Sessel in altem Einsenbahnwaggon, Blick auf menschenleere Welt

Sieht es so nach dem Weltuntergang aus? © Damian Witkowski under cc

Immer und immer wieder gibt es durchaus ernstzunehmende Stimmen, die ein bedrohliches Szenario beschwören und zwar nichts weniger, als den Weltuntergang.

Zu jedem der vermeintlichen Gründe gibt es zahllose Bücher, so dass wir den Versuch hier ins Detail zu gehen gar nicht erst starten, eine unvollständige Aufzählung soll reichen:

Natürliche Umweltkatastrophen

Meteore und kosmische Katastrophen, Tsunamis, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme

Krankheiten

Seuchen (Malaria, Ebola, Zika), Fettsucht, Diabetes, Krebs, Herz- Kreislauferkrankungen, Demenzerkrankungen, Depressionen

Menschengemacht Umweltkatastrophen

Klimawandel, Atommüll, Belastungen durch Pestizide, Industriemüll, Plastikmüll

Technologische Katastrophen

Cyberwar, Online-Terrorismus, Atomunfälle, Gentechnologieunfälle, Nanotechnologie, Stromausfall

Katastrophen durch Ausbeutung

Ende der Rohstoffe, wie seltene Erden, fossile Brennstoffe und Phosphate

Katastrophen durch Aggression

Krieg, Terror, innere Sicherheit

Katastrophen und Verwicklungen durch Gier

soziales Ungleichgewicht, ökonomiebedingte Probleme (inklusive umstrittener Handelsabkommen wie TTIP oder CETA), Hunger, Korruption (ADAC, VW, FIFA)

Probleme demographischer Art

Überbevölkerung, Migrationsbewegungen, Überalterung

Politische Spannungen

NATO-Russland, Indien-Pakistan, Shiiten-Sunniten

Eine stattliche Liste, die nicht unbedingt zu guter Laune anregt. Und doch gibt es bei Forschern, die sich systematisch mit dem Thema beschäftigen eine vollkommen andere Stimmung. Fast alle, die das Thema aus einer Gesamtperspektive betrachten, sehen Verbesserungen und zwar mitunter sehr deutliche. Wie passt das zusammen, mit den oben aufgelisteten Themen, die sicher unvollständig sind? Es passt eigentlich wenig bis gar nicht zusammen, aber man kann die abweichenden Wahrnehmungen zu einem Teil erklären.

Wir sind auf Negatives geeicht

Wie im persönlichen Bereich ist es auch mit dem Blick auf kollektive Ereignisse so, dass Negatives viel eher hängen bleibt, als Positives. Positives wird sehr schnell als normal empfunden, während uns Fehler auffallen und länger nachhängen. Evolutionär betrachtet ist es vielleicht besser zu wissen, wo ein Ort ist, den man meiden sollte, als einen zu kennen, der Freude bereitet. Und da „bad news“ bekanntlich „good news“ sind, ist immer irgendwas Schlimmes zu finden. In einer Dichte, dass man sich fragen kann, ob es überhaupt noch Lebensbereiche gibt, in denen es rechtschaffen zugeht.

Doch die andere Seite ist die, dass wir heute in einer Welt leben, in der Missstände wesentlich besser und effektiver aufgedeckt werden können als vor 20 Jahren, jedoch resultieren ausgerechnet aus diesen neuen Möglichkeiten der Aufklärung, über das Internet, die allgegenwärtigen Kameras in Smartphones, auch neue Möglichkeiten der Manipulation. Es liegt an uns, ob wir uns bemühen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wir reagieren allergisch auf Mangelempfindungen

Lange bevor ein Mangelzustand existenziell wird, versuchen wir ihn abzuwenden. Wer im Überfluss hat und davon 20% abgeben muss, hat immer noch im Überfluss, aber ein schlechtes Gefühl dabei. Er wird konservativ und versucht seinen Besitz zu verteidigen, wohingegen jemand der sein Guthaben steigern kann gut gelaunt und wagemutig wird. Wer 10% mehr verdient und nun ein Jahreseinkommen von 20.000 Euro hat, kann durchaus besser drauf sein, als jemand der 30.000 Euro Jahreseinkommen hat, aber dabei 20% verloren hat. Und so ist es nicht nur mit dem Geld. Auch andere Ressourcen wollen wir ungern hergeben.

Die Idee, dass früher alles besser war, die Jugend nichts mehr wert ist und demnächst der Weltuntergang bevorsteht, ist vermutlich so alt wie der Mythos oder die Clanstrukturen. Das kann durchaus seine Berechtigung haben, denn zum einen, war der Mensch damals noch weitaus weniger gegen die Natur geschützt, eine schlechte Ernte oder eine Naturkatastrophe war ein durchaus existenzielles Phänomen, auch viele von denen, die wir heute locker wegstecken. Zum anderen gab es damals einen gefühlten Austausch zwischen geistiger und materieller Welt, in der das Opfer und die Zerstückelung eine große Rolle spielten. Im rituellen Opfer gab man etwas weg und zerstückelte die eine Welt, um mit der anderen in Kontakt zu kommen. Anders herum ist Schöpfung in zahllosen Mythen die Zerstückelung eines Gottes, der sich opfert und Welt wird. Aktuell erhoffen wir uns aber nichts von einer geistigen Welt, wir glauben nicht, dass es sie überhaupt gibt und damit muss alles, was früher aufs Jenseits vertagt werden konnte in diesem einen Leben stattfinden. Ist diese Party missraten, kommt dann auch nichts mehr. Ein schales Gefühl von Mangel stellt sich ein: War das etwas alles?

Wie sind die Fakten?

Kann man die obigen Aufzählungen wirklich kalt lächelnd ignorieren und behaupten, es sei alles gar nicht so schlimm? Der Kognitionsforscher Steven Pinker ist der Auffassung, dass wir der menschlichen Intuition bei der Frage, was die Zukunft bringt, nicht trauen sollten und diskutiert die Frage, welche Kriterien man bei der Entscheidung anlegen sollte, so:

„Die meisten Menschen sind sich ja einig, dass Leben besser ist als Tod, Gesundheit besser als Krankheit, Wohlstand besser als Armut, Wissen besser als Ignoranz, Frieden besser als Krieg, Sicherheit besser als Gewalt, Freiheit besser als Unterdrückung. Damit haben wir eine Reihe von Maßstäben, mit denen wir ermitteln können, ob es tatsächlich Fortschritte gibt.“[1]

Tut man das, so verdichtet sich das Bild, dass die Menschen nicht nur länger, sondern auch gesünder leben, Infektionskrankheiten und extreme Armut zurückgehen, ebenso wie Rassismus und Verbrechen aus Hass, wohingegen der Intelligenzquotient weltweit steigt.[2] Das passt erst mal schlecht in unser aktuelles Empfinden von einer Welt, die irgendwie aus den Fugen zu geraten scheint, in der Verunsicherung und politischen Irritationen nahezu an der Tagesordnung sind. Wäre Pinker ein Einzelfall, hätte er sich vielleicht einfach geirrt, aber er ist keiner.

Der Bericht der UNO über die Milleniumsziele fällt positiv aus, auch wenn UNO Generalsekretär Ban Ki-Moon anmerkt:

„Alle noch so bemerkenswerten Erfolge können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ungleichheiten fortbestehen und die Fortschritte ungleichmäßig waren.

Armut tritt noch immer in Teilen der Welt gehäuft auf. So lebten 2011 fast 60 Prozent der einen Milliarde extrem armer Menschen der Welt in nur fünf Ländern. Nach wie vor sterben zu viele Frauen während der Schwangerschaft oder an Komplikationen bei der Geburt. Fortschritte gehen häufig an Frauen und an denen vorbei, die ganz unten auf der wirtschaftlichen Leiter stehen oder aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt sind. Zwischen ländlichen und städtischen Gebieten bestehen nach wie vor ausgeprägte Disparitäten.“[3]

Gedämpft, aber optimistisch. Doch auch das ist nicht alles. Auf lange Sicht und aus der Perspektive des Historikers ist die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes zu sterben geradezu dramatisch gesunken, trotz der Großkriege im 20. Jahrhundert. Der Titel des Buches von Ortwin Renn, Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, sagt eigentlich schon alles. Wir haben Angst vor Nahrungsmittelskandalen, Terror und Gewalt, radioaktiver Verstrahlung, schleichender Vergiftung unserer Nahrung und Spielzeuge und vor kriminellen Jugendlichen, die unsere Innenstädte belagern. Und ist diese Angst nicht berechtigt?

„Die Antwort auf all diese Fragen ist bestechend einfach. Sie lautet: Nein.“[4] Denn Gesundheit, Sicherheit und Lebenserwartung werden auch nach Renns Analyse immer besser, natürlich nur statistisch, dort aber umso deutlicher. Und selbst der Terror hat in den letzten 20 Jahren nicht zugenommen, im Gegenteil.

Zweifel bleiben

Kind auf Arm von Mutter, mit zweifelndem Blick

Ein etwas zweifelnder Blick. © Ted Mielczarek under cc

Aber was ist dann los mit uns? Ist es nur die German Angst, ein ständiges Lamentieren, egal wie gut es uns geht? Statistisch sind wir Deutschen 2015 wieder etwas glücklicher geworden, doch im europäischen Vergleich befinden wir uns nur auf Platz 10. Deutschland ist durchschnittlich glücklich, auch das statistisch, obwohl es uns doch eigentlich immer besser geht.

Der Philosoph Thomas Pogge äußert klare Zweifel an Methodik und Lesart in Teilen der Millenniums-Entwicklungsziele und so gibt es auch andere Bereiche, in denen ein Stirnrunzeln bleibt. Eben titelte der Spiegel zu den rasant anwachsenden Einbruchszahlen in Deutschland, die keine Einbildung sind. Da die Zufriedenheit auch mit der häuslichen Wohnsituation zu tun hat, beeinflusst das unser Glücksempfinden.

Auch die Flüchtlinge und die mit ihnen verbundenen realen und phantasierten Befürchtungen verunsichern die Menschen, ein Thema von außerordentlicher politischer Brisanz und vermutlich eines, was uns über lange Zeit erhalten bleibt, wenn die Ursachen für Flucht nicht beseitigt werden. Das drückt auf die Stimmung, real messbar in der Zahl der Wählerstimmen für die AfD, die zu einem hohen Teil Protestwähler anspricht.

Ist das einfach nur Jammern auf hohem Niveau? Sind wir undankbar, weil wir uns nicht in jedem Moment daran erinnern, wie es auch mal war, wo wir herkommen und dass all unsere Selbstverständlichkeiten, mit denen wir heute umgehen, keinesfalls so selbstverständlich sind? Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wir haben maßlos hohe bis perfektionistische Ansprüche in nahezu allen Lebensbereichen hier immer wieder beschrieben und der um sich greifende Narzissmus in der Gesellschaft ist sicher ein Übel, aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Eines unserer Anliegen ist einen Blick für die Entwicklungsstufen zu vermitteln. Diese sind zum einen kollektiv zu sehen und haben dann eine eher statistische Komponente, die zum Beispiel Spiral Dynamics abzubilden versucht, doch Entwicklung ist auch individuell und dann differenzierter zu betrachten. Und jede neue Stufe der Entwicklung hat ihre spezifischen Perspektiven und Stärken, aber auch ihre Sorgen und Pathologien. Der Blick zurück ist oft eine Hilfe in eigener Sache, um sich selbst zu vergegenwärtigen, wie gut es einem eigentlich geht, wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass wir hier in Deutschland seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr erlebt haben, keine größere Unruhen, dass wir von Naturkatastrophen großzügig verschont sind, geblildet sind, nicht hungern und frieren müssen, eine Grundversorgung monetärer, wohnlicher und medizinischer Art erhalten, frei wählen und unsere Meinung äußern dürfen und auch der Strom nicht immer mal wieder ausgestellt wird. Es gibt viele Länder in denen das in der Summe keinesfalls selbstverständlich ist und immer noch zu viele, in denen nichts davon die Regel ist.

Und doch haben wir nicht nur alles Recht, sondern auch die Pflicht, die hohen Standards, die wir erreicht haben, zu halten. Es ist der Welt nicht gedient, wenn wir uns alle auf einer Ebene des Durchschnitts träfen und etwa satt, aber unfrei wären. Freiheit verlangt nach immer mehr Freiheit, Zufriedenheit nach vielleicht noch mehr Zufriedenheit und das ist keinesfalls in allen Fällen ein Ausdruck von Gier und notorischer Jammerigkeit. Gier ist auch kein Ausdruck von Zufriedenheit mehr, sondern hat eher den Charakter einer Sucht. Der gierige Mensch wird niemals satt, egal wieviel Nahrung, Geld, Sex oder Ansehen er erhält, wie ein schwarzes Loch saugt er alles an und zerstört es dabei, so dass nichts zurückbleibt.

Die Angst vor dem Weltuntergang: Ein psychologisches Thema?

Deshalb ist die Angst vor dem Weltuntergang einerseits wörtlich zu nehmen, andererseits eine Angst, die erreichte Entwicklungsstufe zu verlieren. Wir müssen unsere Spitzenleistungen, die in Europa und vor allem in Deutschland auch soziale Spitzenleistungen sind, verteidigen. „Made in Germany“ ist eine Hausnummer bezogen auf handwerkliche Präzision und industrielle Standards, aber eben nicht nur. Die sozialen Standards und die der Geisteswissenschaft können sich mehr als sehen lassen.

Wir haben nicht mehr die Idee, die das deutsche Wirtschaftswunder und die Zeit danach geprägt hat, dass es mehr oder minder steil bergauf geht und dass die kommende Generation es mal in jedem Fall besser haben wird. Im Gegenteil, die Diskussion um die Rente der Zukunft läuft, ob sie für einen größeren Teil der Bevölkerung über dem Sozialhilfesatz liegen wird, ist keinesfalls ausgemacht. Mag die Gegenwart noch gut sein, für die Zukunft wird das nicht zwingend erwartet. Auch hier ist das Bild keinesfalls einheitlich. Es gibt kluge Stimmen, die goldene Zeiten auf uns zukommen sehen.

Das Ringen um unsere Spitzenwerte ist nicht allein ein Ausdruck von Maßlosigkeit und Verlustangst, sondern auch unser Angebot an die Welt. Es mag gut sein, dass nicht alle Teile der Welt und Völker der Erde unsere Art zu leben mit Begeisterung teilen und ganz sicher ist nicht alles davon 1 zu 1 umzusetzen. Im Ausgleich können wir Einflüsse anderer Kulturen gebrauchen, es geht nicht um Eurozentrismus oder, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Es geht um den nüchternen Blick, aber der mahnt bei aller Zufriedenheit auch zur Vorsicht. Wir sollten unsere Standards nicht durchs Klo spülen, sondern durchaus mehr wollen, selbstbewusst und selbstkritisch, beides schließt einander nicht aus.

Das Subjekt betrachten

Entwicklung bedeutet ab irgendeiner Stufe recht zwingend, andere mit zu berücksichtigen. Die philosophischen Spitzendenker betonen heute mehr denn je die Intersubjektivität (oder soziale Perspektive), in der Psychologie rückt die Objektbeziehungstheorie an prominente Stelle und wenn der Mensch ein soziales Wesen ist, ist die Betrachtung des Individuums immer auch der Blick auf das Ganze, zudem ist der Schutz des Individuums ein europäisches Projekt, das eine echte Errungenschaft darstellt.

Wir wollen, dass diese Welt, unserer liebgewonnenen Gewohnheiten nicht untergeht, doch man kann den Eindruck haben, dass unsere Werte hier gerade verramscht werden. Das Subjekt ist durchaus auch wichtig in der neuen Lesart, aber als Kunde. Kann ich mit ihm Geld verdienen und wie und wo am besten? Alles wird schrittweise zum Geschäftsmodell umdefiniert und ein hoher Wert bei uns ist nicht Liebenswürdigkeit, sondern Kaufkraft. Der hier oft angeprangerte ungesunde Narzissmus ist die ausschließliche Betrachtung des Subjekts, durch sich selbst. Doch das Subjekt ernst und wichtig zu nehmen, meint jedes Subjekt zu berücksichtigen, nicht nur eines. Nicht wie man es melken kann, sondern, was es für Bedürfnisse hat. Die sind inhaltlich verschieden, strukturell aber ähnlich.

Gerechtigkeit ist ein Bedürfnis des Menschen, wenn er nicht ideologisch kaserniert ist. Auch der Hedonist weiß, es ist nicht schön, wenn andere leiden. Es geht einem nicht wunderbar, wenn es den eigenen Freunden und Liebsten schlecht geht. Deshalb ist die Forderung nach Gerechtigkeit keine idiotische oder weltfremde Forderung, sondern etwas, dem wir uns ohnehin stellen müssen.

Moral und Gerechtigkeit

Selbst wenn uns die anderen egal sind, schädigen wir uns selbst, wenn wir zu wenig Rücksicht auf sie nehmen. Das Thema weltweiter Flüchtlingsströme ist in aller Munde und wenn wir Kriegs-, Elends- und Klimaflüchtlinge und Überbevölkerung betrachten, ist für Nachschub gesorgt. Die Ursachen in den Heimatländern zu bekämpfen, ist bestenfalls gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Ernst machen will damit niemand, denn es würde bedeuten, über ökonomische und soziale Gerechtigkeit noch einmal neu nachzudenken.

Und auch wenn wir vor Zigaretten mehr Angst haben sollten als vor Terror (was aber nicht der Fall ist), das Thema soziale Gerechtigkeit sieht auch Ortwin Renn als vordringlich an, und sagt, kein Thema habe soviel soziale Sprengkraft.[5] Das Gefühl nur gewinnen zu können, macht Menschen kreativ und wagemutig, die Angst zu verlieren, verunsichert, selbst dann, wenn es uns immer noch gut genug oder sogar sehr gut geht.

Chancengleichheit und Gleichmacherei

Wir sind und bleiben Individuen und viele reagieren allergisch auf das, was sie Gleichmacherei nennen. Chancengleichheit meint allerdings die Unterschiede bestehen zu lassen und idealerweise jedem Menschen, unabhängig von Herkunft und Geschlecht die annähernd gleichen Startbedingungen, bei aller individuellen Unterschiedlichkeit, zu gönnen. Es sind die immer krasser werdenden Unterschiede, die die Menschen in Europa verärgern und in anderen Ländern auf die Reise ins Unbekannte ziehen lässt. Schon im eigenen Interesse müssten wir das ändern.

Wo die Reise hingeht, weiß derzeit kein Menschen, wieder einmal wird das bedingungslose Grundeinkommen als eine Möglichkeit diskutiert. Armut ist nicht allein das Problem der Armen, sondern allein das Gefühl, dass es auf der Welt ungerecht zugeht, verärgert uns, rührt an unseren Gerechtigkeitssinn. Wir alle sollten ein Interesse daran haben, die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch größer werden zu lassen, was sowohl für Deutschland, als in einem noch viel stärkeren Maße weltweit gilt. Denn die eingeforderte Bereitschaft in der Gesellschaft mitzuspielen beruht wenigstens anfangs darauf, dass man dafür auch eine attraktive Gegenleistung erhält.

Dabei ist die Frage wie reich die Reichen sind im Grunde belanglos. Wer alles hat, was er braucht, lebt nicht besser, wenn der 3x, 10x oder 700x alles hat, was er braucht. Die entscheidende Frage ist wie es den Ärmeren geht. Ein Milliardär wandert nicht aus, nur weil er statt 700x nur noch 625x so viel hat, wie er braucht, ein Kriegs-, Elends- oder Klimaflüchtling sehr wohl. Und wie wir wissen, ist die Demographie ein ernsthafter Faktor was Unruhen in der Gesellschaft angeht.

Lohnenswerter Egoismus

Menschen, die etwas stehlen haben nicht nur ihre eigene Angst, sondern auch eine psychologische Hürde zu nehmen. Es ist ungeheuer schwer jemanden zu beklauen, wenn er nett ist. Es ist immer ein Problem fies zu jemandem zu sein, den man eigentlich mag und so ist Freundlichkeit ein guter Schutz, umso mehr, je weniger aufgesetzt sie ist. Sie hat noch einen zweiten Vorteil, denn freundlich zu sein lässt einem meist Anerkennung zukommen und gibt einem auch selbst ein gutes Gefühl.

Wenn wir darüber hinaus auch noch auswählen, wen wir, über die Asylgründe hinaus in Deutschland haben wollen und was wir uns nicht wünschen, machen wir vielen Menschen das Leben leichter, nicht schwerer und setzten zudem noch ein Angebot an sozialen Rollen in die Welt, an denen ein Mangel besteht. Wer weiß, was ihn erwartet und was von ihm erwartet wird, kann wählen und sich zur Wahl stellen. Gerechtigkeit und Moral zu fördern und einzufordern ist also in mehrfacher Weise in unserem Sinn.

Seuchen und Naturkatastrophen

Tornado über Feld

Naturkatastrophen sind für die Betroffenen entsetzlich, jedoch statistisch bislang weniger schlimm, als gedacht. © NOAA Photo Library under cc

Es gehört zu den beglückenden Erfahrungen, dass vielen Krankheiten der Zahn gezogen ist. Die großen Seuchen sind nahezu nicht mehr zu finden, doch ist das Gebiet der Medizin gerade im Umbruch. AIDS kann man besser behandeln, gegen Hepatitis C, eine tödliche Infektionskrankheit ist ein Mittel gefunden, große Epidemien kann man vermutlich über eine verbesserte Logistik eindämmen, die Todeszahlen durch Malaria sind drastisch reduziert, doch die Ära der Antibiotika droht zu Ende zu gehen, mit ungeahnten Folgen. Herz- und Kreislauferkrankungen sind in der industrialisierten Welt noch immer weit vorne, zusammen mit Diabetes und Krebs, doch die frühen Infarkte gehören großenteils der Vergangenheit an, durch eine veränderte Lebensführung.

Auch in der Medizin droht die Schere auseinander zu gehen, zwischen einer Medizin erster Klasse und einer Unterversorgung. Ethik und Moral sind auch hier Themen die gegen wirtschaftliche Interessen ins Feld geführt werden sollten. Pharmaunternehmen sollen mit ihren Produkten ruhig gutes Geld verdienen (hier die umsatzstärksten Medikamente), aber wenn es um die Abwägung Leben oder Profitsteigerung geht, dürfen wir nicht ernsthaft überlegen. Auch hier ist ein Ausbau der Spitzenleistungen wünschenswert, weil die Ergebnisse, Erfahrungen und Produkte irgendwann auch in der Breite ankommen.

Renn beschreibt in Risikoparadox Naturkatastrophen und technischen Großunfälle als „zahme Tiger“.[6] In den letzten 35 Jahren gab es nicht mal eine Million Tote, wenn man die Ereignisse zusammen zählt, das ist immer noch viel, aber angesichts einer rasch wachsenden Weltbevölkerung von vielleicht 7.250 Millionen Menschen, weit weniger als 0,1%. Weltuntergang sieht anders aus.

Doch wir wissen es nicht, es steht einiges auf der Kippe, weil Faktoren ins Spiel kommen, die wir alle noch nicht kennen. Der Klimawandel könnte neue Bedrohungen bedeuten, mitsamt einer neuen Qualität von Wettereignissen die teuer und gefährlich sind, auch in ansonsten verschonten Regionen. Wenn die Bevölkerung immer mehr anwächst, der traditionelle Lebensraum sich aber klimatisch verringert, durch die Bildung von Wüsten und Steppen, neue Infektionskrankheiten in industrialisiert Regionen gelangen, die Antibiotika unwirksam werden und wir weiter starke Migrationsströmungen um den Erdball haben, sind das in der Kombination immerhin beunruhigende Szenarien.

Mehr Realismus oder mehr heile Welt?

Ist die Rede davon, dass uns allen nicht so schlecht geht also ein gesunder Spritzer Realismus der unsere verzerrten Wahrnehmungen etwas korrigieren kann, oder ist das auf heile Welt machen? Und was ist mit den politischen und ökonomischen Großthemen? Kann es doch noch einen Weltkrieg geben? Es sind immerhin auch gewichtige Forscher, die die Weltuntergangsuhr auf 3 Minuten vor 12 vorgestellt haben.

Wie die Politiker reagieren wissen wir nicht, außer, dass die meisten mit spieltheoretischen Szenarien arbeiten. Das ist insofern beruhigend, als sich alles oder nichts Angriffe in einem solchen Szenario nicht lohnen. Die Strategie der wechselseitigen Abschreckung ist halbwegs rational, aber man weiß nicht, welche Rolle der Cyber-Terrorismus zukünftig spielen wird. Die G7 Staaten nehmen diese Möglichkeiten sehr ernst.

Nicht nur eine Attacke auf Militärcomputer und Atomkraftwerke wäre verheerend, auch ein großer, landes- oder gar europaweiter Stromausfall wäre ein äußerst bedrohliches Szenario, weil unsere gesamte Kommunikation binnen Stunden zusammenbrechen würde und es gar nicht so einfach ist, manche Kraftwerke wieder hochzufahren.

Das Ende der Arbeit?

Werden wir noch arbeiten, in ein paar Jahrzehnten? Roboter könnten uns einen großen Teil unserer Arbeit abnehmen, wie heute schon in der Industrie, so demnächst auch im Transportwesen, sei es industriell oder in der Reisebranche. Roboter können Bestellungen annehmen und Essen, Einkäufe oder Pakete zusammenstellen und ausliefern. Sie können demnächst in Call-Centern arbeiten, auch in der Pflege oder als Hotelfachkraft sind Roboter inzwischen denkbar, Behördenvorgänge und Geldtransfer könnten weiter automatisiert werden, auch Reise- oder Museumsführer könnten demnächst Roboter sein.

Werden wir bald schon nicht mehr gebraucht? In einem Land, in dem sich die Bewohner überwiegend über ihre Arbeit definieren ist das keine Bagatelle. Wir sehen es an den alten Menschen, für die wir heute schon keine adäquate Rolle mehr parat haben. Knapp 25% der alten Menschen trinken zu viel Alkohol, aus Einsamkeit, Kummer und dem Gefühl eigener Sinnlosigkeit.

Wer bremst den Kapitalismus?

Für viele ist der Kapitalismus, mindestens in seiner Extremform, dem Neoliberalismus, die größte Bedrohung. Und es sind keinesfalls mehr nur harte Linke, die das so sehen. Anfang des Jahres macht die Meldung die Runde, dass 62 Supereiche so viel besitzen, wie die einkommenstechnisch untere Hälfte der Menschheit. Wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen lässt, dann ist das knackig. Vergleichsweise rücksichtslose Ausbeutung ist das Prinzip der extremen Variante des Kapitalismus. Was auch immer passiert, irgendwer verdient dran. Ist irgendwo eine Krieg, schaut man gierig darauf, was das wohl für Auswirkungen auf den Ölpreis oder die Börsenkurse hat. Ob Krankheit, Hunger oder der Bankrott eines ganzes Staates, alles ist ein Geschäftsmodell.

Die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Doch das Finanzsystem ist davon längst entkoppelt. Schöne Worte und Gesetze bringen nicht viel, wenn man das Gefühl hat, dass die Wirtschaft längst das Ruder übernommen hat. Die Erde wird in der gleichen Weise ausgebeutet wie die Menschen. Das kann nicht immer so weiter gehen, aber jetzt geht es eben noch. Beim Öl hat man eben noch mal die Kurve gekriegt, die neue Fracking Technologie sichert Ölvorkommen für weitere Jahrzehnte. Vermutlich werden erst die Phosphatvorkommen zur Neige gehen und damit der Dünger, den wir für unsere Nahrung brauchen. Auch damit kann man spekulieren und es wird ja getan und es ist ja möglich. Irgendwer wird auch daran verdienen und das liegt in der Logik des Systems.

Wir es linke Mehrheiten geben, hatte Marx am Ende doch Recht? Zumindest nach linken Mehrheiten sieht es nicht aus, europäischer Protest ist aktuell rechts. Doch auch die Rechten werden ihre Wähler enttäuschen, auch sie müssen sich zur Macht des Kapitals verhalten und vor ihren Parolen werden sich die Inhaber multinationaler Konzerne nicht fürchten. Wer soll die Spirale je anhalten?

Vom (unverdient) schlechten Ruf der Moral

Viele überschlagen sich mit der Bemerkung ihre Kritik habe nichts mit Moral zu tun, sondern sei rein technischer oder logischer Natur. Schön, aber was spricht gegen Moral? Der schlechte Ruf. Moral, das klingt so gestrig, angestaubt, hat für viele auch noch eine religiöse Komponente, dabei ist religiöse Moral nur eine Spielart. Man darf auf Einsicht und Vernunft weiter hoffen und muss an den richtigen Stellen bohren. Es liegt nicht nur, aber auch in unserem Interesse, wenn es anderen gut geht. Beispiele habe wir genug geliefert. Riesige Migrationsströme. Die Angst vor Terror und Verlust, vor dem Weltuntergang ist durchaus verbreitet. Es verbessert unsere Situation nicht, auch nicht wenn wir Europa zur Festung ausbauen, damit kriegt man vielleicht 5 oder 10 Jahre rum, es ist aber schlicht nicht möglich. Und ob allein der Versuch noch wünschenswert und lebenswert wäre und wie man ihn den Kindern oder Enkeln erklärt, ist noch mal eine andere Geschichte.

Freundlichkeit ist, wie oben erklärt, gar kein schlechter Ansatz, das muss nicht naiv sein. Stellt man obendrein noch Struktur und soziale Rollen zur Verfügung, sagt, was man will und was nicht, ist vielen geholfen. Einsicht ist der eine Weg, doch der wird nicht alle erreichen. Aber man kann Druck aufbauen, denn einen guten Namen zu haben, ist mitunter wichtig. Moral könnte ein Eckpfeiler sein, indem man fragt, ob etwas die Gesamtmenge an Leid in der Welt eher vergrößert oder eher verringert. Und wieso man das meint.

Der Marxismus und Kommunismus versucht seit langem den Kapitalismus zu bremsen, bislang nicht mit dem größten Erfolg und auch wenn man nicht hysterisch auf linke Ideen reagiert, kann man sich fragen, wie viele Anläufe die Welt davon noch ertragen kann und sollte. Aber es spricht ohnehin nicht viel dafür, dass die Revolution unmittelbar bevor steht. Die Kluft zwischen Arm und Reich muss verringert werden, auch aus psychologischer Sicht. Armut, Elend und reale oder empfundene Ungerechtigkeit sind Hauptquellen für die Entwicklung schwerer Persönlichkeitsstörungen und diese sorgen wiederum dafür, dass die Menschen in noch stärkerem Maße Einzelkämpfer werden, mit einer „nach mir die Sintflut“ Einstellung. Das können wir nicht wollen, wir sehen es oft genug, leiden darunter und bislang besetzen Menschen mit einer mitunter erheblich Pathologie die Spitzen und die wichtigen Funktionen unserer Gesellschaft. Narzisstische Egomanen und mitunter Psychopathen in der Politik und den Aufsichtsräten und Konzernspitzen.

Es gibt 1000 Wege Ethik und Moral wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, als etwas Lebendiges, nicht als abstraktes System. Ein denkbar realistisches Hindernis für den Kapitalismus wird die Religion sein. Ein ausgefeiltes System mit Jahrtausende langer Erfahrung, mächtig und effektiv. Hier in Europa haben wir manchmal das Gefühl, die Religion sei ein Auslaufmodell, doch das ist weit an der Realität vorbei. Europa ist ein Sonderfall, ansonsten ist es der Atheismus, der stagniert oder sogar sinkt. Die größte buddhistische Gemeinschaft gibt es inzwischen in China, wie der Dalai Lama sagt.

Es spricht nichts dagegen, dass die Religionen und die guten, rationalen Gründe der Einsichtigen in einer Koalition zusammen finden. Die rationale Einsicht selber ist nicht massentauglich, zu stark der Einfluss derer, die auf Regressionen und dumpfe Gefühle setzen. Aber die Religionen funktionieren, sind vital und fit.

Weltuntergang oder alles in bester Ordnung?

Die Welt steht auf der Kippe, in einigen Bereichen. Viel spricht dafür, dass es tatsächlich realistische Zeichen der Besserung gibt und das sollten wir im Hinterkopf behalten. Wir sind heute weiter, in vielerlei Hinsicht. Es könnte vieles besser sein, es muss einiges dringend besser werden, aber zur Resignation besteht kein Grund. Aber vieles ist im Begriff zu kippen, gerade hier in Europa. Die Welt wird es nicht groß stören, die Machtzentren verlagern sich einfach nach Ostasien. Wir haben unsere Menschenrechte und unsere rationale Tradition, doch gerade im indischen Raum ist eines der alten Zentren der Spiritualität. Wer weiß welche Fusionen uns von hier erwarten. Das sind keine zurückgebliebenen Länder am Ende der Welt, sondern gigantische Märkte und Mächte der Zukunft, China und Indien haben zusammen etwa fünf mal so viel Einwohner wie ganz Europa (und 30 mal so viele, wie Deutschland). Europa hat mit seiner reichen Geschichte viel in den Waagschale zu werfen und es ist wichtig, dass sein Erbe weiter lebt. Philosophie, Musik, Gesundheits- und Sozialstandards, Erfindergeist, ein potentes Ausbildungssystem und hochqualifizierte Arbeiter.

In bester Ordnung ist die Welt nicht und wir brauchen gerade jetzt kraftvolle Visionen für die Welt der Zukunft. Und jede Stimme hat Gewicht.

Quellen:

  • [1] Steven Pinker in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung, von 10.01.2016: http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-blick-auf-eine-bessere-welt-1.2811731
  • [2] ebd.
  • [3] Ban Ki-Moon, Millenniums-Entwicklungsziele Bericht 2015, S.5 online: http://www.un.org/depts/german/millennium/MDG%20Report%202015%20German.pdf
  • [4] Ortwin Renn, Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten, Fischer TB, S.25
  • [5] ebd., S.508
  • [6] ebd., S. 113-121