Grüne und rote Zacken vor schwarzem Grund

Eine Darstellung des Schmerzes. Hier stechend, aggressiv, grell, elektrisch. © iProzac under cc

Bevor wir über chronische Schmerzen reden, müssen wir Schmerzen im Allgemeinen betrachten. Es ist besser, es würde keine geben, könnte man denken, denn so gut wie jeder von uns kennt Schmerzen in der einen oder anderen Form und nahezu niemand liebt sie. Und doch ist es schon zu Beginn der Geschichte schwieriger als man denkt, denn es gibt durchaus Menschen die, genetisch bedingt, keinerlei Schmerzempfinden haben und bevor sich der eine oder andere wünscht, er möge doch auch dazu gehören, sollten wir einen Blick darauf werfen, wie es diesen Menschen geht: fürchterlich!

Durch ihr fehlendes Schmerzempfinden nehmen sie keinerlei Rücksicht auf ihren Körper, sind ständig verletzt, da aber auch ihre entzündeten Verletzungen nicht schmerzen und von ihnen entsprechend rücksichtslos behandelt werden, sind sehr viele dieser komplett schmerzunempfindlichen Menschen amputiert, sterben früh und gehen mit anderen Menschen und deren Schmerzgrenzen ebenso rücksichtslos um wie mit sich selbst, was zu einem katastrophalen Sozialverhalten führt.[1]

Zu diesen direkten Aspekten gesellen sich indirekte, etwa wenn man daran denkt, dass Schmerzen Erfahrungen sind, die wie Hunger oder Lust zum Menschsein gehören. Sie verbinden uns nicht nur mit anderen Menschen, sondern sogar mit dem Tierreich. In jedem Fall konstituieren Schmerzen einen Teil jener Urerfahrungen, die wir alle teilen. Differenzierungen inklusive, mit Bezeichnungen wie: ziehender, pochender, stechender, dumpfer, brennender Schmerz können wir etwas anfangen, genau so wie mit der veränderlichen Intensität des Schmerzes: Von leicht und gut zu ertragen bis zum Vernichtungsschmerz.

Ursache und Wirkung

Beim Akutschmerz ist einigermaßen klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gibt. Wir stoßen mit dem Schienbein gegen den Tisch, mit dem Ellenbogen gegen die Tür oder mit dem Kopf gegen Hängeschrank oder Lampe. Das Resultat ist zumeist ein kurzer, spitzer Schmerz, „Aua“, verbunden mit einem schmerzverzerrten Gesicht, das jeder erkennt, mit einer festhaltenden, reibenden oder schüttelnden Körperreaktion, oft mit Schimpfen verbunden. Der Hinweis auf den Zahnarztbohrer reicht bereits, damit sich bei manchen Menschen etwas zusammenzieht.

Wenn wir im Fernsehen einen Sportler sehen, dessen Gelenke beim Unfall widernatürlich abstehen, verziehen wir sofort unser Gesicht, können da manchmal gar nicht hingucken. Ebenso bei Stürzen, beim Zusammenprallen oder wenn wir blutende Wunden sehen. Die allermeisten wissen, „das tat weh“ und leiden mehr oder weniger stark mit.

Doch auch, wenn wir dem auslösenden Ereignis nicht beiwohnten, so erkennen wir doch, wenn jemand Schmerzen hat. Man sieht einigen ihren Kopfschmerz an. Mit Menschen die Zahnschmerzen haben und sich mit halb geöffnetem Mund die Wange halten, empfinden wir in aller Regel Mitgefühl, da Deutschland fast kollektiv „Rücken“ hat, wissen auch hiervon viele ein Lied zu singen und auch der Anblick von Menschen mit Knie- oder Hüftbeschwerden ist uns nicht fremd. Das kennen wir und können es einschätzen. Aber es gibt noch andere Formen des Schmerzes und damit sind wir mitten im Thema.

In einem früheren Artikel schrieb ich: „Wenn kein objektiver und das heißt oft körperlicher Befund da ist, ist man auch nicht richtig krank, wenn irgendwie „nur“ die Psyche oder das Empfinden spinnt.“[2] Das ist bekannt, aber noch längst nicht alles und bedarf daher einer genaueren Betrachtung. Und hier wird es spannend.

Wir haben nicht nur ein kulturelles Sensorium dafür entwickelt, ob und wann jemand richtig krank ist, auch die Genesungszeit ist geregelt. Wir wissen, dass Kopfschmerzen eine Sache von Stunden oder einem Tag sind, wie lange man nach einem Beinbruch oder Bandscheibenvorfall braucht um wieder fit zu werden und weiter zu machen wie bisher. Und dann gibt es jene Menschen, die chronische Schmerzen haben. Deren Problem ist vielfältig: Erstens, sieht man ihre Schmerzen oft nicht und die Ursache, wenn man jemals eine fand, liegt möglicherweise schon länger, lange, manchmal sehr lange zurück. Nicht selten sind Auslöser und Schmerzerleben völlig entkoppelt, man spricht dann vom Schmerzgedächtnis.

Das Schmerzgedächtnis

Das Schmerzgedächtnis ist eine Art Gewohnheit, zu der es neuronale Korrelate gibt, aber gleichzeitig sind es schmerzvermeidende Bewegungsabläufe, die dazu gehören, die sogenannte Schonhaltung, die auf lange Sicht mehr Probleme bringt, als sie verhindert. Und es ist die Erwartung des Schmerzes, der nun schon lange Zeit ein Lebensbegleiter ist. Um die Ausbildung des Schmerzgedächtnisses zu vermeiden, versucht man heute mit einer effizienten Schmerztherapie früh zu beginnen und die potenten Schmerzmittel so zu dosieren, dass die Patienten gar nicht erst lange unter Schmerzen leiden. Ist dieser Punkt versäumt, wird die Therapie schwieriger.

Ob es so etwas wie ein Schmerzgedächtnis tatsächlich gibt, ist jedoch umstritten. Nach Aussagen des renommierten Schmerzexperten und leitenden Arztes der Bochumer Abteilung für Schmerzmedizin Prof. Christoph Maier und Dr. Andreas Schwarzer speichert das Gehirn alle Eindrücke und kann Schmerzen also auch wieder verlernen.[3]

Doch die psychologische Seite des Schmerzes ist weitaus komplexer. Wir müssen hier neue Pflöcke einschlagen, aber in einer bestimmten Weise, die einen einfachen und einen komplizierten Aspekt hat. Der einfache Teil ist der, dass all diese Bausteine mehr oder minder bekannt und seit Jahren, mitunter seit Jahrzehnten, medizinisch und psychologisch nachgewiesen sind. Man darf davon ausgehen, dass man einige Zusammenhänge noch sehr viel länger kennt, auch wenn sie nicht systematisch untersucht sind. Der komplizierte Aspekt ist, dass wir aus diesen Steinen ein Haus bauen müssen, was trägt. Es bringt nichts, einen Schritt zu gehen, dann alles zu vergessen und wieder bei Null anzufangen. Genau das passiert aber oft. Bleibt man bei der Sache, ist das Haus aber stabil und wird mit jedem Besuch stabiler. Man kann, ist es einmal errichtet, es immer genauer betrachten, versteht immer mehr und findet sich immer besser darin zurecht. Man kann sich nun den Details zuwenden, anstatt es alle 20 Jahre als Sensation zu entdecken und zu verkaufen, dass die Psyche ja bei chronischen Schmerzen offenbar auch eine Rolle spielt. Natürlich tut die das, aber das wissen wir längst und es bedeutet in der Konsequenz weit mehr, als dass irgendwas mit Entspannung bestimmt auch ganz nett und hilfreich wäre.

Die Choreographie der Schmerzen

Die Choreographie der Schmerzen hat ihre eigene Wirkung. Wir haben ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entwickelt, wie lange man durch eine Krankheit von seinen „Pflichten“ entbunden ist. Eine Woche bei einer Grippe, sechs Wochen bei einem Bruch, größere OPs und schwere Erkrankungen dauern länger. Aber irgendwann sollte dann auch mal gut sein. Dieses Bewusstsein, diese implizite Choreographie, ist in uns allen vorhanden. In den Menschen, die das weitere und engere Umfeld von Menschen mit chronischen Schmerzen darstellen, gibt es diese Mischung aus Wissen und Erwartung, aber natürlich teilen auch die Leidenden selbst dieses Bewusstsein. Man lernt diese kulturellen Muster ja nicht erst, wenn man chronische Schmerzen hat, sondern immer dann, wenn wir irgendwas mit Schmerzen und wie man mit ihnen umgeht mitbekommen. Im privaten und beruflichen Umfeld, im Fernsehen, bei Youtube, in Redensarten („Ein Indianer kennt keinen Schmerz“), mitleidigen oder skeptischen Blicken, empathischen, ironischen oder sarkastischen Kommentaren. Menschen mit chronischen Schmerzen wissen um die Erwartungen der anderen, sie fühlen oder ahnen, dass andere denken, dass es doch jetzt mal wieder gut sein muss und dass es bei anderen mit ähnlichen Erkrankungen doch auch nicht so lange gedauert hat. Aber, sie spüren nicht nur den Erwartungsdruck der anderen, sondern sie tragen diese Erwartungen an sich auch in sich selbst. Und nun haben sie gleich mehrere Probleme: nämlich Schmerzen, den Erwartungsdruck und zusätzlich noch Selbstzweifel und das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt.

Sie ahnen, dass andere Menschen sie immer skeptischer anschauen, ob die stillen Vorwürfe und heimlichen Blicke nun real oder eine Projektion sind, spielt dabei keine Rolle. Im Gegenteil: Reale skeptische Blicke, die man gar nicht registriert, verpuffen relativ wirkungslos, während man in einer psychologisch neuen, unsicheren Situation schon mal die Flöhe husten hört. Das ist nicht falsch, sondern normal, aber erleichtert die Situation nicht. Viele Menschen mit chronischen Schmerzen sind fast glücklich, wenn sie endlich irgendeine Diagnose gestellt bekommen, irgendetwas Handfestes haben, an dem sie sich orientieren und festhalten, was sie vorzeigen können: „Da, schau mal, ich hab‘ wirklich was. So heißt es, ich simuliere nicht und bin auch nicht überempfindlich.“

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass diese Diagnose, wenn es denn eine gibt, zwar zunächst erleichtert, aber langfristig auch lähmen kann. Umso mehr, je diffuser, unbekannter oder therapieresistenter die diagnostizierte Erkrankung ist. Denn auch wer Schmerzen und eine Diagnose hat, hat immer noch Schmerzen. Er kann dem Kind nur einen Namen geben: Fibromyalgie, Gleitwirbel, Polyneuropathie, Arthose oder auch „nur“ chronische Kopfschmerzen. Und je schicksalhafter und „unheilbarer“ die Erkrankung ist, umso stärker natürlich auch die dahinter stehende Überzeugung, dass man da eben nichts machen kann. Halten wir an dieser Stelle fest, dass Überzeugungen nicht irgendwelche belanglosen Kleinigkeiten sind, sondern gerade Überzeugungen, Prämissen, Glaubenssätze sind tiefe Rillen in unserer Psyche, etwas, was wir nicht mal eben so ändern können und oft wollen wir es auch gar nicht. Denn sie sind ein Teil dessen, was unsere Persönlichkeit ausmacht. Das gibt man weder grundlos noch kampflos her, das sollte klar sein, damit man hier nicht der Illusion erliegt, man bräuchte nur mal eben was zu erklären und nachher sei alles gut. Nein, ist es nicht, es sind dicke Bretter, die hier gebohrt werden müssen, doch der Grad des Leidens, der Menschen mit chronischen Schmerzen erfasst hat, rechtfertigt, dass man es dennoch und zielgerichtet tut. Aber es gibt guten Grund zu der Annahme, dass es Wege gibt, die funktionieren.

Die Mitmenschen

Wolken von oben

Die Freiheit des Alltäglichen zu erkennen, das kann der Schmerz lehren. © Maik under cc

Wir sprachen es oben schon an. Menschen mit chronischen Schmerzen haben das Problem, dass sie an den Punkt kommen, an dem sie an sich selbst zu zweifeln beginnen, weil sie den stillen Erwartungen, der Choreographie von Kranksein, Besserung und Gesundung nicht entsprechen können. Und oftmals haben sie noch nicht einmal eine erlösende Diagnose, sondern einfach Schmerzen. Schmerzen, die sie ratlos, hilflos machen, die manchmal zum verzweifeln sind. Aus der Therapie von Patienten mit Rückenschmerzen weiß man, dass die Korrelation zwischen den Beschwerden und objektivem Befund oft weitaus geringer sind, als man denkt. Vermeintliche Kleinigkeiten können höllische Schmerzen bereiten und andersherum gibt es Menschen mit knackigen Befunden, die darunter offenbar kaum leiden. Das gibt es auch bei anderen Schmerzformen, man findet nichts oder etwas, was eigentlich kein Problem sein sollte und doch ist der Schmerz längst zum ständigen und treuen Begleiter im Leben geworden.

Und nun beginnen spezifische Probleme. Die Betroffenen haben nun chronische Schmerzen und noch dazu Selbstzweifel und die Ahnung, dass man eventuell denkt, sie würden sich drücken, sie würden simulieren. Dabei wird der Wunsch nach Normalität, einfach mal wieder ganz normal das tun zu können, was die anderen tun, ohne Ängste, Planungen, Sorgen und ohne Schmerzen mit der Zeit oft immer stärker. Eine wichtige Erkenntnis, den Wert des Normalen, des Alltäglichen schätzen zu lernen. Doch das soziale Umfeld wird irgendwann ungeduldig, Beziehungen leiden, weil Unternehmungen, Reisen, Sexualität, jener vorher doch so unbeschwerte und normale Alltag, auf einmal beschwerlich wird, und, wenn überhaupt, nur eingeschränkt funktioniert. Auch das spüren die Menschen mit chronischen Schmerzen, können aber oft wenig dagegen machen.

Manche beginnen sich einzuigeln, ein ebenso fataler wie verständlicher Schritt. Die sozialen Kontakte werden reduziert, von der Seite der Betroffenen aus, die sich möglicherweise schämen, meinen, sie fielen anderen nur zur Last oder verärgert über die Rücksichtslosigkeit der anderen sind. Ebenso von Seiten der Freunde und Bekannten, die vielleicht einfach weiter Spaß und Freude haben wollen und möglicherweise kein größeres Interesse daran haben, in ihrer Freizeit dann auch noch übermäßig Rücksicht zu nehmen und Klagen zu hören. Eine Haltung, die man je nach Ausprägung verstehen oder kritisieren kann. Ohnmacht und Frustration, oft auf beiden Seiten. Übrig bleiben meist wenige, aber wirkliche Freunde, die den Betroffenen nicht fallen lassen.

Die anderen fühlen die eigenen Schmerzen ja nicht, deren Intensität und Permanenz erst recht nicht, doch für die Betroffenen ist der Schmerz längst zur Hintergrundmusik geworden, mal lauter, mal leiser. Man kann verstehen, dass sich nach den ersten Zweifeln auch Wut und Enttäuschung, Trauer und Depressionen, eine fortschreitende Selbstbeobachtung und manchmal auch paranoide Sequenzen einstellen. Seltsam wäre eher, wenn einen Schmerzen über Wochen und Monate, Jahre und Jahrzehnte vollkommen kalt und ungerührt ließen. Chronische Schmerzen werden damit zu einem Magneten für weitere Probleme, oft sozialer und psychischer Natur. Man igelt sich ein und kapselt sich ab.

Wichtig ist auch hier, das Muster zu erkennen: Schmerzen verbinden die Menschen, wie wir oben feststellten. Sie sind eine anthropologische Konstante, machen einen Teil unseres Menschseins aus und verbinden uns sogar noch mit dem Tierreich. Doch diese Bewegung kehrt sich um, vor allem bei Menschen mit chronischen Schmerzen. Diese sehen sich zunehmend wieder isoliert. Auch das macht der chronische Schmerz mit dem Menschen. Er führt nicht selten in die Isolation, Regression und Depression.

biopsychosozial

Das Phänomen Schmerz ist kein rein biomedizinisches, sondern biopsychosozialer Natur. Das heißt, dass der Schmerz einen biologischen Anteil hat, der sehr gut erforscht ist. Physische Traumata, Entzündungsreaktionen, Oprerationen, Schmerzmediatoren und ihre Regelkreise, die sich verstärken oder hemmen können und die man medikamentös, mal mehr, mal weniger gut, beeinflussen kann. Gleichzeitig aber auch einen sozialen oder kulturellen Anteil. In einer Kultur in der es dazugehört, das Leiden demonstrativ zu zeigen ist die Ausprägung des Schmerzes eine völlig andere, als in Kulturen, in denen es zum guten Ton gehört, sich niemals Schmerzempfindungen anmerken zu lassen.[4] Wir sollten nicht den Fehler machen zu glauben, dass in beiden Fällen der Schmerz gleich empfunden wird, nur einmal demonstrativ gezeigt und ein anderes Mal nicht, sondern auch die soziokulturelle Behandlung des Schmerzes beeinflusst das Schmerzerleben. Die Biologie ist nicht alldominierend, sondern ein Teil des biopsychosozialen Konstruktes.

Zwischen den kulturellen Extremen gibt es viele Abstufungen und Zwischenformen. Unterschiedlich von Kultur zu Kultur und dann noch einmal innerhalb der Kultur, zum Beispiel geprägt durch eine familiäre Eigenart, die festlegt, wie man mit Schmerzen umgeht. Schließlich kommt der individuelle Aspekt ins Spiel. Natürlich immer gemischt mit der Biologie, etwa der angeborenen Affektdisposition, auch der Toleranz gegen Schmerzreize. Doch das ist längst nicht alles, sondern Schmerzen existieren in diesem Dreieck aus biologischen, soziokulturellen und psychologischen Aspekten, die sich wechselseitig beeinflussen. Man denke an das Phänomen der sozialen Wahrnehmung, das zeigt, dass soziale Muster bereits unser Erleben beeinflussen und nicht einfach eine nachträgliche Interpretation darstellen. Die individuelle Komponente des Schmerzes ist breit gefächert.

Schmerzen können eine Stellvertreterfunktion einnehmen, etwa beim sekundären Krankheitsgewinn oder wenn man keinen guten Zugang zu seinen Gefühlen oder Körperempfindungen hat. Bei Kindern kennen wir das noch, die fast immer Bauchweh haben. Wer Anerkennung und Beachtung nur erfährt, wenn er krank ist, kann immer dann Schmerzen verspüren, wenn er Beachtung braucht. Doch auch das sind noch alles sehr grobschlächtige Konzepte, die lediglich in eine Richtung weisen sollen. Depressionen; Hoffnungslosigkeit bis zur Verzweiflung; verinnerlichte Glaubenssätze, dass mir ohnehin niemand helfen kann; heimliche Verbote, glücklich und gesund zu sein; Befürchtungen, dass man positive Erlebnisse bitter bezahlen muss, bis hin zu einer Lust an der Unheilbarkeit und dem heimlichen Triumph, eine Koryphäe nach der anderen über die Klinge springen zu lassen, da ist ein extrem breites Spektrum und jede Menge zu holen.

Chronische Schmerzen und Weltbilder

Eisenbahngleis, rundverzerrt

Manchmal ist unser Blick in die Welt verändert und verzerrt. © Kevin Dooley under cc

Ich definiere Weltbilder als die Summe der gegenwärtigen, dynamischen, bewussten und unbewussten Einstellungen darüber, wie die Welt und die Beziehungen ihrer Bewohner untereinander funktioniert.
Weltbilder können mit pathologischen Verzerrungen korrelieren, müssen es aber nicht. Wie Schmerzen haben auch Weltbilder eine soziokulturelle (von Kultur und Familie übernommen) und individuelle (auf eigenen Erfahrungen beruhende und reflexive) Komponente und natürlich sind auch hier biologisch Aspekte eingebunden. Die Bedeutung der Weltbilder im Rahmen von Krankheiten ist, wie folgt:

Auf die Spitze getrieben, gibt es zwei Sichtweisen. Zum einen kann man mit einigem Recht sagen, dass jeder Mensch ein Mensch ist, was fraglos stimmt, nur hilft uns das nicht. Es ist eine zu grobe, zu allgemeine Einteilung, bei der Individuelles verwischt. Im anderen Extrem ist jeder Mensch ein Individuum, was ebenfalls stimmt, nur hilft uns auch das nicht, wenn es heißen soll, dass ein Mensch so individuell ist, dass man ihn mit einem anderen überhaupt nicht mehr vergleichen kann. Die Betrachtung ist zu kleinteilig, es fehlen die Gemeinsamkeiten. Was wir also brauchen, ist ein Instrumentarium, das es uns ermöglicht, Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Menschen zu finden und gleichzeitg wesentliche Unterschiede zu anderen Individuen. Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede sollen die Weltbilder sein, ein Grund dafür, warum wir sie hier so ausführlich vorgestellt haben.

Beispiele

Es gibt Menschen, die, wenn sie krank sind, über ihre Krankheit und die therapeutischen Möglichkeiten genau informiert sein wollen und beanspruchen, mit dem Arzt auf Augenhöhe zu sprechen. Hier ist der Patient gleichberechtigter Partner, der Arzt oder Therapeut ein spezialisierter Dienstleistender.

Andere Menschen haben die Einstellung, dass der Arzt alles viel besser weiß als sie und wollen gar nicht genau informiert sein. „Machen Sie was Sie wollen, Hauptsache es hilft“, sagen sie und geben die Verantwortung ein Stück weit ab, aber haben natürlich einen Bonus beim Vertrauen.

Es gibt Menschen, die fest in einem religiösen Weltbild verwurzelt sind und aus diesem auch auf ihre Schmerzen blicken. Chronische Schmerzen könnten hier als eine Aufgabe, Herausforderung, manchmal sogar als Auszeichnung betrachtet werden.[5]

Auf der anderen Seite findet man Atheisten, die kein Stück weit an einen religiösen Sinn von Schmerzen glauben und die im Schmerz eine reine Fehlfunktion sehen.

Man findet Anhänger von naturheilkundlichen Verfahren, die mit der modernen Apparatemedizin, wie sie manchmal genannt wird, ihre Schwierigkeiten haben und lieber natürlich behandelt werden möchten.

Wiederum gibt es Menschen, die sich gerade von den Errungenschaften der modernen Medizin und neuesten Forschungsansätzen besonders viel versprechen.

Wenige und notgedrungen oberflächlich skizzierte Beispiele, die von selbst die Frage aufwerfen: Was stimmt denn nun?

Alles muss rein?

Es gibt kein richtig und falsch! Die Weltbild-Methode lebt davon, dass sie weltanschaulich neutral ist und das in einem radikalen Sinne. Kein Ansatz ist schlecht, wenn er dem Patienten plausibel erscheint. Dennoch sollte man nicht unsystematisch vorgehen. Die manchmal etwas wahllos erscheinenden Versuche, aus alles Rohren zu schießen, bringen nicht viel, da sie bereits Ausdruck von Hilf- und Ratlosigkeit sind. Gleichzeitig ist es ethisch und rechtlich fragwürdig bis unzulässig, einem Menschen probate und effektive Therapieansätze vorzuenthalten.

So geht es in der Praxis also darum, den Goldstandard der gegenwärtigen Therapie mit den optimalen unspezifischen Maßnahmen der Psychologie und ihren optimalen spezifischen Maßnahmen zu kombinieren. Sinn und Zweck ist unter anderem, einen ebenfalls optimalen psychologischen Effekt hervorzurufen, der nicht quer zum gewählten medizinischen Verfahren steht, sondern dieses ergänzt, unterstützt und im besten Fall deutlich verstärkt.

Der therapeutische Goldstandard bezeichnet das erwiesenermaßen beste Verfahren bei einer Erkrankung oder in einem bestimmten Stadium einer Erkrankung. Der Goldstandard ist nicht unbedingt das, was allerorten gemacht wird, zudem eine Momentaufnahme und nicht immer gibt es einen Goldstandard. Gerade in der Therapie chronischer Schmerzen probiert man viel herum, vor allem auf pharmakologischem Weg, die Erfolge sind aktuell bescheiden, nicht selten bringt die Therapie eigene Probleme mit sich, wie zum Beispiel eine erhöhte und vor allem für alte Menschen gefährliche Sturzneigung bei der Therapie mit Opioiden, die oft in Form von Schmerzpflastern gegeben werden.

Mit den optimalen unspezifischen Verfahren sind all jene gemeint, von denen im Grunde alle profitieren oder es würden, wenn sie mitmachten. In unserem Fall, alle Menschen mit chronischen Schmerzen. Da wäre Bewegung zu nennen; Achtsamkeitstraining; auch ein Verständnis dafür, dass man Abwärtsspiralen auch umkehren kann (ähnlich wie bei der Depression vorgestellt); geführte Meditationen; Berührung; wieder Spaß am Leben zu haben und die regressiven Tendenzen, die mit Schmerzen fast immer einhergehen, in Ich-Stärke und eigene Kompetenzen zu verwandeln, immer im Rahmen der Möglichkeiten des einzelnen Betroffenen. Hier kann man auf viele wunderbare und bewährte Verfahren zurückgreifen und in der nächsten Folge gehe ich spezieller darauf ein.

Das optimale spezifische Verfahren ist eine Neuerung, die die Weltbild-Methode ins Spiel bringt. Wie schon in Kann die Psyche den Körper heilen? dargestellt, geht es darum, den Betroffenen ins Boot zu holen, die Subjektperpektive ernst zu nehmen. Der einzelne Mensch muss nicht nur in seinen körperlichen Aspekten beachtet und abgefragt werden, er ist kein Datenlieferant, sondern ein lebendiger und verantwortlicher Mensch, mit eigenen Vorstellungen, Ängsten, Möglichkeiten, auch bezogen auf seine Schmerzen. Man sollte nicht über den Kopf hinweg das für sie oder ihn passende Konzept suchen, sondern in einen Dialog, nach Möglichkeit auf Augenhöhe (wo immer möglich) eintreten. Es geht also nicht darum, dass auf der einen Seite derjenige sitzt, der Schmerzen hat und auf der anderen Seite der, der Ahnung hat. Natürlich sollte der Arzt oder Therapeut von seinem Fachgebiet mehr wissen, aber der Mensch mit chronischen Schmerzen kennt sich selbst in vielen Aspekten besser. Und für ihn und seine Sicht auf die Welt interessieren wir uns.

Wir müssen ja wissen, was er glaubt, wo seine Stärken und Schwächen liegen, ob er optimistisch ist oder hoffnungslos, ein Einzelkämpfer oder Teamplayer, ob er religiös oder Atheist ist, ob er die Dinge einfach mitmacht oder vieles hinterfragt. Wir wollen natürlich auch wissen – da Schmerzen ein biopsychosoziales Phänomen sind – wie es sonst im Leben läuft. Bei der Arbeit, in Beziehungen. Wir möchten verstehen, wo es überall schmerzt, im Körper und im Leben. Wie werden Trauer, Angst, Wut, Erregung wahrgenommen und verarbeitet? Wofür brennt dieser Mensch und tut er es überhaupt?

Wir müssen verstehen, wovon ein Mensch zutiefst – bewusst oder unbewusst – überzeugt ist. Denn man kann sich nicht selbst belügen. Ein Taktieren funktioniert nicht. Man kann keine Statistiken studieren, schauen, wer gut mit Schmerzen zurecht kommt und das dann einfach kopieren, wenn einem diese Einstellung fremd oder sogar zuwider ist. Man kann und muss mit dem arbeiten, was ein Mensch mit chronischen Schmerzen als individuelles Weltbild mitbringt. Die stillen und offenen Überzeugungen speisen das Weltbild und das Weltbild befeuert, als größte Einheit, seinerseits die Überzeugungen.

Komponenten der Heilung

Marktplatz vor Kirche

Was wir brauchen, ist oft schon da, wir müssen es nur richtig zusammenstellen. © Barry Badcock under cc

Durch diese Dreierkombination des Goldstandards der gegenwärtigen Therapie, den optimalen unspezifischen Maßnahmen und den optimalen spezifische Maßnahmen, betreten wir einen neuen Raum, der respektiert, was der Mensch mitbringt und auf ideologische Auseinandersetzungen, sei es konfrontativ oder dadurch, dass man das, was er meint, marginalisiert oder einfach übergeht, verzichtet. Wir nehmen ernst, was unser Gegenüber mitbringt, versuchen ihn dort zu bestärken, wo er felsenfest überzeugt ist und dort herauszufordern, wo er selbst zweifelt. Und auf einmal betreten wir ein riesiges Gebiet, bei dem nicht das Problem ist, dass alles sehr vage und spekulativ ist, weil wir keine Daten haben, sondern es ist im Gegenteil reich bis unübersichtlich und muss daher geordnet und hierarchisiert werden.

Dies erfordert auch eine Selbstreflexion des Arztes, Therapeuten oder Beraters, der wissen muss, wie er wirkt und arbeitet. Es gibt Ärzte/Therapeuten/Berater, die sehr autoritär wirken und das kann durchaus sehr gut sein, für jene Menschen, die genau das suchen, doch zu Konflikten mit jenen Menschen führen, die lieber mitreden und -entscheiden möchten und beides sind legitime und mögliche Verhaltensweisen.

Nach der Vorstellung der Individuations-Therapie ist die Weltbild-Methode ein weiterer Schwenk in Richtung auf neue Ansätze, die bewährte Elemente aufgreifen. Die Weltbild-Methode beruht auf meinen eigenen Überlegungen zum Thema und in der nächsten Folge stelle ich detaillierter vor, wie eine konkrete Arbeit mit dieser Methode aussehen könnte und welche Bausteine wichtig sind, vor allem, wie man von der Summe der gegenwärtigen, dynamischen, bewussten und unbewussten Einstellungen darüber, wie die Welt und die Beziehungen ihrer Bewohner untereinander funktionieren, dem aktuellen Weltbild ausgehend, zu individuellen Details kommt.

Quellen:

  • [1] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 43 – 52
  • [2] Carsten Börger, Kann die Psyche den Körper heilen?, psyheu.de, April 2016
  • [3] Vom richtigen Umgang mit Schmerzmitteln – Patienteninformationsbroschüre
    Christoph Maier & Andreas Schwarzer
    Redaktionelle Bearbeitung: Judith Schönhoff
    3. erweiterte und überarbeitete Auflage (2016)
  • [4] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 250
  • [5] Harro Albrecht, Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte, Pattloch 2015, S. 313 – 316