Junge Frau mit zwei Smartphones

Smartphones sind heute überall dabei © m01229 under cc

Als die Frage aufkam, ob ich etwas über Mediensucht schreiben könne, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen, weil ich mit dem Thema nicht so viel am Hut habe. Ich bin zwar medial eine Menge unterwegs, aber ich kann auch abschalten und tue das sogar. Doch bei der Beschäftigung drehte sich das Blatt, da sich im Laufe der Recherche herausstellte, dass es sich dabei nicht einfach um die Frage einer Sucht oder nicht dreht, sondern das Thema einer gesellschaftlichen Veränderung mitdiskutiert werden muss. Eine von der wir, wie bei anderen Zukunftsthemen, noch nicht wissen, wie sie sich entwickeln wird, darum ist dieser Beitrag notgedrungen subjektiv gehalten.

Das Thema der Mediensucht wird vor allem unter dem Schlagwort Digitale Demenz sehr emotional diskutiert. Digitale Demenz ist ein Begriff, den der Ulmer Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer übernommen und zu dem er ein gleichnamiges Buch veröffentlicht hat und gegen deren vermeintliche Ursachen er mit Verve angeht und streitet. Auch meine subjektive Einstellung zu Manfred Spitzer möchte ich kurz darstellen: Spitzer hat mehrere angenehme Eigenschaften. Er ist blitzgescheit, redet und schreibt sowohl gut, als auch unterhaltsam. Vor allem in der Frühphase der Diskussion um die sogenannte Willensfreiheit hielt sich Spitzer angenehm zurück und es gelang ihm, in dieser ebenfalls sehr emotionalen Kontroverse, immer wieder positive Akzente zu setzen, die mich an dem, was als Hirnforschung mitunter aggressiv vermarktet wurde, nicht völlig verzweifeln ließ. Spitzers Aussagen und Beispiele, die ich mitbekam, hatten immer einen wohltuenden Bezug zum Alltag und das mag ich. Dass Spitzer leidenschaftlich ist, ist mir ebenfalls sympathisch, was mir in letzter Zeit missfällt ist, dass ich den Eindruck gewinne, dass er „Spitzer sagt“ und „die Wissenschaft sagt“ nicht immer sorgsam trennt. Wenn er zudem Kritik an „der Wissenschaft“ mit den Worten zurückweist, wer die Ergebnisse der Wissenschaft in Bausch und Bogen ablehnt (aber wer tut das?), wisse entweder nicht was er sagt oder sagte bewusst die Unwahrheit, muss man das nicht mögen.[1]

Was mitunter abgelehnt wird, ist die Interpretation der Daten und wer meint, über das, was die Wissenschaft herausgefunden hat, könne man gar nicht mehr diskutieren, begibt sich auf glattes Eis.

Nachdem man zunächst dachte, das Internet würde nach und nach den Fernseher und das Radio ablösen, stellen wir nun fest, dass die Internetnutzungsdauer zwar rasend wächst, aber nicht auf Kosten von Radio und Fernsehen: in den letzten 15 Jahren konnte nach einem kurzen Rückgang das Radio wieder leicht zulegen und ferngesehen wurde über die Daumen 20 % mehr, wie die jüngste Onlinestudie von ARD und ZDF ergibt. Etwa 540 Minuten, also 9 Stunden, begleiten uns die Medien durch den Tag, wobei die Addition den Blick etwas verfälscht, denn manche Medien benutzen wir gleichzeitig (Stichwort „second screen“). Um eine Wendung von Spitzer aufzugreifen: Das kann eines nicht haben, keine Auswirkungen. Das hat es in der Tat.

Mythos Multitasking

Die oberflächliche Gleichzeitigkeit mehrerer Aktivitäten wird als Multitaskingfähigkeit verbrämt. Doch Untersuchungen zeigen, es ist ein Mythos.[2][3] Der Multitasker ist einfach abgelenkt und unkonzentriert, bei Routinetätigkeiten, die wir vollautomatisch abspulen – laufen, essen und dabei reden – mag das noch problemlos gehen, wenn eine Tätigkeit aber unsere Aufmerksamkeit braucht, geht das nur noch auf Kosten dramatischer Leistungseinbußen. Doch wie bei allem, kommt es auch hier auf den Kontext an. Wenn die Mutter beim Bügeln fernsieht oder beim Essen kochen Radio hört, ist das streng genommen auch Multitasking und die häufige männliche Wochenendbeschäftigung vergangener Jahrzehnte, Fußball-Bundesliga hören und das Auto dabei putzen, wäre es ebenfalls. Das würde niemand als Problem ansehen.

Problematisch wird es, wenn wir präsent sein wollen und sollen. Insgesamt kann man sagen, dass man beim Multitasking alles gleichzeitig, aber nichts richtig macht, was neben schlechten Leistungen auch noch einen anderen unschönen Effekt mitbringt. Von den Dingen, die man getan hat, bleibt nichts hängen, man vergisst sie. Naja, nicht schlimm, könnte man meinen, aber die Lebensbilanz zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man sich an bestimmte Ereignisse oder Episoden im Leben erinnert: Das bin ich, das macht mein Leben aus, dafür hat es sich gelohnt. Das sind vielleicht nur eine Handvoll Ereignisse, aber es sind welche, die wir nach Jahren und Jahrzehnten noch präsent haben, es waren Dinge, bei denen wir aufmerksam waren. Multitasker haben also oft das Problem, dass sie die Langeweile, die sie empfinden, durch Mehrfachaktivitäten umgehen wollen, doch genau von diesen bleibt dann überhaupt nichts hängen, was das Leben tatsächlich leer und langweilig erscheinen lässt.

Das Gegenteil wäre richtig. Gut dabei ist, wer es schafft, im Trubel und Stress seine Konzentration – bei (s)einer Sache zu bleiben – nicht einbüßt. Wer schnell hierarchisieren und wichtige von unwichtigen Reizen und Informationen trennen kann. So wie man Ablenkung und Oberflächlichkeit durch Multitasking lernt, kann man es ebenfalls erlernen, sich (wieder) auf einzelne Reize zu konzentrieren, sie zu genießen und bewusst zu erleben. So haben wir bereits eine Lösung der Mediensucht schon vor ihrer Diagnose gefunden.

Wo beginnt Mediensucht?

Wie bei allen Suchtformen kann man nicht sagen, dass genau hier, meinetwegen bei 240 Minuten am Tag, die Sucht beginnt. Sucht kennt immer, oft erstaunlich breite, Grauzonen. Was für den einen schon längst zu viel ist, kann der andere von heute auf morgen wieder einstellen.

Das Suchtmittel ist hier immaterieller, sogar virtueller Art, denn man ist nicht süchtig nach dem Smartphone, es muss auch eingeschaltet sein, was wirkt, ist die dauerhafte Präsenz der Medien, die Gewohnheit, die dann irgendwann zur Sucht werden kann. Doch, da wir heute immer die Hirnforschung mit betrachten, so ist auch diese Sucht irgendwo eine stoffliche, weil im Gehirn dabei etwas ausgelöst wird. Sei es, dass das dopamingetriggerte Belohnungssystem feuert oder wir kurz in die warme, gewohnte, vielleicht oxytocingetränkte Welt unserer Freunde eintauchen, von denen heute irgendwer immer online ist.

Aber wo wird es gefährlich? Die Klassiker der Suchtprävention warnen immer davor, dass nach der Gewöhnung die Dosissteigerung kommt und vor allem andere Interessen und soziale Kontakte vernachlässigt werden. Auf der guten und informativen Website infocafe.org finden wir dazu:

  • unwiderstehliches Verlangen und verminderte Kontrollfähigkeit
  • Entzugserscheinungen
  • Toleranzentwicklung (man braucht immer mehr)
  • Vernachlässigung anderer Interessen
  • anhaltendes exzessives Computerspielen trotz eindeutiger schädlicher Folgen

Als besonders kritisch sieht man es an, wenn zugunsten medialer Aktivitäten andere Interessen und vor allem soziale Kontakte eingeschränkt oder in harten Fällen ganz abgebrochen werden. Auch hier scheinen die Grenzen fließend zu sein, wer hat nicht schon einmal seine Lieblingssendung etwas anderem oder jemand anderem vorgezogen?

Was zu viel ist, hängt von der Sucht- und Persönlichkeitsstruktur des einzelnen und die wiederum von seinem sozialen Umfeld ab. Das macht das Thema komplex und lässt eindeutige Schlüsse manchmal etwas zu kurz gesprungen betrachten. Aber das ist noch nicht alles, denn möglicherweise haben wir es mit einem gesellschaftlichen Umbruch zu tun, von dem noch niemand sagen kann, wohin er uns führen wird. Vielleicht sind die Süchtigen von heute in der Rückbetrachtung die Pioniere einer neuen Zeit. Aber die Rückbetrachtung ist eben nicht heute.

Virtuelle oder reale Freunde?

Dies war eines der ersten Vorurteile, das man hörte: „Wer nur noch Internetfreunde hat, der hat keine echten mehr.“ Erstens stimmt diese Scheinalternative nicht, denn wer viele Onlinekontakte hat, hat oft auch viele reale Kontakt. Zweitens unterscheiden wir alle zwischen engen und lockeren Freunden und Bekannten. Drittens ist auch den meisten Onlineaffinen der echte Kontakt noch immer wichtiger, doch viertens ist die Aufsplittung in reale oder virtuelle Welt etwas, was zunehmend fragwürdig wird.

Man kann sich mit seinen Freundinnen treffen und gleichzeitig oder zusammen im sozialen Netzwerk unterwegs sein. Für die Generation der Digital Natives ist das weder ein Widerspruch, noch eine Besonderheit, sondern gelebte Realität. Nun muss die gelebte Realität nicht automatisch gut oder gesund sein – in den Innenstädten sind Feinstaub, Lärm und Smog oft gelebte Realität, niemand würde das gutheißen -, doch das ist der andere, interessante Strang, den wir langsam einflechten wollen.

In seinem lesenswerten Buch „Die pausenlose Gesellschaft: Fluch und Segen der digitalen Permanenz“, beschreibt der Biologe, Wissenschaftshistoriker und Philosoph Rafael Ball den schleichenden Übergang von der analogen zur digitalen, und das heißt für ihn zur permanenten, Gesellschaft. Wie wir oben feststellten, nimmt der Medienkonsum in der gesamten Gesellschaft stetig zu.

Extreme Schicksale und Verhaltensweisen

Wenn man bei Süchten oft auch keine genau Grenze angeben kann, so ist vollkommen klar, dass es extreme Schicksale gibt, bei denen sich die Frage, ob diese Menschen süchtig sind, nicht mehr stellt. Hier finden wir alle Faktoren vereint: die oft Jugendlichen gehen nicht mehr aus dem Haus und zur Schule, brechen Freundschaften ab, schließen sich mitunter ein und werden aggressiv gegenüber den Eltern, die sich begreiflicherweise Sorgen machen und deren Druck die Situation eskalieren lässt. Aber wer bleibt schon cool, wenn das eigene Kind sich sein Leben zerstört?

Aber was ist zu viel und wann sind elterliche Sorgen berechtigt? Es ist ironischerweise ebenfalls ein Ausdruck der permanenten Gesellschaft, jene Helicopter-Eltern hervorgebracht zu haben, die nun, digital versorgt, nicht nur alles besser wissen, von der Diagnose der Ärzte, bis zum Lehrplan in der Schule – schließlich sind es ihre Kinder und wer könnte die besser kennen, als die Eltern selbst, so die vermeintlich erdrückende, tatsächlich aber zirkuläre Logik – sondern den Nachwuchs von Kleinkindesbeinen an überwachen. Was umsorgend und vernünftig klingt, nimmt nicht selten groteske Züge an, vor allem sind die per Handy oder Technik georteten und dauerüberwachten Kinder nie für sich. Sie lernen so nie Verantwortung und die Eltern nie, ihren Kindern zu vertrauen.[5] Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, ist leider ein Satz, den ein Diktator geprägt hat.

Was, wenn die einzigen sozialen oder sexuellen Kontakte und Interessen wirklich nur virtuell bestehen? Sicher, dann ist das Kind irgendwie bereits in den Brunnen gefallen, aber wenn soziale Isolation, Alter oder Behinderung vielleicht bessere Antworten kennen würden, als ein virtuelles Leben, der Totalverzicht auf Kontakte ist sicher oft schlechter und die Einsamkeit alter Menschen, oder anderer nicht Beachteter, kann wenigstens durch Medien gelindert werden.

Szene aus World of Warcraft

World of Warcraft, geliebt und gefürchtet © SobControllers under cc

Ein echtes Problem scheinen manche Onlinespiele und hier insbesondere World of Warcraft zu sein, das für den allgemeineren Typ der Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiele (englisch kurz MMORPG) steht.

Neben Belohnung und Bindung, so zitiert Spitzer eine Studie von Rehbein et al. von 2009 [4], ist es vor allem die Komplexität des Spielgeschehens, die die User bindet, andererseits ist gerade Komplexität nicht schlecht und suchterzeugend ist vor allem etwas, was erst einmal reizvoll und interessant ist. Aber die Stimmen divergieren, ob es sich dabei überhaupt um eine Sucht handelt.

Wer ist gefährdet?

Hier gibt es psychologische und soziologische Ursachen, die fließend ineinander übergehen. Doch es ist auch die Frage von Ursache und Wirkung bei der Mediensucht. Wenn Spitzer sagt, man habe nach „zwei Stunden Fernsehen oder virtuellem Geballere […] zu nichts mehr Lust“, dann ist das eher suggestiv, ebenso wie die Bemerkung, dass selten jemand vorm Bildschirm richtig glücklich wirkt.[5] Die Frage müsste lauten: Macht der Bildschirm depressiv oder sitzen Depressive häufiger vor dem Bildschirm? Macht der Computer einsam oder nutzen Einsame einfach häufiger den Computer? Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich beides bedingt und verstärkt.

Ganz ohne Zweifel sind die Menschen mit einer geringen Impulskontrolle gefährdet und Onlineaktivitäten, vor allem rasche, multiple, wie der sekundenweise Wechsel oder das Zappen beim Fernseher, verstärken diesen Effekt. Ohne Zweifel bringt eine intensive Mediennutzung diese Effekte auch ursächlich hervor, statt nur korrelativ zu sein, aber nicht jeder neigt überhaupt dazu, Stunden vorm Bildschirm zu kleben – aber wir alle eben auch immer mehr. Die ohnehin fragmentierten Psychen zersplittern noch mehr, bei unserer Festplatte wissen wir, wie wir defragmentieren, bei der Psyche erfordert das mehr als einen Knopfdruck. Aber fragmentierte Psychen, die oft ebenso gespalten sind zwischen Kognition und Emotion wie zwischen nur Gut und nur Böse, sind genau jene mit einer oft reduzierten Impulskontrolle, doch die Ursachen hierfür liegen oft anderswo. Sie erfahren dann aber durch Medienaktivitäten mit einem hohen Anteil an Gewalt oder Pornographie eine ungesunde Verstärkung.

Auch Studien wie diese belegen, dass es echte Verlierer gibt und die Art und Menge der Onlineaktivitäten ganz offenbar, wenn nicht verursachen, dann begünstigen und hier reichen sich psychologische und soziologische Faktoren die Hände.

Gefährdende Faktoren sind Geschlecht, Wohnregion, Bildungsniveau der Eltern und Migration.[6] Jungen sind gefährdeter als Mädchen, Einwohner norddeutscher Städte stärker als die süddeutscher, die Kinder ungebildeter Eltern stärker als jene gebildeter und Migranten stärker als einheimisch Geborene. Der soziale Kontext macht die Musik und wie so oft die Dummen dümmer die Klugen klüger. Wer nur Klatsch und Tratsch, Verschwörungstheorien und Propaganda, Gewalt und Pornos konsumiert, kann sich selten zu einer differenzierten Persönlichkeit entwickeln, kommen dann noch Erfahrung häuslicher Gewalt hinzu, ist die Katastrophe fast perfekt.

Verändern Medien unser Gehirn?

Klare Frage, klare Antwort: Ja!

Aber die eigentliche Frage ist auch hier eine andere und muss lauten: Ist das notwendig schlimm? Und hier ist die Antwort differenzierter. Denn, ob wir Medien konsumieren, jonglieren, Geige spielen, meditieren oder Sport machen, alles verändert unablässig unser Gehirn. Die gerade von den Neurobiologen gefundene Neuroplastizität des Gehirns bedeutet, dass das Gehirn letztlich nie fertig ist, sondern in einem permanenten Prozess der Umbildung, abhängig davon, wie oft, wie intensiv und wozu wir es benutzen. Ob bewusst oder unbewusst, das Gehirn lernt immer und ob Tag oder Nacht, es ist immer aktiv.

Man müsste also hinschauen, welche Bereiche des Hirns nach welcher Zeit unter- oder überversorgt sind und was das wirklich für Auswirkungen hat und in welchem Alter das gefährlich ist. Neben dem Hirnforscher Manfred Spitzer und dem Soziologen Christian Pfeiffer gibt es weitere Stimmen, die sagen, Computer und Fernseher hätten in Kinderzimmern nichts zu suchen und ich würde hier auch eher konservativ bleiben. Doch insgesamt ist „irgendwas mit Neuro“ stark gehypt worden, etwas, was weder der Diskussionskultur noch einzelnen Hirnforschern sonderlich gut getan hat, wie inzwischen öfter zu hören ist.

Die Technik macht es möglich

Seit dem Handy, das mal nur eine Art Telefon war, ist dasselbe oder eben das Smartphone oder Tablet, beides kleine Wunderwerke die irgendwie alles können, überall dabei. Damit ist die Entwicklung nicht beendet, das Internet der Dinge, Google Glass und diverse Apps, die uns rund um die Uhr helfen und/oder kontrollieren, stehen längst in den Startlöchern.

Doch das Smartphone allein ist schon ein Phänomen. 130 mal am Tage wird es durchschnittlich benutzt, das sind etwa alle sieben bis acht Minuten eine Unterbrechung irgendeiner, also so gut wie jeder, Aktivität. Häufig werden ein paar Zeilen oder ein Bild an Freunde geschickt oder gleiches von diesen empfangen. Jungen spielen eher, Mädchen sind eher im Kontakt. In zwei Wochen sind das 1.500 Unterbrechungen. Aber wie soll man das bewerten? Ist das die weitere Fragmentierung des Alltags und einer schon fragmentierten Psyche oder ist es gerade im Gegenteil eine kurze Ruheinsel, ein Eintauchen in Bekanntes und die Vergewisserung der Kontakte, dem Gefühl, dass von den anderen immer jemand da ist und mir, wenn nicht jetzt dann bald, antworten wird. Der Inhalt scheint nicht so wichtig, die Versicherung des dauernden Kontakts scheint das beruhigende Element zu sein. Man kann auch das kritisch sehen. Warum müssen sich junge Erwachsene dauernd vergewissern, dass sie nicht allein sind?

Denn beim Entzug lauern Angst und Depressionen. Das sind Kennzeichen einer Sucht. Und so ist das Wort „Abschalten“ von Medien zunehmend zum Fremdwort geworden und das Smartphone ist zugleich zu immer mehr zu gebrauchen, macht sich immer unentbehrlicher. Für alles gibt es Apps: Kultur-, Fitness-, Geo-Apps und solche zum Abschalten des Smartphones ohne dabei wirklich abschalten zu müssen. Um die Logik der letzten App zu begreifen, muss man wohl tatsächlich zur Generation der Digital Natives gehören. Aber auch das Nicht-Abschalten ist heute längst kein Privileg der Mediensüchtigen mehr. Vom Sendeschluss zum Redaktionsschluss, alles ist der Möglichkeit und Realität einer permanenten Erneuerung gewichen. Blogs, News, Liquid-Dateien, ihr Wesen ist die ständige Überarbeitung und Aktualisierung.

Das kann doch alles nicht gut sein

Fernbedienung

Die bekannte Fernbedienung, umgangssprachlich auch „Die Macht“ genannt. © Justus Blümer under cc

Doch nicht um den Sendeschluss ist es schade, das Fernsehen der Vergangenheit war mehr. Es war eine Konstante im Leben der Generation, die etwa um 1970 geboren wurde. In den 1950ern noch ein Statussymbol, wurde der Fernseher mehr und mehr zum Massenmedium und unterhaltungstechnischen Grundnahrungsmittel. Der Begriff „Straßenfeger“ bezeichnete Sendungen, von denen man wusste, dass sie so ziemlich jeder gesehen hat. Gesprächsstoff fürs Büro und Private, aber mehr noch: Man wusste genau, dass andere es auch gesehen haben und das heißt, man hatte ein Gefühl der Verbindung mit anderen, selbst wenn man zu Hause allein vorm Fernseher saß. Genau das macht auch den Reiz aus und erklärt, warum eine Live-Sendung später zu schauen, so eigenartig schal ist. Das Gefühl der Gleichzeitigkeit des Erlebens und der Strukturierung des Alltags verschwindet zunehmend.

Vielleicht kann den Verlust facebook ersetzen, aber jeder ist dort auch irgendwie für sich, in seiner Nische. Die Älteren oft gar nicht und die Jüngeren schon nicht mehr. Das Durchschnittsalter der User bei facebook ist inzwischen 30 Jahre. Neu ist auch, dass man sich nicht mehr nach dem Angebot des Senders richtet, sondern sich das, was man sehen will, dann, wenn man man es sehen will, aus der Mediathek sucht. Jeder ist sein eigener Programmchef, was bei allen Vorteilen auch einer Sekundärstrukturierung bedarf, wie Rafael Ball es nennt.[7] Man lässt sich nicht mehr passiv berieseln, sondern muss oder darf sich aktiv engagieren. Auch das kostet jene Zeit, von der wir meinen, immer weniger zu haben, obwohl belegt wird, dass dies nicht stimmt.

Doch nicht nur die Zeiten ändern sich, auch das Zeitempfinden. Ist der Weg in die Moderne vor allem auch durch den Weg von einer zyklischen zur linearen Zeitempfindung gekennzeichnet – in alten Zeiten richtete Zeit sich nach den immer wiederkehrenden Zyklen der Natur, wie Tag und Nacht und den Jahreszeiten –, so könnte der Zeitpfeil, mit seinem eindeutigen Anfang und Ende, sich langsam verändern. Von Opa hat man ein paar Fotos, vielleicht noch ein paar Postkarten, doch schon bald wird das erste Leben lückenlos und vielleicht mit einer nie gekannten Fülle von Körperdaten rekonstruierbar sein. Bewegungsprofile, Einkaufsmuster, Kontakte, Fitnessdaten irgendwie alles. Wie war das noch mal, als man in der Pubertät war? In vielem, was unsere Psyche zum Glück verklärt, bekommen wir umfassende Gewissheit. Was vor 10 Jahren oder Tagen war, kann alles rekonstruiert werden. Wie ist es wohl, mit so einem Bewusstsein zu leben? Lebt man intensiver oder ist die Einmaligkeit des Augenblicks etwas, was wir vergessen können, mit den negativen Folgen einer noch größeren Oberflächlichkeit?

Auf die sozialen Kontakte hat das schon Einfluss, glaubt man Rafael Ball, denn man ist auch hier potentiell überall, das heißt, auf dem Sprung. Passt einem etwas nicht, fragt man die virtuellen Freunde, wo es gerade interessanter ist, und nicht interessant oder gechilled zu sein, führt dazu, dass die Karawane schnell weiter zieht. Vielleicht ist die gute Performance, schnell interessant zu wirken, bald wichtiger als das, was dahinter ist, weil sich ohnehin kaum jemand die Zeit nimmt, das zu ergründen.

Und irgendwann ist dann halt Schluss

Vielleicht gibt es bald die ersten digitalen Aussteiger, die einen bewussten Kontrapunkt setzen, digital Tote, die angeschaut werden, als wären sie außerirdisch. Aber so leicht wird das nicht werden, der digitalen Vernetzung zu entkommen. Wer ist da noch süchtig zu nennen, wenn wir alle rund um die Uhr online präsent sind, auf mehreren Kanälen und vielleicht sogar das Endgerät sind oder implantiert haben? Und wenn wir gefilmt und gescannt werden, egal wo wir sind. Wenn man über sein Gegenüber etwas online erfährt, zeitgleich, während man es gerade zum ersten Mal kennenlernt. Wie lauten die Komplimente der Zukunft: „Ich mag deine Augen und deine Webpräsenz“? Naja, warum nicht, ist vielleicht sogar persönlicher als den Sportwagen zu mögen.

Ist immer alles reproduzierbar? Der Tod ist noch immer das Ende und vielleicht sind unsere virtuellen Verdrängungen und Allmachtsphantasien nur eine große Betäubungsspritze, ein weiteres Projekt der Inauthentizität, das im Angesicht der Absurdität des Daseins zum Scheitern verurteilt ist. Wenn wir gerade das Tor zu neuen Zeiten aufstoßen, weiß das keiner.

Kommen wir noch mal ins Hier und Jetzt und zur Sucht. Denn was in 15 oder 100 Jahren sein wird, kann uns heute nicht trösten und Mediensucht ist eine Gefahr hier und heute. Klassiker sind auch hier die Fragen:

  • Wie hoch ist der eigene Leidensdruck?
  • Wie hoch der der Mitwelt?

Tests gibt es auch. Oder hier. Wer meint, er könnte gefährdet sein, ist es vermutlich, und an der Grenze wer tief im Strudel steckt, wird es eher leugnen.

Hilfsmöglichkeiten hatten wir oben schon vorgestellt: die Impuls- oder Affektkontrolle ist ein wesentlicher Baustein zweier Ansätze der Hilfe. Man kann sich umtrainieren, was aber immer auch mit einem gewissen Mangelbewusstsein verbunden ist. Das Gefühl, etwas weggenommen zu bekommen. Bei manchen klappt es so, bei anderen nicht. Der andere Weg ist eine Stärkung des Ichs, die auch mit Impulskontrolle einhergeht, oft im Rahmen einer Therapie, die sich nicht ständig um das Thema Mediensucht dreht.

Der weitere Kreis ist eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit, aber wie es aussieht sind wird da auf dem Weg in die kollektive Sucht oder die erwähnte Veränderung der Gesellschaft.

Alles fließt

Mann mit Abtropfsieb und künstlichem Auge, vor nächtlicher Stadt

Eine ironische Montage der digitalen Zukunft © Pockafwye under cc

Wie liquide kann das alles noch werden? Werden wir das Thema Eigentum im Sinne Marxens und im Vorbeigehen abarbeiten, ganz ohne proletarische Revolution? Ein digitaler Ruf und ich erfahre sofort, wo das ist, was ich brauche und mehr will ich auch gar nicht? Sharing in jedem Bereich? Oder hat das so einen Bart, wie Marx selbst? Wer sind wir, wenn die Fragmentierung der Psyche weitergeht? Werden wir alle Mystiker, die ihr Ich überwinden oder werden wir chronisch reizüberflutete und innerlich leere Borderliner, die langsam in die Psychose übergehen? Oder irgendwas dazwischen, den Himmel der Transhumanisten erklimmend? Kann alles sein, nur ist transhuman dann tatsächlich nicht mehr human, in einem Umfang, den wir uns nicht vorstellen können. Wenn eine Entidentifizierung mit dem eigenen Ich oder seine Vorrangstellung gelingt, dann freilich hätten wir dem Tod ein Schnippchen geschlagen, auch wenn die (gen)technische Unsterblichkeit nicht gelingt. Ob Wesen mit einem Körper das gelingen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Kurios, wenn das alles mit der Abschaffung des Sendeschlusses oder dem Internet begonnen hätte, wir wären dann Zeitzeugen eines historischen Großereignisses.

Quellen: