Zwei Frauen und ein Mann in weißen Kitteln im Labor

Weißer Kittel, forschender Blick: ein moderner Mythos © NIH Image Gallery under cc

Als mythisch-rational wird eine recht unbekannte und irgendwie auch gut verdrängte Zwischenstufe bezeichnet. Der Begriff stammt von Ken Wilber, er beschriebt ihn in „Eros, Kosmos, Logos“.[1] Er bezeichnet die Haltung Mythen mit scheinbar rationalen Gründen zu stützen, aber gleichzeitig noch immer an einem Lieblingsmythos festhalten zu wollen. Solange man all das abstrakt beschreibt ist es kein Problem, das ändert sich jedoch gewöhnlich, wenn wir den Begriff mythisch-rational mit Fleisch füllen.

Warum machst du nicht den Wallraff?

Diese Frage stellt mir ein Freund, dem ich Vorkommnisse im Rahmen meiner damaligen beruflichen Tätigkeit schilderte. Nun, in der Tat, machte ich hier und da, dosiert immer mal wieder etwas von den Missständen – oder dem, was mir so erschien – öffentlich. Die Reaktion war häufig, keine Reaktion. Ein müdes Schulterzucken, ein „Wird schon nicht so schlimm sein“, und dergleichen. Breitet man die Konsequenzen und eigenen Befürchtungen weiter aus, erscheint man, mehr oder weniger schnell, als leicht paranoider Spinner. Das muss man irgendwann akzeptieren und dann ist es eine Frage der persönlichen Neigung, ob man die Ärmel hochkrempelt und sagt: „Jetzt erst recht.“, oder anders mit der Sache umgeht. Mich fasziniert vor allem die Frage, warum das so ist.

Einerseits lassen wir kaum eine Gelegenheit aus, uns zu gruseln oder zu empören, aber wenn es dann darum ginge tiefer zu buddeln, erlahmt das Interesse spürbar. Aber warum? Natürlich einerseits, weil wir etwas ändern müssten, wenn wir es ernst meinen. Und, angesichts der Missstände hier und da und dort kann das recht aufreibend werden und irgendwann lässt man einfach resigniert die Flügel hängen, denn es ist zu viel. Wo soll man anfangen? Aus diesem Gedanken heraus habe ich: Die Kraft der 10% geschrieben, um zu zeigen, dass es auch mit minimalem Aufwand geht oder gehen könnte, bezeichnenderweise ein Beitrag, der weniger interessierte (obwohl ich schon Schlechteres geschrieben habe). Aber da ist noch etwas:

Wir wollen uns nicht enttäuschen lassen

All die ganzen Empörungen und Ängste sind dann nett, bereichernd und gut zu ertragen, wenn es im Leben im Großen und Ganzen stimmt. Und stimmen tut es, zum einen, wenn die realen Faktoren im Leben halbwegs dem entsprechen, was man selbst will und was gesellschaftlich akzeptiert ist. Und obendrein – und vielleicht sogar am stärksten – wenn wir über ein Weltbild verfügen, was uns auch dann trägt, wenn es mal nicht so gut läuft. Es hilft uns, die Dinge, die in unserem Leben passieren, zu verstehen und sei es über den Rückgriff auf Floskeln und Klischees. Wir halten daran in den allermeisten Fällen und überraschend lange fest, selbst dann noch, wenn man sehen könnte, dass es die Welt gar nicht mehr so gut erklärt. Doch dann wird eher die Wirklichkeit der (sozialen) Wahrnehmung angepasst, als umgekehrt. Wir wollen uns nicht enttäuschen lassen.

All die Weltbilder die wir bislang besprochen haben, haben die meisten von uns hinter sich gelassen. Zum Teil und etwas verdünnt tauchen sie noch auf, aber es geht nicht mehr um einen Überlebenskampf bei uns, nicht um Magie und auch der Mythos hat bei uns wenig Konjunktur. Zumindest auf der bewussten Ebene. Mythisch-rational ist die Stufe, das Weltbild in dem vermutlich die meisten in unserer Gesellschaft baden, aus dem heraus sie ihr Leben leben.

Auf der mythisch-rationalen Stufe sind wir intelligent genug, zu erkennen, dass ein Mythos – gleich welcher Art – rational unterfüttert, erklärt und gestützt werden muss. Auch den meisten religiösen Menschen entgeht nicht, dass wir in einem naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter leben und das ganz schlichte Mythen heute nicht mehr geglaubt werden. Rationalität fragt nach Gründen, fragt, warum man etwas glauben soll und wieso der andere meint, richtig zu liegen.

Doch nun kommt es für viele zu einer Überraschung. Für manche Menschen ist auch heute noch die erste tiefere Berührung mit den Naturwissenschaften ein Befreiungsschlag. Eine typische Karriere sieht hier so aus, dass man, aus einem religiösen Elternhaus stammend, vielleicht noch Messdiener war und irgendwann mit naturwissenschaftlichen Erklärungen in Kontakt kommt. Von da an, ist in so manchem Leben alles anders. Wie immer bei Weltbildern hängt viel mehr daran, als nur eine kleine Korrektur. Für Menschen, die diesen Schritt machen, hängt die Frage nach der Existenz Gottes daran. Und sie ringen mit sich, weil diese Frage Konsequenzen für ihr ganzes Leben hat und natürlich auch für die Beziehung mit dem oft religiösen Umfeld. Ein Zweifelnder, ein Atheist gar in einer religiösen Familie, das kann auch heute noch Probleme bereiten und individuelle Schicksale prägen. Es gibt diese Beispiele und oft sind die neuen Atheisten begeistert von der eigenen Erkenntnis nun mit geradezu missionarischem Eifer unterwegs, um auch anderen zu zeigen, was sie erfahren haben.

Ihre Idee ist dabei, dass die Konfrontation mit den wissenschaftlichen Fakten einfach jeden zum Umdenken bringen muss. Ihre Überzeugung ist, dass es dabei allenfalls auf die richtigen Beispiele ankommt. Spätestens nach der dritten guten Erklärung müsse dann aber jedem klar sein, dass die Sache mit dem lieben Gott im Himmel, der Buch über uns führt und einen langen weißen Bart hat, so niemanden mehr hinterm Ofen hervor locken kann.

Das aber tut es auch nicht. Das reine mythische Weltbild ist großenteils in unserer Gesellschaft überwunden. Wir sind heute gewohnt, nachzufragen und kritisch zu sein: Wieso soll ich das glauben? Wo sind deine Beweise? Und spätestens dann, so sind viele Atheisten überzeugt, fällt das Kartenhaus der Religion, aller Religionen, in sich zusammen. Den Realitätscheck überlebt diese Einstellung jedoch erstaunlich selten. Und das hat mehrere Gründe.

Kreationismus

Der erste Grund betrifft den Kreationismus. Kreationisten sind Menschen, die irgendwie an einen Schöpfer (Creator) glauben. Die Zahl der naiv Gläubigen ist in unserer Gesellschaft in der Unterzahl. Auch von den religiös gläubigen Menschen hat kaum noch einer das Bild vom alten Mann mit Bart im Kopf. Viele denken jedoch an eine irgendwie höhere Macht, von der sie auch nicht wissen, wo sie sich befindet. Im Islam ist es verboten, sich ein Bild zu machen, in den zehn Geboten des Christentums heißt es auch, man solle sich kein Bildnis oder Gleichnis machen. Natürlich entzieht sich eine „irgendwie höhere Macht“ auch der Möglichkeit kritisiert zu werden. Je unkonkreter eine Gottheit ausgestaltet ist, umso weniger ist sie angreifbar. Wenn man nicht weiß, wo sie sich befindet und was sie vorhat, kann auch nicht überprüft werden, ob das eingetreten ist, was man erwartete.

Der „Fehler“ (wenn nicht das passiert, was man erwartete) ist aus religiöser Sicht nicht Gott anzulasten. Vielleicht hat ja jemand nicht genug gebetet, vielleicht schwankt man im eigenen Glauben. Doch viele Atheisten überzeugt das nicht und sie sehen gerade in dieser Argumentation ein Rückzugsgefecht. Und in gewisser Weise ist es eines, denn eine solche These ist nicht zu widerlegen, was wissenschaftstheoretisch ein knock out ist. Aber warum sollte man sich für das „Menschenwerk“ Wissenschaftstheorie überhaupt interessieren, könnten religiös gläubige Menschen fragen? Auf diese Argumentationen gehen wir weiter unten ein.

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