Waldweg

Der Weg zum diagnostizierten Depersonalisationssyndrom ist für die Patienten oft lang und steinig © Roberto Verzo under cc

Nachdem im ersten Teil dieser Reihe zum Depersonalisationssyndrom unter anderem das klinische Erscheinungsbild umschrieben worden ist, beschäftigt sich der zweite Teil mit den Ursachen der Depersonalisation. Diese können vielschichtig sein und erfordern seitens der Kliniker eine umfassende Diagnostik, welche Komorbiditäten, also das mögliche gemeinsame Auftreten mit anderen Erkrankungen, genauestens prüft.

Mögliche Ursachen der Depersonalisation

Viele Patienten, welche unter dem Depersonalisationssyndrom leiden, haben einen langen Leidensweg hinter sich, weil die Ursachen nicht oder nur unzureichend erkannt worden sind. Fehldiagnosen, das Gefühl, mit seinen Symptomen nicht ernst genommen zu werden, sowie erfolglose Therapien können die Folgen sein. Die Prävalenz der Depersonalisation in Deutschland wird auf etwa ein Prozent geschätzt (was in etwa der Häufigkeit von an Magersucht oder Epilepsie Erkrankten entspricht), dagegen wird die Diagnose einer Depersonalisation deutlich seltener, nur bei 0,007 Prozent der deutschen Bevölkerung, gestellt (vgl. Michal, 2013, Österreichische Ärztezeitung, 2013, Universitätsmedizin Mainz, 2015). Darüber hinaus scheinen im Durchschnitt sieben bis zwölf Jahre zu vergehen, ehe nach Erstkontakt mit einem Kliniker eine korrekte Diagnosestellung erfolgt. Ein Handlungsbedarf durch vermehrte Aufklärung scheint demnach überaus notwendig zu sein.

Nachfolgend sind einige Beispiele aufgeführt, welche als Ursachen der Depersonalisation in Frage kommen können.

Andere Erkrankungen als Ursachen der Depersonalisation

Symptome der Depersonalisation können zum Beispiel in Zusammenhang mit organischen Erkrankungen auftreten (Österreichische Ärztezeitung, 2013, Universitätsmedizin Mainz, 2015). Zu nennen wären hierbei:

  • Schädelhirntraumata
  • organische Hirnschäden
  • Epilepsien
  • Migräne
  • Schwindelsyndrome

Psychische Erkrankungen, welche als Ursachen der Depersonalisation zugrunde liegen könnten, können sein (vgl. Österreichische Ärztezeitung, 2013, Universitätsmedizin Mainz, 2015):

  • Angststörungen
  • Depression
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung
  • Schizotype Persönlichkeitsstörung
  • Drogenintoxikation (z.B. Cannabis)
  • Posttraumatische Belastungsstörung (nach Unfällen, Katastrophen etc.)
  • Akute Belastungsreaktion
  • Dizzoziative Identitätsstörung
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Ausschlussdiagnostik

Eine genaue Klärung der Ursachen der Depersonalisation sollte über eine Ausschlussdiagnostik erfolgen, das heißt über ein genaues Abprüfen möglicher dahinterstehender Erkrankungen (wie den oben genannten). Da häufig Fehldiagnosen hinsichtlich psychotischer Symptome bestehen, sollte diesbezüglich bei der Diagnostik ein besonderer Stellenwert eingeräumt werden: Die bereits im ersten Teil erwähnte Realitätsprüfung, das heißt das Bewusstsein für eine veränderte Wahrnehmung (als-ob-Gefühl), ist ein nennenswerter Unterschied dabei (Michal, 2013). Die Realitätskontrolle sowie kein beobachtbarer Identitätsverlust bilden auch in Bezug auf andere dissoziative Störungen ein besonderes Unterscheidungsmerkmal bei der Diagnostik von Depersonalisation (Fiedler, 2013).

Zeichnung einer Frau

Psychose versus Depersonalisation: Realitätsprüfung entscheidend © CHRISTIAAN TONNIS under cc

Depersonalisationssymptome in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen sind oft vorübergehender Natur. Handelt es sich dagegen um einen über Monate anhaltenden Zustand kann zumeist (nach Prüfung der diagnostischen Kriterien) von einem Depersonalisations-Derealisations-Syndrom gesprochen werden (Michal, 2013).

Organische Befunde bei Depersonalisation

In neurobiologischen Studien zeigte sich bei Patienten mit Depersonalisationssyndrom eine Erhöhung der präfrontalen Aktivität im Gehirn sowie eine Verringerung der Aktivität im limbische System (Österreichische Ärztezeitung, 2013). Demnach scheinen die wahrgenommenen und verarbeiteten Inhalte im Gehirn nicht mit der emotionalen Bedeutungszuschreibung in Verbindung zu stehen. Zudem wurde in Studien gefunden, dass die Fähigkeit, Körperteile als zu sich zugehörig zu empfinden oder von Schmerzreizen emotional betroffen zu sein, bei diesen Patienten verringert ist.

Ob die Ursachen der Depersonalisation organischer oder psychischer Natur sind, kann über akkurate Diagnostik geprüft werden, sodass entsprechende Behandlungen erfolgen können, wie im letzten Teil unserer Reihe zur Depersonalisation nachzulesen sein wird.

Quellen: