Sonnenstrahlen im Wald.

Wir können Verantwortung für unsere Umgebung übernehmen. © Moyan Brenn under cc

Verantwortung ist ein oft strapazierter Begriff, der im Alltag ebenso gebraucht wird, wie in der Psychologie, Philosophie oder Politik. Seine Lesart ist jeweils sehr verschieden, wobei eine der interessanten Entdeckungen darin liegt, dass die Extreme sich auch hier berühren. Steigen wir also gleich ein.

Die extremen Positionen

Die eine extreme Position ist jede Form der Verantwortung abzulehnen. Der Mensch, so heißt es dann, sei ein Produkt seiner Umwelt, seines Körpers, Gehirns und/oder seiner familiären, sozialen und politischen Umgebung und daher durch sie so geworden, wie er jetzt ist. Auf die persönliche Existenz bezogen klingt das manchmal so: „Ihr habt mich so gemacht, das habt ihr nun davon.“ Das mich keiner gefragt hat oder ich nichts dazu kann, sind ähnliche Behauptungen oder Sätze im Umfeld.

Das ist wohl so richtig, wie es auch falsch sein kann, weil es sich nur auf bestimmte Phasen des Lebens oder bestimmte Menschen bezieht. Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, so wird er in bestimmte biologische, zeitliche, familiäre, geographische, kulturelle und politische Umstände hineingeboren, für die er nichts kann und denen er sich auch nicht entziehen kann. Ob man will oder nicht, das sind die Bedingungen unter denen man aufwächst und es gibt in der Psychologie keinen Zweifel daran, dass unser Umfeld unser Ichsein in starker Weise prägt, unglücklicherweise auch noch umso stärker, je schlimmer die Umstände sind.

Nur, wird man eben auch älter und sieht sich im besten Fall immer mehr die Lage versetzt die eigenen Startbedingungen ins Leben zu reflektieren und manches nachträglich zu ändern. Über bewusste Änderungen, Gespräche, Reflexionen, Therapie und Meditationen. Wie weit die Möglichkeiten der nachträglichen Änderung geht, ist umstritten und hängt von vielerlei Faktoren ab, dass da zum Glück einiges möglich ist, ist eine Erkenntnis neuerer psychotherapeutischer Entwicklungen.

Die andere extreme Position liegt darin, dass man behauptet für alles verantwortlich zu sein. Wobei das noch mehrere unterschiedliche Bedeutungsebenen hat, eine eher theoretische und eine praktische Seite. Auf der praktischen Seite kann uns das im schwer depressiven Schuldwahn begegnen, in dem Menschen sich tief überzeugt und unkorrigierbar die Schuld für Ereignisse geben, mit denen sie nach menschlichem Ermessen nichts zu tun haben.

Die andere Variante ist eher mit Größenwahn assoziiert, wobei es sich hierbei seltener um eine echte wahnhafte Komponente handelt, als vielmehr um narzisstische Gefühle der Grandiosität. Die Realitätsprüfung wird dabei bestanden, nur die eigene Bedeutung wird maßlos überschätzt.

Gefühlte Größe als Schutz vor konkreter Verantwortung

Vertreter einer gefühlten riesigen Verantwortung betonen zwar ständig und gerne ihre besondere Rolle in der Welt (denn einer muss es ja tun und wer, wenn nicht sie?), doch nicht selten hat man das Gefühl, dass hier eine eigenartige Diskrepanz zwischen der gefühlten Größe und der tatsächlichen Bedeutung besteht. Und nicht ohne ironischen Unterton kann man den Eindruck gewinnen, dass jene, die sich in gefühlter Verantwortung suhlen, die sie für sämtliche Freude und Familienmitglieder oder am besten, die ganze Welt, gerne mal ungefragt (aber man muss anderen ja vor ihrem Weg in den Irrtum bewahren), übernehmen, auf der konkreten Ebene nicht immer die Helden sind. Da ist der Weltenretter, der es bislang noch nicht geschafft hat zu Hause auszuziehen oder gar zu arbeiten, dem längere oder symmetrische Beziehungen einfach nicht gelingen wollen, der aber die Lösung für alle Probleme der Welt in der Schublade oder auf der Homepage hat.

Doch wer an dem ganz großen Rad der Welt dreht und die Lösung für alle politischen, wirtschaftlichen und Umweltprobleme parat hat, der ist vom schnöden Alltag entlastet. Wer will den Helden schon damit bedrängen, seine Socken wegzubringen? Vor allem, wenn der Held seiner Mitwelt liebend gerne mitteilt, dass all das, was die anderen um ihn herum so machen, auch von jedem Trottel erledigt werden könnte, während das was er macht, auch nur von ihm gestemmt werden kann und wenn es niemanden interessiert, dann deshalb, weil keiner der Minderbegabten das richtig einschätzen und würdigen kann. Der andere kann froh sein, sich im Glanz des Helden zu sonnen.

Nun gibt es zweifelsfrei Visionäre, Menschen, die Besonderes leisten und für ein bestimmtes Thema brennen, aber Besonderheiten sind eben keine Massenware und sind im besten Fall ausbalanciert, durch die Übernahme der Verantwortung auch im Privaten und vermeintlich Kleinen.

Schuld und Verantwortung

Schuld und Verantwortung werden oft zusammen gedacht, ohne dass sie identisch sind. Wir wollen uns ungern schuldig fühlen und deshalb lehnen wir oft die Verantwortung ab, auch da, wo wir sie übernehmen könnten. Dabei können wir schuldig sein, ohne uns verantwortlich zu fühlen und die Verantwortung übernehmen, ohne schuldig sein zu müssen. Doch das ist schon die höhere Schule.

Einer anderen Haltung begegnen wir heute öfter: Verantwortung? Nein, Danke! Das merkwürdige Verhalten von Menschen, die mitunter sogar extreme Einstellungen haben und in doppelter Weise vorgehen. Sie machen ihre ideologischen Gegner für alle Übel der Welt verantwortlich, im Zweifel noch für die abwegigsten und vergangensten Formen, während sie eine Verantwortung für die Verfehlungen, die im Namen ihrer Lesart begangen werden kategorisch ablehnen.

Da gibt es erklärte Kommunisten, die regelmäßig die Gräueltaten des Kapitalismus aufzählen und jeden der kein erklärter Feind desselben ist, zum Mitschuldigen deklarieren, zu den Abermillionen Toten der kommunistischen Terrorregime aber nur zu sagen wissen, dass dies kein wahrer Kommunismus gewesen sei und es diesen auch noch nie gegeben hätte. Warum man es nach 100 Jahren erfolgloser Versuche und der miesen Quote überhaupt noch mal probieren soll, wird dabei regelmäßig ausgeblendet.

Rechtsextreme versuchen sich reinzuwaschen, indem sie den „Sozialismus“ im Nationalsozialismus betonen und ihn zur eigentlich linken Idee umdefinieren wollen und überzeugte Atheisten sehen in den Religionen die Quelle allen Übels, wobei der Terror explizit atheistischer Ideologien zur Pseudoreligion umdefiniert wird, Hauptsache man kann sein gewohntes Feindbild weiter pflegen.