Moral und Gerechtigkeit

Selbst wenn uns die anderen egal sind, schädigen wir uns selbst, wenn wir zu wenig Rücksicht auf sie nehmen. Das Thema weltweiter Flüchtlingsströme ist in aller Munde und wenn wir Kriegs-, Elends- und Klimaflüchtlinge und Überbevölkerung betrachten, ist für Nachschub gesorgt. Die Ursachen in den Heimatländern zu bekämpfen, ist bestenfalls gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Ernst machen will damit niemand, denn es würde bedeuten, über ökonomische und soziale Gerechtigkeit noch einmal neu nachzudenken.

Und auch wenn wir vor Zigaretten mehr Angst haben sollten als vor Terror (was aber nicht der Fall ist), das Thema soziale Gerechtigkeit sieht auch Ortwin Renn als vordringlich an, und sagt, kein Thema habe soviel soziale Sprengkraft.[5] Das Gefühl nur gewinnen zu können, macht Menschen kreativ und wagemutig, die Angst zu verlieren, verunsichert, selbst dann, wenn es uns immer noch gut genug oder sogar sehr gut geht.

Chancengleichheit und Gleichmacherei

Wir sind und bleiben Individuen und viele reagieren allergisch auf das, was sie Gleichmacherei nennen. Chancengleichheit meint allerdings die Unterschiede bestehen zu lassen und idealerweise jedem Menschen, unabhängig von Herkunft und Geschlecht die annähernd gleichen Startbedingungen, bei aller individuellen Unterschiedlichkeit, zu gönnen. Es sind die immer krasser werdenden Unterschiede, die die Menschen in Europa verärgern und in anderen Ländern auf die Reise ins Unbekannte ziehen lässt. Schon im eigenen Interesse müssten wir das ändern.

Wo die Reise hingeht, weiß derzeit kein Menschen, wieder einmal wird das bedingungslose Grundeinkommen als eine Möglichkeit diskutiert. Armut ist nicht allein das Problem der Armen, sondern allein das Gefühl, dass es auf der Welt ungerecht zugeht, verärgert uns, rührt an unseren Gerechtigkeitssinn. Wir alle sollten ein Interesse daran haben, die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch größer werden zu lassen, was sowohl für Deutschland, als in einem noch viel stärkeren Maße weltweit gilt. Denn die eingeforderte Bereitschaft in der Gesellschaft mitzuspielen beruht wenigstens anfangs darauf, dass man dafür auch eine attraktive Gegenleistung erhält.

Dabei ist die Frage wie reich die Reichen sind im Grunde belanglos. Wer alles hat, was er braucht, lebt nicht besser, wenn der 3x, 10x oder 700x alles hat, was er braucht. Die entscheidende Frage ist wie es den Ärmeren geht. Ein Milliardär wandert nicht aus, nur weil er statt 700x nur noch 625x so viel hat, wie er braucht, ein Kriegs-, Elends- oder Klimaflüchtling sehr wohl. Und wie wir wissen, ist die Demographie ein ernsthafter Faktor was Unruhen in der Gesellschaft angeht.

Lohnenswerter Egoismus

Menschen, die etwas stehlen haben nicht nur ihre eigene Angst, sondern auch eine psychologische Hürde zu nehmen. Es ist ungeheuer schwer jemanden zu beklauen, wenn er nett ist. Es ist immer ein Problem fies zu jemandem zu sein, den man eigentlich mag und so ist Freundlichkeit ein guter Schutz, umso mehr, je weniger aufgesetzt sie ist. Sie hat noch einen zweiten Vorteil, denn freundlich zu sein lässt einem meist Anerkennung zukommen und gibt einem auch selbst ein gutes Gefühl.

Wenn wir darüber hinaus auch noch auswählen, wen wir, über die Asylgründe hinaus in Deutschland haben wollen und was wir uns nicht wünschen, machen wir vielen Menschen das Leben leichter, nicht schwerer und setzten zudem noch ein Angebot an sozialen Rollen in die Welt, an denen ein Mangel besteht. Wer weiß, was ihn erwartet und was von ihm erwartet wird, kann wählen und sich zur Wahl stellen. Gerechtigkeit und Moral zu fördern und einzufordern ist also in mehrfacher Weise in unserem Sinn.

Seuchen und Naturkatastrophen

Tornado über Feld

Naturkatastrophen sind für die Betroffenen entsetzlich, jedoch statistisch bislang weniger schlimm, als gedacht. © NOAA Photo Library under cc

Es gehört zu den beglückenden Erfahrungen, dass vielen Krankheiten der Zahn gezogen ist. Die großen Seuchen sind nahezu nicht mehr zu finden, doch ist das Gebiet der Medizin gerade im Umbruch. AIDS kann man besser behandeln, gegen Hepatitis C, eine tödliche Infektionskrankheit ist ein Mittel gefunden, große Epidemien kann man vermutlich über eine verbesserte Logistik eindämmen, die Todeszahlen durch Malaria sind drastisch reduziert, doch die Ära der Antibiotika droht zu Ende zu gehen, mit ungeahnten Folgen. Herz- und Kreislauferkrankungen sind in der industrialisierten Welt noch immer weit vorne, zusammen mit Diabetes und Krebs, doch die frühen Infarkte gehören großenteils der Vergangenheit an, durch eine veränderte Lebensführung.

Auch in der Medizin droht die Schere auseinander zu gehen, zwischen einer Medizin erster Klasse und einer Unterversorgung. Ethik und Moral sind auch hier Themen die gegen wirtschaftliche Interessen ins Feld geführt werden sollten. Pharmaunternehmen sollen mit ihren Produkten ruhig gutes Geld verdienen (hier die umsatzstärksten Medikamente), aber wenn es um die Abwägung Leben oder Profitsteigerung geht, dürfen wir nicht ernsthaft überlegen. Auch hier ist ein Ausbau der Spitzenleistungen wünschenswert, weil die Ergebnisse, Erfahrungen und Produkte irgendwann auch in der Breite ankommen.

Renn beschreibt in Risikoparadox Naturkatastrophen und technischen Großunfälle als „zahme Tiger“.[6] In den letzten 35 Jahren gab es nicht mal eine Million Tote, wenn man die Ereignisse zusammen zählt, das ist immer noch viel, aber angesichts einer rasch wachsenden Weltbevölkerung von vielleicht 7.250 Millionen Menschen, weit weniger als 0,1%. Weltuntergang sieht anders aus.

Doch wir wissen es nicht, es steht einiges auf der Kippe, weil Faktoren ins Spiel kommen, die wir alle noch nicht kennen. Der Klimawandel könnte neue Bedrohungen bedeuten, mitsamt einer neuen Qualität von Wettereignissen die teuer und gefährlich sind, auch in ansonsten verschonten Regionen. Wenn die Bevölkerung immer mehr anwächst, der traditionelle Lebensraum sich aber klimatisch verringert, durch die Bildung von Wüsten und Steppen, neue Infektionskrankheiten in industrialisiert Regionen gelangen, die Antibiotika unwirksam werden und wir weiter starke Migrationsströmungen um den Erdball haben, sind das in der Kombination immerhin beunruhigende Szenarien.

Mehr Realismus oder mehr heile Welt?

Ist die Rede davon, dass uns allen nicht so schlecht geht also ein gesunder Spritzer Realismus der unsere verzerrten Wahrnehmungen etwas korrigieren kann, oder ist das auf heile Welt machen? Und was ist mit den politischen und ökonomischen Großthemen? Kann es doch noch einen Weltkrieg geben? Es sind immerhin auch gewichtige Forscher, die die Weltuntergangsuhr auf 3 Minuten vor 12 vorgestellt haben.

Wie die Politiker reagieren wissen wir nicht, außer, dass die meisten mit spieltheoretischen Szenarien arbeiten. Das ist insofern beruhigend, als sich alles oder nichts Angriffe in einem solchen Szenario nicht lohnen. Die Strategie der wechselseitigen Abschreckung ist halbwegs rational, aber man weiß nicht, welche Rolle der Cyber-Terrorismus zukünftig spielen wird. Die G7 Staaten nehmen diese Möglichkeiten sehr ernst.

Nicht nur eine Attacke auf Militärcomputer und Atomkraftwerke wäre verheerend, auch ein großer, landes- oder gar europaweiter Stromausfall wäre ein äußerst bedrohliches Szenario, weil unsere gesamte Kommunikation binnen Stunden zusammenbrechen würde und es gar nicht so einfach ist, manche Kraftwerke wieder hochzufahren.

Das Ende der Arbeit?

Werden wir noch arbeiten, in ein paar Jahrzehnten? Roboter könnten uns einen großen Teil unserer Arbeit abnehmen, wie heute schon in der Industrie, so demnächst auch im Transportwesen, sei es industriell oder in der Reisebranche. Roboter können Bestellungen annehmen und Essen, Einkäufe oder Pakete zusammenstellen und ausliefern. Sie können demnächst in Call-Centern arbeiten, auch in der Pflege oder als Hotelfachkraft sind Roboter inzwischen denkbar, Behördenvorgänge und Geldtransfer könnten weiter automatisiert werden, auch Reise- oder Museumsführer könnten demnächst Roboter sein.

Werden wir bald schon nicht mehr gebraucht? In einem Land, in dem sich die Bewohner überwiegend über ihre Arbeit definieren ist das keine Bagatelle. Wir sehen es an den alten Menschen, für die wir heute schon keine adäquate Rolle mehr parat haben. Knapp 25% der alten Menschen trinken zu viel Alkohol, aus Einsamkeit, Kummer und dem Gefühl eigener Sinnlosigkeit.