Die Choreographie der Schmerzen

Die Choreographie der Schmerzen hat ihre eigene Wirkung. Wir haben ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entwickelt, wie lange man durch eine Krankheit von seinen „Pflichten“ entbunden ist. Eine Woche bei einer Grippe, sechs Wochen bei einem Bruch, größere OPs und schwere Erkrankungen dauern länger. Aber irgendwann sollte dann auch mal gut sein. Dieses Bewusstsein, diese implizite Choreographie, ist in uns allen vorhanden. In den Menschen, die das weitere und engere Umfeld von Menschen mit chronischen Schmerzen darstellen, gibt es diese Mischung aus Wissen und Erwartung, aber natürlich teilen auch die Leidenden selbst dieses Bewusstsein. Man lernt diese kulturellen Muster ja nicht erst, wenn man chronische Schmerzen hat, sondern immer dann, wenn wir irgendwas mit Schmerzen und wie man mit ihnen umgeht mitbekommen. Im privaten und beruflichen Umfeld, im Fernsehen, bei Youtube, in Redensarten („Ein Indianer kennt keinen Schmerz“), mitleidigen oder skeptischen Blicken, empathischen, ironischen oder sarkastischen Kommentaren. Menschen mit chronischen Schmerzen wissen um die Erwartungen der anderen, sie fühlen oder ahnen, dass andere denken, dass es doch jetzt mal wieder gut sein muss und dass es bei anderen mit ähnlichen Erkrankungen doch auch nicht so lange gedauert hat. Aber, sie spüren nicht nur den Erwartungsdruck der anderen, sondern sie tragen diese Erwartungen an sich auch in sich selbst. Und nun haben sie gleich mehrere Probleme: nämlich Schmerzen, den Erwartungsdruck und zusätzlich noch Selbstzweifel und das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.

Sie ahnen, dass andere Menschen sie immer skeptischer anschauen, ob die stillen Vorwürfe und heimlichen Blicke nun real oder eine Projektion sind, spielt dabei keine Rolle. Im Gegenteil: Reale skeptische Blicke, die man gar nicht registriert, verpuffen relativ wirkungslos, während man in einer psychologisch neuen, unsicheren Situation schon mal die Flöhe husten hört. Das ist nicht falsch, sondern normal, aber erleichtert die Situation nicht. Viele Menschen mit chronischen Schmerzen sind fast glücklich, wenn sie endlich irgendeine Diagnose gestellt bekommen, irgendetwas Handfestes haben, an dem sie sich orientieren und festhalten, was sie vorzeigen können: „Da, schau mal, ich hab‘ wirklich was. So heißt es, ich simuliere nicht und bin auch nicht überempfindlich.“

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass diese Diagnose, wenn es denn eine gibt, zwar zunächst erleichtert, aber langfristig auch lähmen kann. Umso mehr, je diffuser, unbekannter oder therapieresistenter die diagnostizierte Erkrankung ist. Denn auch wer Schmerzen und eine Diagnose hat, hat immer noch Schmerzen. Er kann dem Kind nur einen Namen geben: Fibromyalgie, Gleitwirbel, Polyneuropathie, Arthose oder auch „nur“ chronische Kopfschmerzen. Und je schicksalhafter und „unheilbarer“ die Erkrankung ist, umso stärker natürlich auch die dahinter stehende Überzeugung, dass man da eben nichts machen kann. Halten wir an dieser Stelle fest, dass Überzeugungen nicht irgendwelche belanglosen Kleinigkeiten sind, sondern gerade Überzeugungen, Prämissen, Glaubenssätze sind tiefe Rillen in unserer Psyche, etwas, was wir nicht mal eben so ändern können und oft wollen wir es auch gar nicht. Denn sie sind ein Teil dessen, was unsere Persönlichkeit ausmacht. Das gibt man weder grundlos noch kampflos her, das sollte klar sein, damit man hier nicht der Illusion erliegt, man bräuchte nur mal eben was zu erklären und nachher sei alles gut. Nein, ist es nicht, es sind dicke Bretter, die hier gebohrt werden müssen, doch der Grad des Leidens, der Menschen mit chronischen Schmerzen erfasst hat, rechtfertigt, dass man es dennoch und zielgerichtet tut. Aber es gibt guten Grund zu der Annahme, dass es Wege gibt, die funktionieren.

Die Mitmenschen

Wolken von oben

Die Freiheit des Alltäglichen zu erkennen, das kann der Schmerz lehren. © Maik under cc

Wir sprachen es oben schon an. Menschen mit chronischen Schmerzen haben das Problem, dass sie an den Punkt kommen, an dem sie an sich selbst zu zweifeln beginnen, weil sie den stillen Erwartungen, der Choreographie von Kranksein, Besserung und Gesundung nicht entsprechen können. Und oftmals haben sie noch nicht einmal eine erlösende Diagnose, sondern einfach Schmerzen. Schmerzen, die sie ratlos, hilflos machen, die manchmal zum verzweifeln sind. Aus der Therapie von Patienten mit Rückenschmerzen weiß man, dass die Korrelation zwischen den Beschwerden und objektivem Befund oft weitaus geringer sind, als man denkt. Vermeintliche Kleinigkeiten können höllische Schmerzen bereiten und andersherum gibt es Menschen mit knackigen Befunden, die darunter offenbar kaum leiden. Das gibt es auch bei anderen Schmerzformen, man findet nichts oder etwas, was eigentlich kein Problem sein sollte und doch ist der Schmerz längst zum ständigen und treuen Begleiter im Leben geworden.

Und nun beginnen spezifische Probleme. Die Betroffenen haben nun chronische Schmerzen und noch dazu Selbstzweifel und die Ahnung, dass man eventuell denkt, sie würden sich drücken, sie würden simulieren. Dabei wird der Wunsch nach Normalität, einfach mal wieder ganz normal das tun zu können, was die anderen tun, ohne Ängste, Planungen, Sorgen und ohne Schmerzen mit der Zeit oft immer stärker. Eine wichtige Erkenntnis, den Wert des Normalen, des Alltäglichen schätzen zu lernen. Doch das soziale Umfeld wird irgendwann ungeduldig, Beziehungen leiden, weil Unternehmungen, Reisen, Sexualität, jener vorher doch so unbeschwerte und normale Alltag, auf einmal beschwerlich wird, und, wenn überhaupt, nur eingeschränkt funktioniert. Auch das spüren die Menschen mit chronischen Schmerzen, können aber oft wenig dagegen machen.

Manche beginnen sich einzuigeln, ein ebenso fataler wie verständlicher Schritt. Die sozialen Kontakte werden reduziert, von der Seite der Betroffenen aus, die sich möglicherweise schämen, meinen, sie fielen anderen nur zur Last oder verärgert über die Rücksichtslosigkeit der anderen sind. Ebenso von Seiten der Freunde und Bekannten, die vielleicht einfach weiter Spaß und Freude haben wollen und möglicherweise kein größeres Interesse daran haben, in ihrer Freizeit dann auch noch übermäßig Rücksicht zu nehmen und Klagen zu hören. Eine Haltung, die man je nach Ausprägung verstehen oder kritisieren kann. Ohnmacht und Frustration, oft auf beiden Seiten. Übrig bleiben meist wenige, aber wirkliche Freunde, die den Betroffenen nicht fallen lassen.

Die anderen fühlen die eigenen Schmerzen ja nicht, deren Intensität und Permanenz erst recht nicht, doch für die Betroffenen ist der Schmerz längst zur Hintergrundmusik geworden, mal lauter, mal leiser. Man kann verstehen, dass sich nach den ersten Zweifeln auch Wut und Enttäuschung, Trauer und Depressionen, eine fortschreitende Selbstbeobachtung und manchmal auch paranoide Sequenzen einstellen. Seltsam wäre eher, wenn einen Schmerzen über Wochen und Monate, Jahre und Jahrzehnte vollkommen kalt und ungerührt ließen. Chronische Schmerzen werden damit zu einem Magneten für weitere Probleme, oft sozialer und psychischer Natur. Man igelt sich ein und kapselt sich ab.

Wichtig ist auch hier, das Muster zu erkennen: Schmerzen verbinden die Menschen, wie wir oben feststellten. Sie sind eine anthropologische Konstante, machen einen Teil unseres Menschseins aus und verbinden uns sogar noch mit dem Tierreich. Doch diese Bewegung kehrt sich um, vor allem bei Menschen mit chronischen Schmerzen. Diese sehen sich zunehmend wieder isoliert. Auch das macht der chronische Schmerz mit dem Menschen. Er führt nicht selten in die Isolation, Regression und Depression.