Schachbrett

Ist die Ausübung von »BDSM« psychisch krank oder nur ein »gefährliches« Spiel? © Adrian Tombu under cc

Nachdem in einem Interview mit einem »BDSM«-Praktizierenden mögliche Gefahren von »BDSM« erörtet worden sind, soll in diesem Teil der Serie zu »BDSM und Psyche« betrachtet werden, ob eine Vorliebe für »BDSM« psychisch krank ist. Verschiedene Gesichtspunkte sollten dabei herangezogen werden. Zunächst erfolgt, nüchtern betrachtet, die klinisch-diagnostische Sichtweise per Definition.

Diagnosestellung: »BDSM« psychisch krank?

Im »ICD-10«, der »Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme«, wird Sadomasochismus unter dem Diagnoseschlüssel »F 65.5«, den »Störungen der Sexualpräferenz«, erfasst (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2016). Die dort beschriebene Definition dieser Störung lautet:

  • »Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.«

Im »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, dem »DSM-IV« (American Psychiatric Association, 2013), werden zudem folgende Kriterien berücksichtigt:

  • »Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende, intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, welche Handlungen beinhalten, in denen das psychische oder physische Leiden des Opfers für die Person sexuell erregend ist (sexueller Sadismus) bzw. welche einen Akt der Demütigung, des Geschlagen- bzw. Gefesseltwerdens oder sonstigen Leidens beinhalten (sexueller Masochismus).«
  • »Die Phantasien, sexuell dranghaften Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.«

Soweit die Theorie, doch was bedeutet dies für die psychologische Praxis?

»BDSM« aus der Sicht von Psychologen

Das klinisch-diagnostische Urteil, dahingehend ob die Vorliebe für »BDSM« psychisch krank ist oder nicht, ist nicht mit einem Satz zu fällen. Mehrere Punkte spielen diesbezüglich eine Rolle:

Subjektiver Leidensdruck?

Allen voran ist entscheidend, inwiefern subjektiver Leidensdruck in Bezug auf die Ausübung dieser Praktiken besteht. Empfindet man zum Beispiel im Nachhinein ein erdrückendes Schamgefühl oder einen Widerwillen gegenüber den Praktiken ließe sich von Leidensdruck sprechen.
Auch wenn sich die Vorliebe für »BDSM« negativ auf das Selbstkonzept auswirken würde (Beispiele für eine Denkweise im Alltag, außerhalb des »sexuellen Spielraums«: »Ich verdiene es geschlagen zu werden.«, »Ich will die totale Kontrolle über jemand anderen haben.«), müsste tendenziell eine klinische Diagnosestellung erwogen werden.
Lehnt man diese Praktiken und seine Neigungen eigentlich ab, kann diese womöglich nicht so recht mit sich vereinbaren, wäre eine psychologische Beratung zur ersten Abklärung empfehlenswert.

Generell sollte man sich durch die Praktizierung von »BDSM« in persönlicher Hinsicht nicht eingeschränkt fühlen.

Einschränkung der Lebensumstände?

Diplomurkunde

Wenn berufliches Vorankommen aufgrund sexueller Präferenzen nicht möglich wäre © Jim Kelly under cc

Zum empfundenen Leidensdruck zählt auch, ob der »BDSM«-Praktizierende sich durch seine Sexualpräferenz im Hinblick auf seine individuellen Lebensumstände eingeschränkt fühlt. Ein klinisches Fallbeispiel soll hierbei zum näheren Verständnis herangezogen werden:

»Eine zweiundzwanzigjährige Patientin empfindet sexuelle Erregung in Leistungssituationen, wie zum Beispiel Prüfungen, Situationen, in welchen sie bewertet wird und bei denen negative Konsequenzen in Form eines Misserfolgs und einer wie auch immer gearteten Bestrafung in Aussicht stehen könnten (Nichtbestehen der Prüfung, Bloßstellung etc.).«

Eine Einschränkung der Lebensumstände liegt hierbei auf der Hand, da diese sexuelle Präferenz jegliches berufliches Vorankommen (Studium, Bewerbungen etc.) erschweren würde.

Darüber hinaus kann noch ein weiterer Punkt, ob die Vorliebe für »BDSM« psychisch krank ist oder nicht, zur Abklärung herangezogen werden.

Ausschließlichkeit der sexuellen Befriedigung über »BDSM«?

Ob die Vorliebe für »BDSM« psychisch krank sein könnte oder nicht, entscheidet auch die Tatsache, ob man ausschließlich durch »BDSM«-Praktiken sexuelle Befriedigung erlangen kann und nicht auf anderem Wege. Demnach wäre zum Beispiel das ausschließliche Erreichen sexueller Befriedigung durch das Ausüben/Empfangen von Schlägen/Bestrafung problematisch. Wäre dies der Fall, sollte eine klinische Diagnosestellung geprüft werden.

Problematik bei der Diagnosestellung

Wie bei jeglichen Störungen der Sexualpräferenz kann auch bei der Vorliebe für »BDSM« das klinische Gespräch zur Diagnosestellung mit einer großen Hemmschwelle verbunden sein (Möller et al., 2009). Patienten/Klienten haben naturgemäß Schwierigkeiten über intime Details zu sprechen, neigen zur Abschwächung oder zum Verschweigen klinisch relevanter Punkte.
Auf therapeutischer Seite könnten neben Einfühlungsvermögen und fachlicher Kompetenz auch eine gewisse »Kenntnis der Praktiken« von Vorteil sein. Gemeint sind hierbei nicht zwingend persönliche Erfahrungen, vielmehr eine theoretische Kenntnis der »Szene«.

Im therapeutischen Gespräch sollte ebenfalls geprüft werden, inwieweit die Paraphilien in Zusammenhang mit anderen psychiatrischen oder organischen Ursachen auftreten. So müsste unter anderem abgeklärt werden, ob die Vorliebe für »BDSM« zum Beispiel mit Borderline-Tendenzen oder mit Traumata einhergeht.

Nach Abklärung der einzelnen Punkte hinsichtlich dessen, ob die Vorliebe für »BDSM« psychisch krank sein könnte oder nicht, werden im nächsten Teil unserer Serie zu »BDSM und Psyche« einige Studien vorgestellt: Was für Persönlichkeiten stehen hinter »BDSM«-Liebhabern?

Quellen: