Sessel in altem Einsenbahnwaggon, Blick auf menschenleere Welt

Sieht es so nach dem Weltuntergang aus? © Damian Witkowski under cc

Immer und immer wieder gibt es durchaus ernstzunehmende Stimmen, die ein bedrohliches Szenario beschwören und zwar nichts weniger, als den Weltuntergang.

Zu jedem der vermeintlichen Gründe gibt es zahllose Bücher, so dass wir den Versuch hier ins Detail zu gehen gar nicht erst starten, eine unvollständige Aufzählung soll reichen:

Natürliche Umweltkatastrophen

Meteore und kosmische Katastrophen, Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme

Krankheiten

Seuchen (Malaria, Ebola, Zika), Fettsucht, Diabetes, Krebs, Herz- Kreislauferkrankungen, Demenzerkrankungen, Depressionen

Menschengemacht Umweltkatastrophen

Klimawandel, Atommüll, Belastungen durch Pestizide, Industriemüll, Plastikmüll

Technologische Katastrophen

Cyberwar, Online-Terrorismus, Atomunfälle, Gentechnologieunfälle, Nanotechnologie, Stromausfall

Katastrophen durch Ausbeutung

Ende der Rohstoffe, wie seltene Erden, fossile Brennstoffe und Phosphate

Katastrophen durch Aggression

Krieg, Terror, innere Sicherheit

Katastrophen und Verwicklungen durch Gier

soziales Ungleichgewicht, ökonomiebedingte Probleme (inklusive umstrittener Handelsabkommen wie TTIP oder CETA), Hunger, Korruption (ADAC, VW, FIFA)

Probleme demographischer Art

Überbevölkerung, Migrationsbewegungen, Überalterung

Politische Spannungen

NATO-Russland, Indien-Pakistan, Shiiten-Sunniten

Eine stattliche Liste, die nicht unbedingt zu guter Laune anregt. Und doch gibt es bei Forschern, die sich systematisch mit dem Thema beschäftigen eine vollkommen andere Stimmung. Fast alle, die das Thema aus einer Gesamtperspektive betrachten, sehen Verbesserungen und zwar mitunter sehr deutliche. Wie passt das zusammen, mit den oben aufgelisteten Themen, die sicher unvollständig sind? Es passt eigentlich wenig bis gar nicht zusammen, aber man kann die abweichenden Wahrnehmungen zu einem Teil erklären.

Wir sind auf Negatives geeicht

Wie im persönlichen Bereich ist es auch mit dem Blick auf kollektive Ereignisse so, dass Negatives viel eher hängen bleibt, als Positives. Positives wird sehr schnell als normal empfunden, während uns Fehler auffallen und länger nachhängen. Evolutionär betrachtet ist es vielleicht besser zu wissen, wo ein Ort ist, den man meiden sollte, als einen zu kennen, der Freude bereitet. Und da „bad news“ bekanntlich „good news“ sind, ist immer irgendwas Schlimmes zu finden. In einer Dichte, dass man sich fragen kann, ob es überhaupt noch Lebensbereiche gibt, in denen es rechtschaffen zugeht.

Doch die andere Seite ist die, dass wir heute in einer Welt leben, in der Missstände wesentlich besser und effektiver aufgedeckt werden können als vor 20 Jahren, jedoch resultieren ausgerechnet aus diesen neuen Möglichkeiten der Aufklärung, über das Internet, die allgegenwärtigen Kameras in Smartphones, auch neue Möglichkeiten der Manipulation. Es liegt an uns, ob wir uns bemühen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wir reagieren allergisch auf Mangelempfindungen

Lange bevor ein Mangelzustand existenziell wird, versuchen wir ihn abzuwenden. Wer im Überfluss hat und davon 20% abgeben muss, hat immer noch im Überfluss, aber ein schlechtes Gefühl dabei. Er wird konservativ und versucht seinen Besitz zu verteidigen, wohingegen jemand der sein Guthaben steigern kann gut gelaunt und wagemutig wird. Wer 10% mehr verdient und nun ein Jahreseinkommen von 20.000 Euro hat, kann durchaus besser drauf sein, als jemand der 30.000 Euro Jahreseinkommen hat, aber dabei 20% verloren hat. Und so ist es nicht nur mit dem Geld. Auch andere Ressourcen wollen wir ungern hergeben.

Die Idee, dass früher alles besser war, die Jugend nichts mehr wert ist und demnächst der Weltuntergang bevorsteht, ist vermutlich so alt wie der Mythos oder die Clanstrukturen. Das kann durchaus seine Berechtigung haben, denn zum einen, war der Mensch damals noch weitaus weniger gegen die Natur geschützt, eine schlechte Ernte oder eine Naturkatastrophe war ein durchaus existenzielles Phänomen, auch viele von denen, die wir heute locker wegstecken. Zum anderen gab es damals einen gefühlten Austausch zwischen geistiger und materieller Welt, in der das Opfer und die Zerstückelung eine große Rolle spielten. Im rituellen Opfer gab man etwas weg und zerstückelte die eine Welt, um mit der anderen in Kontakt zu kommen. Anders herum ist Schöpfung in zahllosen Mythen die Zerstückelung eines Gottes, der sich opfert und Welt wird. Aktuell erhoffen wir uns aber nichts von einer geistigen Welt, wir glauben nicht, dass es sie überhaupt gibt und damit muss alles, was früher aufs Jenseits vertagt werden konnte in diesem einen Leben stattfinden. Ist diese Party missraten, kommt dann auch nichts mehr. Ein schales Gefühl von Mangel stellt sich ein: War das etwas alles?

Wie sind die Fakten?

Kann man die obigen Aufzählungen wirklich kalt lächelnd ignorieren und behaupten, es sei alles gar nicht so schlimm? Der Kognitionsforscher Steven Pinker ist der Auffassung, dass wir der menschlichen Intuition bei der Frage, was die Zukunft bringt, nicht trauen sollten und diskutiert die Frage, welche Kriterien man bei der Entscheidung anlegen sollte, so:

„Die meisten Menschen sind sich ja einig, dass Leben besser ist als Tod, Gesundheit besser als Krankheit, Wohlstand besser als Armut, Wissen besser als Ignoranz, Frieden besser als Krieg, Sicherheit besser als Gewalt, Freiheit besser als Unterdrückung. Damit haben wir eine Reihe von Maßstäben, mit denen wir ermitteln können, ob es tatsächlich Fortschritte gibt.“[1]

Tut man das, so verdichtet sich das Bild, dass die Menschen nicht nur länger, sondern auch gesünder leben, Infektionskrankheiten und extreme Armut zurückgehen, ebenso wie Rassismus und Verbrechen aus Hass, wohingegen der Intelligenzquotient weltweit steigt.[2] Das passt erst mal schlecht in unser aktuelles Empfinden von einer Welt, die irgendwie aus den Fugen zu geraten scheint, in der Verunsicherung und politischen Irritationen nahezu an der Tagesordnung sind. Wäre Pinker ein Einzelfall, hätte er sich vielleicht einfach geirrt, aber er ist keiner.

Der Bericht der UNO über die Milleniumsziele fällt positiv aus, auch wenn UNO Generalsekretär Ban Ki-Moon anmerkt:

„Alle noch so bemerkenswerten Erfolge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ungleichheiten fortbestehen und die Fortschritte ungleichmäßig waren.

Armut tritt noch immer in Teilen der Welt gehäuft auf. So lebten 2011 fast 60 Prozent der einen Milliarde extrem armer Menschen der Welt in nur fünf Ländern. Nach wie vor sterben zu viele Frauen während der Schwangerschaft oder an Komplikationen bei der Geburt. Fortschritte gehen häufig an Frauen und an denen vorbei, die ganz unten auf der wirtschaftlichen Leiter stehen oder aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt sind. Zwischen ländlichen und städtischen Gebieten bestehen nach wie vor ausgeprägte Disparitäten.“[3]

Gedämpft, aber optimistisch. Doch auch das ist nicht alles. Auf lange Sicht und aus der Perspektive des Historikers ist die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes zu sterben geradezu dramatisch gesunken, trotz der Großkriege im 20. Jahrhundert. Der Titel des Buches von Ortwin Renn, Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, sagt eigentlich schon alles. Wir haben Angst vor Nahrungsmittelskandalen, Terror und Gewalt, radioaktiver Verstrahlung, schleichender Vergiftung unserer Nahrung und Spielzeuge und vor kriminellen Jugendlichen, die unsere Innenstädte belagern. Und ist diese Angst nicht berechtigt?

„Die Antwort auf all diese Fragen ist bestechend einfach. Sie lautet: Nein.“[4] Denn Gesundheit, Sicherheit und Lebenserwartung werden auch nach Renns Analyse immer besser, natürlich nur statistisch, dort aber umso deutlicher. Und selbst der Terror hat in den letzten 20 Jahren nicht zugenommen, im Gegenteil.

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