Über Verschwörungstheorien wurde und wird viel geschrieben, geredet, angedeutet, gemunkelt. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit dem Thema auskennt, weiß um ihren eigenartigen Reiz. Wir wollen uns Verschwörungstheorien nicht inhaltlich zuwenden, da es ganze Verlage und eigene Internetseiten gibt, die sich dem ausführlich widmen, sondern uns fragen, was Verschwörungstheorien sind, was genau ihren Reiz ausmacht und wie man in all der Verwirrung vielleicht doch die Orientierung behalten kann, wenn man es denn will.

Was genau ist eine Verschwörungstheorie?

Baumgruppe im Nebel

Verschwörungstheorien sind immer etwas nebulös. © Patrick Müller under cc

Hier beginnt bereits jener Nebel, der uns die ganze Zeit begleiten wird, denn was eine Verschwörungstheorie ist, kann man so genau nicht sagen. Rein strukturell gibt es eine recht brauchbare Definition, die den Unterschied zwischen der Arbeit eines (idealtypischen) Wissenschaftlers und eines (idealtypischen) Verschwörungstheoretikers anzeigt.

  • Der Wissenschaftler stellt eine Theorie auf und versucht zu erforschen, was für und was gegen sie spricht, wertet die Ergebnisse am Ende aus und sieht seine Theorie dann verifiziert oder falsifiziert.
  • Der Verschwörungstheoretiker weiß bereits am Anfang, was am Ende als Ergebnis heraus kommt, er sortiert sich die Fakten so zurecht, dass sie am Ende ins bereits fertige Bild passen.

Wissenschaftler sind, wenn es gut läuft, neugierige Menschen. Ein manchmal unbändiger Wissensdurst treibt sie an und wenn man liest, was gerade die Pioniere bestimmter Wissenschaftsgebiete in der Vergangenheit für Opfer und Gefahren auf sich nahmen, muss man fast ehrfürchtig vor ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit werden. Doch auch wo man ohne Gefahr ganz neue Perspektiven eröffnete, waren die Leistungen oft nicht weniger beachtlich.

Verschwörungstheoretiker können ebenso beharrlich, intelligent und neugierig sein, doch vor allem ein Element kommt bei ihnen noch hinzu: das Misstrauen. „Wem nützt es?“ „Ist es nicht merkwürdig, dass …?“ „Es kann doch kein Zufall sein, dass …“ Das sind Wendungen, die feste Bestandteile jeder Verschwörungstheorie sind. Der Wissenschaftler muss ausformulieren, der Verschwörungstheoretiker erzielt die maximale Wirkung, wenn er es bei dunklen Andeutungen belassen kann.

Wissenschaft auf Abwegen

Doch Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Auch ihnen sind Eitelkeiten, das Ringen um Forschungsgelder, Konkurrenz- und Erfolgsdruck nicht fremd. Die Aussicht auf neue Posten, die gut dotiert sind, oder die Erhöhung des akademischen Grades sind verlockend. Viele sind überaus redlich und unbestechlich und haben Achtung vor der Institution Wissenschaft. Auch wenn man es weniger heroisch formuliert, es braucht den braven Soldaten, der sich an die Regeln hält. Manchmal kommt es auch in der Wissenschaft zu Betrugsfällen, Gefälligkeiten. Das ist ärgerlich, weil jeder Fall das Misstrauen vergrößert und so versucht die Wissenschaft durch transparente Methodik, interne Kontrolle (Peer Review) und immer neue Ansätze, wie die evidenzbasierte Medizin, diese Fälle zu minimieren.

Dass ausgerechnet die Kontrollverfahren selbst Anlass zur Kritik bieten, macht die Geschichte nicht leichter, letzten Endes ist es wohl eine Frage des Glaubens oder Vertrauens, inwieweit man meint, dass die Wissenschaft weitgehend unabhängig und sauber arbeitet (vieles spricht dafür, dass dies überragend oft der Fall ist) und inwieweit man das bezweifelt. Naturgemäß erhöhen sich die Zweifel dort, wo Themen ideologisch stark besetzt sind und wo viel Geld im Spiel ist.

Der Haken an Statistiken ist immer, dass sie uns über den Einzelfall im Unklaren lassen und das bietet Raum für Spekulationen und Zweifel. Doch für den Verschwörungstheoretiker muss gelten, was auch für Menschen mit dem Skeptiker-Syndrom gilt: Eine Argumentation kann nicht einzig und allein auf dem Zweifel um seiner selbst Willen aufgebaut werden. Es muss auch begründet werden, warum man an dieser Stelle oder Methode zweifelt und die Begründung darf sich nicht in ein Geflecht weiterer Zweifel verästeln. Ansonsten bekommt man keinen rationalen Austausch zustande und selbst der Verschwörungstheoretiker will ja überzeugen.

Wissenschaftstheorie und ihre Mythen

Die Wissenschaft unterscheidet sich von anderen Verfahren dadurch, dass sie Theorien oder Hypothesen aufstellt, die prinzipiell falsifizierbar sein müssen. Fast jeder, der sich mit Wissenschaftstheorie beschäftigt, lernt das und dass dieser Gedanken auf Karl Popper zurückgeht.

Weniger klar ist den meisten, dass Poppers Ansatz zum einen einige Fehler aufweist: Nicht jeder Einzelsatz einer Theorie muss stimmen, es geht um die Gesamtheit der Theorie, wie Duhem und Quine feststellten. Zudem sind Existenzaussagen, die in der Wissenschaft reichlich vorkommen, oft nicht falsifizierbar, zuletzt ist der Fortschritt der Wissenschaft kein gleichförmiges Voranschreiten, sondern hat nach Thomas Kuhn den Charakter revolutionärer Sprünge. Doch mehr als das, spielt Popper für die Wissenschaft im Grunde keine große Rolle.

Es ist noch immer ein wegweisender Unterschied, ob eine Theorie sich prinzipiell widerlegen lässt oder ob sie immer nur richtig sein kann. Doch man muss genauer hinschauen.

Desinformation als Waffe

Kriege und Auseinandersetzungen werden nicht allein auf der Ebene der Taten und Fakten geführt und entschieden, ein wichtiges Element jedes „Krieges“ ist die gezielte Desinformation. Es geht gar nicht so sehr um die Deutungshoheit, sondern zusätzlich um das Säen von Zweifeln und Verunsicherung im Lager des Gegners.

In ideologischen Schlachten ist das nicht anders. Verschwörungstheoretiker sind de facto im Kriegszustand. Sie sind in der Überzahl zutiefst ideologisch motiviert und glauben ihre Verschwörungstheorien selbst. Der kaltlächelnde Geschäftemacher, der mit der „Masche Verschwörung“ abräumt, ist eher die Ausnahme.

Doch die Aussage, dass jemand ein Verschwörungstheoretiker sei, ist natürlich selbst zur Waffe geworden und wird seinerseits von Gruppierungen genutzt um Kritiker zu diskreditieren, eine Taktik, die beide „Seiten“ verwenden. Geheimdienste nutzen tatsächlich Internetforen um dort Kritik zu untergraben.

Ein Überangebot an Informationen

Es ist keine gezielte Desinformation, aber wir leiden heute eher an zu vielen, statt zu wenigen Informationen. Unser Problem ist, dass es zu vielen Themen 20 verschiedene Meinungen und Ansichten gibt und man weiß nicht genau, was man nun glauben kann und darf. Das verunsichert und ist, gezielt eingesetzt, eine mächtige Waffe.

Schweigen als Waffe

Ich hörte einmal ein Interview mit einem Autor, der ein sehr kritisches Buch über einen großen Verlagskonzern geschrieben hat. Auf die Frage der Journalistin, warum der Konzern denn gegen das Buch nicht prozessieren würde, antwortete der Autor, dies hätten sie nicht nötig, es würde reichen, das Buch einfach totzuschweigen. Kein Kommentar ist oft besser als eine Rechtfertigung, wenn man ein Thema beenden will. Das gelingt Organisationen besser als Einzelpersonen, die sich persönlich gekränkt und getroffen fühlen.

Verschwörungstheorien und die Diskreditierung der Andersgläubigen

Verschwörungstheoretiker sind eifrig bemüht, sich gegen „den Mainstream“ und „das Establishment“ zu stellen und machen keinen Hehl daraus, dass sie die anderen in aller Regel verachten. „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, ist ihre Unterstellung und so wird suggeriert, dass so ziemlich alles was wir in der Welt sehen, Lug und Betrug und in Wirklichkeit ganz anders ist und vor allem, dass alles was passiert einen Zweck hat und irgendwelchen geheimen Machenschaften dient. Zufälle gibt es in dieser Weltsicht nicht.

Die Feinde sind gerissen, ihr größter Trick ist ihre vermeintliche Harmlosigkeit, so die Verschwörungstheoretiker. Die Masse ist hingegen verführt und ahnungslos (durchsetzt von einigen Agenten der „anderen Seite“) und wird von den Strippenziehern an der Nase herum geführt. Einzig beim Verschwörungstheoretiker gelingt das nicht, so meint er selbst.

Seit Jahren beobachten wir einen Niedergang des Vertrauens in ehemaligen Autoritäten und Institutionen. Dadurch und wohl auch durch das Internet sind Verschwörungstheorien im Aufwind. Jeder kann sich alles besorgen, im Zweifel gibt es für jede noch so abstruse Idee eine eigene Website.

Ein andere Identität

Sitzender Ritter und Pferd

Verschwörungstheoretiker wollen oft edle Ritter der Wahrheit sein. © SPT Photographe under cc

Was macht Verschwörungstheorien denn nun so attraktiv? Wenn die Masse dumm und verführt ist, bin ich der Durchblicker. Das gute Gefühl, es etwas besser zu wissen, als die anderen. So ganz genau muss man es auch selten belegen, es reicht oft den Verdacht in die Welt zu sezten. Die Rechthaberei ist sicher ein starkes Motiv, es dringt immer wieder durch, wenn der Verschwörungstheoretiker sich bestätigt fühlt.

Dieses Gefühl wird von ihm aber zuweilen etwas eigenwillig interpretiert, denn der Satz „Genau, wie ich es schon immer gesagt habe“, kommt ihm manchmal auch dann über die Lippen, wenn exakt das Gegenteil erläutert wird. Vermutlich ist es eine Mischung aus argumentativer Gewohnheit und echter Überzeugung, die den Verschwörungstheoretiker glauben macht, alles was gesagt wird, habe immer auch noch eine zweite, verborgene Bedeutung, eine Marotte, die im Alltag ein wenig anstrengen kann.

Ein Motiv, das auf der richtigen, guten Seite zu stehen, erwähnten wir schon in unseren Beiträgen über Fundamentalismus und Terrorismus und grenzten es vom normalen Kriminellen ab, der auf eigene Rechnung agiert und keine moralischen oder ideologischen Ambitionen hat.

Ein weiteres darf man jedoch auch nicht vergessen: Verschwörungstheorien machen die Welt ein wenig bunter. Es ist schon wahr, die Welt ist spannend, je mehr man in der Lage ist den eigenen Dunstkreis um das Ego zu verlassen, umso mehr. Aber eben nicht immer. Verschwörungstheorien sorgen für einen wohligen Schauer, bedienen paranoide Tendenzen in uns (wie Krimis auch), machen das Leben aufregend. Solange die Ängste nicht zu groß werden, ist das vielleicht gar nicht so schlecht.

Verschwörungsideen sind mit ihren Hauptzutaten, Misstrauen und dem Moralismus („Ich will die Wahrheit aufdecken“), sehr deutlich auf der paranoiden Seite unterwegs, doch steckt in dem notorischen Besserwissen auch ein gewisser grandios-narzisstischer Zug.

Investigativer Journalismus

So ein Grundmisstrauen müssen auch investigative Journalisten haben, wichtige und oft unterschätzte Helfer der Gesellschaft, doch auch sie folgen den Kriterien des seriösen Journalismus. Ihre Quellen müssen glaubwürdig sein, wer hier einer Ente aufsitzt, wird über Jahre zum Gespött der Branche. Und doch folgen auch sie manchmal Interessengruppierungen.

Oft sind die Übergänge fließend. Wir ahnen, dass es bestimmte Machenschaften gibt, bei denen ein Interesse daran besteht, dass sie geheim bleiben. Wir ahnen, dass es bestimmte Lobbygruppierungen gibt, die Konkurrenz gerne ausbooten möchten und denen dafür viele Mittel recht sind. Wir ahnen, dass es ein Geflecht gibt, bei dem organisierte Kriminalität und etablierte Strukturen nicht mehr zu trennen sind. Manchmal kommt Jahre später heraus, dass man uns nicht die Wahrheit gesagt hat. Man weiß nicht genau, was dazu gehört und was nicht. Und gleich, wie groß die Beteuerungen der einen oder anderen Seite auch sind, so ganz werden wir es nie erfahren. Bei manchem, wie beim Abhörskandal durch Geheimdienste, übertrifft die Wahrheit zudem manchmal die Vermutungen der meisten Menschen und diese Mixtur lässt uns den Wunsch verspüren, das eine oder andere Mal eine gute Geschichte zu hören, in der uns erzählt wird, wie es tatsächlich war.

Die Lage ist, mit einem Wort, verzwickt. Eine Strategie ist, einfach im Mainstream zu bleiben. Wir dürfen annehmen, dass der eine oder andere Verächter des Mainstreams deshalb einer ist, weil er den Bedingungen dieser Welt nicht genügen konnte. Das kann kränken, wenn die Tore der akademischen Welt, der Mächtigen, Reichen und Schönen, unerreichbar weit weg erscheinen, für die eigene Biographie. Es kränkt umso mehr, je lieber man – wenn auch nur klammheimlich – dazugehören würde.

Man sieht das oft daran, wie stolz man auf den Akademiker, am besten den Professor in den eigenen Reihen ist, wo man doch vorher nicht müde wurde, die Vertreter genau dieser Welt und ihre Verfahren zu attackieren. Doch der Neid oder die Kränkung können oft nicht konfrontiert werden und so hofiert und idealisiert man den eigenen Haus- und Hofakademiker als furchtlosen Streiter, der sich nicht unterkriegen lässt und – wie man selbst – stets gegen den Strom schwimmt, der unbestechlich sagt, wie es wirklich ist, während die Experten der Gegenseite allesamt käufliche Flachpfeifen sind.

Der Selbstwiderspruch und die Projektion ist hier ein wenig verräterisch, doch oft ist es noch ein weiter Weg, bis der Verschwörungstheoretiker die gute Seite des Mainstream würdigen kann.

Auswege

Denn das hat der Mainstream zu bieten, eine ungeheure Wurschtigkeit, die auch eine gewisse Sicherheit gibt. Mögen die Dinge doch sein, wie sie wollen, was juckt es mich? Desinteresse oder Ignoranz? Nun, warum muss man sich für obskure Theorien interessieren, wenn der Tag hinreichend ausgefüllt ist? Das eigene Leben kann durchaus spannend und reich genug sein, um es nicht mit Verschwörungstheorien aufpeppen zu müssen. Und auch jenseits das akademischen Milieus kann einen der Beruf ausreichend fordern, so dass man gar nicht den Bedarf verspürt über das Establishment zu lästern, sondern statt dessen lieber dazugehört.

Verschwörungstheoretiker können es oft nicht ertragen, wenn einer selbstbewusst mit den Achseln zuckt und sagt: „Also, mir geht es gut, mein Leben kann ruhig so bleiben“. Sie sind gerne eifrig dabei uns weiszumachen, dass wir in der schlechtesten, mindestens aber durchtriebensten aller Welten leben. Auch das könnte auf Neid hinweisen.

Verschwörungstheoretiker sind sicher in einigen Fällen gefährliche Irre, oft sind es harmlose Irre und vielleicht noch öfter sind sie nicht mal irre. Sie mögen Motive haben, die ihnen selbst nicht bewusst sind und dennoch ist es manchmal ein Weg, die Welt etwas bunter zu gestalten und eine Welt, die anders sein könnte, zur Verfügung zu haben, ist nicht immer ein Nachteil. Vielleicht ist so eine Welt nicht einmal in allen Fällen eine Kompensation.

Und doch wollen wir ein paar Wege aus den Verschwörungstheorien aufzeigen, falls man selbst meint, dass man dieser Parallelwelt zu viel Energie opfert. Das Problem ist, dass Verschwörungsideen nur eine Kraft entfalten, wenn man tatsächlich daran glaubt, doch die Gefahr besteht, dass man dann auch in einen Strudel aus Ängsten gerissen wird, die dem Leben mehr schaden als sie nutzen.

Wieviel Gewissheit brauchen wir wirklich?

braunes Rundbogentor

Manche Tore bleiben geschlossen. © C. Börger

Eines ist sicher, dass (fast) nichts sicher ist. Die Welt könnte tatsächlich ganz anders sein, aber es ist nicht so, dass wir keinerlei Ansatzpunkt hätten. Wir existieren, das ist sicher. Ob als Programm in einem Supercomputer oder als Traum eines malignen Dämons, in dem Moment wo wir das Gefühl haben, dass es uns gibt, gibt es uns auch. Man kann jemandem nicht ohne Selbstwiderspruch erklären, dass es ihn nicht gibt, da der Adressat derjenige ist, den es angeblich nicht geben soll. Also gibt es uns, genau jetzt. Den Rest müssen wir zusammenfassen, sonst wird es zu lang. Es gibt auch andere. Sie könnten ein Traum sein, mag sein, aber gleich wie meine oder ihre wahre Natur sein mögen, auch die vermeintliche Illusion hat ihre Gesetze und in denen leben wir.

Diese Gewissheiten tragen eigentlich nicht sehr weit, aber im Alltag funktionieren sie hervorragend und das reicht erst mal. Man weiß mit einiger Gewissheit wo es Pizza gibt und wie man ins Internet kommt und das und andere Dinge des Alltags klappen auch. Um zuverlässig zu leben, ist das schon eine Menge.

Auf was lasse ich mich tatsächlich festlegen?

Es könnte auch ganz anders sein, aber wie ernst es jemand meint, sieht man oft daran, was er tatsächlich tut. Was bedeutet es für mich, dass dies und das angeblich oder tatsächlich der Fall ist? Ändern sich dadurch mein Lieblingsessen, meine Freundschaften, mein Musikgeschmack? Lese ich weniger gerne Gedichte oder macht Sport keinen Spaß mehr? Ist eine Ausbildung zu haben, zu wissen, wie man leben will und wen man liebt weniger bedeutend, wenn alles ganz anders ist, als es zu sein scheint?

Oft genug stellt man fest, dass die scheinbar so dramatischen Abgründe das eigene Leben überhaupt nicht berühren. Natürlich, die geheimen Mächte könnten überall im Hintergrund sein, aber warum kommen sie so selten ans Licht und beeinträchtigen das Leben der Leute um uns in keiner Weise und das obwohl sie doch so mächtig sein sollen?

Was folgt daraus? statt: Wem nutzt es?

„Cui bono?“ oder „Wem nutzt es?“, die Frage vieler Verschwörungstheorien. Zuweilen eine gute Frage, aber für die meisten von uns ist die Frage, ob es nun einflussreiche Familien, geheimpolitische Bünde, astrale Genien oder Außerirdische sind, die unsere Geschicke bestimmen, eher nachrangig. So überzeugt die einen von ihrer Existenz zu sein scheinen, sehr viele Menschen leben ihr Leben ohne die Mächtigen, die am Rad des Schicksals drehen, je zu bemerken.

Gute Noten und persönliche Bekanntschaften sind in aller Regel ein zuverlässigerer Weg um einen Arbeitsplatz zu bekommen als Kontakte zu einflussreichen Außerirdischen oder spirituellen Wesenheiten. „Was folgt daraus?“, wäre also eine Frage, die man sich vorlegen kann und die das „Wem nutzt es?“ überragt.

Wie bekomme ich, was ich brauche?

Mit einem gewissen Grad an Reflexionsvermögen kann man merken, was Verschwörungstheorien interessant macht und wo sie bestimmte Bedürfnisse kompensieren. Diese Bedürfnise zu haben, ist menschlich und weder schlecht noch falsch. Man sollte sie sich erfüllen, für den einen ist es Spannung und Abwechslung, für den anderen Wissen und Anerkennung. Eine gewisse Angst, magisch angegriffen zu werden, mag einem eine bestimmte Wichtigkeit geben, schließlich wählen die mächtigen Magier mich, nicht Frau Merkel, aber wer Panikattacken bekommt, weil er ohne Amulette das Haus nicht mehr verlassen kann, hat sicher keinen Gewinn mehr, von der Selbstüberhöhung.

Cool bleiben und die Sachebene nicht verlassen

Man kann die Argumente prüfen. Die Philosophie verfügt da über ein schönes Mittel, die Logik. Bei Verschwörungstheorien findet man fast immer eine petitio principii, ein Schluss, der nicht belegt, was er belegen soll. Auch Verschwörungstheoretiker wollen überzeugen, schauen wir, ob sie es in allen Fällen können. Da auch der Zweifel begründet sein muss, kann man sich diese Gründe und ihre Quellen mal anschauen. Wer an diese Quellen ebenso kritisch herangeht, wie der Verschwörungstheoretiker an die normale Wissenschaft, wird staunen und sieht bald, falls er es will, viele Kartenhäuser zusammenfallen.

Alternativ ist die Psychologie ein Weg. Man kann sich das so wegrationalisieren, dass die Psychologie ein Instrument der Gegenseite ist um die wahren Verhältnisse zu verschleiern und die tumbe Masse einzulullen, aber wer sich dort einarbeitet – und die intelligenten Verschwörungstheoretiker schaffen das bestimmt -, entdeckt in der Psychologie einen eigenen Kosmos, bizarr mitunter, vor allem hochinteressant.

Die Welt der Verschwörungstheorien zu verlassen, ist nicht nur schön, es ist ein Abschied und mit Schmerzen verbunden, man ist im Grunde dort angekommen, wo man nie hinwollte, im vergleichsweise normalen Alltag. Wer beide Seiten gut kennt, hat die Wahl und kann selbst entscheiden und oft ist es eine gute Wahl, sich mit dem Mainstream wenigstens zu versöhnen.

Verschwörungstheorien: Wo stehen wir selbst?

Am Ende ein kurzer Selbsttest. Zwischen einem Hardcore-Verschwörungstheoretiker, der sich in seiner Welt vergraben hat, und einem Interesse an der Frage, ob man uns wirklich immer die Wahrheit sagt und woran man das erkennen kann, liegen Welten. Ein paar kurze Fragen zeigen uns, wo wir da stehen.

Was vergleichen wir miteinander?

Eigene Stärken mit den Stärken der anderen? Die Schwächen des eigenen Ansatzes mit den Schwächen des anderen? Meistens vergleicht man die Stärken der eigenen Weltsicht mit den Schwächen der anderen und das ist bereits ein wenig unredlich.

Wenden wir unsere besten Argumente auch gegen das eigene Lager an? Gibt es dort jemanden der profitiert, der ein ideologisches oder finanzielles Interesse haben könnte?

Wie oft und gründlich wollen wir die eigene Meinung widerlegt haben?

Wir lesen in aller Regel Bücher, Blogs und Artikel, schauen Videos und Fernsehsendungen, die das ausdrücken und bestätigen, was wir ohnehin denken und annehmen. Wenn wir uns in eine Idee vernarrt haben, sind wir auch daran interessiert sie widerlegt zu bekommen? Interessieren uns die Argumente der anderen Seite wirklich? Sind wir bereit zuzuhören und versuchen wir die Welt, so gut es geht, durch die Brille der anderen zu sehen?

Je mehr wir dies tun, umso mehr sind wir von einem im besten Sinne wissenschaftlichen Geist beseelt und eine plumpe Verschwörungstheorie prallt an uns ab. Lassen wir uns hingegen nur unsere eigene Meinung bestätigen und entwerten Menschen mit anderer Meinung, muss man aufpassen.

Wie stark sind Argwohn und Misstrauen bei uns ausgeprägt?

Sind wir gewöhnlich offen für Kritik und können sie dankbar annehmen oder ist jeder Kritiker gleich ein Feind? Sind wir misstrauisch und stark eifersüchtig und meinen, dass uns ohnehin jeder belügt, so ist auch hier Vorsicht geboten, allerdings wird man das oft selbst nicht mehr kontrollieren können.

Verschwörungstheorien folgen zwar simplen gut/böse-Bildern, helfen uns jedoch auch das Leben aufregender zu machen, bestimmte Ängste zu verarbeiten und Aggressionen loszuwerden. Sofern sie unser Leben nicht immer mehr dominieren und die Ängste überhand nehmen, können sie unser Leben durchaus bereichern, doch es ist ein schmaler Grat auf dem man wandelt, da die Bereicherung emotionale Verwicklung voraussetzt. Manchmal ist eine Verschwörungstheorie eine Kompensation, aber warum nicht, wenn Angst und Aggression dabei nicht zu groß werden?

Vermutlich ist am Ende nicht jede Verschwörungstheorie tatsächlich eine Verschwörungstheorie und manch ein mürrischer Fragensteller ist auf dem richtigen Weg. Wir wissen es nicht und vielleicht ist das manchmal gut, denn auch das lässt uns weitermachen.