Vier junge dunkelhäutige Männer.

Flüchtlinge in Frankfurt. © Picturepest under cc

Wir schaffen das! Dieses Mantra der Bundeskanzlerin ist derzeit in aller Munde. Fast ist es wie eine Glaubensfrage, bei der man sich eindeutig zu entscheiden hätte, ob man dafür oder dagegen ist. Im Herbst des Jahres 2015 wird viel über Politik geredet, auch in ansonsten politisch eher wenig interessierten Kreisen und das sogar mit erheblicher emotionaler Wucht. Kanzlerin Merkel, der bislang keine Krise oder Kehrtwende etwas anhaben konnte, ist auf einmal in Umfragen nicht mehr die beliebteste Politikerin. Aufmerksame Leser von psyheu.de wissen inzwischen, dass dort wo komplexe Sachverhalte auf Glaubensfragen der Kategorie schwarz oder weiß, dafür oder dagegen reduziert werden, moralische Regressionen nicht weit sind. Es bringt aber nichts diese Regressionen als naiv zu bezeichnen, da sie Ausdruck massenpsychologischer Effekte sind, deren Wesen gerade darin liegt, dass sie sich Argumenten entziehen oder – im Glauben, die Wahrheit zu kennen – genau die Argumente gebetsmühlenartig wiederholen, die man als richtig erachtet, während man die der Gegenseite zumeist schnell wegwischt.

Es sind auch eher Emotionen als Argumente die aktuell ausgetauscht werden, nachvollziehbare Emotionen. Ängste treffen auf den Wunsch zu helfen, Dramatisierungen auf Verharmlosungen, Angst vor Verlusten auf Hoffnungen durch Gewinne, Wut und Hass auf selten gekannte Hilfsbereitschaft.

Erste Hilfe für die Gesellschaft

Was also sollte man sinnvoll tun in so einer Lage? Es gibt die relativ ernüchternde Erkenntnis, dass man bei Regressionen sehr wenig tun kann. Die wenigen Stimmen, die dem Taumel der Emotionen nicht folgen und sich keinem Lager eindeutig anschließen wollen, werden vom den emotional Aufgebrachten gewöhnlich aufgefordert sich zu bekennen, dafür oder dagegen zu sein, tun sie es nicht, werden sie als lauwarme Drückeberger oder gar Verräter deklariert. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, die Kräfte zu bündeln und die Argumente auszutauschen. Doch ganz so hoffnungslos ist es nicht und das Gebot der Stunde lautet erst mal abzuwarten.

Neben der realistischen Größe des Flüchtlingsthemas sind wir parallel Zeugen eines Hypes. Keine Talkshow, kein Tag, ohne neue Stellungnahmen, Meinungen, Kommentare. Doch jeder Hype geht einmal vorbei, oft in einer Radikalität, dass man das Thema überhaupt nicht mehr erinnert. Griechenland, Urkraine, Bahnstreiks, German Wings und Ebola sind nur die Stichworte aus der jüngsten Zeit. Ex-Bundespräsident Wulff, Fukushima und Vogelgrippe, bei der Menschen ernsthaft fragten, ob sie noch auf Federkissen schlafen könnten, liegen weiter zurück. Bei vielem denkt man: War da was?

Auch ohne eine Glaskugel zu besitzen, darf man erwarten, dass auch der Hype um die Flüchtlingsdebatte nach der üblichen Zeit abklingen wird. Dann ist die Zeit für Argumente gekommen, was nicht heißt, dass man in den Zwischenzeit nicht schon handeln kann.

Hysterie und Euphorie?

Das Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz attestiert uns bei der Welle der Hilfsaktionen eine beinahe hysterische Reaktion. Doch wie soll man es auch richtig machen? Zeigt man Flüchtlingen die kalte Schulter, ist man ein Ignorant oder Rassist, reagiert man als Helfer, ist man hysterisch. Maaz mag mit seiner Analyse durchaus recht haben, aber innezuhalten und in sich zu gehen, ist derzeit vermutlich noch nicht möglich.

Die Zahl der Stimmen sind viele und die Meinung bunt. Jeder sieht sein Argument als das wichtigste an. Manche Ressentiments haben sich überlebt. Nicht das Boot ist voll, die Töpfe sind leer. Oder zumindest sehr ungleich verteilt. Das führt zu Unmut und sozialen Spannungen in der bröckelnden Mittelschicht.

Der Migrationsforscher und Ökonom Jorge Borjas warnt derweil vor seinen Migrationsforscher-Kollegen, die allerlei Nutzen für die Gesellschaft durch Flüchtlinge propagieren. Das Durchschnittsalter in Deutschland durch eine Million 25-Jährige würde lediglich von 43 auf 41 Jahre sinken, so ein Argument.[1] Das klingt marginal, aber statistische Effekte in großen Mengen sehen nie sonderlich erheblich aus und derzeit ist der Trend ein unweigerliches Ansteigen des Durchschnittsalters, was für unsere Gesellschaft durchaus brisant ist. Ansonsten fehlt der Stimme das für den Diskurs entscheidende, die Argumente. Wir wissen nicht, ob wir es schaffen, aber das ist ja nun tatsächlich so gut wie jedem bewusst und der Umkehrschluss, dass wir es nicht schaffen, ist daraus schlicht nicht zu ziehen.

Wenn man die Zeit zurück drehen könnte, hätten wir zwar aktuell Ruhe, aber das Thema wäre nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Der Faktor Demographie ist über viele Jahre von der Politik und in der allgemeinen Wahrnehmung sträflich vernachlässigt worden. Jetzt heißt es etwas spöttisch, Demographie sei Volkssport, doch das ändert wenig daran, dass auf die entscheidenden Fragen keine Antworten vorliegen. Alles was die deutsche Schrumpfvergreisung stoppt, ist ungeheuer wichtig. Da in Deutschland mit großer Kontinuität (und aus einer Vielzahl von Gründen) sehr wenig Kinder geboren werden ist Einwanderung die einzige Alternative um den Kollaps des Rentensystems aufzuhalten. Da 1,4 Kinder pro Frau wenigen etwas sagt, sind andere Zahlen aussagekräftiger: 1818 kamen in Deutschland auf 1000 Einwohner 45 neugeborene Kinder, 1900 waren es 36, 1939 dann 19 und 2009 gerade noch 8.[2] Wenn immer weniger junge Menschen, die Renten für immer mehr und immer langlebigere alte Menschen stemmen müssen, dann ist das schwer zu schaffen. Wir schaffen das, hieß es vor knapp 30 Jahren von Minister Norbert Blüm, in der Variante, dass die Rente sicher sei. Es wird eng.

Gunnar Heinsohn beziffert die Zahl der, durch die demographischen Erosionen, jährlich benötigten Einwanderer auf 500.000 pro Jahr, die Industrie und diverse Studien stimmen mit ein. Da die tatsächlichen Einwandererzahlen der letzten Jahren stark variierten und es recht konstant zwischen 600.000 und 800.000 Auswanderer gab, die man in die Rechnung mit einbeziehen muss, ergibt sich insgesamt das Bild, dass die Zahl der Gesamteinwanderer die erwünschten 500.000 in kaum einem Jahr der letzten 20 Jahre je erreicht hat.[3]