Natur, Sprache und Gewohnheiten

Wir haben Ähnlichkeiten, die biologischer Natur sind. Unsere Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Nähe, Sexualität, Schlafen, einige Affekte, die Fähigkeit sie auszudrücken und zu lesen, sind uns angeboren, aktuell wird diskutiert, ob so etwas wie grundlegende moralische Universalien es auch sind. Darüber hinaus gibt es eine Fülle unausgesprochener und ausgesprochener Regeln und Normen kultureller Art. Wie und was man in welchen Kreisen isst, wie man sich dabei benimmt, ob man redet und über was, unser kompletter Alltag ist von solchen offenen und heimlichen, bewussten und unbewussten Regelwerken durchzogen.

Abhängig von Zeit und Kultur ist dieses Regelwerk verschieden, es trennt uns von den Mitgliedern anderer Kulturkreise und verbindet die eigenen. Was man so in der Freizeit macht, wie man flirtet, über was man sich ärgert, wie man über die Dinge redet, das ist kulturell stark festgelegt. Doch auch innerhalb eines kulturellen Kreises gibt es verschiedene Schichten, Gruppierungen, Religionen, alle mit mehr oder minder eigenen Regeln, die die Psyche mit den Gesamtregeln der Gesellschaft und unseren biologischen Grundbedürfnissen verarbeiten muss. Das ist mitunter so schwierig, wie es klingt und die Brutstätte der diversen leichten und schweren Persönlichkeitsstörungen.

Doch die Sprache verbindet uns immer wieder mit dem Alltag und den anderen. Die Selbstverständlichkeit, mit der man heute von einem Internetprovider spricht und beim Wort „Emaille“ genau hinschauen muss, um von der Fährte „irgendwas mit e-mail“ wegzukommen, verbindet die Postmoderne, wie der Begriff „Straßenfeger“ frühere Zeiten. Und doch gibt es noch immer Essen, Waschen, nach dem Weg fragen, zum Arzt müssen, Einkaufen gehen, Urlaub als verbindende Elemente unseres Alltags, und wenn man in die Elendsregionen Afrikas schaut, merkt man, dass sehr wahrscheinlich keine einziger dieser Begriffe dort Normalität ausdrückt, auch nicht in der Übersetzung. Was uns vermutlich alle verbindet, ist das sich austauschen, von der eigenen Innenwelt berichten und nach dem Empfinden des anderen fragen. Tiere scheinen kein Interesse zu haben, zu erzählen oder zu fragen, wie sie etwas erlebt haben, für uns steht das im Zentrum.

Sehr vieles, was die Psychologie später wieder ausbuddelt, ist sprachlich und durch Alltagsselbstverständlichkeiten vermittelt, die uns auch hier verbinden und typische Muster entstehen lassen, aufgrund derer die Psychologie funktioniert.

Individualität

Es gibt biologische, entwicklungspsychologische, tempramentale, gesellschaftliche und erziehungsbedingte Faktoren, die sich zu Clustern und ähnlichen Mustern verdichten, die uns typisch Mann, Mittelschicht, gläubig, Ostalgiker oder was auch immer sein lassen. An der Wurzel sind wir immer verbunden mit anderen (zu einem großen Teil wird Jungs kollektives Unbewusstes wohl hierher gespeist), unsere Grundbedürfnisse und -erfahrungen sind typisch menschlich (oder wir fallen sehr schnell aus der Norm), doch je ausdifferenzierter eine Psyche ist, umso individueller ist sie auch. Da gibt es fernste und abgelegenste Winkel und Ecken innerhalb der Psyche und vermutlich können wir niemals alles empathisch erreichen.

Dennoch: Die Innenwelt des anderen können wir erfahren, indem wir ihn fragen. Die Sprache trägt uns weit und da wir eine ausdifferenzierte Sprache haben, können wir nachfragen und klären: „Wie meinst du das? Ist es so richtig?“ Was man im engen Sinne wissen kann, das kann man auch berichten. Fühlen, erleben wie der andere kann man nicht oder nur in Ansätzen. Die Empathie ist eine Brücke, doch Empathiebegabung ist unterschiedlich ausgeprägt und hat prinzipielle Grenzen. Man kann erfahren, dass Karajans Herz für die Musik schlug (und in besonderer Weise fast nur auf sie reagierte), die meisten von uns aber würden andere Dinge mehr bewegen. Man kann verstehen, wie ein Psychopath denkt, aber einen Rest an Gewissen kann man vermutlich nicht überwinden. Wahrscheinlich sind die Niederungen noch eher empathisch erreichbar, aber was ist mit den Spitzenleistungen in Kunst, Wissenschaft, Spiritualität?

Psychologische Deutungen, die hier zu platt sind, fangen die Komplexität der Psyche solcher Menschen nicht ein, noch weniger die oft unsäglich plumpen Biologismen, die im Komponieren einer Sinfonie eine raffinierte Form der Brautwerbung sehen wollen. Es kann schon sein, dass X ein Narzisst und Y ein Neurotiker ist, aber oft ist das längst nicht alles, was es über einen solchen Menschen zu sagen gibt. Freilich gibt es Geistesgrößen, die schwer gestört waren, aber Psychologie muss nicht dem Pathologischen verhaftet bleiben.

Das Erleben, Denken und Verhalten, was der Psychologe sich zu untersuchen vorgenommen hat, endet nicht in plumpen Klassifizierungen, sondern berücksichtigt auch die Individualität, die reichen Glücks-, Zufriedenheits- und Einheitsmomente. Wenn wir erkennen und verinnerlichen, dass alles, was wir je bewusst erlebt haben, erleben und erleben werden, vor dem Hintergrund von Bewusstsein stattfindet, kann Psychologie nie langweilig werden. Kant warnte zurecht vor einem bestimmten psychologischen Idealismus, seine berechtigte Warnung ging in die Richtung, dass Welt immer auch einen realistischen, objektiven Anteil hat. Wenn man dies nicht vergisst, dann kann man neue Gipfel der Psyche erklimmen, denn verlassen können wir die eigene Psyche nie, Psychologie funktioniert also vermutlich weit umfassender, als heute oft gedacht wird.