Marionetten in der Reihe

Ist unsere Welt nur ein großes Marionettentheater? © Priit Tammets under cc

Die These, dass wir alle manipuliert seien, hört man immer wieder. Kandidaten, die unsere Freiheit vermeintlich oder tatsächlich beschränken, gibt es genügend und es ist eher die Frage, wie eng oder breit man das Thema betrachtet. Von der Werbung über die Presse, von der Politik bis zum Kapitalismus, aber auch Schule oder Erziehung kommen als Institutionen daher, die uns vermeintlich unfrei machen.

Nun, wie soll man das beantworten? Der eine meint, dass wir ganz sicher alle manipuliert seien und das sogar so gut, dass wir es selbst gar nicht mehr merken und nur denken, wir seien frei. Die andere meint, sie würde weitgehend selbst entscheiden, auf jeden Fall, bei den wichtigen Entscheidungen des Lebens. Wir können darüber abstimmen lassen, aber es bleibt als Ergebnis unbefriedigend, gleich ob wir hören, dass 10, 42 oder 86% meinen, dass wir alle manipuliert oder frei seien.

Es ist die Philosophie, die solche Fragen nicht nur per Mehrheitsbeschluss, sondern prinzipiell, per Kraft des Arguments entscheiden möchte. Wir wollen versuchen zu schauen, ob das gelingen kann.

Wir sind alle manipuliert: Wirklich?

Das ist eine beliebte aber auch extreme These, die jedoch relativ schnell in sich zusammen fällt. Denn Menschen, die dies behaupten, meinen in der Überzahl der Fälle gar nicht wirklich alle, sondern eigentlich die meisten Menschen. Sie selbst gehören in aller Regel nicht zu denen, die manipuliert werden, denn sie (und meistens noch ein paar andere) durchschauen angeblich das Spiel, „die Masse“ hingegen nicht. Wenn es wirklich ernst gemeint sein soll, dass wir alle manipuliert sind, warum sollte man dann auf den Überbringer dieser Nachricht hören, denn auch er wäre ja dann so manipuliert und unfrei, wie wir es angeblich sind.

Die Botschaft ist eher: Ich weiß mehr als ihr. Das müsste man dann inhaltlich prüfen, denn bis zu diesem Punkt fällt das Argument schon formallogisch durch. Der Behauptung, man selbst wisse mehr, kann man jedoch weiter nachgehen.

Wann ist man manipuliert?

Oder: Was heißt oder ist Manipulation? Bei Wikipedia ist es „die gezielte und verdeckte Einflussnahme, also sämtliche Prozesse, welche auf eine Steuerung des Erlebens und Verhaltens von Einzelnen und Gruppen zielen und diesen verborgen bleiben sollen“.[1]

Manipuliert sind wir also dann, wenn unsere gezielt, also absichtlich und verdeckt, also ohne unser Wissen und somit auch ohne unsere Zustimmung in Erleben, Bewertung, Einstellungen und Verhalten in eine bestimmte Richtung verändert werden.

Werbung

Der Klassiker der Manipulation ist die Werbung. Ihr einziger Inhalt ist die mehr oder weniger gut oder subtil vermittelte Botschaft: „Kauf mich!“ So genau wie es geht auf die entsprechende Zielgruppe zugeschnitten. Schön, schlank und sexy für sie; cool, sportlich und erfolgreich für ihn. Und wenn man dieses Auto, Deo oder Nahrungsmittel kauft, dann wird eine der Versprechungen wahr, so suggeriert es die Werbung.

Nun wissen die meisten Menschen in den meisten Fällen, dass es sich um Werbung handelt, es wird also mit halbwegs offenen Karten gespielt und die Kunst der Werbepsychologen und der Kreativabteilung besteht darin, die Verknüpfung eines erwünschten Zustandes – denn wer will nicht schön, frei, sexy oder erfolgreich sein? – mit einem Produkt herzustellen. Wenigstens so, dass es irgendwo in den Hirnwindungen hängen bleibt. Und so ist die Werbebotschaft eben mal auf jung, dynamisch, sexy oder sicher und verlässlich; rauh und männlich oder auch verrückt und individuell gepolt, je nach Zielgruppe.

Ist das Manipulation? Vielleicht ein bisschen und mit einem gewissen Augenzwinkern. Man kennt im Grunde das Spiel und lässt sich doch ein wenig drauf ein. Denn, wenn man sich für dieses Duschgel oder jenes Getränk entschieden hat, glaubt man vielleicht nicht bis in die letzte Faser, dass man dadurch wirklich frei oder für das andere Geschlecht unwiderstehlich wird, aber vielleicht will man tatsächlich ab und zu duschen oder trinken.

Foulspieler

Werbung muss als solche kenntlich gemacht werden, manchmal werden in Zeitschriften Anzeigen so verpackt, dass sie wie ein Artikel erscheinen und irgendwo am Rand findet man, gerne kleingedruckt: – Anzeige –. Hier macht man kenntlich, was man kenntlich machen muss, spielt aber damit, dass es vielleicht nicht jeder liest.

Das scheinbar zufällige Zurschaustellen von Produkten in Kinofilmen oder Serien ist eine Art der geschickten, aber verbotenen Werbung. Die höhere Kunst der Manipulation ist jedoch die, die gar nicht mehr als solche zu erkennen ist, wir kommen darauf zurück.

Sind wir manipuliert, wenn wir tun, was andere wollen?

Im ersten Moment scheint es so zu sein, aber auf den zweiten Blick ergibt sich ein anderes Bild. Denn entscheidend für die Frage nach dem Grad der Freiheit oder Manipuliertheit unserer Wünsche und Handlungen ist nicht, ob andere wollen, dass wir dies oder das tun, sondern entscheidend ist, was wir selbst wollen.

Stellen wir uns dazu folgende Situation vor. Jemand hat den Wunsch in den Urlaub zu fahren und ein Reiseunternehmer macht ihm ein Angebot. Es ist völlig klar, was der Reiseunternehmer will: Reisen verkaufen, das ist sein Beruf. Nun ist der Kunde aber seinerseits von dem Angebot komplett begeistert, freut sich und sagt: „Genau das ist es, was ich immer gesucht habe.“ Es kommt zur Buchung und der Reiseuntersuchnehmer hat sein Ziel eindeutig erreicht. Aber hat er den erfeuten Kunden manipuliert, nur, weil er wollte, dass der Kunde reist? Der Kunde wollte genau das doch auch. Ob sich der Reiseunternehmer dabei ins Fäustschen lacht, spielt gar keine Rolle.

Natürlich kann man den Inhalt beliebig austauschen, die Reise könnte auch ein Auto sein, ein Gericht im Restaurant oder eine Zeitschrift. Wenn wir damit einverstanden sind, wo ist das Problem bezogen auf Freiheit? Manipuliert ist da erst mal niemand, oder?

Die höhere Kunst der Manipulation

Bei der Werbung ist die Geschichte vergleichsweise offen, bei der Schleichwerbung etwas weniger, aber auch sie erkennt man, sonst gäbe es den Begriff der Schleichwerbung gar nicht. Gegen Formen der unlauteren oder irreführenden Werbung geht sogar die Justiz vor.

Aber muss man die Frage, ob wir alle manipuliert sind nicht tatsächlich bejahen? Denn, die höhere Kunst der Manipulation besteht darin, Bedürfnisse zu schaffen, die man eigentlich gar nicht hat. Und wenn man diese künstlichen Bedürfnisse dann bedient, hat der andere das Gefühl, er bekäme oder es geschähe genau das, was er will, tatsächlich ist sein Wollen aber bereits ein tiefer Ausdruck einer bei ihm nun geglückten Manipulation.