Wer bremst den Kapitalismus?

Für viele ist der Kapitalismus, mindestens in seiner Extremform, dem Neoliberalismus, die größte Bedrohung. Und es sind keinesfalls mehr nur harte Linke, die das so sehen. Anfang des Jahres macht die Meldung die Runde, dass 62 Supereiche so viel besitzen, wie die einkommenstechnisch untere Hälfte der Menschheit. Wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen lässt, dann ist das knackig. Vergleichsweise rücksichtslose Ausbeutung ist das Prinzip der extremen Variante des Kapitalismus. Was auch immer passiert, irgendwer verdient dran. Ist irgendwo eine Krieg, schaut man gierig darauf, was das wohl für Auswirkungen auf den Ölpreis oder die Börsenkurse hat. Ob Krankheit, Hunger oder der Bankrott eines ganzes Staates, alles ist ein Geschäftsmodell.

Die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Doch das Finanzsystem ist davon längst entkoppelt. Schöne Worte und Gesetze bringen nicht viel, wenn man das Gefühl hat, dass die Wirtschaft längst das Ruder übernommen hat. Die Erde wird in der gleichen Weise ausgebeutet wie die Menschen. Das kann nicht immer so weiter gehen, aber jetzt geht es eben noch. Beim Öl hat man eben noch mal die Kurve gekriegt, die neue Fracking Technologie sichert Ölvorkommen für weitere Jahrzehnte. Vermutlich werden erst die Phosphatvorkommen zur Neige gehen und damit der Dünger, den wir für unsere Nahrung brauchen. Auch damit kann man spekulieren und es wird ja getan und es ist ja möglich. Irgendwer wird auch daran verdienen und das liegt in der Logik des Systems.

Wir es linke Mehrheiten geben, hatte Marx am Ende doch Recht? Zumindest nach linken Mehrheiten sieht es nicht aus, europäischer Protest ist aktuell rechts. Doch auch die Rechten werden ihre Wähler enttäuschen, auch sie müssen sich zur Macht des Kapitals verhalten und vor ihren Parolen werden sich die Inhaber multinationaler Konzerne nicht fürchten. Wer soll die Spirale je anhalten?

Vom (unverdient) schlechten Ruf der Moral

Viele überschlagen sich mit der Bemerkung ihre Kritik habe nichts mit Moral zu tun, sondern sei rein technischer oder logischer Natur. Schön, aber was spricht gegen Moral? Der schlechte Ruf. Moral, das klingt so gestrig, angestaubt, hat für viele auch noch eine religiöse Komponente, dabei ist religiöse Moral nur eine Spielart. Man darf auf Einsicht und Vernunft weiter hoffen und muss an den richtigen Stellen bohren. Es liegt nicht nur, aber auch in unserem Interesse, wenn es anderen gut geht. Beispiele habe wir genug geliefert. Riesige Migrationsströme. Die Angst vor Terror und Verlust, vor dem Weltuntergang ist durchaus verbreitet. Es verbessert unsere Situation nicht, auch nicht wenn wir Europa zur Festung ausbauen, damit kriegt man vielleicht 5 oder 10 Jahre rum, es ist aber schlicht nicht möglich. Und ob allein der Versuch noch wünschenswert und lebenswert wäre und wie man ihn den Kindern oder Enkeln erklärt, ist noch mal eine andere Geschichte.

Freundlichkeit ist, wie oben erklärt, gar kein schlechter Ansatz, das muss nicht naiv sein. Stellt man obendrein noch Struktur und soziale Rollen zur Verfügung, sagt, was man will und was nicht, ist vielen geholfen. Einsicht ist der eine Weg, doch der wird nicht alle erreichen. Aber man kann Druck aufbauen, denn einen guten Namen zu haben, ist mitunter wichtig. Moral könnte ein Eckpfeiler sein, indem man fragt, ob etwas die Gesamtmenge an Leid in der Welt eher vergrößert oder eher verringert. Und wieso man das meint.

Der Marxismus und Kommunismus versucht seit langem den Kapitalismus zu bremsen, bislang nicht mit dem größten Erfolg und auch wenn man nicht hysterisch auf linke Ideen reagiert, kann man sich fragen, wie viele Anläufe die Welt davon noch ertragen kann und sollte. Aber es spricht ohnehin nicht viel dafür, dass die Revolution unmittelbar bevor steht. Die Kluft zwischen Arm und Reich muss verringert werden, auch aus psychologischer Sicht. Armut, Elend und reale oder empfundene Ungerechtigkeit sind Hauptquellen für die Entwicklung schwerer Persönlichkeitsstörungen und diese sorgen wiederum dafür, dass die Menschen in noch stärkerem Maße Einzelkämpfer werden, mit einer „nach mir die Sintflut“ Einstellung. Das können wir nicht wollen, wir sehen es oft genug, leiden darunter und bislang besetzen Menschen mit einer mitunter erheblich Pathologie die Spitzen und die wichtigen Funktionen unserer Gesellschaft. Narzisstische Egomanen und mitunter Psychopathen in der Politik und den Aufsichtsräten und Konzernspitzen.

Es gibt 1000 Wege Ethik und Moral wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, als etwas Lebendiges, nicht als abstraktes System. Ein denkbar realistisches Hindernis für den Kapitalismus wird die Religion sein. Ein ausgefeiltes System mit Jahrtausende langer Erfahrung, mächtig und effektiv. Hier in Europa haben wir manchmal das Gefühl, die Religion sei ein Auslaufmodell, doch das ist weit an der Realität vorbei. Europa ist ein Sonderfall, ansonsten ist es der Atheismus, der stagniert oder sogar sinkt. Die größte buddhistische Gemeinschaft gibt es inzwischen in China, wie der Dalai Lama sagt.

Es spricht nichts dagegen, dass die Religionen und die guten, rationalen Gründe der Einsichtigen in einer Koalition zusammen finden. Die rationale Einsicht selber ist nicht massentauglich, zu stark der Einfluss derer, die auf Regressionen und dumpfe Gefühle setzen. Aber die Religionen funktionieren, sind vital und fit.

Weltuntergang oder alles in bester Ordnung?

Die Welt steht auf der Kippe, in einigen Bereichen. Viel spricht dafür, dass es tatsächlich realistische Zeichen der Besserung gibt und das sollten wir im Hinterkopf behalten. Wir sind heute weiter, in vielerlei Hinsicht. Es könnte vieles besser sein, es muss einiges dringend besser werden, aber zur Resignation besteht kein Grund. Aber vieles ist im Begriff zu kippen, gerade hier in Europa. Die Welt wird es nicht groß stören, die Machtzentren verlagern sich einfach nach Ostasien. Wir haben unsere Menschenrechte und unsere rationale Tradition, doch gerade im indischen Raum ist eines der alten Zentren der Spiritualität. Wer weiß welche Fusionen uns von hier erwarten. Das sind keine zurückgebliebenen Länder am Ende der Welt, sondern gigantische Märkte und Mächte der Zukunft, China und Indien haben zusammen etwa fünf mal so viel Einwohner wie ganz Europa (und 30 mal so viele, wie Deutschland). Europa hat mit seiner reichen Geschichte viel in den Waagschale zu werfen und es ist wichtig, dass sein Erbe weiter lebt. Philosophie, Musik, Gesundheits- und Sozialstandards, Erfindergeist, ein potentes Ausbildungssystem und hochqualifizierte Arbeiter.

In bester Ordnung ist die Welt nicht und wir brauchen gerade jetzt kraftvolle Visionen für die Welt der Zukunft. Und jede Stimme hat Gewicht.

Quellen:

  • [1] Steven Pinker in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung, von 10.01.2016: http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-blick-auf-eine-bessere-welt-1.2811731
  • [2] ebd.
  • [3] Ban Ki-Moon, Millenniums-Entwicklungsziele Bericht 2015, S.5 online: http://www.un.org/depts/german/millennium/MDG%20Report%202015%20German.pdf
  • [4] Ortwin Renn, Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, Fischer TB, S.25
  • [5] ebd., S.508
  • [6] ebd., S. 113-121