilfe in Anspruch. Das ist sicher nicht falsch, aber greift doch oft zu kurz. Denn auch professionelle Helfer können nur Hilfestellungen geben, gehen muss man den Weg hingegen selbst.

Krisen sind die Momente, in denen das eigene Leben sich in eine echte Heldenreise verwandeln kann. Und die beginnt fast immer mit einem Abstieg in die Unterwelt. Auf einmal ist man selbst eingebunden in die Welt der Archetypen. Ein Therapeut, der viel mit Angstpatienten arbeitet, erzählte mir, diese seien für ihn Helden, denn sie müssten sich dauernd im Alltag überwinden und Mut aufbringen. Wer keine Angst empfindet, der braucht keinen Mut, um innere Grenzen zu überwinden.

Aber erst mal muss man mit den neuen Bedingungen klar kommen. Plötzlich kann man keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Wo man gestern noch ein Weltreisender war, ist man nun von Ängsten und Zweifeln zerfressen, verliert Selbstvertrauen, Energie und manchmal auch den Lebensmut. Angst und Depression sind ein Paar, das gerne zusammen auftritt, ob nach Traumatisierungen oder als Reaktion auf Dauerstress oder einen unpassenden Lebensweg.

Akzeptanz ohne Resignation

Es gilt, in einer Situation, in der man aus der Balance geraten ist, die Mitte wieder zu finden. Die Mitte zwischen Akzeptanz der Situation, wie sie ist, da Leugnungen nicht viel bringen, und Resignation, dem: „Es wird nie wieder gut“-Gefühl.

Hier angekommen, kann sich die Welt neu ordnen, vielleicht müssen alte Träume sterben, aber neue Möglichkeiten kommen zugleich in den Blick. Die alte Welt mag zersplittert sein, wie ein herunter gefallenes Glas, doch die Arbeiten im Hintergrund, die zur Heilung dazugehören, laufen still und beständig mit, wenn man der Psyche Zeit und Raum gibt. Die Linderung der Symptome alleine ist für psychische Krisen oft unzureichend.

Auch hier ist es ein eher mittlerer, ausbalancierter Weg. In Ruhe und Rückzug erledigt sich vieles von selbst, buchstäblich im Schlaf, beim Grübeln, Meditieren, einfacher Arbeit, auch wenn die Weltabgeschiedenheit mitunter erzwungen ist und als leidvoll erlebt wird. Man würde gerne noch so unbeschwert durch die Welt gehen, wie früher, die Zeit einfach zurückdrehen – aber es geht nicht mehr. Die alten Aktivitäten verlieren möglicherweise ihren Reiz, was wiederum bedeuten kann, dass der Freundeskreis sich ändert.

Ein positive Grundhaltung ist da sicher hilfreich, kann aber nicht in oberflächlicher, guter Laune liegen. Psychische Krisen sind Abschieds- und Todeserfahrungen, mitten im Leben. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen. Hilfe und Unterstützung können einem helfen, diesen Weg zu finden, aber eines fällt auf: Für viele Menschen sind psychische Krisen Momente grundlegender Wandlung gewesen und oft hört man, dass sie das Leben, bei allem Leid, besser gemacht haben.

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