Rehmutter mit Kitz

Ohne sichere Eltern-Kind-Bindung könnte man in der Natur nicht überleben © Jos under cc

Kooperation im Umgang mit dem Kind sowie die Entwicklung eines stabilen Selbstgefühls und Selbstbewusstseins sind wichtig für ein heranwachsendes Kind. Ein weiterer Bestandteil für die Reifung einer emotional gesunden, in sich ruhenden Persönlichkeit ist die sichere Eltern-Kind-Bindung.

Was bedeutet sichere Eltern-Kind-Bindung?

Basierend auf Bowlbys Bindungstheorie existieren verschiedene Bindungsformen zwischen Kindern und ihren Eltern (beziehungsweise anderen Bezugspersonen), welche sich auf die spätere Entwicklung der Kinder auswirken können (vgl. u.a. Bowlby, 1969, 1973, 1980, 1988; Bowlby et al., 1956, Kirschke & Hörmann, 2014). Die sichere Eltern-Kind-Bindung gilt dabei als positiver Faktor für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit.
Studien belegen, dass Jugendliche, welche sich durch eine hohe Zufriedenheit, gute Gesundheit und starkes Selbstbewusstsein auszeichnen, zumeist in stabilen Familien aufgewachsen sind, in Elternhäusern, die von Liebe und Vertrauen in die Kinder gekennzeichnet waren (vgl. Bowlby, 2008). Darüber hinaus zeichnen sich Kinder aus solchen Elternhäusern durch eine größere Stressresistenz sowie eine höhere Problemlösefähigkeit aus im Vergleich zu unsicher gebundenen Kindern.

Sicher gebundene Kinder werden unabhängig

Anders als der Volksmund vermutet, werden Kinder, bei welchen dem Bedürfnis nach Nähe ausreichend entsprochen wird, unabhängiger und selbstständiger, im Vergleich zu Kindern, welche vorrangig damit beschäftigt sind, um Aufmerksamkeit und Nähe der Mutter zu kämpfen, die sich ängstlich und zurückgewiesen fühlen. Um in Sorglosigkeit die Umgebung erkunden zu können, ist das grundlegende Gefühl von Sicherheit wichtig. In Anlehnung an die Bindungs-Explorations-Balance (z.B. Fischer, 2010) wird deutlich, dass emotional belastete Kinder (etwa von der Mutter getrennte Kinder) weniger Kapazitäten dafür haben, die Umwelt zu erkunden und demzufolge, eigene Lernerfahrungen zu machen, ergo laufen sie Gefahr, weniger selbstständig zu werden.

Müssen Kinder ohne sichere Eltern-Kind-Bindung früher oder später gezwungenermaßen selbstständig werden, könnten innere Stabilität sowie persönliche Reifung auf der Strecke bleiben. Manche Psychologen sagen: Aus dem Urvertrauen (zu den Eltern) erwächst das Selbstvertrauen der Kinder. Fehlt dieses, kann es zu Defiziten in der persönlichen Entwicklung kommen. Kirschke und Hörmann (2014) fassen studienbasiert die Konsequenzen zusammen, welche von erhöhter Ängstlichkeit, Schuld- und Hassgefühlen bis hin zu depressiver Symptomatik und Dissozialität reichen können.

Wie entsteht eine sichere Eltern-Kind-Bindung?

Da manche Eltern ebenfalls eine unsichere Bindung zu ihren Eltern haben und auch während der Pubertät durch unsicher gebundene Beziehungen gegangen sind, fällt es ihnen schwer, zu empfinden, was eine sichere Bindung ausmacht. Eine Generationslast sozusagen, die es zu durchbrechen gilt.

Eine sichere Eltern-Kind-Bindung basiert auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung. Bereits im Säuglingsalter des Kindes gilt es sich auf sein Jahrtausende altes Bauchgefühl zu verlassen und die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen. Hinzu kommen die in den beiden ersten Teilen dieser Serie genannten Punkte.

Doch wie sieht es aus mit einer Trennung vom Kind, etwa durch den Kitabesuch?

Kann Trennung vom Kind sichere Eltern-Kind-Bindung beeinflussen?

Hände von Mutter und Kind

Auch Menschen brauchen eine sichere Eltern-Kind-Bindung © Stephan Hochhaus under cc

Natürlich besteht die Gefahr, dass durch räumliche beziehungsweise zeitliche Trennung vom Kind ein Knacks in der Eltern-Kind-Bindung entstehen kann. Je jünger die Kinder sind und je länger diese Phase andauert, desto wahrscheinlicher ist dies.
Einige Entwicklungspsychologen, wie zum Beispiel der kanadische Bindungsforscher Prof. Dr. Gordon Neufeld, betonen die Gefahr der Fremdbetreuung in Bezug auf eine unsichere Eltern-Kind-Bindung (Neufeld & Maté, 2006, 2015). Anstatt dass Kinder sich an den Wertvorstellungen der Eltern orientieren und von deren Verhalten lernen, bestünde bei in der Gruppe betreuten Kindern die höhere Wahrscheinlichkeit, sich an anderen Kindern zu orientieren. Erzieher haben oft keine Kapazitäten aufgrund des zumeist schlechten Personalschlüssels als sichere Bezugspersonen zu fungieren und dienen eher als Schlichter bei Zwistigkeiten und weniger als Modelle, an denen die Kinder sich orientieren können. Neufeld und Maté zeigen auf, wie diese Gleichaltrigenorientierung mit einer zunehmend aggressiven und stark sexualisierten Jugendkultur zusammenhängen könnte.

Wer nun besorgt ist, dass der Kitabesuch dem Kind schaden könnte, dem sei gesagt, dass bis zu einem gewissen Punkt sicherlich Qualität die Quantität aufwiegen kann. Auch wenn die Zeiten der Fremdbetreuung nicht über die Maßen ausgedehnt werden sollten, können eine Kita mit vorteilhaftem Personalschlüssel und engagiertem Personal, ein gleichwürdiger Umgang mit den Kindern sowie ausreichend verbrachte, hochwertige Zeit mit den Eltern ebenfalls beeinflussen, inwiefern und in welcher Qualität Kinder an Erwachsene gebunden sind und für eine sichere Eltern-Kind-Bindung zuträglich sein.

Quellen:

  • Bowlby, J. (1969). Attachment and loss, Vol. 1: Attachment. New York: Basic Books.
  • Bowlby, J. (1973). Attachment and loss, Vol. 2: Separation. New York: Basic Books.
  • Bowlby, J. (I980). Attachment and loss, Vol. 3: Loss, sadness and depression. New York: Basic Books.
  • Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. New York: Basic Books.
  • Bowlby, J. (2008). Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendungen der Bindungstheorie. München: Ernst Reinhardt Verlag.
  • Bowlby, J., Ainsworth, M., Boston, M. & Rosenbluth, D. (1956). THE EFFECTS OF MOTHER-CHILD SEPARATION: A FOLLOW-UP STUDY. British Journal of Medical Psychology, 29(3-4), 211–247.
  • Fischer, U. (2010). Bindungstheoretische Impulse für eine inklusive Pädagogik – Ansätze zur Kompetenz- und Autonomieentwicklung in der heilpädagogischen Arbeit. Verfügbar unter: http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion/article/view/42/49 [10.09.2015].
  • Kirschke, K. & Hörmann, K. (2014). Grundlagen der Bindungstheorie. Verfügbar unter: http://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_kirschke_hoermann_2014.pdf [10.09.2015].
  • Neufeld, G. & Maté, G. (2006). Hold On to Your Kids: Why Parents Need to Matter More Than Peers. New York: Ballantine Books.
  • Neufeld, G. & Maté, G. (2015). Unsere Kinder brauchen uns!: Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung. Bremen: Genius Verlag.