Gruppe junger Leute diskutiert, Mann mit Mikro

Wir tauschen und projizieren Gründe, Emotionen und Arbeit. © Socialbar Berlin under cc

Über die Projektion als Abwehrmechanismus hatten wir bereits berichtet, doch darüber hinaus ist es gerechtfertigt die Projektion als Normalfall unseres Lebens zu bezeichnen und zwar aus zwei Gründen. Zum einen ist die Psyche nicht starr, sondern eine hochdynamische Einheit, in der ständig Inhalte internalisiert und externalisiert oder eben projiziert werden. Zum anderen kommt es bei psychologisch Interessierten oft zu einer Gegenüberstellung von: Ist das wahr oder nur eine Projektion?, die man so nicht aufrecht erhalten kann.

Die Psyche ist eine wundersame Einrichtung. Sie muss sich einerseits hochflexibel an immer neue Lebenssituationen anpassen und andererseits eine Kontinuität gewährleisten, so dass, wenn man im Rentenalter ist und ein Foto der Hochzeit oder der Einschulung sieht, man immer noch das Gefühl hat: „Das bin ich“. Es stellt sich immer mehr heraus, dass wir nicht alle in einer gemeinsamen Welt leben, die dann hier und da etwas anders interpretiert wird, sondern, dass sich unsere Innenwelten oft recht fundamental unterscheiden. Aber Innenwelten sind eben nicht nur Abwandlungen einer äußeren Realität, die einfach da ist, sondern Innenwelten sind ebenfalls Teil der Realität. Wir sind eingebunden in ein Gitter von Praktiken und Urteilen, indem das was uns als Welt erscheint bereits vorverarbeitet ist. Wir können Welt nie anders als immer schon interpretiert wahrnehmen, das beginnt bei den Sinneswahrnehmungen, geht darüber, dass wir spontan „Auto“ denken, wenn wir ein entsprechendes Gefährt sehen und dann auch noch assoziieren, ob das ein gutes oder schlechtes Auto ist, je nach unseren Vorstellungen darüber.

So entlassen wir ständig Inhalte, Bilder und Vorstellungen in die Welt: egal ob es Dinge oder Vorkommnisse betrifft die schön oder hässlich sind, niedlich oder grausam oder auch komplexere soziale Rollen und Feinheiten im Verhalten unseres Gegenübers. Gleichzeitig nehmen wir andere Rollen, Ideale und Bilder an und diese verändern mitunter unser eigenes Selbstbild. Doch die Vielzahl der Eindrücke würde uns überfordern, würde es nicht private Mythen geben, die unser Selbstbild oder das unserer Liebsten etwas peppen und ein dazu passendes Weltbild, anhand dessen wir deuten, was uns im Kleinen und Großen begegnet. Hier erleben wir die Projektion als Normalfall. Einiges wird größer gemacht und etwas in den Vordergrund gerückt.

Dabei müssen bestimmte Bereiche des Lebens ausgeblendet bleiben, mit denen man weniger identifiziert ist und das ist auch nicht weiter schlimm. Für Sportenthusiasten verläuft das Jahr anders, als für Liebhaber klassischer Musik oder engagierte Börsenbeobachter. Doch wo geht Normalität in Pathologie über, wo das Desinteresse in die Abwehr eines Themas?

Jede Sichtweise hat Folgen theoretischer und praktischer Natur, Philosophen sprechen hier von Festlegungen. Wenn ich mich für eine Weltsicht entscheide (wobei dieser Prozess in hohem Maße unbewusst läuft), dann folgen aus der Entscheidung bestimmte Konsequenzen. Ob katholisch oder kommunistisch, vegan oder hedonistisch, jede Festlegung hat Folgen, selbst eine nihilistischen Einstellung hat ihre inferentielle Logik. Das bedeutet, dass man, falls man eine bestimmte Einstellung hat, auf weitere, andere, in interner Logik und Folgerichtigkeit, aus der Einstellung abgeleitete Richtigkeiten festgelegt ist.

Lässt sich jemand nicht festlegen, der unsere Einstellung ansonsten weitgehend teilt, sieht man seine Haltung als inkonsequent an. Hat jemand ein anderes Weltbild, sehen wir dies gewöhnlich als falsch oder minderwertig an. Das Urteil: „Das ist nicht gut“ ist dann eine Projektion, aber nicht zwingend ein verdrängter oder verleugneter eigener Anteil, sondern einfach eine, die sich aus einer Weltsicht ergibt, die von anderen abweicht. Doch möglicherweise hat man eine Weltsicht, die einem etwas verbietet, was man an sich gerne machen würde. Dann kommt es zu einem inneren Konflikt, denn einerseits hat man einen unerlaubten Wunsch, andererseits will man aber auch sein Weltbild nicht ändern. Wenn jemand dann in unserer Gegenwart etwas sagt oder tut, was man selbst gerne sagen oder tun würde (aber meint, es nicht zu dürfen), ist das natürlich herausfordernd bis ärgerlich, weil dieser Mensch, ohne es selbst zu wissen, den Finger in unsere Wunde legt.

Die Projektion schwappt dann, wenn man sich des Konflikts nicht bewusst ist, in den Bereich des verdrängten Ärgers. Die Therapie von Projektionen geht daher auch immer in die Richtung den unbewussten Anteil wieder bewusst zu machen. Wenn ich weiß, dass ich in einem Konflikt bin, kann ich mich entscheiden, ist der Konflikt hingegen unbewusst, entscheide ich auch unbewusst und verärgert oder abwertend. Als Ärgernis wird nicht etwa das eigene beschränkende Weltbild empfunden, sondern der andere, der sich entweder nicht konsequent dran hält, wenn er unser Weltbild teilt (etwas, auf das wir hoch allergisch reagieren) oder sich überhaupt nicht dafür interessiert, was und oft weit weniger stört.

Projektion oder Wahrheit?

Die Frage, ob etwas eine Projektion oder wahr ist, ist in vielen Fällen unangemessen. Denn eine Projektion ist letztlich nur eine nach außen gestellte Erwartung, der jemand in der Welt entspricht oder nicht entspricht. Und ohne Vorstellung von der Welt kann man nicht leben, denn selbst die Einstellung, dass man nichts erwartet deutet weit öfter eher auf Hemmung, Enttäuschung oder Verbitterung hin, als auf Stoiker oder Erleuchtete. Die einfache Frage wieso jemand nichts erwartet, offenbart das oft Weltbild dahinter und wir können die Ursache der Erwartungslosigkeit erkennen.

Die Projektion als Normalfall ist also eher ein Mittel zum Erkennen der Welt als etwas Pathologisches. Wie mit den Fingern „tastet“ man gewissermaßen im Geiste die Welt ab und schaut, ob sie den projizierten Erwartungen entspricht. Meistens geht dies geräuscharm vor sich, wird im riesigen Ordner „normal und nicht bedrohlich“ abgelegt und mehr oder minder sofort wieder vergessen. Es ist nicht spektakulär, aber stabilisierend, „erdend“ und sehr oft unterschätzt, dass die Welt so normal und überaus verlässlich ist. Entspricht das was wir erkennen nicht den Erwartungen modifizieren wir unser Weltbild an der einen oder anderen Stelle. Zumindest theoretisch, denn nicht immer geht das so leicht. Manche Überzeugungen sitzen felsenfest in der Psyche und werden gebraucht, wie die Luft zum atmen, markieren sie doch den Kern unserer Identität.

Demzufolge lassen wir uns von Gegenbeispielen auch nicht ohne weiteres überzeugen und hier geht die Projektion vom Normalfall schleichend zur übergroßen Beharrung und schließlich die Pathologie über, analog der Eskalationsstufen eines Fundamentalisten, die hier beschrieben sind. Haben wir eine Überzeugung oder ein Vorurteil lassen wir beim Beweis des Gegenteils keineswegs sofort davon ab, sondern unterstellen zuweilen, der andere habe sich nur verstellt, um seine wahren Absichten zu vertuschen. Manche sind gezwungen, bei ihrer Sicht zu bleiben, hat man jedoch genügend Gegenbeispiele und ein Umfeld, was eher flexibel als beharrend ist, wird eine Veränderung der eigenen Einstellung unterstützt. Das unsere Sichtweise da eher konservativ ist, ist durchaus sinnvoll, man kann sein Selbst- und Weltbild nicht täglich ändern, da uns dessen Stabilität wesentlich beim steuern durch die Welt hilft.

Doch was nun Wahrheit oder Täuschung ist, ist schwer zu sagen, denn wo ist der Referenzpunkt, der uns sagt, was die richtige Sichtweise ist? Wenn man denkt, der Mt. Everest sei 8500 Meter hoch, hat man sich geirrt und der Irrtum ist leicht festzustellen, man schaut bei Wikipedia nach. Aber wenn wir das Verhalten eines Menschen als lebendig und natürlich beschreiben, während ein anderer meint, derselbe spiele sich aufdringlich in den Mittelpunkt, wer hat dann recht? Offenbar kommt dasselbe Verhalten unterschiedlich an. Hilft es uns weiter, wenn wir wissen, dass die meisten ihn für einen Aufschneider halten? Auch die Mehrheit kann sich irren und spiegelt im ersten Moment nicht mehr, als gegenwärtige konventionelle Überzeugungen.

Oder sollte man einfach Fakten und Geschmäcker trennen? Ob Bier schmeckt und welches besonders, ist eben eine Geschmacksfrage, woraus es besteht ist eine Frage der korrekten chemischen Analyse. Aber ist es immer so einfach? Kann man die Qualität eines Gemäldes oder eines Gedichts nur auf den Geschmack reduzieren? Oder die Wertvorstellungen von Menschen? Der eine foltert halt gerne, der andere nicht? Ist die Frage, ob jemand ein guter Vater war nur eine Frage des Geschmacks? Der eine meint dies, der andere eben das?

Wenn dem so wäre, wären all unsere Wertvorstellungen reine Projektion. Denn, wie man dann denkt und was man meint wäre Ausdruck zeitlicher und regionaler Beliebigkeiten und Zufälle. Wir leben heute anders, als vor 500 Jahren; in New York anders, als in Sibirien; in Nepal anders, als in der Sahara. Wer projiziert ist jedoch überzeugt, dass nahezu jeder auf eine bestimmte Art und Weise leben sollte: Freier oder strukturierter, lauter oder leiser. Nur, wie begründet man das – und das ist der entscheidende Punkt – ohne sich bereits (unbegründet) für ein bestimmtes Weltbild entscheiden zu haben?

Was als Wahrheit erscheint, ist die oben angesprochene innere Folgerichtigkeit, viel mehr aber auch nicht. Wer A sagt, muss auch B sagen, heißt es im Volksmund dazu. Wer religiös ist folgt an einigen Punkten anderen Normen und Zielen als ein Atheist, der seinen Werten folgt. Beide werden denken, dass ihre Sicht die bessere ist, doch was besser bedeutet, ist wiederum nicht für alle verbindlich. So ist das was wir als Realität bezeichnen keinesfalls der objektive Zustand von Dingen und Personen da draußen, zu dem wir alle Zugang habe und von dem wir in Projektionen abweichen. Vielmehr sind Urteile, normative Einstellungen und Projektionen der Normalfall.

Leben als Austauschprozess

Doch wir entlassen nicht allein Vorstellungen in die Welt. In der Projektion stellen wir immer Teile unseres Ichs nach Außen. In einem Kunstwerk ist das noch ganz offensichtlich, doch in der Projektion als Normalfall begegnet uns dieses nach außen gestellte Ich in 1000 Facetten des Lebens. Wie mein Zimmer, Garten oder Tagebuch, mein Social Media Account oder Kleiderschrank aussieht in allem was öffentlich verfügbar und sichtbar ist, steckt immer auch ein Stück weit Ich. Meine projizierten Vorstellungen stecken aber auch in den Mitgliedern meiner Familie, dem Lebenspartner, den Freunden und meinem beruflichen Umfeld, ebenso, wie in dem Gebrauch von Sätzen, der obwohl die Sprache für alle öffentlich zur Verfügung steht, doch individuell und einzigartig ist.

Die Welt, die Gesellschaft, das Ich sind Austauschprozesse. Das Geben und Verlangen von Gründen oder Kognitionen sind typisch für vernunftbegabte Wesen, doch Leben ist ebenfalls ein Nehmen, oder psychologisch gesagt, eine Internalisierung von Emotionen und von Arbeit und ebenso ein Geben oder eine Externalisierung derselben. Im Leben begegnet uns also ständig die Projektion als Normalfall, erst wenn wir mit unangemessen Ärger reagieren und in der Welt auffallend oft bestimmte Verhaltensweisen oder Einstellungen zu erkennen glauben, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um die Projektion als Abwehrmechanismus handelt.

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