Zweifel bleiben

Kind auf Arm von Mutter, mit zweifelndem Blick

Ein etwas zweifelnder Blick. © Ted Mielczarek under cc

Aber was ist dann los mit uns? Ist es nur die German Angst, ein ständiges Lamentieren, egal wie gut es uns geht? Statistisch sind wir Deutschen 2015 wieder etwas glücklicher geworden, doch im europäischen Vergleich befinden wir uns nur auf Platz 10. Deutschland ist durchschnittlich glücklich, auch das statistisch, obwohl es uns doch eigentlich immer besser geht.

Der Philosoph Thomas Pogge äußert klare Zweifel an Methodik und Lesart in Teilen der Millenniums-Entwicklungsziele und so gibt es auch andere Bereiche, in denen ein Stirnrunzeln bleibt. Eben titelte der Spiegel zu den rasant anwachsenden Einbruchszahlen in Deutschland, die keine Einbildung sind. Da die Zufriedenheit auch mit der häuslichen Wohnsituation zu tun hat, beeinflusst das unser Glücksempfinden.

Auch die Flüchtlinge und die mit ihnen verbundenen realen und phantasierten Befürchtungen verunsichern die Menschen, ein Thema von außerordentlicher politischer Brisanz und vermutlich eines, was uns über lange Zeit erhalten bleibt, wenn die Ursachen für Flucht nicht beseitigt werden. Das drückt auf die Stimmung, real messbar in der Zahl der Wählerstimmen für die AfD, die zu einem hohen Teil Protestwähler anspricht.

Ist das einfach nur Jammern auf hohem Niveau? Sind wir undankbar, weil wir uns nicht in jedem Moment daran erinnern, wie es auch mal war, wo wir herkommen und dass all unsere Selbstverständlichkeiten, mit denen wir heute umgehen, keinesfalls so selbstverständlich sind? Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wir haben maßlos hohe bis perfektionistische Ansprüche in nahezu allen Lebensbereichen hier immer wieder beschrieben und der um sich greifende Narzissmus in der Gesellschaft ist sicher ein Übel, aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Eines unserer Anliegen ist einen Blick für die Entwicklungsstufen zu vermitteln. Diese sind zum einen kollektiv zu sehen und haben dann eine eher statistische Komponente, die zum Beispiel Spiral Dynamics abzubilden versucht, doch Entwicklung ist auch individuell und dann differenzierter zu betrachten. Und jede neue Stufe der Entwicklung hat ihre spezifischen Perspektiven und Stärken, aber auch ihre Sorgen und Pathologien. Der Blick zurück ist oft eine Hilfe in eigener Sache, um sich selbst zu vergegenwärtigen, wie gut es einem eigentlich geht, wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass wir hier in Deutschland seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr erlebt haben, keine größere Unruhen, dass wir von Naturkatastrophen großzügig verschont sind, geblildet sind, nicht hungern und frieren müssen, eine Grundversorgung monetärer, wohnlicher und medizinischer Art erhalten, frei wählen und unsere Meinung äußern dürfen und auch der Strom nicht immer mal wieder ausgestellt wird. Es gibt viele Länder in denen das in der Summe keinesfalls selbstverständlich ist und immer noch zu viele, in denen nichts davon die Regel ist.

Und doch haben wir nicht nur alles Recht, sondern auch die Pflicht, die hohen Standards, die wir erreicht haben, zu halten. Es ist der Welt nicht gedient, wenn wir uns alle auf einer Ebene des Durchschnitts träfen und etwa satt, aber unfrei wären. Freiheit verlangt nach immer mehr Freiheit, Zufriedenheit nach vielleicht noch mehr Zufriedenheit und das ist keinesfalls in allen Fällen ein Ausdruck von Gier und notorischer Jammerigkeit. Gier ist auch kein Ausdruck von Zufriedenheit mehr, sondern hat eher den Charakter einer Sucht. Der gierige Mensch wird niemals satt, egal wieviel Nahrung, Geld, Sex oder Ansehen er erhält, wie ein schwarzes Loch saugt er alles an und zerstört es dabei, so dass nichts zurückbleibt.

Die Angst vor dem Weltuntergang: Ein psychologisches Thema?

Deshalb ist die Angst vor dem Weltuntergang einerseits wörtlich zu nehmen, andererseits eine Angst, die erreichte Entwicklungsstufe zu verlieren. Wir müssen unsere Spitzenleistungen, die in Europa und vor allem in Deutschland auch soziale Spitzenleistungen sind, verteidigen. „Made in Germany“ ist eine Hausnummer bezogen auf handwerkliche Präzision und industrielle Standards, aber eben nicht nur. Die sozialen Standards und die der Geisteswissenschaft können sich mehr als sehen lassen.

Wir haben nicht mehr die Idee, die das deutsche Wirtschaftswunder und die Zeit danach geprägt hat, dass es mehr oder minder steil bergauf geht und dass die kommende Generation es mal in jedem Fall besser haben wird. Im Gegenteil, die Diskussion um die Rente der Zukunft läuft, ob sie für einen größeren Teil der Bevölkerung über dem Sozialhilfesatz liegen wird, ist keinesfalls ausgemacht. Mag die Gegenwart noch gut sein, für die Zukunft wird das nicht zwingend erwartet. Auch hier ist das Bild keinesfalls einheitlich. Es gibt kluge Stimmen, die goldene Zeiten auf uns zukommen sehen.

Das Ringen um unsere Spitzenwerte ist nicht allein ein Ausdruck von Maßlosigkeit und Verlustangst, sondern auch unser Angebot an die Welt. Es mag gut sein, dass nicht alle Teile der Welt und Völker der Erde unsere Art zu leben mit Begeisterung teilen und ganz sicher ist nicht alles davon 1 zu 1 umzusetzen. Im Ausgleich können wir Einflüsse anderer Kulturen gebrauchen, es geht nicht um Eurozentrismus oder, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Es geht um den nüchternen Blick, aber der mahnt bei aller Zufriedenheit auch zur Vorsicht. Wir sollten unsere Standards nicht durchs Klo spülen, sondern durchaus mehr wollen, selbstbewusst und selbstkritisch, beides schließt einander nicht aus.

Das Subjekt betrachten

Entwicklung bedeutet ab irgendeiner Stufe recht zwingend, andere mit zu berücksichtigen. Die philosophischen Spitzendenker betonen heute mehr denn je die Intersubjektivität (oder soziale Perspektive), in der Psychologie rückt die Objektbeziehungstheorie an prominente Stelle und wenn der Mensch ein soziales Wesen ist, ist die Betrachtung des Individuums immer auch der Blick auf das Ganze, zudem ist der Schutz des Individuums ein europäisches Projekt, das eine echte Errungenschaft darstellt.

Wir wollen, dass diese Welt, unserer liebgewonnenen Gewohnheiten nicht untergeht, doch man kann den Eindruck haben, dass unsere Werte hier gerade verramscht werden. Das Subjekt ist durchaus auch wichtig in der neuen Lesart, aber als Kunde. Kann ich mit ihm Geld verdienen und wie und wo am besten? Alles wird schrittweise zum Geschäftsmodell umdefiniert und ein hoher Wert bei uns ist nicht Liebenswürdigkeit, sondern Kaufkraft. Der hier oft angeprangerte ungesunde Narzissmus ist die ausschließliche Betrachtung des Subjekts, durch sich selbst. Doch das Subjekt ernst und wichtig zu nehmen, meint jedes Subjekt zu berücksichtigen, nicht nur eines. Nicht wie man es melken kann, sondern, was es für Bedürfnisse hat. Die sind inhaltlich verschieden, strukturell aber ähnlich.

Gerechtigkeit ist ein Bedürfnis des Menschen, wenn er nicht ideologisch kaserniert ist. Auch der Hedonist weiß, es ist nicht schön, wenn andere leiden. Es geht einem nicht wunderbar, wenn es den eigenen Freunden und Liebsten schlecht geht. Deshalb ist die Forderung nach Gerechtigkeit keine idiotische oder weltfremde Forderung, sondern etwas, dem wir uns ohnehin stellen müssen.