Foucault: Porträt auf Steinmauer

Der Philosoph Michel Foucault war ein Kritiker des Systems Psychiatrie. © Thierry Ehrmann under cc

Noch immer ist der Unterschied zwischen Psychotherapie und Psychiatrie oft unbekannt. Das ist schade, weil es bestimmte Ängste schürt und so Menschen daran hindert, sich schnell und effektiv helfen zu lassen. Immer noch hört man zuweilen: „Zum Psychotherapeuten? Ich bin doch nicht verrückt.“ Doch selbst der Psychiater hat längst nicht nur mit „Verrückten“ zu tun, was die landläufige und etwas abwertendene Bezeichnung für Menschen mit psychotischen Episoden ist.

Psychiater, Neurologen und Hirnforscher

Der Psychiater ist immer ein Arzt, genauer ein Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie und oft auch für Neurologie, früher: der Nervenarzt. In der Praxis sieht das so aus, dass die Psychiater die mit den Medikamenten sind, denn nur ein Arzt darf diese verschreiben. Neurologen beschäftigen sich tendenziell eher mit den Erkrankungen des Nervensystems, das sind dann Erkrankungen wie Schlaganfälle, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, um nur einige zu nennen.

Auch die sogenannten Hirnforscher, eine Berufsbezeichnung, die es eigentlich gar nicht gibt, sind in aller Regel Neurologen, mitunter Neurochirurgen, also Ärzte, die im Gehirn operativ eingreifen.

Überschneidungen von Neurologie und Psychiatrie sind vorhanden, wenn man an sogenannte neurodegenerative Erkrankungen, wie die Demenzerkrankungen denkt. Ansonsten haben Psychiater in der Tat viel, wenn auch längst nicht nur, mit psychotischen Erkrankungen zu tun. Das liegt aber vorwiegend daran, dass die Behandlung von Psychosen in aller Regel über Medikamente stattfindet. Hier kommen die typischen und atypischen Neuroleptika zum Einsatz und noch jede Menge anderer Mittel.

Auch bei der Behandlung von Depressionen, Angststörungen und Zwangserkrankungen gehört die medikamentöse Therapie zum Goldstandard, in der Kombination mit Psychotherapie. All das verabreicht der Psychiater (oder seltener der Neurologe), nicht der Psychotherapeut. Medikamentengaben werden von einigen Menschen als manipulativ empfunden, erstaunlicherweise oft auch von solchen, die anderen psychoaktiven Substanzen gegenüber nicht abgeneigt sind. Das zu klären, kann im Einzelfall ein psychotherapeutisches Problem sein.

Theoretisch kann ein Psychiater, oder ein anderer Arzt, auch ein Psychotherapeut sein, aber das ist kein Automatismus. Nämlich dann, wenn der Psychiater zusätzlich zu seiner ärztlichen Ausbildung noch ein psychotherapeutisches Verfahren erlernt hat, dem er ausreichend vertraut, so dass er es routinemäßig anwendet.

Was macht ein Psychotherapeut?

Ein Psychotherapeut wendet ein nichtmedikamentöses Verfahren an. Er verabreicht keine Medikamente sondern versucht, die relevanten Störungen eines Patienten zu diagnostizieren und auf psychotherapeutischem Weg, durch Gespräche, Deutungen, Imaginationen oder Verhaltenstraining, die Symptome zu lindern, das Ich des Patienten zu stabilisieren oder ihm zur Entfaltung zu verhelfen. Die Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Gestalttherapie sind einige der bekannten Verfahren, jedoch gibt es auch kleinere und seltenere Therapiemethoden.

Wann welches Verfahren besser hilft und wo man eventuell eine Kombination einsetzt, wird immer wieder überarbeitet, nach dem Stand der aktuellen Erkenntnisse. Tendenziell ist es für Patienten oft ein nachvollziehbar gutes Gefühl, wenn sie sich Fortschritte in der Therapie selbst erarbeitet haben, zumal man manche Medikamente ein Leben lang nehmen muss.

Kann und sollte mein Psychiater mein Psychotherapeut sein?

Das hängt davon ab, ob der Psychiater Therapie anbietet und das Verfahren gut bei den Problemen des Patienten wirkt. Wenn beides in einer Hand ist, kann das gewisse Vorteile haben, aber es gibt auch Nachteile. Wenn man psychodynamische Therapieverfahren anwendet, gehören Übertragungen zur Therapie dazu. In einigen Fälle sind diese intensiv und so kann es sein, dass ein Psychiater, der im Rahmen einer Übertragung gerade als gelangweilter Geldschneider oder sadistischer Vater erscheint, sich anhören muss “ … und ihre Scheiß Pillen wirken auch nicht“, das heißt, man schwächt und verzerrt die medikamentöse Wirkung, wenn man sie bei psychodynamischen Verfahren anwendet, eine Indikation dafür, dass man Psychotherapie und Medikation trennen sollte.

Die psychiatrische Klinik

Die größten Vorbehalte gibt es gegen die psychiatrische Klinik, im Volksmunds Klappsmühle. Man darf nicht vergessen, dass in der Nazizeit viele Menschen, die man heute behandeln kann, getötet wurden. Und in vielen Familien ist jemand zu finden oder in Erinnerung, den man zu dieser Zeit verstecken musste oder der getötet wurde. Zudem war die Behandlung der Patienten auch in der Nachkriegszeit mitunter noch unterirdisch.

Die Angst vor dem System Psychiatrie ist ebenfalls noch virulent. Jemand hat die Macht, einen bei einer vermeintlich falschen Antwort, wegzusperren und man kommt dann auch nie wieder raus. Da hat sich vieles dramatisch geändert und man kann sich nur wünschen, dass dieser Weg weiter beschritten wird.

Doch das hat mit der Psychotherapie nichts zu tun. Psychotherapie und Psychiatrie unterscheiden sich in der Regel über den Weg des therapeutischen Ansatzes, der in der Psychotherapie über Gespräche und Übungen geht, in der Psychiatrie bei entsprechenden Störungen über Medikamente.

Insgesamt hat man mit Neurologie, Psychotherapie und Psychiatrie heute ein breites und ausdifferenziertes Arsenal an Möglichkeiten Menschen effektiv zu helfen.

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