Weißer König, schwarze Dame auf Schachbrett

Sind wir kleine Könige oder nur Schachfiguren in einem größeren Spiel? © zeevveez under cc

Ist der Mensch ein Egoist weil er in einem Umfeld egoistischer Systeme lebt und selbst aus diesen besteht? Die Frage ist umstritten. Systeme haben eine Tendenz zur Selbsterhaltung oder Autopoiesis. Gemäß dem Soziologen Luhmann hat der Mensch Anteil an sozialen Systemen, dem biologischen System (Körper/Gehirn) und am psychischen System (Bewusstsein). All diese Systeme sind in sich geschlossen und gegen ihre Umwelt abgegrenzt und so sitzen soziale, biologische und psychische Systeme quasi mit dem Rücken zueinander, sie sprechen alle eine andere Sprache. Elektrochemische Impulse sind keine Wörter.

Kommunizieren wir mit irgendwem in der Gesellschaft sind wir sofort Teil eines sozialen Systems und werden (wie im vorherigen Beitrag beschrieben) zu dessen Funktionsgehilfen. Und da Systeme auf Selbsterhalt aus sind, sind wir mindestens aus dieser Sicht Helfer egoistischer Systeme.

Ist der Mensch ein System?

Dazu muss geklärt werden, was ein System überhaupt ist oder ausmacht. Und wie so oft kann man nicht sagen: „So ist es.“, sondern eher: „So sehen/betrachten wir es.“ Eine gegen das Außen abgegrenzte Einheit, die ihrerseits aus Teilen besteht sind wir ganz sicher. Und da jedes System die Tendenz hat sich selbst zu erhalten, muss also auch der Mensch das wollen und mithin egoistisch sein. Oder?

Sind wir egoistisch geboren?

In „Das egoistische Gen“ äußert sich der ehemalige Biologe Richard Dawkins dahingehend und sieht den Menschen am Gängelband seiner egoistischen Gene:

Dieser Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen. Es gibt jedoch, wie wir sehen werden, besondere Umstände, unter denen ein Gen seine eigenen egoistischen Ziele am besten dadurch erreichen kann, daß es einen begrenzten Altruismus auf der Stufe der Individuen fördert. Die Worte „besonders“ und „begrenzt“ in diesem Satz sind wichtig. So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Sinn ergeben.[1]

Es scheint nicht weit her zu sein, mit dem Altruismus der Menschen, doch dafür scheint die Frage: Ist der Mensch ein Egoist?, mit „Ja“ beantwortet werden zu müssen.

In einer späteren Veröffentlichung des Autors heißt es zwar:

„Unter manchen – gar nicht mal so seltenen – Voraussetzungen sorgen die Gene für ihr eigenes, egoistisches Überleben am besten dadurch, dass sie den Organismus zum Altruismus veranlassen.“[2]

Aber der Altruismus ist immer ein reziproker Altruismus, einer im Dienste des grundlegenderen Egoismus. In Dawkins‘ Worten:

Damit haben wir nun vier stichhaltige darwinistische Gründe, warum Individuen untereinander altruistisch, großzügig oder „moralisch“ handeln. Der erste betrifft den Sonderfall der Verwandtschaft. Der zweite ist die Gegenseitigkeit: Gefälligkeiten werden vergolten und in „Erwartung“ eines solchen Gegengefallens erwiesen. Darauf folgt sofort der dritte: der darwinistische Vorteil, den es bedeutet, wenn man sich den Ruf der Großzügigkeit und Freundlichkeit erwirbt. Und wenn Zahavi recht hat, gibt es viertens den speziellen, unmittelbaren Nutzen der zur Schau gestellten Großzügigkeit als Mittel, um für sich selbst authentische, unverfälschte Reklame zu machen.[3]

Wir sehen, Kooperation ist möglich auf dem Boden eines solchen Egoismus aber es ist eine Kooperation die gibt, um (mehr) zu bekommen, sie ist nicht selbstlos, nicht altruistisch. Aber kann man den Egoismus überhaupt hinter sich lassen? Wie so oft ist es keine Frage ob es so ist, sondern, ob man es so sehen möchte. Diese „Wahl“ zu haben beruht nicht auf Beliebigkeit, sondern auf der Erkenntnis, dass andere Theorien ebenfalls Perspektiven sind.

So weist Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Buch Mutter Natur: Die weibliche Seite der Evolution
darauf hin, Evolutionstheorie und Naturbeobachtungen früher oft von Männern dargestellt wurde und dass deren Sicht möglicherweise eher Konkurrenzverhalten als kooperatives Verhalten erkennt. Dabei ist die Gesichtsmimik und die Fähigkeit Affekte lesen und ausdrücken zu können, vermutlich eine Entwicklung höherer Säugetiere, die vornehmlich eine gezieltere Brutpflege ermöglicht.

Der niederländischen Biologe Frans de Waal fand empirische Belege für echtes altruistisches Verhalten bei Affen und mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Edward O. Wilson gibt es etliche Biologen von Rang, die Dawkins widersprechen, aber wie kann es dem Menschen psychologisch gelingen, aus dem ihn umstellenden Egoismus auszubrechen? Wenn Biologen schon kooperative, sorgende, pflegende und echte altruistische Kräfte in der Natur sehen, so ist die vermeintliche Umzingelung gar nicht so groß.

Die Verwandlung des Menschen vom Egozentriker zum Teamplayer

Doch einen primären Egoismus erkennen auch Psychologen beim kleinen Kind. Ein Neugeborenes ist bedürftig und muss erst mal seine Umwelt und den eigenen Körper buchstäblich kennenlernen. Da ist zunächst kein Raum für andere. Wo hört der Körper auf, wo fängt die Bettdecke an, das muss das Kind lernend erfahren, indem es merkt, in die Decke zu beißen fühlt sich anders an, als in den Daumen.

Ab der Geburt lernt das Kind seinen Körper und dessen Grenzen kennen. Doch das ist nicht alles. In der Phase von etwa 18 bis 36 Monaten Lebensalter schlüpft das Kind ein weiteres Mal. „Die zweite Geburt“, wie Louise Kaplan ihr Buch nennt, ist ein emotionales Schlüpfen, das Kind hat in dieser Phase die Möglichkeit sich als eigenständiges Wesen zu erleben und die Ängste, der emotionalen Abnabelung von der Mutter in kleinen Schritten zu proben und zu überstehen. Eine immens wichtige Phase der Entwicklung.

Wenn das Kind begreift, dass andere Menschen wirklich anders sind und anders fühlen und etwas anderes wollen als es selbst, eine Erkenntnis, die sich im Laufe des Lebens weiter verfestigt und hier nicht abgeschlossen ist, stellt sich automatisch die Frage, wie es sich zu diesen anderen verhalten soll. In der ersten Phase des Lebens spricht man manchmal von einer symbiotischen Beziehung zwischen Mutter und dem Kind, das noch nicht zwischen seinen Bedürfnissen und denen der anderen unterscheiden kann. Eine magische Verbindung (da das Kind überzeugt ist, Mutter spüre augenblicklich seine Bedürfnisse), die primärer Narzissmus, primärer Egoismus genannt wird. Dort stellt sich diese Frage noch nicht.

Ist der Mensch ein Egoist? In der ersten Zeit, ja. Wir sind als tatsächlich egoistisch geboren, aber anders als Dawkins es meint. Wir sind nicht frei geboren, sondern unfrei, liegen überall in Ketten unserer primären Bedürfnisse und Affekte, wir erkennen unsere Ketten nur noch nicht. Aber wir sind auch immer schon in eine soziale Welt hineingeboren und lernen schnell, dass wir mit anderen kooperieren müssen. Diese Kooperation ist zunächst noch vom Egoismus durchdrungen. Das Kind will den Spinat nicht essen, sondern nur den Nachtisch. Doch es merkt schnell, die Eltern sitzen am längeren Hebel. Kein Spinat, kein Nachtisch.

Die Trotzphase

Die ersten Reaktionen des Kindes, das weiß, was es will, kennen Eltern als Trotzphase. Eine radikale Form der Verweigerung, gleichzeitig aber ein für das Kind bedeutender Schritt. Das Kind spürt zum ersten Mal seine eigene Macht. Das Kind mag vorher unbewusst narzisstisch und egoistisch gewesen sein, aber sein Egoismus war unwissend. Nun merkt es, dass es Mutter eine Freude machen kann, wenn das Töpfchen voll ist (statt der Windel), es merkt aber zugleich, dass es selbst die Macht hat, dieses „Geschenk“ zu geben oder zu verweigern. Die Zeit des Kampfes um die Töpfchen, das obere wird nicht leer gemacht, das untere nicht voll. Die Macht liegt im Verweigern, im „Nein“-Sagen und genau das ist es, was das Kind in der Trotzphase exzessiv ausprobiert, es verweigert sich kurz gesagt allem, schleudert der Welt ein trotziges „Nein“ entgegen. Aber es lernt, dass es in gewissen Grenzen Herr über seinen eigenen Körper ist. Die Natur, läuft nicht mehr einfach durch das Kind hindurch, sondern es merkt, dass es seine körperlichen und emotionalen Bedürfnisse steuern kann. Und es „versteht“ zum ersten Mal in seinem Leben die Bedeutung des Begriffs „Nein“ und experimentiert mit diesem Begriff und seiner Haltung der radikalen Verweigerung herum. Ein ungeheuer bedeutsamer Schritt, dass das „Nein“ oder „nicht“ ist ein rein virtueller Begriff. Auf das Auto kann ich zeigen, auf „kein Auto“ nicht, ebenso kann ich nicht zeigen, was ich gerade nicht mache. Das Kind ist in der Welt des Abstrakten angekommen. Es hat hier noch keinen Palast gebaut, nicht mal ein Eigenheim, aber sein Zelt aufgeschlagen.

Der egoistische Teamplayer

Doch das Kind merkt, dass die Eltern noch immer am längeren Hebel sitzen. Die Lebenswirklichkeit holt es ein, die Radikalverweigerung der Trotzphase wird überwunden, einfach weil man damit nicht weit kommt. Doch inzwischen ist das Kind in der abstrakten, kognitiven Welt angekommen. Die Welt des „Was wäre, wenn … ?“. Kein Spinat, kein Nachtisch, aber wenn ich den halben Spinat essen, kriege ich dann den halben Nachtisch? Das Kind beginnt zu handeln, es betritt das Reich der instrumentellen Vernunft, letztlich um durch ein paar Zugeständnisse dennoch am Ende das größte Stück vom Kuchen abzubekommen. Ich gebe, um mehr zu kriegen. Wir erkennen hier eine der vier Ausnahmen, beziehungsweise kooperative Varianten des Egoismus, die Dawkins aufzählte. Auch wenn begriffen wurde, dass man auf andere Rücksicht zu nehmen hat und sei es nur, weil sie stärker oder mächtiger sind, man segelt noch immer unter der Flagge des Egoismus.