Wirtschaftswunder

Couch, Nierentisch, Stuhl, Radio

Ein Wohnzimmer aus dern 1950ern. © Hans Weingartz under cc

Als der Krieg vorbei wahr, so die allgemeine Lesart, wollten die Menschen in Deutschland vor allem eines: Ruhe. In Ruhe wieder aufbauen und vergessen was eben noch gewesen ist. Was gestern noch war, war heute falsch, der Hitlergruß musste schnell verlernt werden, irgendwie war alles anders. Es gab nichts zu essen, nichts zu kaufen, sehr viel war zerstört, bis zur Währungsreform im Sommer 1948. Drei lange Jahre. Dann setzte das ein, was eigentlich niemand erwarten konnte und heute als Wirtschaftswunder bekannt ist. Von Beginn der 1950er Jahre bis in die zweite Hälfte der 1960er und darüber hinaus ragte dieser Boom. Die Menschen hatten Arbeit und waren froh darüber. Mein Uropa arbeitete bei den Stahlwerken vorm Hochofen, eine Arbeit um die man sich heute nicht reißen würde. Nebenher radelte er noch zu seinem Schrebergarten, der nicht der Erbauung galt, sondern den praktischen Nutzen hatte, etwas mehr zum Essen zu haben. Das war noch Arbeit, neben der Arbeit, am Abend ging er mitunter zum Verkauf in eine Trinkhalle, die er sich mit meinem Onkel teilte. Ein Belastung die heute kaum jemand auf sich nehmen würde, doch Menschen wie mein Uropa waren damals kein Sonderfall.

Überhaupt sagen die Statistiken uns ein ums andere Mal, dass wir, abgesehen von ein paar Workaholics, die schuften, wie die Verrückten, nie soviel Freizeit hatten wie bisher. Und was ist das Resultat? Generation Burnout. Ein Bürojob und psychisch am Ende. Was ist da los? Wir empfinden unsere Freizeit oft als extrem knapp, kommen nicht raus aus dem Hamsterrad. Ein Punkt ist die mediale und digitale Revolution, sprich Handy, dann Smartphone, was permanente Erreichbarkeit bedeutet. Freizeit unter Anführungsstrichen, ob auf der Toilette oder im Wald, nirgends ist man sicher und auch wer sein Smartphone einfach aus oder zu Hause lässt (je jünger, desto unwahrscheinlicher), steht unter Druck, denn er hätte es ja mitnehmen können.

Es ist noch nicht so lange her, als man ein Telefon zu Hause hatte und entweder man war da, dann ging man dran – auch weil man nicht sah, wer anrief – und wenn man nicht da war, musste der andere es eben später noch mal versuchen, selbst Anrufbeantworter gab es nicht. Im Fernsehen gab es drei Sender, die meist erst (ausgenommen das Schulfernsehen in der Dritten) erst ab dem späten Nachmittag sendeten und Abends war Sendeschluss. Da war noch richtig Zeit für Langeweile, aber nicht Langeweile weil man übersättigt ist, sondern, weil es mitunter ausgedehnte Phasen des Tages gab, wo buchstäblich nichts los war. Es dauerte nicht lange, da hatte man mehr Sender, kannte man keinen Sendeschluss mehr, aber dafür Anrufbeantworter. Nun konnte man auch denen Nachrichten hinterlassen, die nicht zu Hause waren. Und etwas später wurden die Telefone mobil, der Rest ist bekannt. Der erste Irakkrieg war einer der massenmedial in Echtzeit mit Restlichtverstärkern in unsere Wohnzimmer übertragen wurde. Weiter weg als Jugoslawien und doch irgendwie präsenter, durch die überall gezeitgten grün-schwarzen Bilder näher dran.

Der soziokulturelle Wandel

… oder auch die Innenseite der Geschichte, hatte mit der Außenseite zu tun. Nach dem zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, die Häuser ebenso, wie das Gefühl ein auserwähltes Volk zu sein. Vieles was mit dem dritten Reich zu tun hatte, wurde auf Eis gelegt, man wollte wieder aufbauen und Ruhe haben, im Wirtschaftswunder gelang das. Den Blick fest auf die Arbeit gerichtet, hatte man im Wiederaufbau und steigender Produktion ein Ziel im Blick. Die überraschend gewonnene Fußball WM 1954 war ebenfalls identitätsstiftend, Deutschland war wieder wer, wie es hieß. Anfang der 1960er wurde die Teilung Deutschlands geteilt mit einer Mauer besiegelt. Der Osten hatte qua Diktat nun nichts mehr mit der Nazi-Vergangenheit zu tun, die Bundesrepublik wollte noch nichts davon wissen. Die Stimmung war konservativ, man stellte keine Fragen über die Vergangenheit, wollte tendenziell seicht unterhalten werden, das Rollenbild war patriarchal, die Werbung von damals vermittelt uns einen Einblick in die damaligen Rollenbilder und wirkt heute unfreiwillig komisch. Mutti geht es gut, wenn der Haushalt ordentlich ist, die Wäsche sauber und die Familie gut bekocht.

Doch in der Endphase der Wirtschaftswunders, begannen einige der nun heranwachsenden Kinder jener Eltern, die in der Zeit der Nazi-Herrschaft erwachsen waren, Fragen zu stellen. Fragen die bislang vermieden wurden, nämlich, nach der Rolle der Eltern in der Nazizeit. Ein ganze Generation wurde verdächtig und gefragt, was sie wussten und warum sie nichts getan hatten, um dem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Einerseits berechtigt, andererseits vielleicht ein wenig leichtfertig und umempathisch. Wir können heute kaum erahnen, was zerbombte Häuser, die allabendliche Flucht in den Bunker und Krieg an der Front bedeuten und wir können sehr froh darüber sein. Die meisten Väter schwiegen, aus Schuld, aus Scham, traumatisiert, weil sie keine Worte für das fanden, was sie sich selbst nicht erklären konnten.

Es kam zu heftigen Konflikten und man wollte mit dem starren und opportunistischen Konservativismus, der mindestens wegsieht, duldet und ergeben mitmacht aufräumen. Es passte der jungen Generation nicht, dass an zentralen Stellen des Staates oft noch Menschen zu finden waren, die in der Nazizeit auch schon exponierte Positionen einnahmen. Ein Startschuss der einiges umpflügte, man wollte mit Krieg und Hass endgültig Schluss machen und so kam die Flower Power-Bewegung aus den USA zur rechten Zeit es wurden Love & Peace im der Bundesrepublik eingeführt. Die Haare wurden immer länger, die Röcke immer kürzer, Nacktheit und freie Liebe für die Mutigen und eine Zeit der sexuellen Aufklärung für die Biederen pflügten einiges um, die Pille sorgte dafür, dass man nach dem Sex Kinder haben konnte, aber nicht musste. Frauen wurden als Wesen wahrgenommen, die eigene Bedürfnisse hatten, die über Kochen und Putzen hinaus gingen und da es mehrere Generationen im Lande gab, war für Aufregung gesorgt. Die Fernsehsendung Ein Herz und eine Seele griff diese Konflikte humorvoll auf. Wieder wurde das Land verändert und unter dem Begriff der 68er wurde diese Zeit zum Startschuss einer ganzen Bewegung, die Schritt für Schritt das Land veränderte.

Die traditionellen und konservativen Muster wurden aufgebrochen und nach und nach wurde für Gleichberechtigung der Frauen, der verschiedenen sexuellen Spielarten und Lebensformen gekämpft, alles änderte sich, wurde bunter, schriller und allmählich entwickelte sich ganz neues Lebensgefühl. Einerseits freier, unabhängiger, hedonistischer, andererseits hinterfragte man konventionelle Normen und Muster und betrachte zugleich immer mehr traditionell Überliefertes mit kritischem Blick, der auch auf die Entrechteten und Unterdrückten jenseits der eigenen Nation gerichtet wurde, zugleich gab es erste Stimmen, die die Idee eines linearen Wachstums kritisch sahen. Dass wir in einer Umwelt leben, die man nicht ungestraft plündern kann, kam damals zum ersten mal schleichend ins Bewusstsein, in der Folge entstand eine neue Partei, die sich bis heute hält, die Grünen.

Eine Zeit massiver und nachhaltiger Veränderungen, aber es waren Veränderungen, die sich trotz der langen Regierung des konservativen Kanzlers Helmut Kohl über Jahrzehnte erstreckten, so dass Gedanken an Gleichberechtigtung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit heute nicht mehr wegzudenken sind.