Verändern Medien unser Gehirn?

Klare Frage, klare Antwort: Ja!

Aber die eigentliche Frage ist auch hier eine andere und muss lauten: Ist das notwendig schlimm? Und hier ist die Antwort differenzierter. Denn, ob wir Medien konsumieren, jonglieren, Geige spielen, meditieren oder Sport machen, alles verändert unablässig unser Gehirn. Die gerade von den Neurobiologen gefundene Neuroplastizität des Gehirns bedeutet, dass das Gehirn letztlich nie fertig ist, sondern in einem permanenten Prozess der Umbildung, abhängig davon, wie oft, wie intensiv und wozu wir es benutzen. Ob bewusst oder unbewusst, das Gehirn lernt immer und ob Tag oder Nacht, es ist immer aktiv.

Man müsste also hinschauen, welche Bereiche des Hirns nach welcher Zeit unter- oder überversorgt sind und was das wirklich für Auswirkungen hat und in welchem Alter das gefährlich ist. Neben dem Hirnforscher Manfred Spitzer und dem Soziologen Christian Pfeiffer gibt es weitere Stimmen, die sagen, Computer und Fernseher hätten in Kinderzimmern nichts zu suchen und ich würde hier auch eher konservativ bleiben. Doch insgesamt ist „irgendwas mit Neuro“ stark gehypt worden, etwas, was weder der Diskussionskultur noch einzelnen Hirnforschern sonderlich gut getan hat, wie inzwischen öfter zu hören ist.

Die Technik macht es möglich

Seit dem Handy, das mal nur eine Art Telefon war, ist dasselbe oder eben das Smartphone oder Tablet, beides kleine Wunderwerke die irgendwie alles können, überall dabei. Damit ist die Entwicklung nicht beendet, das Internet der Dinge, Google Glass und diverse Apps, die uns rund um die Uhr helfen und/oder kontrollieren, stehen längst in den Startlöchern.

Doch das Smartphone allein ist schon ein Phänomen. 130 mal am Tage wird es durchschnittlich benutzt, das sind etwa alle sieben bis acht Minuten eine Unterbrechung irgendeiner, also so gut wie jeder, Aktivität. Häufig werden ein paar Zeilen oder ein Bild an Freunde geschickt oder gleiches von diesen empfangen. Jungen spielen eher, Mädchen sind eher im Kontakt. In zwei Wochen sind das 1.500 Unterbrechungen. Aber wie soll man das bewerten? Ist das die weitere Fragmentierung des Alltags und einer schon fragmentierten Psyche oder ist es gerade im Gegenteil eine kurze Ruheinsel, ein Eintauchen in Bekanntes und die Vergewisserung der Kontakte, dem Gefühl, dass von den anderen immer jemand da ist und mir, wenn nicht jetzt dann bald, antworten wird. Der Inhalt scheint nicht so wichtig, die Versicherung des dauernden Kontakts scheint das beruhigende Element zu sein. Man kann auch das kritisch sehen. Warum müssen sich junge Erwachsene dauernd vergewissern, dass sie nicht allein sind?

Denn beim Entzug lauern Angst und Depressionen. Das sind Kennzeichen einer Sucht. Und so ist das Wort „Abschalten“ von Medien zunehmend zum Fremdwort geworden und das Smartphone ist zugleich zu immer mehr zu gebrauchen, macht sich immer unentbehrlicher. Für alles gibt es Apps: Kultur-, Fitness-, Geo-Apps und solche zum Abschalten des Smartphones ohne dabei wirklich abschalten zu müssen. Um die Logik der letzten App zu begreifen, muss man wohl tatsächlich zur Generation der Digital Natives gehören. Aber auch das Nicht-Abschalten ist heute längst kein Privileg der Mediensüchtigen mehr. Vom Sendeschluss zum Redaktionsschluss, alles ist der Möglichkeit und Realität einer permanenten Erneuerung gewichen. Blogs, News, Liquid-Dateien, ihr Wesen ist die ständige Überarbeitung und Aktualisierung.

Das kann doch alles nicht gut sein

Fernbedienung

Die bekannte Fernbedienung, umgangssprachlich auch „Die Macht“ genannt. © Justus Blümer under cc

Doch nicht um den Sendeschluss ist es schade, das Fernsehen der Vergangenheit war mehr. Es war eine Konstante im Leben der Generation, die etwa um 1970 geboren wurde. In den 1950ern noch ein Statussymbol, wurde der Fernseher mehr und mehr zum Massenmedium und unterhaltungstechnischen Grundnahrungsmittel. Der Begriff „Straßenfeger“ bezeichnete Sendungen, von denen man wusste, dass sie so ziemlich jeder gesehen hat. Gesprächsstoff fürs Büro und Private, aber mehr noch: Man wusste genau, dass andere es auch gesehen haben und das heißt, man hatte ein Gefühl der Verbindung mit anderen, selbst wenn man zu Hause allein vorm Fernseher saß. Genau das macht auch den Reiz aus und erklärt, warum eine Live-Sendung später zu schauen, so eigenartig schal ist. Das Gefühl der Gleichzeitigkeit des Erlebens und der Strukturierung des Alltags verschwindet zunehmend.

Vielleicht kann den Verlust facebook ersetzen, aber jeder ist dort auch irgendwie für sich, in seiner Nische. Die Älteren oft gar nicht und die Jüngeren schon nicht mehr. Das Durchschnittsalter der User bei facebook ist inzwischen 30 Jahre. Neu ist auch, dass man sich nicht mehr nach dem Angebot des Senders richtet, sondern sich das, was man sehen will, dann, wenn man man es sehen will, aus der Mediathek sucht. Jeder ist sein eigener Programmchef, was bei allen Vorteilen auch einer Sekundärstrukturierung bedarf, wie Rafael Ball es nennt.[7] Man lässt sich nicht mehr passiv berieseln, sondern muss oder darf sich aktiv engagieren. Auch das kostet jene Zeit, von der wir meinen, immer weniger zu haben, obwohl belegt wird, dass dies nicht stimmt.

Doch nicht nur die Zeiten ändern sich, auch das Zeitempfinden. Ist der Weg in die Moderne vor allem auch durch den Weg von einer zyklischen zur linearen Zeitempfindung gekennzeichnet – in alten Zeiten richtete Zeit sich nach den immer wiederkehrenden Zyklen der Natur, wie Tag und Nacht und den Jahreszeiten –, so könnte der Zeitpfeil, mit seinem eindeutigen Anfang und Ende, sich langsam verändern. Von Opa hat man ein paar Fotos, vielleicht noch ein paar Postkarten, doch schon bald wird das erste Leben lückenlos und vielleicht mit einer nie gekannten Fülle von Körperdaten rekonstruierbar sein. Bewegungsprofile, Einkaufsmuster, Kontakte, Fitnessdaten irgendwie alles. Wie war das noch mal, als man in der Pubertät war? In vielem, was unsere Psyche zum Glück verklärt, bekommen wir umfassende Gewissheit. Was vor 10 Jahren oder Tagen war, kann alles rekonstruiert werden. Wie ist es wohl, mit so einem Bewusstsein zu leben? Lebt man intensiver oder ist die Einmaligkeit des Augenblicks etwas, was wir vergessen können, mit den negativen Folgen einer noch größeren Oberflächlichkeit?

Auf die sozialen Kontakte hat das schon Einfluss, glaubt man Rafael Ball, denn man ist auch hier potentiell überall, das heißt, auf dem Sprung. Passt einem etwas nicht, fragt man die virtuellen Freunde, wo es gerade interessanter ist, und nicht interessant oder gechilled zu sein, führt dazu, dass die Karawane schnell weiter zieht. Vielleicht ist die gute Performance, schnell interessant zu wirken, bald wichtiger als das, was dahinter ist, weil sich ohnehin kaum jemand die Zeit nimmt, das zu ergründen.

Und irgendwann ist dann halt Schluss

Vielleicht gibt es bald die ersten digitalen Aussteiger, die einen bewussten Kontrapunkt setzen, digital Tote, die angeschaut werden, als wären sie außerirdisch. Aber so leicht wird das nicht werden, der digitalen Vernetzung zu entkommen. Wer ist da noch süchtig zu nennen, wenn wir alle rund um die Uhr online präsent sind, auf mehreren Kanälen und vielleicht sogar das Endgerät sind oder implantiert haben? Und wenn wir gefilmt und gescannt werden, egal wo wir sind. Wenn man über sein Gegenüber etwas online erfährt, zeitgleich, während man es gerade zum ersten Mal kennenlernt. Wie lauten die Komplimente der Zukunft: „Ich mag deine Augen und deine Webpräsenz“? Naja, warum nicht, ist vielleicht sogar persönlicher als den Sportwagen zu mögen.

Ist immer alles reproduzierbar? Der Tod ist noch immer das Ende und vielleicht sind unsere virtuellen Verdrängungen und Allmachtsphantasien nur eine große Betäubungsspritze, ein weiteres Projekt der Inauthentizität, das im Angesicht der Absurdität des Daseins zum Scheitern verurteilt ist. Wenn wir gerade das Tor zu neuen Zeiten aufstoßen, weiß das keiner.

Kommen wir noch mal ins Hier und Jetzt und zur Sucht. Denn was in 15 oder 100 Jahren sein wird, kann uns heute nicht trösten und Mediensucht ist eine Gefahr hier und heute. Klassiker sind auch hier die Fragen:

  • Wie hoch ist der eigene Leidensdruck?
  • Wie hoch der der Mitwelt?

Tests gibt es auch. Oder hier. Wer meint, er könnte gefährdet sein, ist es vermutlich, und an der Grenze wer tief im Strudel steckt, wird es eher leugnen.

Hilfsmöglichkeiten hatten wir oben schon vorgestellt: die Impuls- oder Affektkontrolle ist ein wesentlicher Baustein zweier Ansätze der Hilfe. Man kann sich umtrainieren, was aber immer auch mit einem gewissen Mangelbewusstsein verbunden ist. Das Gefühl, etwas weggenommen zu bekommen. Bei manchen klappt es so, bei anderen nicht. Der andere Weg ist eine Stärkung des Ichs, die auch mit Impulskontrolle einhergeht, oft im Rahmen einer Therapie, die sich nicht ständig um das Thema Mediensucht dreht.

Der weitere Kreis ist eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, aber wie es aussieht sind wird da auf dem Weg in die kollektive Sucht oder die erwähnte Veränderung der Gesellschaft.

Alles fließt

Mann mit Abtropfsieb und künstlichem Auge, vor nächtlicher Stadt

Eine ironische Montage der digitalen Zukunft © Pockafwye under cc

Wie liquide kann das alles noch werden? Werden wir das Thema Eigentum im Sinne Marxens und im Vorbeigehen abarbeiten, ganz ohne proletarische Revolution? Ein digitaler Ruf und ich erfahre sofort, wo das ist, was ich brauche und mehr will ich auch gar nicht? Sharing in jedem Bereich? Oder hat das so einen Bart, wie Marx selbst? Wer sind wir, wenn die Fragmentierung der Psyche weitergeht? Werden wir alle Mystiker, die ihr Ich überwinden oder werden wir chronisch reizüberflutete und innerlich leere Borderliner, die langsam in die Psychose übergehen? Oder irgendwas dazwischen, den Himmel der Transhumanisten erklimmend? Kann alles sein, nur ist transhuman dann tatsächlich nicht mehr human, in einem Umfang, den wir uns nicht vorstellen können. Wenn eine Entidentifizierung mit dem eigenen Ich oder seine Vorrangstellung gelingt, dann freilich hätten wir dem Tod ein Schnippchen geschlagen, auch wenn die (gen)technische Unsterblichkeit nicht gelingt. Ob Wesen mit einem Körper das gelingen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Kurios, wenn das alles mit der Abschaffung des Sendeschlusses oder dem Internet begonnen hätte, wir wären dann Zeitzeugen eines historischen Großereignisses.

Quellen: