Alles muss rein?

Es gibt kein richtig und falsch! Die Weltbild-Methode lebt davon, dass sie weltanschaulich neutral ist und das in einem radikalen Sinne. Kein Ansatz ist schlecht, wenn er dem Patienten plausibel erscheint. Dennoch sollte man nicht unsystematisch vorgehen. Die manchmal etwas wahllos erscheinenden Versuche, aus alles Rohren zu schießen, bringen nicht viel, da sie bereits Ausdruck von Hilf- und Ratlosigkeit sind. Gleichzeitig ist es ethisch und rechtlich fragwürdig bis unzulässig, einem Menschen probate und effektive Therapieansätze vorzuenthalten.

So geht es in der Praxis also darum, den Goldstandard der gegenwärtigen Therapie mit den optimalen unspezifischen Maßnahmen der Psychologie und ihren optimalen spezifischen Maßnahmen zu kombinieren. Sinn und Zweck ist unter anderem, einen ebenfalls optimalen psychologischen Effekt hervorzurufen, der nicht quer zum gewählten medizinischen Verfahren steht, sondern dieses ergänzt, unterstützt und im besten Fall deutlich verstärkt.

Der therapeutische Goldstandard bezeichnet das erwiesenermaßen beste Verfahren bei einer Erkrankung oder in einem bestimmten Stadium einer Erkrankung. Der Goldstandard ist nicht unbedingt das, was allerorten gemacht wird, zudem eine Momentaufnahme und nicht immer gibt es einen Goldstandard. Gerade in der Therapie chronischer Schmerzen probiert man viel herum, vor allem auf pharmakologischem Weg, die Erfolge sind aktuell bescheiden, nicht selten bringt die Therapie eigene Probleme mit sich, wie zum Beispiel eine erhöhte und vor allem für alte Menschen gefährliche Sturzneigung bei der Therapie mit Opioiden, die oft in Form von Schmerzpflastern gegeben werden.

Mit den optimalen unspezifischen Verfahren sind all jene gemeint, von denen im Grunde alle profitieren oder es würden, wenn sie mitmachten. In unserem Fall, alle Menschen mit chronischen Schmerzen. Da wäre Bewegung zu nennen; Achtsamkeitstraining; auch ein Verständnis dafür, dass man Abwärtsspiralen auch umkehren kann (ähnlich wie bei der Depression vorgestellt); geführte Meditationen; Berührung; wieder Spaß am Leben zu haben und die regressiven Tendenzen, die mit Schmerzen fast immer einhergehen, in Ich-Stärke und eigene Kompetenzen zu verwandeln, immer im Rahmen der Möglichkeiten des einzelnen Betroffenen. Hier kann man auf viele wunderbare und bewährte Verfahren zurückgreifen und in der nächsten Folge gehe ich spezieller darauf ein.

Das optimale spezifische Verfahren ist eine Neuerung, die die Weltbild-Methode ins Spiel bringt. Wie schon in Kann die Psyche den Körper heilen? dargestellt, geht es darum, den Betroffenen ins Boot zu holen, die Subjektperpektive ernst zu nehmen. Der einzelne Mensch muss nicht nur in seinen körperlichen Aspekten beachtet und abgefragt werden, er ist kein Datenlieferant, sondern ein lebendiger und verantwortlicher Mensch, mit eigenen Vorstellungen, Ängsten, Möglichkeiten, auch bezogen auf seine Schmerzen. Man sollte nicht über den Kopf hinweg das für sie oder ihn passende Konzept suchen, sondern in einen Dialog, nach Möglichkeit auf Augenhöhe (wo immer möglich) eintreten. Es geht also nicht darum, dass auf der einen Seite derjenige sitzt, der Schmerzen hat und auf der anderen Seite der, der Ahnung hat. Natürlich sollte der Arzt oder Therapeut von seinem Fachgebiet mehr wissen, aber der Mensch mit chronischen Schmerzen kennt sich selbst in vielen Aspekten besser. Und für ihn und seine Sicht auf die Welt interessieren wir uns.

Wir müssen ja wissen, was er glaubt, wo seine Stärken und Schwächen liegen, ob er optimistisch ist oder hoffnungslos, ein Einzelkämpfer oder Teamplayer, ob er religiös oder Atheist ist, ob er die Dinge einfach mitmacht oder vieles hinterfragt. Wir wollen natürlich auch wissen – da Schmerzen ein biopsychosoziales Phänomen sind – wie es sonst im Leben läuft. Bei der Arbeit, in Beziehungen. Wir möchten verstehen, wo es überall schmerzt, im Körper und im Leben. Wie werden Trauer, Angst, Wut, Erregung wahrgenommen und verarbeitet? Wofür brennt dieser Mensch und tut er es überhaupt?

Wir müssen verstehen, wovon ein Mensch zutiefst – bewusst oder unbewusst – überzeugt ist. Denn man kann sich nicht selbst belügen. Ein Taktieren funktioniert nicht. Man kann keine Statistiken studieren, schauen, wer gut mit Schmerzen zurecht kommt und das dann einfach kopieren, wenn einem diese Einstellung fremd oder sogar zuwider ist. Man kann und muss mit dem arbeiten, was ein Mensch mit chronischen Schmerzen als individuelles Weltbild mitbringt. Die stillen und offenen Überzeugungen speisen das Weltbild und das Weltbild befeuert, als größte Einheit, seinerseits die Überzeugungen.

Komponenten der Heilung

Marktplatz vor Kirche

Was wir brauchen, ist oft schon da, wir müssen es nur richtig zusammenstellen. © Barry Badcock under cc

Durch diese Dreierkombination des Goldstandards der gegenwärtigen Therapie, den optimalen unspezifischen Maßnahmen und den optimalen spezifische Maßnahmen, betreten wir einen neuen Raum, der respektiert, was der Mensch mitbringt und auf ideologische Auseinandersetzungen, sei es konfrontativ oder dadurch, dass man das, was er meint, marginalisiert oder einfach übergeht, verzichtet. Wir nehmen ernst, was unser Gegenüber mitbringt, versuchen ihn dort zu bestärken, wo er felsenfest überzeugt ist und dort herauszufordern, wo er selbst zweifelt. Und auf einmal betreten wir ein riesiges Gebiet, bei dem nicht das Problem ist, dass alles sehr vage und spekulativ ist, weil wir keine Daten haben, sondern es ist im Gegenteil reich bis unübersichtlich und muss daher geordnet und hierarchisiert werden.

Dies erfordert auch eine Selbstreflexion des Arztes, Therapeuten oder Beraters, der wissen muss, wie er wirkt und arbeitet. Es gibt Ärzte/Therapeuten/Berater, die sehr autoritär wirken und das kann durchaus sehr gut sein, für jene Menschen, die genau das suchen, doch zu Konflikten mit jenen Menschen führen, die lieber mitreden und -entscheiden möchten und beides sind legitime und mögliche Verhaltensweisen.

Nach der Vorstellung der Individuations-Therapie ist die Weltbild-Methode ein weiterer Schwenk in Richtung auf neue Ansätze, die bewährte Elemente aufgreifen. Die Weltbild-Methode beruht auf meinen eigenen Überlegungen zum Thema und in der nächsten Folge stelle ich detaillierter vor, wie eine konkrete Arbeit mit dieser Methode aussehen könnte und welche Bausteine wichtig sind, vor allem, wie man von der Summe der gegenwärtigen, dynamischen, bewussten und unbewussten Einstellungen darüber, wie die Welt und die Beziehungen ihrer Bewohner untereinander funktionieren, dem aktuellen Weltbild ausgehend, zu individuellen Details kommt.

Quellen:

  • [1] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 43 – 52
  • [2] Carsten Börger, Kann die Psyche den Körper heilen?, psyheu.de, April 2016
  • [3] Vom richtigen Umgang mit Schmerzmitteln – Patienteninformationsbroschüre
    Christoph Maier & Andreas Schwarzer
    Redaktionelle Bearbeitung: Judith Schönhoff
    3. erweiterte und überarbeitete Auflage (2016)
  • [4] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 250
  • [5] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 313 – 316