Junge Frau mit zwei Smartphones

Smartphones sind heute überall dabei © m01229 under cc

Als die Frage aufkam, ob ich etwas über Mediensucht schreiben könne, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen, weil ich mit dem Thema nicht so viel am Hut habe. Ich bin zwar medial eine Menge unterwegs, aber ich kann auch abschalten und tue das sogar. Doch bei der Beschäftigung drehte sich das Blatt, da sich im Laufe der Recherche herausstellte, dass es sich dabei nicht einfach um die Frage einer Sucht oder nicht dreht, sondern das Thema einer gesellschaftlichen Veränderung mitdiskutiert werden muss. Eine von der wir, wie bei anderen Zukunftsthemen, noch nicht wissen, wie sie sich entwickeln wird, darum ist dieser Beitrag notgedrungen subjektiv gehalten.

Das Thema der Mediensucht wird vor allem unter dem Schlagwort Digitale Demenz sehr emotional diskutiert. Digitale Demenz ist ein Begriff, den der Ulmer Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer übernommen und zu dem er ein gleichnamiges Buch veröffentlicht hat und gegen deren vermeintliche Ursachen er mit Verve angeht und streitet. Auch meine subjektive Einstellung zu Manfred Spitzer möchte ich kurz darstellen: Spitzer hat mehrere angenehme Eigenschaften. Er ist blitzgescheit, redet und schreibt sowohl gut, als auch unterhaltsam. Vor allem in der Frühphase der Diskussion um die sogenannte Willensfreiheit hielt sich Spitzer angenehm zurück und es gelang ihm, in dieser ebenfalls sehr emotionalen Kontroverse, immer wieder positive Akzente zu setzen, die mich an dem, was als Hirnforschung mitunter aggressiv vermarktet wurde, nicht völlig verzweifeln ließ. Spitzers Aussagen und Beispiele, die ich mitbekam, hatten immer einen wohltuenden Bezug zum Alltag und das mag ich. Dass Spitzer leidenschaftlich ist, ist mir ebenfalls sympathisch, was mir in letzter Zeit missfällt ist, dass ich den Eindruck gewinne, dass er „Spitzer sagt“ und „die Wissenschaft sagt“ nicht immer sorgsam trennt. Wenn er zudem Kritik an „der Wissenschaft“ mit den Worten zurückweist, wer die Ergebnisse der Wissenschaft in Bausch und Bogen ablehnt (aber wer tut das?), wisse entweder nicht was er sagt oder sagte bewusst die Unwahrheit, muss man das nicht mögen.[1]

Was mitunter abgelehnt wird, ist die Interpretation der Daten und wer meint, über das, was die Wissenschaft herausgefunden hat, könne man gar nicht mehr diskutieren, begibt sich auf glattes Eis.

Nachdem man zunächst dachte, das Internet würde nach und nach den Fernseher und das Radio ablösen, stellen wir nun fest, dass die Internetnutzungsdauer zwar rasend wächst, aber nicht auf Kosten von Radio und Fernsehen: in den letzten 15 Jahren konnte nach einem kurzen Rückgang das Radio wieder leicht zulegen und ferngesehen wurde über die Daumen 20 % mehr, wie die jüngste Onlinestudie von ARD und ZDF ergibt. Etwa 540 Minuten, also 9 Stunden, begleiten uns die Medien durch den Tag, wobei die Addition den Blick etwas verfälscht, denn manche Medien benutzen wir gleichzeitig (Stichwort „second screen“). Um eine Wendung von Spitzer aufzugreifen: Das kann eines nicht haben, keine Auswirkungen. Das hat es in der Tat.

Mythos Multitasking

Die oberflächliche Gleichzeitigkeit mehrerer Aktivitäten wird als Multitaskingfähigkeit verbrämt. Doch Untersuchungen zeigen, es ist ein Mythos.[2][3] Der Multitasker ist einfach abgelenkt und unkonzentriert, bei Routinetätigkeiten, die wir vollautomatisch abspulen – laufen, essen und dabei reden – mag das noch problemlos gehen, wenn eine Tätigkeit aber unsere Aufmerksamkeit braucht, geht das nur noch auf Kosten dramatischer Leistungseinbußen. Doch wie bei allem, kommt es auch hier auf den Kontext an. Wenn die Mutter beim Bügeln fernsieht oder beim Essen kochen Radio hört, ist das streng genommen auch Multitasking und die häufige männliche Wochenendbeschäftigung vergangener Jahrzehnte, Fußball-Bundesliga hören und das Auto dabei putzen, wäre es ebenfalls. Das würde niemand als Problem ansehen.

Problematisch wird es, wenn wir präsent sein wollen und sollen. Insgesamt kann man sagen, dass man beim Multitasking alles gleichzeitig, aber nichts richtig macht, was neben schlechten Leistungen auch noch einen anderen unschönen Effekt mitbringt. Von den Dingen, die man getan hat, bleibt nichts hängen, man vergisst sie. Naja, nicht schlimm, könnte man meinen, aber die Lebensbilanz zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man sich an bestimmte Ereignisse oder Episoden im Leben erinnert: Das bin ich, das macht mein Leben aus, dafür hat es sich gelohnt. Das sind vielleicht nur eine Handvoll Ereignisse, aber es sind welche, die wir nach Jahren und Jahrzehnten noch präsent haben, es waren Dinge, bei denen wir aufmerksam waren. Multitasker haben also oft das Problem, dass sie die Langeweile, die sie empfinden, durch Mehrfachaktivitäten umgehen wollen, doch genau von diesen bleibt dann überhaupt nichts hängen, was das Leben tatsächlich leer und langweilig erscheinen lässt.

Das Gegenteil wäre richtig. Gut dabei ist, wer es schafft, im Trubel und Stress seine Konzentration – bei (s)einer Sache zu bleiben – nicht einbüßt. Wer schnell hierarchisieren und wichtige von unwichtigen Reizen und Informationen trennen kann. So wie man Ablenkung und Oberflächlichkeit durch Multitasking lernt, kann man es ebenfalls erlernen, sich (wieder) auf einzelne Reize zu konzentrieren, sie zu genießen und bewusst zu erleben. So haben wir bereits eine Lösung der Mediensucht schon vor ihrer Diagnose gefunden.

Wo beginnt Mediensucht?

Wie bei allen Suchtformen kann man nicht sagen, dass genau hier, meinetwegen bei 240 Minuten am Tag, die Sucht beginnt. Sucht kennt immer, oft erstaunlich breite, Grauzonen. Was für den einen schon längst zu viel ist, kann der andere von heute auf morgen wieder einstellen.

Das Suchtmittel ist hier immaterieller, sogar virtueller Art, denn man ist nicht süchtig nach dem Smartphone, es muss auch eingeschaltet sein, was wirkt, ist die dauerhafte Präsenz der Medien, die Gewohnheit, die dann irgendwann zur Sucht werden kann. Doch, da wir heute immer die Hirnforschung mit betrachten, so ist auch diese Sucht irgendwo eine stoffliche, weil im Gehirn dabei etwas ausgelöst wird. Sei es, dass das dopamingetriggerte Belohnungssystem feuert oder wir kurz in die warme, gewohnte, vielleicht oxytocingetränkte Welt unserer Freunde eintauchen, von denen heute irgendwer immer online ist.

Aber wo wird es gefährlich? Die Klassiker der Suchtprävention warnen immer davor, dass nach der Gewöhnung die Dosissteigerung kommt und vor allem andere Interessen und soziale Kontakte vernachlässigt werden. Auf der guten und informativen Website infocafe.org finden wir dazu:

  • unwiderstehliches Verlangen und verminderte Kontrollfähigkeit
  • Entzugserscheinungen
  • Toleranzentwicklung (man braucht immer mehr)
  • Vernachlässigung anderer Interessen
  • anhaltendes exzessives Computerspielen trotz eindeutiger schädlicher Folgen

Als besonders kritisch sieht man es an, wenn zugunsten medialer Aktivitäten andere Interessen und vor allem soziale Kontakte eingeschränkt oder in harten Fällen ganz abgebrochen werden. Auch hier scheinen die Grenzen fließend zu sein, wer hat nicht schon einmal seine Lieblingssendung etwas anderem oder jemand anderem vorgezogen?

Was zu viel ist, hängt von der Sucht- und Persönlichkeitsstruktur des einzelnen und die wiederum von seinem sozialen Umfeld ab. Das macht das Thema komplex und lässt eindeutige Schlüsse manchmal etwas zu kurz gesprungen betrachten. Aber das ist noch nicht alles, denn möglicherweise haben wir es mit einem gesellschaftlichen Umbruch zu tun, von dem noch niemand sagen kann, wohin er uns führen wird. Vielleicht sind die Süchtigen von heute in der Rückbetrachtung die Pioniere einer neuen Zeit. Aber die Rückbetrachtung ist eben nicht heute.

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