Wasserwellen

Priming ist, wie einen Stein ins Wasser zu werfen. © Roger McLassus under cc

Priming ist ein neuer Begriff für das, was Assoziation meint. Assoziative Verknüpfungen, die spontan und oft unbewusst auftauchen, wenn wir mit einem Signal konfrontiert sind.

Begriffe wie „Badewanne“ und „Feiertag“ lösen sofort andere Assoziationen aus als die Begriffe „Zahnarztstuhl“ und „Abschlussprüfung“. Die einen wirken entspannend die anderen eher nicht.

Doch beim Priming sind nicht nur Begriffe assoziativ verknüpft, sondern weit mehr. Auch Gefühle, Körperreaktionen, Gesichtsausdrücke, Muskelspannungen verändern sich bei der entsprechenden Präsentation von Primes. Denn: Priming ist keine Einbahnstraße. Es ist nicht nur so, dass Begriffe Gefühle evozieren, sondern bestimmte Gestiken, Mimiken oder Handlungen rufen ihrerseits bestimmte Begriffsassoziationen hervor. Ein Lächeln wirkt anders, als ein angespanntes Gesicht und ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Langsame Bewegungen bringen Menschen dazu, Begriffe zu assoziieren, die mit dem Alter zusammenhängen. Das bestätigt die Idee, dass der Mensch eine psychosomatische Einheit ist und Kognition, Emotion und andere Erlebensformen im Normalfall in der Psyche verbunden sind.

Das führt zu der Idee, dass man Priming zielgerichtet und manipulativ einsetzen könnte. Manipulativ im Sinne der Beeinflussung zum eigenen Nutzen, wie bei Verkaufsstrategien oder therapeutisch, zum Nutzen des Klienten. Das funktioniert in gewissen Grenzen auch ganz gut, doch es gibt eben diese Grenzen.

Warum Priming nicht alles ist

Priming-Reize kann man sich ganz gut wie einen Stein vorstellen, der irgendwo in einen sehr großen See fällt, entweder mit einem leisen „Plitsch“ oder einem dumpfen „Kablupp“, je nach Größe des Steins oder Intensität des Reizes. Beide erzeugen Wellen, doch die Wellen verlieren sich nach und nach, beim leisen „Plitsch“ schneller, beim großen Stein sind die Wellen kräftiger und anhaltender.

Das Bild ist etwas schief, weil es sich im Grunde um ein dreidimensionales Gitter aus Begriffen, Kognitionen, Emotionen, Körperreaktionen und so weiter handelt, aber die sich verlierenden Wellen beschreiben die Grenzen recht schön. Und mit diesem Bild kann man sich weitere Grenzen veranschaulichen, denn wir sind ja nicht nur einem Reiz ausgesetzt, sondern ständig einer Vielzahl von Reizen, die sich manchmal verstärken, aber auch gegenseitig hemmen oder auslöschen, so dass unser dreidimensionales Gitter ständig in Bewegung ist. Die Vorstellung einer sich dynamisch umbildenden Struktur, die wir auch mit neuronalen Netzen und Neuroplastizität verbinden.

Aber wir sind nicht nur assoziierende Wesen, auf die Reize passiv einprasseln wie Regentropfen auf einen Schirm, sondern wir können auch selbst die Richtung unseres Denkens bestimmen. Nicht nur und nicht ausschließlich, aber auch. Daniel Kahneman macht in seinem Buch „Schnelles Denken langsames Denken“ auf das schnelle, automatische und assoziierende sowie andererseits das langsame, gründliche, aber auch anstrengende andere Denksystem aufmerksam.

Kann man gute Laune primen?

Die alte Frage der Selbstbeeinflussung, die schon Coué stellte. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad selbst beeinflussen und wohl auch schadlos die Realität etwas verzerren. Ein bisschen Selbstüberschätzung ist nicht schlecht, doch wenn die Kluft zwischen Selbstbild und Fremdzuschreibung zu groß wird, kippt der Nutzen und alle Beziehungen werden verzerrt, was letztlich mehr Leid als Gewinn erzeugt.

Am Ende bestimmt die emotionale Komponente wie groß der ins Wasser geworfene Stein ist. Am meisten beeinflussen sogenannte Spitzenaffekte (die nicht ins Selbstbild integriert werden können) die Psyche und zu viele Spitzenaffekte verzerren die Wahrnehmung dauerhaft. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass Assoziationen übergreifend wirken. Das bedeutet, dass man auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen kann, wenn man einen bestimmten Bereich der Psyche ändern will.

Finden Änderungen auf ganzer Linie, also in mehreren Bereichen der Persönlichkeit, statt, haben wir es auch nicht mehr mit Selbstbetrug zu tun, denn nun hat man sich schrittweise emotional, kognitiv, die Körperhaltung und Atmung betreffend verändert. Das nennen wir Entwicklung und Priming kann ein schöner Anfang einer gelungen Entwicklung sein.

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