Mädchen mit Puppe in der Ecke eines verlassenen Zimmers

Ein Raum in dem Ängste wachsen. © TheGuycalledDennis/Dennis Schwarz under cc

Die faszinierende Seite der Angst hatten wir bereits in diesem psyheu.de Beitrag vorgestellt, doch die Angst hat noch weitere Seiten und die aller dunkelste ist die unerträgliche Angst, die uns in zwei oder drei verschiedenen Formen begegnet. Bevor wir uns dem widmen, müssen wir zunächst Angst von Furcht oder Phobien unterscheiden.

In der Furcht oder den Phobien gibt es ein bestimmtes furchtbesetztes Objekt. Spinnen oder Dunkelheit, Fahrstühle oder Menschenmassen, was auch immer es ist, das Objekt ist bekannt und wenn es nicht da ist oder nicht die Aussicht besteht ihm zu begegnen ist die Furcht oder Phobie auch verschwunden und man kann ein mehr oder weniger normales Leben führen. Doch wenn die Angst sich von einem oder mehreren konkreten Objekten oder Situationen löst, verschlimmert sich die Situation enorm und von einem normalen Leben ist nicht mehr zu reden. Aus einer halbwegs kontrollierbaren Phobie oder Furcht, wird unerträgliche Angst.

Generalisierte Angststörung

Man spricht dann von einer generalisierten Angststörung oder frei flottierender Angst und es ist nicht etwa so, dass die Angst, die nun nicht mehr konkret ist, schwächer oder irgendwie verdünnt wäre, sondern es ist ganz im Gegenteil: die Intensität der Angst wächst, ins Unerträgliche. Man hat nicht Angst vor allem, sondern Angst wird zum ständigen Begleiter, man könnte sagen, eine Hintergrundmusik in dunklem Moll. Doch das klingt noch immer zu lieblich, eher ist es eine tiefe Dissonanz, sind es Misstöne, die alle Erfahrungen begleiten, das ganze Leben durchziehen. Es gibt phasenweise nichts mehr, was Menschen mit generalisierter Angst noch unbeschwert erleben können, gerade weil die Angst nicht konkret ist. Überall lauert eine abstrakte Gefahr, die aber zu einer realen Angst führt. Dennoch können konkrete Furchtsituationen und diffuse Ängste ineinanderfließen und zusammen auftreten.

Diese überall lauernde Angst kann man nicht meiden, man kann nicht vor ihr weglaufen. Es gibt wenige Phasen der Entspannung oft genug jedoch drückt die Angst, wie ein nicht enden wollender Albtraum und verfinstert das Lebens. In der Schreckenshierarchie bekommen solche Störungen einen Rang ganz weit oben. Eine Angstpatientin, die an einer Borderline-Störung litt, bei der die frei flottierende Angst zum Symptombild gehört und zugleich Krebs hatte, sagte, dass sie all ihre Ängste und Leiden im Zusammenhang mit ihrer Krebserkrankung als belanglos empfand, im Vergleich zu ihrer Angst. Zwar erlebt jeder Leid anders, aber allgemein wird Angst als äußerst belastend angesehen. Denn eigentlich ist Angst ein Alarmzustand des Körpers und der Psyche, der Gefahr melden soll. Dieser Ausnahmezustand nistet sich plötzlich dauerhaft ein, ohne dass einem klar wäre, wo konkrete Gefahr lauert. Es ist die latente Angst, dass immer etwas passieren kann. In diesem Sinne ist sie real, weil tatsächlich stets Unheil passieren kann, aber mit diesem Restrisiko können die meisten Menschen problemlos leben. Doch wie bei Menschen mit chronischen Schmerzen, diese auch dann noch da sind, wenn der eigentliche Auslöser verschwunden ist, so verselbstständigt sich hier die Angst.

Menschen mit unerträglicher Angst sind Spezialisten für drohende Gefahren und bauen sich, wenn sie besonders „begabt“ sind, manchmal nahezu ausweglose Szenarien, die eine Reduktion der Angst schwer machen. Einer guter Tipp gegen Angst ist, sich beim Sport auszutoben, aber wenn man zugleich eine Herzneurose hat und denkt, dass körperliche Anstrengung zum baldigen Tod führen wird und man jeden kräftigeren Herzschlag bewusst miterlebt, verbaut man sich, ohne es zu wollen, Lösungen. Vor allem hat man nie das Gefühl in Sicherheit zu sein. Was, wenn der Rettungswagen der mich ins Krankenhaus bringen könnte einen Platten hat oder der Fahrer plötzlich einen Infarkt bekommt? Diese Angstszenarien sind nie vollkommen absurd, nur extrem unwahrscheinlich. Aber das reicht, damit sich die Angst darin verbeißen kann und nicht mehr loslässt. Immerhin etwas, was man deuten und damit sich selbst besser verstehen kann, wir kommen drauf zurück.

Panikattacken

In Panikattacken erlebt die frei flottierende Angst eine gelegentliche Konkretisierung, fast wie ein Gewitterdruck, der sich irgendwo im Blitz entlädt. Jedoch bringt die Panikattacke keine Erlösung, sondern verschlimmert oft sogar die Situation. Die sexuelle Spannung legt sich beim Orgasmus, doch die Panikattacke hat keine Orgasmusqualität. Man entspannt sich nicht, sondern ist noch verwirrter und verunsicherter. Denn nun ist die Angst zwar ganz unmittelbar da, aber dennoch besteht eigentlich noch immer kein Grund. Man liegt vielleicht gerade im Bett, betritt ein vollkommen harmloses Geschäft und unversehens ist da plötzlich diese überwältigende Angst.

Die Panikattacke ist vielleicht die grauenhafteste Form, die die unerträgliche Angst annehmen kann. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie mit dem überwätigenden Gefühl verbunden ist augenblicklich wahnsinnig zu werden oder zu sterben. Man weiß nicht, wo man hin soll, denn es gibt keinen sicheren Ort. Von Borderline Patienten wird berichtet, dass sie manchmal extreme Reize gegen ihre dissoziativen Phasen brauchen, in denen sie durch Schmerzen oder Tobsuchtsanfälle wieder zu sich kommen und auch bei Panikattacken ist manchmal der Impuls da sich in extreme Situationen zu bringen, um zu merken, dass man da ist oder um die an sich grundlose Panik gegen eine begründbare einzutauschen. Denn, das was sonst Angst macht, wird in der Panikattacke manchmal wie eine Erlösung empfunden. Was könnte auch schlimmer sein, als das Gefühl zu haben, augenblicklich vernichtet zu werden?

Angst und Depression

Angst und Depression treten häufig zusammen auf. Der Zusammenhang wird neurochemisch oft darin gesehen, dass das Gehirn in einigen Regionen mit dem Neurotransmitter Serotonin unterversorgt ist. Serotonin hebt die depressive Stimmung und ist auch für die Regulation von Ängsten und Impulsen zuständig. Doch auch der an sich nicht depressive Mensch kann unter dem Einfluss andauernder lähmender Angst, gewürzt mit gelegentlichen Panikattacken, die Lust am Leben verlieren und in eine dann reaktive Depression rutschen.

Woher kommt die unerträgliche Angst?

An dieser Stelle ist es wichtig Angst, Trauma und Furcht sauber zu trennen.

  • Die Furcht oder Phobie bezieht sich auf ein spezifisches Gebiet was und es kann eine effektive Therapie sein, sich diesem Gebiet oder Thema unter Anleitung eines Therapeuten wieder zu nähern, sich zu konfrontieren.
  • Angstbesetzte Flashbacks (das plötzliche fragmentarische Wiedererleben von traumatischen Erlebnissen, die durch Umweltreize ausgelöst werden können) können im Rahmen von Traumatisierungen auftreten. Ein Trauma ist eine einmalige, überwältigende Situation die von der Psyche nicht adäquat integriert werden kann. Traumata können im Rahmen eigener Traumatherapieformen gelindert werden.
  • Die generalisierte Angst und die Panikattacken haben als Ursache oft eine Ich-Schwäche.

Ich-Schwäche ist jedoch auch nur ein Begriff. Nicht alles, was wie ein starkes Ich erscheint, ist auch eines, wir sind im Rahmen von psyheu.de in Wie wichtig ist ein starkes Ich? näher auf diesen Punkt eingegangen. Die Ich-Schwäche habe ich in „Angst und Ich-Schwäche“ (leider derzeit nicht online verfügbar) näher erläutert. Darum gleich zum Punkt: