Freilernen – ohne die Notwendigkeit von Leistungsdruck und Zwang – darf als eine natürliche Form des Lernens verstanden werden, wie im zweiten Teil unserer Serie aus neurobiologischer und evolutionsbiologischer Sicht dargelegt wurde. Demnach könnte sich die Situation von Schülern an deutschen Schulen bezüglich des Lernens deutlich entspannen.
Ein modernes, womöglich auch zeitgemäßeres, Schulsystem könnte vielmehr dafür sorgen, dass Kindern der Raum gegeben wird, sich zu entwickeln, sich selbst kennenzulernen, sie erfahren zu lassen, wie man sich interessierenden Themenfeldern nähert und diese erforscht. Ansätze diesbezüglich gibt es bereits in einigen Schulen, wobei der Raum der individuellen Entfaltung unterschiedlich groß ist. Doch zunächst soll darauf eingegangen werden, wie Freilernen in seiner „reinsten“ Form in einigen Familien praktiziert wird.

Freilernen ohne Schule: komplex und individuell

Eltern, welche Freilernen für ihren Nachwuchs befürworten, machen den Kindern keinerlei Druck und lassen sie bezüglich ihrer Interessen vollständig gewähren. In Lernprozess und -inhalte wird überhaupt nicht eingegriffen. Sie vertrauen dem Kind und seiner Individualität ohne jegliche Bewertung. Bei Fragen stehen sie zur Seite, suchen gemeinsam nach Antworten oder geben wichtige Inputs, besuchen Museen, gehen auf Reisen oder ähnliches.

Freilernen im Freispiel: immer und überall

Freilernen im Freispiel: immer und überall © Steven Depolo under cc

Viele Eltern, die diese Bildungsform bevorzugen, sprechen sich zumeist auch gegen jegliche schulische Institution aus, da die Pflichtanwesenheit an einem bestimmten Ort nach ihrer Auffassung bereits zu einer Einengung der kindlichen Wissbegierigkeit führt. Der „Bundesverband Natürlich Lernen!“, in welchem sich Personen, die diese Art des Lernens für Kinder präferieren, zusammengeschlossen haben, sei diesbezüglich exemplarisch aufgeführt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas ist in Deutschland das Freilernen ohne Schule allerdings verboten, da Schul- und demzufolge Anwesenheitspflicht besteht. Allerdings gibt es einige Schulformen, die Freilernen in unterschiedlichen Graden ermöglichen.

Freilernen in alternativen Freien Schulen

Viele freie Schulen (als Alternative zu deutschen Regelschulen) lassen Freiräume zur individuellen Entfaltung, geben Lerninhalte gar nicht oder nur in großen Zeitfenstern vor, ohne dass Leistungsbewertungen stattfinden.

Institutionalisierte Form des Freilernens: Freie Schulen

Einige Freie Schulen (so zum Beispiel Freie Demokratische Schulen) vertreten die vollständige Abwesenheit von Zwang beim Lernen. Kinder erlernen beziehungsweise „machen“ zu jedem Zeitpunkt das, was sie wollen – salopp formuliert. Lehrer werden als gleichberechtigte Lernbegleiter betrachtet, von denen man bei Bedarf Unterstützung erwarten kann oder mit denen man Lernvereinbarungen trifft. In einigen dieser Schulen werden zum Beispiel Grundfächer wie Mathe, Deutsch und Englisch in unterschiedlicher Form unterrichtet, andere sehen gänzlich davon ab, sodass diese Schulen als institutionalisierte Möglichkeit des Freilernens bezeichnet werden können. Schüler bringen sich Lesen, Rechnen, Englisch etc. weitestgehend selbst bei, sobald sie den Bedarf dafür sehen. Auch lernen sie voneinander in altersübergreifenden Gruppen oder einfach „by doing“.
Solche gänzlich freien Schulen sind in Deutschland als Alternativen zur Regelschule geduldet, wenngleich sie auch keine staatlichen Abschlüsse vergeben dürfen und ein externer Prüfer an die Schule kommt.

Neben diesen Schulformen gibt es weitere verbindlichere Alternativen zum Freilernen.

Noten- und Lernfreiheit in gewissem Rahmen: Montessori, Waldorf und Co.

Freilernen durch lernanregende Materialien

Freilernen durch lernanregende Materialien © Scott Leslie under cc

Kein gänzliches Freilernen sondern ein Lernen ohne Leistungsdruck und Zwang in einem vorgegebenen Rahmen bieten zum Beispiel Schulen der Montessori- und Waldorfpädagogik. In diesen existieren zumeist zwar Fächerstrukturen oder strukturierte Lerninhalte, jedoch die Bearbeitung dieser ist für die Schüler deutlich freier und (zumindest in den jüngeren Klassen) ohne jegliche Leistungsbewertung. Projektorientiertes Arbeiten wird ebenso betont wie eine nichtvergleichende und selbstständige Arbeitsweise.

Schulen der Zukunft

Professor Gerald Hüther, Hirnforscher und Mitstreiter für ein natürlicheres, kinderfreundlicheres und hirnphysiologisch vorteilhafteres Lernen macht sich für Schulen mit deutlicherer Betonung des Freilernens stark. Er ist Mitbegründer einer „Initiative für eine Kultur der Potenzialentfaltung“ an allen Schulen im deutschsprachigen Raum, um eine Veränderung im deutschen Schulsystem anzustreben.

Die Notwendigkeit bestünde, so möchte man sagen, denn derzeit bricht mehr als jeder vierte Bachelorstudent (28 Prozent) sein Studium ab, wie aus einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (2014) hervorgeht. Einige Jugendliche und junge Erwachsene scheinen nicht zu wissen, was sie wollen und wie sie für diese – ihre – Ziele mit Fleiß und Leistung selbstregulatorisch und eigenverantworlich einstehen können. Eine Stärkung des Selbstwerts in jungen Jahren und ein Kennenlernen der eigenen Interessen und Stärken wären also wünschenswert, ebenso wie eine natürlich gewachsene intrinsische Motivation, die aus Begeisterung für Themen erwächst, anstatt einer extrinsisch getriggerten Motivation, die aus Angst vor schlechten Noten, entsteht.
Schulformen mit stärkerer Betonung des Freilernens ist gemein, dass sie die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und die Entwicklung eines gesunden Selbstwertes fördern, Kindern Zeit und Raum für ihre persönliche Entfaltung geben – Alternativen des Freilernens, die man sich zum Wohle der Kinder und Jugendlichen in einer modernen, zivilisierten Gesellschaft durchaus leisten könnte.

Quelle:

  • Heublein, U., Richter, J., Schmelzer, R. & Sommer, D. (2014). Die Entwicklung der Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen: Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2012. Hannover: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.