Desinformation als Waffe

Weil die Deutungshoheit so entscheidend ist, geht der Kampf in eine neue Runde. Informant zu sein, etwas aufzudecken, Alternativen und alternative Lesarten anzubieten ist gefährlich für die, die diese Deutungsmacht bisher innehatten. Auch die Frage nach der Wahrheit wird hier eher nachrangig, denn selbst wenn man korrekt wiedergeben kann, was jemand gesagt hat, macht die Deutung des Gesagten, das Weltbild vor dem gedeutet wird die Musik. Wer das ignoriert und sagt, er interessiere sich nur für die Fakten, ist nicht etwa besonders gewitzt, sondern über die Macht der Deutungen (und darüber, dass es keine reinen Fakten gibt) nicht im Bilde.

Ein beliebter, wenn auch nicht eben feiner Weg ist die Diskreditierung des Informanten. Gelangen unangenehme Fakten ans Tageslicht, ist es ein probates Mittel, den Informanten als notorischen Lügner, psychisch auffälligen Querulanten, jemanden mit Alkohol- oder Drogenproblemen, politisch motivierten Agitateur, jemanden der heimlich Kinderpornos guckt, sexuell übergriffig oder bestechlich ist, in Verruf zu bringen.

Auf militärischer Ebene ist bekannt, dass das erste Opfer im Krieg die Wahrheit ist und systematische Desinformation ist eine der effektiven Waffen des Krieges. Dass es so ist, ist bekannt. Dass Desinformation und Diskreditierung angewandt werden ist ein offenes Geheimnis, die spannende Frage ist nur, wo genau?

Erpressung

brauner Lederkoffer mit Geldscheinen

Erpressung und Bestechung sind probate Mittel, um andere gefügig zu machen. © James Cridland under cc

Auf ziviler Ebene kann man Menschen erpressen dadurch, dass man Informationen über sie verbreitet oder auch nur droht, Falschinformationen über sie zu verbreiten. Manchen Sekten sagt man nach, sie würden Aussteiger dadurch unter Druck setzen. Geheimdienste tun mitunter Ähnliches und wer im Licht der Öffentlichkeit steht, ist oft besonders auf eine weiße Weste angewiesen. Da viele eine Leiche im Keller haben und Indiskretionen aller Art ein Gemetzel der Informationen bedeuten würde, die eher den Voyeurismus bedienen als die Transparenz zu steigern, hält man wechselseitig still und lässt Privates privat sein, was eine weise Entscheidung ist.

Kluge Journalisten wissen, wie weit sie gehen dürfen und wissen ebenfalls um die Bedeutung des Quellen- und Informantenschutzes. Wer ein Tratschmaul ist, bekommt einfach nichts mehr gesagt und ist journalistisch erledigt, andererseits sind Politiker die in der Presse nicht vorkommen in aller Regel die der zweiten und dritten Reihe. So ergibt sich ein Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten, die auf gutem Willen basieren, den man nicht ungestraft über Bord werfen kann.

Alles nur Gemauschel?

Aber ist das nicht Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker? Nicht unbedingt, denn die Rolle des Journalismus ist zum Teil auf investigativer Natur. Nicht nur die berühmte Watergate-Affäre gilt als Sternstunde des investigativen Journalismus, sondern es sind die oft geschmähten Journalisten, die nicht nur die Verflechtungen der Politik, sondern zwischen Politik und Wirtschaft, Wissenschaft, Systemen, die einerseits frei agieren können sollten, die aber dennoch eigene Betriebsblindheit entwickeln können, wie das Peer Review Verfahren der Wissenschaft. Dutzendweise ließen sich weitere Beispiele finden, Beispiele, die einflussreich waren und Folgen hatten.

Alles nur Verschwörungstheorie?

Aber wo ist die Grenze, gibt es keinen Grund zur Besorgnis, ist alles bestens? Keinesfalls. Die Kritik ist berechtigt und zeigt endlich auch im Rahmen der Wissenschaft Folgen. Verflechtungen auch der Presse selbst, der Wirtschaft, der Politik müssen offen gelegt werden. Der ehemalige Ministerpräsident des Saarlandes und heutige Richter am Bundesverfassungsgericht, Peter Müller, bemerkte in einem Zeit-Interview: „Zu mir sagte der Mitherausgeber einer großen deutschen Zeitung einmal sinngemäß: „Lieber Herr Müller, was Sie als Politiker sagen, ist nicht so wichtig; entscheidend ist, was wir daraus machen können.““[1] Auch Pressevertreter sind mitunter eitel und selbstgefällig. Nur ist die Sache weitaus komplexer, als dass sie sich in ein fundamentalistisches Gut/Böse-Schema pressen lässt.

Private Recherche ist gut und willkommen. Es gibt genügend verrückte Genies da draußen, von denen wir alle profitieren können, leider ist die Zahl derer, die sich für ein verkanntes Genie halten ungleich größer. Es ist gut, dass es schlagkräftige NGOs gibt, es ist gut wenn man den Machenschaften von Gutachtern, Kirchen, Wissenschaftlern und Politkern auf die Finger schaut, schlecht ist, wenn das in zu simplen Varianten endet.

Doch wir sehen, dass nicht nur die geheimen Mächte interessant sind, sondern die organisierte Macht agiert im hellen Licht, vor unser aller Augen. Dass Macht auch eine dunkel und verborgene Seite hat, sei unbestritten. Wir werden in der nächsten Folge die Pfade der Macht weiter verfolgen.

Quelle:

[1] ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015. Online-Version: http://www.zeit.de/2015/15/peter-mueller-ministerpraesident-richter-regeln/komplettansicht