Gemälde, Mann im Bett, anderer fühlt seinen Puls

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke; Wikipedia gemeinfrei

Hypochonder sind wir vermutlich alle, in einem bestimmten Ausmaß. Wenn wir von einer neuen Erkrankung hören, verspüren nicht wenige von uns die Symptome dieser Erkrankung. Bange Minuten des Schreckens, der Verunsicherung, der innerlichen Reise durch den eigenen Körper: Könnte ich das auch haben oder bekommen? Momente der ängstlichen Selbstbeobachtung, die bei den meisten wieder vergehen.

Wir erfahren sie manchmal auch, wenn wir den Beipackzettel eines Medikaments lesen, was einen Noceboeffekt auslösen kann, so dass manchen geraten wird, diese möglichen Nebenwirkungen gar nicht zu lesen. Aber macht es das besser, etwas nicht zu lesen, in dem Wissen, dass das, was man dort lesen könnte, einen erschreckt und würde das einen Hypochonder davon abhalten?

Der Westentaschen-Hypochonder

Es gibt eine normale Hypochondrie der Medizin- oder Psychologiestudenten. Wenn man weiß, was im Körper alles schief gehen kann, wundert man sich irgendwann, dass es überhaupt noch gesunde Menschen gibt, vor allem kennt man natürlich die möglichen Gefahren viel besser, als der Durchschnitt der Menschheit. Ähnlich ergeht es Psychologiestudenten, die überall Symptome sehen. Hinzu kommt, dass psychische Erkrankungen keine roten Flecken auf der Haut oder krumme Füße machen und auch die meisten Laborwerte einen diagnostisch nicht weiter bringen, das lässt Raum für unangenehme Phantasien. Wenn man sich erstmalig psychologische oder psychiatrische Diagnosen und Symptome durchliest, meint man ebenfalls ungefähr 80% davon bei sich selbst (und den Rest bei der eigenen Familie) zu entdecken.

Dies ist keine tiefgreifende Hypochondrie sondern eine Westentaschen-Hypochondrie, ein in der Regel kurzer Schauder, der vorbei geht. Man kehrt zu den normalen Alltagsaktivitäten zurück, tauscht sich mit Freundinnen und Bekannten aus und so verdünnt sich diese Erfahrung, samt dazugehöriger Angst, im Strom des dahinfließenden Lebens.

Der ausgewachsene Hypochonder

Den ausgewachsenen Hypochonder zeichnet aus, dass er intensiv leidet. Fast alle Alltagserfahrungen werden vom Mehltau der Befürchtung des baldigen Endes überzogen. Wenn überhaupt, gibt es nur kurze Momente der Ablenkung, die als entlastend und beglückend erlebt werden, aber sobald die Aufmerksamkeit für etwas anderes nachlässt, entweicht der Dämon der Selbstbeobachtung dem Bannstrahl und die nagende Ungewissheit ist wieder da. Dieser unklare, dumpfe Schmerz, der mal kommt und mal geht, das kann doch nur Krebs sein. Diese beschwerte Atmung, das muss ein Herzfehler sein.

Hypochonder haben eine gewisse lustvolle, doch gleichzeitig zutiefst verzweifelte Angst vor einer vernichtenden Diagnose und demzufolge an psychologischer oder medizinischer Literatur. Dabei können auch medizinische Laien ein beachtliches Wissen anhäufen, eine Beschäftigung, die man im Internetzeitalter exzessiv pflegen kann, jedoch oft verzerrt und verkürzt auf die Diagnose einer unentdeckten, tödlichen, zumindest aber sehr schweren Erkrankung.

Es gibt eine ungeschriebene medizinische Regel: Das Seltene ist selten und das Häufige ist häufig. Natürlich könnte jeder Kopfschmerz ein Hirntumor sein, nur ist das hoch unwahrscheinlich, was die meisten beruhigt. Um das sicher auszuschließen, kann eine Computertomographie des Schädels helfen, doch der geübte Hypochonder weiß selbstverständlich, dass diese Überdiagnostik eine hohe Strahlenbelastung darstellt und äußerst ungesund ist. Die neue Runde der Angst ist gesichert.

Statistik vermag den empfindsamen und oft intelligenten, ausgewachsenen Hypochonder nicht zu beruhigen, denn ihn zieren zumeist noch andere Wesenszüge, eine oft recht hartnäckige Selbstbezogenheit, die sich in diesem Fall gegen ihn wendet. Hypochonder wissen, dass sie sich zu viel selbst beobachten, sie spüren, dass sie genau darunter leiden, sie beneiden oft weniger sensible Naturen, die – so ihre (durchaus falsche und recht entwertende) Phantasie: dumpf, grob, aber glücklich – diese Ängste und Sorgen nie verspüren. Ängste und Sorgen, die sie selbst, vermeintlich sensibler, doch oft nur, was die eigenen Belange angeht, auf Partys, in den Urlaub und sonst wohin mitnehmen.

Es ist zum Verzweifeln, wenn man weiß, was man tun müsste, aber es nicht tun kann. „Ich kann mich ja nicht einfach nicht selbst beobachten, wenn ich es doch tun muss. Es passiert einfach.“ Doch da ist noch etwas, was gleichermaßen selbstentlarvend und heilsam ist. Statistik beruhigt manche Hypochonder auch deswegen nicht, weil die Daten ihnen zum einen keine letzte Sicherheit bringen. Sie zeigen damit, dass das, was für die Masse richtig und gut sein mag, in ihrem Fall unzulänglich ist. Sie brauchen die totale Kontrolle. Mit „ziemlich wahrscheinlich“ lassen sie sich nicht abspeisen, mit Standarddiagnostik auch nicht. Kann ja sein, dass mein Arzt nichts findet, es könnte aber auch sein, dass ich eine seltene oder neue Erkrankung habe, dass er nicht gründlich genug war oder, dass er sich nicht richtig auskennt. Erst Hausarzt, dann Facharzt, dann Experte, doch auch der führende Experte für die aktuell vermutete Erkrankung könnte ja was übersehen, nicht gut genug sein oder sich einfach keine ausreichende Mühe mit mir geben. Es ist individuell, wieviel dämpfenden Placeboeffekt der Arzt bei einem Hypochonder entfachen kann. Bei allem Leid, was deutlich zu spüren ist, da ist noch etwas: Die exponierte Stellung. Ich bin anders, vielleicht nur meine Symptome, dann aber doch wenigstens eine medizinische Ausnahme, die besondere Aufmerksamkeit und Beachtung braucht.

Bei dem Gefühl, nicht richtig ernst genommen zu werden, entwickelt der eine oder andere Hypochonder die Phantasie eines heimlichen Triumpfs, der die dauernde Angst vor dem nahen Tod begleitet: Die grauenhafte, jedoch Niederlage und Triumpf vereinende, Phantasie, im Moment des Todes, wenn man am ewig unentdeckten oder unterschätzen Leiden gestorben ist, ein Gewinner zu sein. „Ich habe doch Recht gehabt. Ich habe es immer gewusst und nie habt ihr mich ernst genommen. Das habt ihr jetzt davon.“ Zumindest in dieser Phantasie will jemand so ernst genommen werden, dass er im Zweifel sein Leben dafür opfert. Bei aller Verzweiflung verweist die Phantasie auf eine erhebliche Ichbezogenheit und Rechthaberei. „Ich lass‘ nicht locker und von meinen Ansprüchen ab. Lieber sterbe ich, als mich beruhigen zu lassen.“ Das zu erkennen, ist in meinen Augen einer der Schlüssel, der Hypochondern helfen kann, ihr Leiden zu mindern, gerade wenn sie sich alle Auswege kafkaesk verbaut haben, doch zunächst müssen wir ein letztes Mal die Spirale der Eskalation weiter drehen.