Das späte Echo der Gedichte

Mann und Frau an einem Tisch vor eigenem Laptop

Online zu sein gehört heute zum Leben der meisten Menschen dazu. © Official GDC/Jesse Knish under cc

Unsere Psyche arbeitet assoziativ. Mit einer Erinnerung ploppen andere Erinnerungen auf, frühe Erlebnisse, Geschichten. Manche nur für Sekundenbruchteile, wie eine Sternschnuppe, andere bleiben länger, manchmal kann man von Assoziation zu Assoziation hüpfen, in Tagträumen, Meditationen. Man kann das nicht unbedingt steuern, aber plötzlich hört man hier ein Melodie, nimmt da einen Geruch wahr und schon sind die Assoziationsketten da, mitsamt den dazugehörigen Gefühlen.

Aber manchmal kommen uns die Lieder, in Refrains oder Fragmenten von früher scheinbar ohne äußeren Reiz in den Kopf. Manche setzen sich als Ohrwurm fest, man weiß nicht genau warum das so ist. Doch es können auch Gedichte sein, die nach oben gespült werden oder Liedzeilen. Noch sonderbarer ist, dass wir bestimmte Lied- oder Gedichtzeilen, die wir nie verstanden haben auf einmal in aller Klarheit ihrer Bedeutung vor uns stehen, ohne dass wir über sie nachgedacht hätten. Früh gelernte Gedichte und Lieder begleiten uns nicht selten ein Leben lang. Wie ein Echo aus längst vergangenen Zeiten. Man kann sich fraglos auch an die Melodie der frühen Modems erinnern oder von Super Mario, doch manche Gedichte, Märchen sind ja selbst ein Kondensat, haben Botschaften verpackt, die sich später entschlüsseln, decodieren und so hat man tatsächlich Anschluss an eine andere Form des Wissens, was aus Gedichten und Musik manchmal über die Jahrhunderte zu uns spricht. Zwar stimmt es, dass man auf so ziemlich jedes bekanntere klassische Gedicht, jede Melodie heute in Sekunden zurückgreifen kann, wenn man denn will, aber sie sitzen damit nicht seit Jahren im Kopf, wo sie dann und wann angezapft und neu geordnet werden.

Eindrücke gewinnt jeder Mensch, Fragmente und Phantasien kommen bei den meisten von uns immer wieder hoch, doch ein befriedigendes Gefühl stellt sich bei den meisten erst ein, wenn man das Gefühl hat, dass Kreise sich schließen, eine roter Faden in der eigenen Biographie erkennbar wird, der einem das Gefühl der Sinnhaftigkeit vermittelt. Manchmal ist dies ein etwas kitschiges Produkt eigener Selbstüberhöhung, aber es ist eine Freude zu sehen, wie Fäden zusammenlaufen, sich alles zu einem Verstehen verdichtet.

Tiefe

Tiefe ist der vielleicht etwas gefährliche Ausdruck, den man hierfür verwenden kann, wenn man nicht nur assoziativ auch den Oberflächen momentaner Eindrücke surft, sondern sich einige dieser Eindrücke zu erwähnten Verstehen verbinden. Es mag sein, dass das nun sicher geglaubte Wissen sich noch einige Male im Leben ändern wird, was sich zwar nicht immer gut anfühlt, weil dies mit einer Zeit des Zweifelns und der Skepsis verbunden ist, die man längst überwunden geglaubt hat, aber es ist ein gutes Zeichen. Denn wer diese Erfahrung ein paar mal bewusst gemacht und nicht verdrängt hat, wird vielleicht etwas zurückhaltender und zögerlicher, was radikale Interpretationen angeht, mit denen man nun mit einem Male wieder mal die ganze Welt versteht. Man gewinnt Distanz auch zu sich selbst, zur eigenen Bescheidwisserei.

Einer der wirklich spannenden Aspekte der Psychologie ist, dass man tatsächlich Dinge verstehen kann, die sonst schwer oder gar nicht zu verstehen sind. Die Psychologie ist jedoch ein weites Gebiet und wird oft mit Psychotherapie gleich gesetzt, was nicht stimmt, wie wir bereits ausführten. Die Psychologie umfasst ein sehr weites Gebiet. Es gibt entsetzlich seichte und unbefriedigende Strömungen. Klischees über die Psychologie: Psychologie sei im wesentlichen Psychoanalyse, diese sei unwissenschaftlich, Freud habe sich in allem geirrt und den Ödipuskomplex gäbe es gar nicht. Teils ermüdende Stereotypien, auf die wir nicht im einzelnen eingehen.

Interessant ist der Aspekt, dass man in der westlichen Welt den Ödipuskomplex weniger findet als früher, dass dies aber nicht sonderlich gut ist. Ödipale Konflikte fallen deshalb flach, weil die Vaterrolle heute recht schwach geworden ist. Wir haben es nicht mehr mit dem alldominierenden Patriarchen zu tun, dessen Wort Gesetz ist, sondern in vielen Fällen ist der Vater zu brav und angepasst, als dass man sich überhaupt an ihm reiben kann. Mit körperlich und emotional abwesenden Väter findet der Konflikt nicht stat, aber das Resultat sind keine stolzen und im besten Sinne enthemmten Jünglinge, sondern eine Verunsicherung aller Orten, wie man heute weiß. Der Patriarch ist zwar dominierend, vielleicht manchmal erstickend, aber genau das gibt auch eine Sicherheit, wenn man ihn besiegt und sich von seinen Fesseln frei gestrampelt hat, ist man ein Mann. Heute erleben wir oft biologisch erwachsene Mädchen und Jungs, denen Struktur oft fehlt.

Ich finde, genau das ist es, was es lohnenswert macht in die Tiefe zu gehen, zu graben und diese Aspekte in die manchmal etwas routinierten und oberflächlichen Diskussionen über Rollen, Quoten und dergleichen einzubeziehen. Es ist mühsam, Stückwerk, manchmal wird man etwas zweifelnd angeschaut, aber es gibt wirklich fundierte Antworten auf diesem Terrain, die immer wieder auch überraschen. Und da passt dann auch wieder vieles zusammen. Manfred Spitzer, der die digitale Gesellschaft kritisch sieht hat sich immer wieder erfrischend pragmatisch zu Themen der Hirnforschung geäußert. Sich mit den Enkeln beschäftigen, das hilft um das Gehirn fit zu halten oder eben auch das gemeinsame Musizieren, was obendrein in den meisten Fällen auch noch gute Laune macht. Was so altbacken und angestaubt klingt ist ja dann doch wieder Teil jenes alten Wissens, was viele für verzichtbar halten.

Was braucht man heute: Altes Wissen oder Onlinekompetenz? Vielleicht ist das eine Antwort: Zum einen lernt man wirklich für sich und wenn man das erkannt hat, ist lebenslanges Lernen eine Freude und keine Drohung mehr, egal in welcher Form. Bei vielem sieht man erst später, wie und wo die Kreise sich schließen, aber das tun sie dann tatsächlich und nicht zuletzt das Wissen über Psychologie kann man wunderbar in viele Lebensbereiche einflechten. Da spielt dann die Wahrheit alter Märchen und Mythen eine Rolle, ebenso, wie die subtileren Erkenntnisse der Statistik, auf die uns Kahnemann so großartig hingewiesen hat. Auf welchem Weg man zu den Zusammenhängen gelangt ist letztlich egal. Erkenntnis und Glück kann man zu den fundamentalen Bestrebungen des Menschen zählen, manchmal scheinen sie Gegensätze zu sein. Doch wenn sich neue Erkenntnisse einstellen und man Zusammenhänge erkennt, die man nicht direkt sah, ist das selbst ein Glücksgefühl, was man nicht mehr weiter ausschlachten muss. Zum Lernen gehört immer auch, dass man an der Welt mit ihren neueren Entwicklungen Anteil nimmt und das ist heute die Onlinewelt, die zum Leben vieler Menschen integral dazugehört. Damit diese Synthese gelingt braucht es im Grunde nicht viel. Als man den Psychiatrieprofessor und Analytiker Otto Kernberg fragte, über was ein Psychoanalytiker vornehmlich verfügen muss, war die Antwort. „Über gesunden Menschenverstand.“[1]

Quelle:

  • [1] http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Narzissten-gehen-uebertriebene-Risiken-ein/story/26698396