Kölner Dom und Hohenzollern Brücke bei Nacht.

Die Ereignisse rund um den Kölner Dom sind seit der Silvesternacht auch ein Symbol für eine Zäsur in einigen Debatten. © Luftphilia under cc

Der Narzissmus in der Gesellschaft ist ein Problem, was als solches meistens nicht erkannt wird, weil wir nicht sehen, dass eine narzisstische Pathologie den roten Faden zwischen vielen Entwicklungen darstellt, die wir heute als Einzelphänomene erleben und kritisieren.

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da beschrieben wir hier die Verunsicherung als das aktuelle Grundgefühl der Gesellschaft und der Befund hat an Aktualität nichts verloren. Das Gefühl einer Spannung ist geblieben und die Angst vor einer drohenden Spaltung der Gesellschaft sogar noch dazu gekommen.

Versuchen wir also nun, die Bereiche zusammen zu bringen und den inneren Zusammenhang zu erklären.

Innerpsychisch und gesellschaftlich

Manche Phänomene, wie der Narzissmus in der Liebe, der Perfektionismus im privaten und beruflichen Bereich, sowie der Wegfall des Ödipuskomplexes haben private und gesellschaftliche Folgen und wenn die Betonung auch manchmal mehr auf der einen oder anderen Seite liegt, so gibt es doch breite Schnittmengen, deren innerer Zusammenhang sich recht offensichtlich ergibt.

Weniger offensichtlich ist jedoch der Zusammenhang zwischen vermeintlich rein gesellschaftlichen Themen, wie dem Wirtschaftssystem, mit dem wir zu tun haben und der Psyche, unserer Innerlichkeit.

Der Neoliberalismus

Einer der Hauptangeklagten derzeit ist der Neoliberalismus. Es wäre ein eigenes Thema, der Frage nachzugehen ob der gegenwärtige Neoliberalismus wirklich so gemeint war, oder nicht und wie immer wird man unterschiedliche Stimmen hören können. Bleiben wir bei der allgemeinen Kritik und dem Verständnis des Begriffs. Der Neoliberalismus ist eine Zuspitzung des Kapitalismus. Seine Vertreter haben einige Versprechungen gemacht, die sie nicht oder nur unzureichend haben einlösen können.

Grob gesagt, war die Ansage der neoliberalen Vertreter: Bahn frei für die Wirtschaft. Lasst uns gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft schaffen, „belästigen“ wir die wirtschaftlichen Entwicklungen und die des Finanzmarktes nicht mit Gesetzen und Bürokratie und dann wird alles gut. Der Markt wird dafür sorgen, dass schon bald mehr Gerechtigkeit und Zufriedenheit herrschen wird. „Sozial ist, was Arbeit schafft“, ist ein markiger Slogan dieser Denkweise.

Die Versprechungen wurden nicht eingehalten. Der Markt bekam weitgehend freie Hand, was 2007 zu einer knackigen Finanzkrise führte und in unschöner Reihe zu verschiedenen Skandalen und Manipulationen im Wirtschaftsbereich führten, die Wahlweise auf Gier oder den Druck um jeden Preis gute Zahlen präsentieren zu müssen zurück gehen und das bis in Bereiche der städtischen Infrastruktur und unseres Gesundheitssystems. Man sieht sich, mit dem Gefühl der Ohnmacht einem Gegner gegenüber, gegen den kein Kraut gewachsen scheint. Die Lösung aus dem linken Lager ist seit ewigen Zeiten immer die Revolution, doch wo man sie versuchte, muss uns das Ergebnis zu oft entsetzen.

Die kritischen Beschreibungen der Folgen des Neoliberalismus, wie eine Leistungsbereitschaft bis zur Selbstausbeutung, neudeutsch „Burnout“ oder eine Entsolidarisierung der gesellschaftlichen Klassen und die Angst der schrumpfenden Mittelschicht sind alle treffend, doch es wird viel zu selten der Blick auf die Psyche, die Struktur unserer Innenwelt gelegt. Hier wird Potential verschenkt, weil man hier die Lösung einfach nicht vermutet. Was soll eine psychische Korrektur an unserem Wirtschaftssystem ändern?

Aber stellen wir die Frage anders: Warum kann ein offensichtlich kaltes und herzloses System der Selbstausbeutung so gut in unserer Gesellschaft greifen? Wieso winken wir nicht ab und zeigen denen, die so etwas von uns fordern eine Vogel, sondern machen, bis zur völligen Erschöpfung mit? Was ist bloß mit uns passiert?

Rettet unsere Werte!

In Dresden gehen besorgte Bürger Montags spazieren um unsere Werte zu retten. Auch an weiteren mehr oder weniger passenden Stellen wird dazu aufgerufen unsere Werte zu verteidigen. Das ist soweit in Ordnung, weil ein Teil der Ich-Identität auch die Identifikation mit den Normen und Werten der Gesellschaft, aus der man stammt, ausmacht. Verwirrend ist, dass so gut wie niemand sagt, welche Werte da eigentlich gemeint sind. Meistens kommt dann raus, irgendwas mit Grundgesetz und Menschlichkeit, doch die Prüfung, ob die, die am lautesten schreien sich selbst an das halten, was sie da fordern (oder es überhaupt wirklich kennen) fällt dann entweder flach oder eher peinlich aus.

Es ist in meinen Augen fundamental wichtig über Werte zu diskutieren und diese auch zu schützen, aber erst mal muss ausgehandelt werden, um welche Werte es überhaupt gehen soll. Wie wollen wir zukünftig alle zusammen leben, was geht, was geht nicht, was geht gar nicht? Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln lassen diese Frage nur umso dringender werden.

Die Antwort ist, in nicht wenigen Fällen, dass wir keine Werte mehr haben. Oder anders ausgedrückt, ziemlich viele, verwirrend viele. Irgendwie geht alles bei uns und das finden wir ganz nett, tolerant und liberal, aber die Kehrseite ist, dass sich jeder seine Lieblingsideen aus dem reichen Gesamtpaket herausgreifen kann, es sind ja für jeden beliebigen Lebensansatz die entsprechenden Werte vorhanden. Man kann leben, wie man will, irgendwo findet man immer jemanden, der einem erklärt, warum der eigene Lebensansatz ganz wunderbar ist, für alles gibt es den entsprechenden Baukasten mit Versatzstücken, Praktiken, Anweisungen, Normen und Werten.

Aber, Moment mal. Ist da nicht eigentlich was auf den Kopf gestellt? Ist es wirklich so, dass Normen und Werte primär dafür da sind, sich nach meinem Leben zu richten? Wir finden Normen und Werte heute oft total chic, hip und süß, solange wir uns selbst nicht dran halten müssen. Man kann heute überzeugte Veganerin sein oder Katholik, Atheist oder Feministin, gegen Kapitalismus oder dafür. Ökologisch bewegt oder esoterisch, Demokrat oder Postdemokrat, irgendwie geht alles … warum eigentlich?

Weil unsere Werte in einem nicht unerheblichen Ausmaß ihre Verbindlichkeit verloren haben. Sie gelten, wenn man Spaß hat sich drauf festzulegen, wenn nicht, wechselt man sie aus, wirft sie weg; wie so Vieles in unserer Wegwerfgesellschaft. Doch Normen und Werte, die Kraft haben sollen, haben es nur dann, wenn sie für alle verpflichtend sind. Wenn man sie nach Belieben an- und ausknipsen kann, sind die Werte nichts wert.