Korsett

Schnürt ein Korsett Körper und Geist ein? © din_bastet under cc

Nachdem einige Punkte aufgeführt worden sind, die dabei helfen können, den Hang zu »BDSM« klinisch-diagnostisch einzuordnen, soll im letzten Teil dieser Serie zu »BDSM« und Psyche exemplarisch aufgezeigt werden, was »BDSM«-Liebhaber für Menschen sind.

Wie stehen sie zum Beispiel zu ihrer Offenheit für Sexualität? Sind sie emotional stärker labil oder haben gar extreme Persönlichkeitszüge? Diesen Fragen soll anhand von Studien nachgegangen werden.

Sind »BDSM«-Liebhaber einfach nur aufgeschlossener gegenüber Sexualität?

Unter anderem zu diesem Thema wurde in den Jahren 2001-2002 eine repräsentative Stichprobe von etwa 19.000 Personen im Alter von 16-59 Jahren telefonisch interviewt (vgl. Richters et al., 2008).
Von den Befragten gaben etwa 1,8% der sexuell aktiven Menschen an, im vorangegangenen Jahr in »BDSM«-Aktivitäten involviert gewesen zu sein (etwa 2,2% der Männer und 1,3% der Frauen). Üblicher scheinen diese Aktivitäten bei homo- und bisexuellen Menschen zu sein.

Die Forschergruppe um Richters et al. (2008) fand in den Ergebnissen folgende Unterschiede zwischen »BDSM«-Liebhabern im Vergleich zur Gruppe der Nicht-»BDSM«-ler:

  • häufigeres Praktizieren von Oral- und Analsex
  • häufiger mehr als einen Partner, bezogen auf das vorangegangene Jahr der Befragung
  • häufiger Geschlechtsverkehr mit jemand anderem als dem eigenen Partner
  • häufigeres Praktizieren von Telefonsex, Besuchen von Internetseiten mit pornografischen Inhalten, Anschauen pornografischer Filme, Benutzung von Sexspielzeug
  • öfter Gruppensex
  • häufigeres Praktizieren der manuellen Stimulation des Anus, Fisten oder Rimmen

Nach den Ergebnissen dieser Studie scheinen »BDSM«-Liebhaber durchaus sexuell »umtriebiger«, vielleicht sogar sexuell experimentierfreudiger zu sein. Diese Ergebnisse entsprechen dem, was man gemeinhin dem »BDSM«-Liebhaber auch zuschreiben würde.

Doch wie steht es mit der Psyche? Sind »BDSM«-Anhänger womöglich emotional instabil oder ängstlicher und müssen dies in ihrer Sexualität ausleben beziehungsweise kompensieren?

Sind »BDSM«-Liebhaber psychisch labil?

Zu gewissen Anteilen sind Richters et al. (2008) auch diesen Fragen nachgegangen. Die Ergebnisse überraschen. Es zeigte sich, dass »BDSM«-Liebhaber keine höhere Wahrscheinlichkeit für Unzufriedenheit und auch keine vermehrten Ängste hatten im Vergleich zu Nicht-»BDSM«-lern. Im Gegenteil, die Männer, die an »BDSM«-Aktivitäten beteiligt gewesen waren, schienen weniger Stressempfinden gehabt zu haben. Darüber hinaus stand die Neigung zu »BDSM« in keinem Zusammenhang zu sexuellen Schwierigkeiten, wie man vielleicht vermuten könnte. Damit einher gehen die Ergebnisse der Studie von Wismeijer und van Assen (2013), welche bei »BDSM«-Anhängern verglichen mit Nicht-»BDSM«-lern ein stärkeres subjektives Wohlbefinden verzeichnen konnten.

Jeans Hintern

Hiebe für die Triebe? Macht »BDSM« zufriedener? © Alex-501 under cc

Offenbar sind »BDSM«-Liebhaber nicht emotional labiler als andere. Vielmehr scheint ein sexuell derart gelagertes Interesse vorzuliegen und es scheint insbesondere attraktiv für eine bestimmte Subkultur zu sein, so die Forschergruppe um Richters et al. (2008). Für die meisten der Befragten, so die Forscher, scheint der Hang zu »BDSM« keine Folge von sexuellem Missbrauch in der Vergangenheit zu sein geschweige denn Ausdruck einer Schwierigkeit mit »normaler« Sexualität.

Charakter von »BDSM«-Liebhabern

Um der Frage nachzugehen, ob es bestimmte Charakterzüge gibt, die »BDSM«-Liebhaber auszeichnen könnten, soll die Studie von Wismeijer und van Assen (2013) herangezogen werden. Sie untersuchten unter anderem die Persönlichkeitsdimensionen des »Big Five« (einem wissenschaftlich anerkannten Persönlichkeitstest) bei »BDSM«-Liebhabern und einer Kontrollgruppe anhand von Online-Fragebögen.
In Bezug auf die Persönlichkeitsdimensionen zeigten sich folgende Ergebnisse:

Neurotizismus

»BDSM«-Praktizierer sind offenbar weniger neurotisch verglichen mit der Kontrollgruppe. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der oben genannten Studie von Richters et al. (2008), wonach »BDSM«-ler entgegen allgemeiner Vermutungen anscheinend eine größere innere Stabilität besitzen als andere.

Extraversion

Auch scheinen »BDSM«-Liebhaber extravertierter als Nicht-»BDSM«-Praktizierer zu sein. In Bezug auf ihre Persönlichkeit wirken sie demnach mehr nach außen gekehrt anstatt in sich verschlossen.

Offenheit

Gemäß der Befragung von Wismejer und van Assen (2013) sind »BDSM«-Liebhaber offener für neue Erfahrungen. Anhand dieser Persönlichkeitsdimension lässt sich die bereits erwähnte sexuelle Experimentierfreude einordnen.

Gewissenhaftigkeit

Darüber hinaus erreichten »BDSM«-Anhänger höhere Scores auf der Dimension der Gewissenhaftigkeit. Der Sachverhalt, dass sie gewissenhafter zu sein scheinen als andere, mag überraschen, sollte allerdings zum Vorteil gereichen, bedenkt man die Art der Praktiken. Ob sich diese Gewissenhaftigkeit im Zuge der sexuellen Präferenzen entwickelt hat oder ob diese Vorlieben aus dem Streben nach Gewissenhaftigkeit/Perfektion als eine Art Ausgleich entstanden sein könnten, lässt sich anhand der rein korrelativen Studien nicht ermitteln.

Verträglichkeit

Offenbar sind »BDSM«-Liebhaber weniger angreifbar gegenüber sozialen Zurückweisungen. Sie scheinen sich nicht zwangsläufig anzupassen und eher zu ihren Meinungen zu stehen, selbst wenn sie »Gegenwind« erfahren. Auch hier zeigt sich demnach eine innere Stabilität.

In der Studie von Wismeijer und van Assen (2013) wurde zudem geprüft, inwiefern sich die Ergebnisse innerhalb der Gruppe der »BDSM«-ler für dominante und submissive Parts unterscheiden. Tatsächlich fanden sich die aufgezeigten »vorteilhaften« Persönlichkeitstendenzen eher bei Personen, welche den dominanten Part übernahmen. Allerdings scheinen die eher submissiv geneigten Personen dennoch »günstigere« Persönlichkeitstendenzen aufzuweisen als Personen aus der Kontrollgruppe der Nicht-»BDSM«-Praktizierer.

Insgesamt, so erweckt es den Anschein, sind »BDSM«-Liebhaber offenbar von psychischer Stabilität und fühlen sich wohl in ihrer Haut – demzufolge scheint die Vorliebe für »BDSM«, folgt man den Ergebnissen der Studien, weniger ein Ausdruck psychopathologischer Prozesse und eher ein Ausleben sexueller Spielart zu sein.

Quellen:

  • Richters, J., de Visser, R.O., Rissel, C.E., Grulich, A.E. & Smith, A.M.A. (2008). Demographic and psychosocial features of participants in bondage and discipline, „sadomasochism“ or dominance and submission (BDSM): Data from a national survey. The Journal of Sexual Medicine, 5(7), 1660–1668.
  • Wismeijer, A.A. & van Assen, M.A. (2013). Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 10(8),1943-52.