Junger Vater, kurze Haare, Bart und blonder Junge, Wange an Wange

Der Ödipuskomplex fällt heute oftmals aus. © Ben Francis under cc

Es ist an der Zeit noch einmal über den Ödipuskomplex zu reden und aufzuzeigen, warum wir den Ödipuskomplex brauchen.

Dass wir überhaupt den Ödipuskomplex brauchen könnten, ist eine erst mal merkwürdige Vorstellung. Ist er doch als eine schwierige, neurotische, also psychopathologische Konstellation bekannt. Diese Haltung muss also begründet werden. Um die Grundsituation noch mal zusammenzufassen: Der kleine Junge begehrt seine geliebte Mutter. Zugleich erlebt er sich in Konkurrenz zu einem anderen Menschen, der die Mutter begehrt, nämlich seinem eigenen Vater. Diesen Konkurrenten erlebt er als in jeder Hinsicht übermächtig, ist aber zugleich wütend auf ihn, doch kann er seine Wut nicht zeigen und hat obendrein Angst vor der Strafe durch diesen übermächtigen, autoritären Konkurrenten. So erlebt der kleine Junge sich hilflos, gehemmt und „kastriert“.

Die Sprache Freuds ist immer auch erweitert zu denken, so dass die Kastrationsangst hier neben der sexuellen Hemmung auch die Hemmung eigener kreativer, lebendiger und wütender Aspekte der eigenen Psyche durch die väterliche Autorität meint.

Der Ödipuskomplex in der heutigen Zeit

Die Rezeption des Ödipuskomplexes in der heutigen Zeit ist extrem kontrovers. Damit es nicht zu einfach ist, gleich noch aus mehreren Gründen. Noch immer gibt es Stimmen, die meinen, Freud hätte das alles erfunden oder Einzelfälle unzulässig verallgemeinert. Andere bestreiten, dass es Neurosen überhaupt gibt. Wie dem auch sei. Bis zur Mitte der 1970er Jahre war die neurotische Form dominierend in der Betrachtung von Psychopathologien. Man ging im Großen und Ganzen davon aus, dass es zwei psychopathologische Hauptgruppen gibt, die Neurosen und die Psychosen. Man hatte zwar immer schon eine vage Ahnung, dass es es irgendetwas dazwischen geben muss, weil man schon in der frühen Phase der Psychoanalyse Patienten hatte, deren Symptome irgendwie beides umfassten. Der Begriff „Borderline“ tauchte schon im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts auf, doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis die Bedeutung und Verbreitung dieser ganzen großen Klasse von schweren Persönlichkeitsstörungen erfasst, systematisiert und einer Therapie zugänglich gemacht wurde. Aus der schmalen Grenze oder Linie, ist eine Fläche geworden.

So kennen wir heute drei (bis vier) Gruppen der Psychopathologie, die am besten organisierte Gruppe der Neurotiker, die schweren Persönlichkeitsstörungen (die selbst noch einmal in leichte und schwere Formen unterteilt werden) und die Psychosen, bei der die Ich-Organisation verloren ist. Inzwischen führte diese an sich großartige Entwicklung aber dazu, dass die Neurosen vergessen wurden und in der Betrachtung ein Schattendasein fristen. Die klassischen ödipalen Hemmungen zählen zu diesen neurotischen Formen.

Aber da ist noch etwas anderes und das berührt den Punkt, um den es gehen soll. Wie wir oben sahen, ist das kleine Kind durch die (so erlebte) väterliche Allmacht gehemmt. Die Aufgabe besteht nun darin, sich an diesem Komplex abzuarbeiten und den Vater als Dominator als lähmende Autorität zu ermorden. Nicht leibhaftig, obwohl es diese Todeswünsche und dann wieder eine Angst vor Strafe und ein Erschrecken vor der eigenen, sanktionierten Wut durchaus gibt, sondern im übertragenen Sinne.

Das kann sehr still vor sich gehen und in letzter Konsequenz geht es darum, dass die Abhängigkeit von der väterlichen Autorität überwunden wird. Das Bild des alldominanten Vaters in der eigenen Psyche muss sterben. Nicht in der Weise, dass man nun alles, was aus dem Bereich väterlicher und elterlicher Wertvorstellungen kommt, ablehnt – denn dann wird das eigene Leben eine reine Gegenversion der elterlichen Vorschriften: ein Tanz ums das gleiche goldene Kalb, nur von der anderen Seite – sondern, in dem man im besten Sinne frei davon wird und diese Position überwindet. Das sieht so aus, dass man sich durchaus von einigem was man von den Eltern und besonders dem Vater mitbekommen hat anregen lässt, es mit einbezieht und kritisch würdigt. Zum einen ist das die eigene Vergangenheit, die kann man nicht ungeschehen machen, zum anderen irren sich die Eltern in der Regel nicht in allem und letztlich geht es darum diesen Teil der eigenen Psyche mit neuen, anderen Anregungen, Impulsen und eigenen kreativen Ideen zu fusionieren und sich ein eigenes Urteil zuzutrauen. Ist die innere Schlacht geschlagen, kann man sich bestens mit dem eigenen Vater verstehen, doch nun als eigenständiger und selbstbewusster Mensch, der seine Version des Lebens lebt und verantwortet.

Wer jetzt denkt: „Hä?“ und wem diese Beschreibung allzu antiquiert vorkommt, der irrt sich keinesfalls. Und das macht die Geschichte so überaus kompliziert.

Der Vater in der heutigen Zeit

Die Väter, die wir heute erleben sind oft sehr anders, als es hier eben beschrieben wurde. Zum einen ist die Rolle des Vaters viel heterogener geworden, zum anderen viel schwächer. Das strenge Patriarchat, was bis vor nicht allzu langer Zeit auch bei uns dominierte, wurde gezähmt und oftmals in sein Gegenteil verkehrt. Das hat eine Vielzahl von Gründen, die komplex sind und die wir nur anreißen können. Ein wesentlicher Punkt ist der, dass die väterliche Autorität in sehr früher Zeit mit der größeren Körperkraft der Männer einherging. Noch heute können Männer Frauen durch ihre Körperkraft unterdrücken, aber die größere Kraft spielt im Zeitalter der Maschinen keine große Rolle mehr.

Der nächste Punkt ist, dass der Mann lange Zeit als nahezu naturgegebener Versorger der Familie galt. Er ging arbeiten, die Frau war für Kinder und Haushalt zuständig. Ausnahmen gab es immer schon, aber das waren eben auch Ausnahmen. Schon im frühen 19. Jahrhundert begann der Zeit der lohnabhängig Beschäftigten anzuwachsen. Demzufolge hatten sie weniger Eigentum zu vererben und das ökonomische Motiv, einen Sohn als Versorger in die Welt zu setzen, sank. Was auch immer die Gründe dafür waren, dass dieser stille Vertrag aufgekündigt wurde, in den 1920er Jahren suchten immer mehr höhere Angestellte eine Frau, die sich im Zweifel selbst versorgt und das wiederum führte dazu, dass Frauen nun erstmals vertragsfähig wurden. Damit wurden die Männer in ihrer scheinbar naturgegebenen Rolle als Ernährer infrage gestellt und die Frauen schrittweise wirtschaftlich unabhängig.[1]

Das ist eine langsame, durch große Kriege unterbrochene Bewegung, die durch die Emanzipationsbewegung der Frauen, die in den 1970ern an Kraft gewann, noch einmal verstärkt wurde. Die Gesellschaft spaltete sich. Der Mann war in konservativen Kreisen noch immer der stolze Patriarch, gründend auf Tradition. Doch Tradition ist auf den ersten Blick keine Begründung, sondern eine Gewohnheit. Die Tatsache, dass etwas immer schon so war, heißt nicht, dass es auch immer so bleiben muss. Und so war die Frauenbewegung ein weiterer Türöffner und viele alte Normen und Werte wurden mit ihr und im Zuge der Studentenbewegung der späten 1960er hinterfragt und abgelehnt. Bereiche, die bisher nie beachtet wurden, wurden zunächst von einer Avantgarde thematisiert und sickerten dann in den Mainstream ein. Die Gleichberechtigung der Frauen, der Homosexuellen, die Sorge um die Ausbeutung der Natur, ein drohender Klimawandel, alles Themen der frühen 1970er, in denen sich zum ersten Mal auch ein schleichender Fortschrittspessimismus etablierte, eine grüne Partei auftauchte und eine Esoterikwelle langsam anhob, deren gesellschaftliche Bedeutung bis heute weitgehend unreflektiert blieb.

In liberalen Kreisen änderten sich das Rollenverständnis von Männern und Frauen allmählich, in die Richtung, die wir heute kennen. Die Rolle des Vaters wurde geschwächt. Nicht nur als starker Mann, sondern auch als Versorger. Mehr und mehr erschienen bestimmte, ehemals verehrte Männerbilder, sogar eher als lächerlich. Der stille Held, der unbeirrt seinen Weg geht, der Mann als Cowboy, als Macho und Verführer. Nun, Frau konnte sich diesen Mann als Liebhaber vorstellen, aber weniger als Versorger ihrer Kinder. Da wurde die gezähmte Variante bevorzugt. Solide, sauber, pünktlich, vielleicht nicht sexy, aber zuverlässig. Verwirrend für den Mann, der sich fragt, wie er denn nun sein soll und der erstmalig offen mit Forderungen konfrontiert war.

Das Kind mit dem Bade

Irgendwas ging da in der Folge schief. Der Mann wurde nicht nur dressiert, sondern schrittweise entwertet und zunehmend zu einer etwas bizarren Mixtur gemacht. Lächerlich und/oder gefährlich, irgendwie gänzlich überflüssig. Im Zuge der Strömung der Zeit wurde das biologistisch verbrämt sogar zum Aufmacher des Spiegel. Auch sozial betrachtet erschien vieles, was Männer Kindern geben können, als verzichtbar, wenn nicht falsch. Ins Stadion gehen, blöde Ballerspiele vorm Computer, Wettkampf, das war nichts, was Kinder wirklich brauchen, so dachte man. Traditionelle Familienstrukturen zerbrachen zu immer mehr Patchworkfamilien oder alleinerziehenden Elternteilen, auch wenn die klassische Familie noch immer das Modell Nummer 1 ist. Dazu kam noch ein Thema. War der Mann früher ein potentieller Vergewaltiger, so drohte jetzt auch noch ein sexueller Übergriff auf die eigenen Kinder. Zum einen wurde in der Zeit das Thema sexueller Übergriffe stark in den Fokus gerückt, zum anderen Teil instrumentalisiert und mitunter zum bequemen und grausamen Bestandteil falscher Verdächtigungen. Der traurige Höhepunkt dieser Bewegung war Ende der 1990er, doch da war der Zug schon abgefahren, was die Reputation der Männer anging.

Die Emanzipationsbewegung der Frauen

Ich bitte ausdrücklich, die obigen Überlegungen nicht auf die falsche Kurzaussage zu reduzieren, dass die Frauenbewegung schlecht oder schädlich gewesen sei. Das Gegenteil ist der Fall. Sie hat, wie alle Bewegungen, ihre zwei Seiten, kannte ihre Übertreibungen und Zuspitzungen und ist unterm Strich eine großartige und wichtige soziokulturelle Errungenschaft und eine Bewegung, die noch immer nicht abgeschlossen ist, weil weiterhin Ungerechtigkeiten existieren. Inzwischen ist in einigen Bereichen die Waagschale gekippt, so dass dort Männer benachteiligt sind, in anderen aber nach wie vor die Frauen. Das Ziel sollte sein, Asymmetrien und Ungerechtigkeit jeder Art zu minimieren oder zu beseitigen, was nicht mit Gleichmacherei zu verwechseln ist. Schlecht wäre es, einen Wettkampf zu starten, wer nun benachteiligter ist und die Geschlechter gegeneinander auszuspielen und die Ungerechtigkeiten gleichmäßig zu verteilen.