Therapie: Esoterisch und dämonisch?

Einige Therapiemethoden haben eine fast okkulte Aura, die zuweilen mit dem wissenschaftlichen Selbstanspruch der Psychologie ins Gehege kommt. Teils liegt das daran, dass sich Vetreter bestimmter Richtungen tatsächlich mit diesen Bereichen beschäftigten, zum anderen ist es so, dass der Mensch selbst kein reines Verstandeswesen ist und der Bereich des Unbewussten sehr verwirrend ist.

Carl Gustav Jung

Phantasiewesen mit Hubschrauberflügeln

Die etwas andere Perspektive © Alice Popkorn under cc

Ironischerweise kann man das, was einem oft als erstes in den Sinn kommt, wenn man an Psychologie denkt, die Psychoanalyse, selbst schon fast unter seltene Methoden der Psychologie fassen. Einer der bekanntesten Vergessenen ist C. G. Jung. Begriffe wie Archetyp, kollektives Unbewusstes oder Schatten sind zwar bis in unsere Zeit prägend, aber kaum jemand arbeitet heute noch nach Jung.

Auch seine Methode kann man schlecht lernen, weil Jung in seinen Deutungen sehr virtuos war und auf weit oben ansetzte, beim Numinosen und auf einen breiten Wissensfundus zurückgriff. Wo man Freund nachsagt, er reduziere alles auf Sexualität, sagt man Jung zuweilen nach, er hebe alles in den Himmel einer Ganzheit, die für viele nicht nachvollziehbar ist. Zudem hatte Jung einen Hang zum Esoterischen, was einigen die Beschäftigung mit ihm erschwert.

Erickson und die Hypnose

Gleichermaßen düster erscheint die Hypnose, weil man sich, in der Vorstellung der meisten Leute, willenlos in die Hand eines Hypnotherapeuten begibt. Auch die Hypnotherapie ist weit weniger manipulativ als ihr Ruf und in einigen Bereichen eine effektive Therapiemethode, doch sie wird nach wie vor damit assoziiert, ausgeliefert und manipulierbar zu sein.

Der Kampf um die Deutung

Seltene Methoden der Psychologie sind oft jene, die uns ein verstörendes Gefühl vermitteln und ihnen ist gemeinsam, dass sie den (eigenen) Verstand und Willen mitunter umgehen. Es sind nicht die schlechtesten Ansätze, die direkt mit dem Körper, dem Atem, den inneren Bildern und den Emotionen arbeiten und Veränderungen auf dieser Ebene anstreben. Wir spüren aber oft emotionale Widerstände, wo wir etwas nicht so verstehen, wie wir es gewohnt sind: In den Kategorien von Ursache und Wirkung, sowie Kosten und Nutzen. Es ist immer wieder versucht worden, den Menschen als ein rationales Kosten-Nutzen-Wesen zu beschreiben, das auf der Basis einiger, letzlich simpler Algorithmen funktioniert. Verstehen wir diese Bausteine, verstehen wir den Menschen und also auch uns selbst, so das nicht immer anspruchsvolle Idealbild im Hintergrund.

Ein anderer Weg versucht die Einzigartigkeit des Individuums in den Mittelpunkt zu stellen und zu betonen, so dass es aus dieser Sicht sinnvoll erscheint, den eigenen Weg zu „finden“, besser vielleicht: zu kreieren. Es steht also ein Ansatz, der auf optimale Anpassung setzt, einem gegenüber, der versucht, die reine Anpassung zu überwinden oder in ein anderes, individualisiertes, manchmal auch höheres oder kosmisches Muster einzufügen. Nicht immer wirkt dieses „höhere“ Muster wirklich höher, sondern es kommt in einigen Interpretationen eher seicht und kitschig daher, was diese Ansätze ebenfalls mitunter suspekt erscheinen lässt. Mit einer wirklichen Freiheit, die all diese Muster ein Stück weit hinter sich lässt, haben beide Fraktionen ihre Schwierigkeiten.

Gemeinsamkeiten

Ansätze wie das holotrope Atmen nach Grof, die Reinkarnationstherapie nach Dethlefsen und Dahlke, das Kohärenztraining, EMDR wurden in anderen Artikeln auf psyheu.de schon vorgestellt. Das Unbewusste funktioniert nicht unbedingt nach den Regeln der Buchhaltung, sondern ist assoziativer, emotionaler, intuitiver und oft ambivalent und widersprüchlich. Ansätze, die das Unbewusste und Emotionale mit einbeziehen, wirken verstörend, doch wenn man nicht sehr an der Oberfläche bleiben will, muss man sie mit einbeziehen.

Letztendlich teilen die Lager doch eine gemeinsame Intuition. Alle scheinen zu glauben, dass der Mensch in überindividuelle Muster eingebunden ist, die sein Denken und Wollen beeinflussen. Die einen versuchen deshalb zu zeigen, dass vieles, was wir als zutiefst menschlich ansehen, wie unsere moralische Einstellung – also die Fähigkeit Wertesysteme zu etablieren -, letztendlich auf evolutionsbiologischen Prinzipien beruht. Wir wären demnach also mehr in eine natürlich-biologische Ordnung eingebunden, als wir glauben. Andere meinen, die Freiheit des Menschen läge darin, bestimmte überdauernde Muster zu erkennen und sie freiwillig zu erfüllen, was völlige Freiheit und optimale Anpassung zusammenbringt. Doch auch jene, die der Auffassung sind, der Mensch sei primär ein soziales und normatives Wesen, das sich die meisten Regeln selbst geben kann und diese lediglich mit seinen Mitmenschen abstimmen muss, erkennen, dass das logische Spiel des Gebens und Verlangens von Gründen, seine Wurzel in Prämissen hat, die selbst nicht rational herzuleiten sind.

Seltene Methoden der Psychologie werden ihre Bedeutungen beibehalten, weil sie die Wege zu jenem rational kaum fassbaren Teil in uns ebnen, der Menschsein, so wie wir es heute kennen, immer auch mit ausmacht. Die Herausforderung besteht darin, diese Anteile in neue theoretische Modelle zu integrieren, erste Schritte dorthin sind bereits gemacht.