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Die millionenfach in Krankenhäusern praktizierte Händedesinfektion. © Rosmarie Voegtli under cc

Viele haben eine Vorstellung davon, was Zwangs- und Wahngedanken sind, doch überwertige Ideen sind weniger bekannt. Dabei sind sie durchaus verbreitet und interessant.

Vom Zwang weiß der Betroffene, dass er ihn hat und er würde ihn liebend gerne abstellen, er kann nur nicht. Das ist es, was man als ich-dyston bezeichnet: Er, der Zwang, gehört irgendwie nicht zu mir, aber ich werde ihn nicht los. Ein zuckendes Lid, ein Gedanke, ein Impuls, der sich immer wieder aufdrängt, oder eben aufzwingt.

Anders beim Wahn. Hier ist der Erlebende ganz eins mit seiner Überzeugung, die für Außenstehende oftmals ziemlich verrückt erscheinen kann. Wahnsinnig eben. Dafür leidet der Erlebende nicht darunter. Er hat vielleicht massive Ängste innerhalb seines Wahngebäudes, aber, dass die Außerirdischen ihn holen, CIA und Vatikan ihn vergiften wollen oder die Krisen der Welt nur stattfinden, weil er so ein schlechter Mensch ist, davon ist er zutiefst überzeugt. Diese Ideen sind ich-synton.

Überwertige Ideen befinden sich in der Mitte von beiden, sowohl, was die schwankenden Überzeugungen angeht, als auch den Schweregrad betreffend. Der Zwangsgedanke wird klassisch den Neurosen zugeordnet, der Wahn den Psychosen, die mit einem Realitätsverlust einhergehen. Überwertige Ideen treten im Umfeld von schweren Persönlichkeitsstörungen auf.

Auf dem Weg zum Experten

Es fängt langsam an und kann eigentlich jeden beliebigen Inhalt haben. Man wird mit irgendeinem Thema konfrontiert und aus irgendwelchen Gründen beschäftigt man sich näher damit. Das können bedeutende oder kleinere Themen sein.

Hygiene vielleicht. Man liest zufällig etwas über Krankenhauskeime und nun will man es aus irgendwelchen Gründen genauer wissen. Man durchforstet das Internet, macht sich kundig, geht auf einschlägige Seiten bestimmter Institute und während man durch die Stadt geht sieht man auf einem Bücherwühltisch ein Lehrbuch der Virologie, Bakteriologie und Parasitologie, ein Restposten vom letzten Medizinsemester, und den nimmt man mit. Da man sich inzwischen schon ein wenig auskennt, liest man sich weiter ein und nach kurzer Zeit kennt man Krankheiten, die sonst niemand kennt und wundert sich, dass überhaupt noch ein Mensch lebt. Jede Türklinke, jede Haltestange in Bus und Bahn, Toiletten und Spülbecken, verseucht. Überhaupt Menschenmengen und dann erst Krankenhäuser. Überall wimmelt es von Erregern und der Clou ist, die gibt es ja wirklich. Hier haben nicht irgendwelche Menschen über Randthemen der Gesellschaft wie Ufo-Entführungen geschrieben, nein, hier geht es um knallharte Wissenschaft. Nun leuchtet auf einmal jeder Spülschwamm in der Küche vor dem eigenen Auge „rot“ auf und schon nach wenigen Wochen sieht man die Welt mit anderen Augen.

Und im Grunde ist das auch berechtigt, irgendwie. Berechtigt, weil es stimmt, es gibt hier und da und dort Gefahren. Irgendwie, weil wir ja nicht der Reihe nach umkippen, ein Immunsystem haben und des zudem noch beliebig viele weitere Themen gibt, die eine ähnliche Bedeutung haben, auf die man nur bislang, aus irgendwelchen Gründen noch nicht gestoßen ist oder die einen nicht so anfixen. Dennoch gibt es sie, nur in der Erlebenswelt unseres Mikroerreger Experten nicht. Dafür inzwischen umso mehr Mikroben und das Wissen darüber, wie schrecklich machtlos unser Immunsystem gegen Dutzende Killerkeime ist. Dieses Thema sticht bei ihm heraus und so ein Mensch kann mit missionarischem Eifer und in bester Absicht nun versuchen seine Mitwelt vor den Gefahren zu warnen und zu retten, in denen natürlich auch sie, ohne es freilich so genau zu wissen, schweben.

Hier und da findet unser Experte vermutlich auch Gehör, doch nicht immer die Resonanz, die er sich erhofft. Andere reagieren vielleicht etwas gebremster und gelassener und unser Experte ist sich sicher, dass ihnen einfach nur der Ernst der Lage nicht bewusst ist. „Na ja“, das haben schon andere gesagt, bis sie dann erkrankten. Unter dem Gesichtspunkt, dass es diese Gefahren tatsächlich gibt, erscheint es dann auch rational sich ständig die Hände zu waschen und zu desinfizieren, alles antiseptisch einzusprühen und abzuwischen und doch gibt es andere Momente in denen einem bewusst ist, dass man zuviel des Guten tut.

Überwertige Ideen in den Themen Gesundheit und Politik

Die Themen Gesundheit und Politik eignen sich in hervorragender Weise als Anker für überwertige Ideen. Wir wir schon sahen, gibt es in einer dreidimensionalen Darstellung der psychischen Welt zum einen Schweregrade, die oft als Eskalationsstufen bestimmter Erkrankungen gesehen werden, zum anderen eben verschiedene Linien oder Pole, die sich – oft von Gesunden bis zum Hochpathologischen – entlang der Stufen verändern. Exemplarisch, der narzisstische und paranoide Pol.

Das übergeordnete Thema Gesundheit zerfällt in zig Unterthemen, in die man sich nach Belieben hineinsteigern kann. Das Thema bedient zumeist den narzisstischen Pol, denn es erlaubt einem sich unausgesetzt mit sich selbst und der Optimierung der eigenen Gesundheit zu beschäftigen. Und doch, wie so oft bei den überwertigen Ideen, ist das Thema ja an sich nicht falsch. Wer seine Gesundheit vernachlässigt bezahlt das, zumindest statistisch betrachtet, oft mit deutlichen Einbußen in der Lebenserwartung und wohl auch der Qualität, wobei das letztlich jeder für sich beantworten muss. Wieder gewendet, kann man aber natürlich das Thema Gesundheit bis in feinste Verästelungen auftrennen und jedes Nischenthema ist geeignet bis zum Exzess überbeachtet zu werden. Schon darüber, was nun die perfekte Ernährung ist, nimmt der Streit kein Ende und jeder weiß, dass das Themen annähernd religiöse Ausmaße annehmen kann, inklusive gelegentlicher Glaubenskriege. Fitness, Körperfett, Entspannung und Beauty verzweigen das Thema Gesundheit weiter ins Unendliche.

Mit dem Thema Politik begegnen wir tendenziell dem paranoiden Pol. Hier kann man sich ungehindert seinen Ideen über Ränkespiele, Verstrickungen und Verschwörungen hingeben und Tag und Nacht darüber fabulieren wer, mit wem und warum – und natürlich, wem es nutzt. Die Frage aller Fragen, der Verschwörungstheorie: Cui bono? Nicht die Frage ist falsch, sondern die Reduzierung von allem was man findet, allein auf diese Frage.

Aber auch hier finden wir überwertige Ideen. Der Paranoiker lässt sich nicht abbringen, erst recht nicht von Appellen, doch etwas Abstand zu nehmen und mal durchzuatmen. Denn beschwichtigen wollen immer nur die, die einen Grund dazu haben oder gar keine Ahnung. Und auch hier: Die Themen Politik und Gesellschaft sind natürlich von größter Bedeutung, aber wie bei der Gesundheit, eher Mittel zum Zweck. Es sind die Rahmenbedingungen, die es dem Individuum erlauben, sein Leben frei selbst zu gestalten und für manche mag das im besten Sinne zur Berufung werden, aber die überwertige Ideen finden wir überall dort wo bestimmte Stimmen zu schrill werden, so, dass andere oder man selbst und wichtige andere Lebensbereiche darunter leiden.

Im guten Fall

Wir bewegen uns im Laufe unseres Lebens vermutlich mehr oder weniger weit mal zu diesem oder jenem Pol, so dass sich ein dynamisches Gleichgewicht einstellt. Der paranoide Pol bringt uns dazu nicht ganz in uns zu versacken und nur um das eigene Selbst zu kreisen. Der narzisstische Pol sorgt dafür, dass wir beliebt sein wollen und auch selbst Spaß am Leben haben. So stellen gesunder Narzissmus und gesunde Paranoia die beiden Beine des Kletterers dar, der die Stufen der Entwicklung nach und nach erklimmt und Teil eines gesunden Ich sind.

Im schlechten Fall

Doch Narzissmus und Paranoia können auch auf dem Boden überwertiger Ideen fusionieren, wenn ein Grandiosität und Misstrauen sich vereinen. Ist das Umfeld entsprechend verstärkend, können überwertige Ideen kurzfristig wahnhafte Züge annehmen und auch wenn man aus dem Wahn zurück ist, findet man ein Ich vor, was extrem verkapselt ist und mit Argumenten kaum zu erreichen.

Therapeutisch und unterstützend

Haben überwertige Ideen von einem Menschen Besitz ergriffen, ist es eine gute Strategie, sich mit demjenigen nicht aus dessen „Spezialgebiet“ zu begeben. Erstens kennt sich der Experte auf diesem Gebiet häufig tatsächlich sehr gut aus und man selbst würde nur im Ansehen sinken, wenn man sich auf das Thema einlässt. Statt dessen ist es von Vorteil die Beziehung zu stärken und über die Sonstigen Themen und Probleme eines solchen Menschen.

Überwertige Ideen sind ja keineswegs nur etwas, worunter der Betreffende leidet, im Gegenteil, können sie eine Quelle von immenser Energie sein. Hier brennt jemand wirklich oft für ein Thema und ist auch begeistert, das ist immer auch ein nicht unwesentlicher Teil dieses Menschen. Andererseits kann man darauf hinweisen, dass ein solcher Mensch auch sehr viel Energie in ein solches Thema steckt und die Gefahr besteht, dass er dadurch andere, ebenfalls wichtige Bereiche des Lebens vernachlässigt. Ob der Ball aufgenommen wird, weiß man nicht, aber man kann es immer wieder mal versuchen.

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