Windmühle, Schild und Mensch auf Buch, Vögel

Manche Veränderungen übefordern einige Menschen. © Diana Boucino under cc

Veränderungen in der Welt hat es zu allen Zeiten gegeben. Falls man überhaupt die Zeit, in der man lebte, reflektierte, wird man sie vermutlich stets als besonders empfunden haben. Einschnitte im Leben der Menschen gab es zu allen Zeiten, manche von historisch bleibendem Ausmaß. Der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter, zum sesshaften Menschen, wird vermutlich zur damaligen Zeit nicht groß reflektiert worden sein. Heute dafür umso mehr und man ist sich im Grunde nicht einig, ob die Sesshaftigkeit nun der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte oder der größte Reinfall war. Auf jeden Fall war es eine tiefgreifende Veränderung.

Krieg und Frieden

Je näher man hinschaut umso bunter wird eine Zeit, vielleicht, weil man kleinere oder größere Veränderungen in der Welt so immer genauer sieht, auch das Zeittypische. Auf der anderen Seite ist das was man nachher als revolutionär betrachtet aus der Perspektive eines gelebten Lebens oft ein eher moderater Übergang. Industriealisierung, Eisenbahn, Telefon, Strom, Automobile und Flugzeuge, all das brauchte viele Jahre, mitunter Jahrzehnte, um sich durchzusetzen. Und so schrecklich lange ist das alles noch nicht her. Und wirkliche Veränderungen von jetzt auf gleich brachten vermutlich nur Kriege und Naturkatastrophen mit sich.

So etabliert und selbstverständlich wie man vieles heute voraussetzt, so fundamental neu war es in der damaligen Zeit. Doch die Veränderungen durch die Technik, ein Netz der Infratruktur: Schiene, Straßen, Wasserwege, Strom- und Telefonleitungen mussten in Jahren errichtet werden, man hatte Zeit, sich anzupassen. Begleitet wurden die Veränderungen in der Welt von epochalen Brüchen im Weltbild. Die Technisierung und der damit einhergehende Bruch im Weltbild ist eine Sache (siehe dazu auch: Die wissenschaftlich-technische Revolution), eine andere ist die wirkliche Revolution in der Physik, die nur deshalb nicht die Welt erschütterte, weil sie kaum jemand verstand. Raum und Zeit, die scheinbar unveränderllichen Grundfesten der Welt, wurde von jetzt auf gleich, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu veränderlichen Größen erklärt. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen, sowie der Radioaktivität und ihre praktischen Anwendungen revolutionierten die Zeit in Medizin, Technik und später dann die Kriegswaffen und die Energieversorgung. Doch zeitnah erkannten die Philosophen Husserl und sein bedeutender und umstrittener Schüler Heidegger, dass die Möglichkeit eine ebenso entscheidende Größe in der Welt ist, wie die Wirklichkeit und nicht nur in Philosophie und Technik, sondern auch in Musik und Kunst veränderten sich die Kontexte ziemlich radikal, unterbrochen vom mörderischen ersten Weltkrieg mit technischen Neuerungen und unvorstellbaren Grausamkeiten, wie der Schlacht um wenige Meter Gelände mit hunderttausenden Toten, in Verdun.

Doch man schaute nicht nur philosophisch und röntgenologisch unter die Haut, auch Sigmund Freud wurde kurz vor der Jahrhundertwende schreibend aktiv, ungefähr zeitgleich mit romantischen, naturnahen Reformbewegungen und einer spirituellen Strömung durch Theosophen, Anthroposophen und Okkultisten, von denen wir wissen, dass C.G. Jung mit ihnen liebäugelte. Eine ungeheuer dichte Zeit mit epochalen Veränderungen, die aber massenmedial kaum begleitet wurde. Es war die Zeit des geschriebenen Wortes, der Briefe und Zeitungen und erst um 1920 begann im deutschsprachigen Raum das Radio seinen Dienst, schleppend, so dass es ab 1933 von den Nazis gepuscht und zum Volksempfänger ausgebaut wurde und eh man sich versah, war schon wieder Weltkrieg, nun in Wort und Bild begleitet und von breiten Schichten empfangen. Je direkter und lebendiger das Medium, um so stärker der massensuggestive und -regressive Effekt. Noch einmal pflügte der neue Weltkrieg alles um, inklusive aller menschlichen und moralischen Imperative.

Ungefähr 45 Jahre war aus der Perspektive von Krieg und Frieden Ruhe in Europa, ausgerechnet uns Deutschen gelang später eine unblutige Revolution, doch im damaligen Jugoslawien entstand mitten in Europa wieder ein Krieg. Damals war das, gefühlt, noch eher der Osten, die entfernten Balkanstaaten, irgendwie weit weg, auch wenn man dort zuvor gerne Urlaub machte. Eine Tragödie, die noch immer nicht aufgearbeitet ist, doch im Rest von Europa eher am Rande wahrgenommen wurde, wenn auch schon vom Fernsehen begleitet, wodurch uns das Geschehen noch einmal näher rückte. Davon abgesehen, lebten die meisten Menschen im deutschen Sprachraum in einer Zeitspanne nahezu einzigartigen Friedens. Noch vor kurzem gab es bei uns Menschen die in ihrem Leben drei Kriege erleben mussten und nun ist seit über 70 Jahren Ruhe. Wie haben wir diese Zeit genutzt?

Wirtschaftswunder

Couch, Nierentisch, Stuhl, Radio

Ein Wohnzimmer aus dern 1950ern. © Hans Weingartz under cc

Als der Krieg vorbei wahr, so die allgemeine Lesart, wollten die Menschen in Deutschland vor allem eines: Ruhe. In Ruhe wieder aufbauen und vergessen was eben noch gewesen ist. Was gestern noch war, war heute falsch, der Hitlergruß musste schnell verlernt werden, irgendwie war alles anders. Es gab nichts zu essen, nichts zu kaufen, sehr viel war zerstört, bis zur Währungsreform im Sommer 1948. Drei lange Jahre. Dann setzte das ein, was eigentlich niemand erwarten konnte und heute als Wirtschaftswunder bekannt ist. Von Beginn der 1950er Jahre bis in die zweite Hälfte der 1960er und darüber hinaus ragte dieser Boom. Die Menschen hatten Arbeit und waren froh darüber. Mein Uropa arbeitete bei den Stahlwerken vorm Hochofen, eine Arbeit um die man sich heute nicht reißen würde. Nebenher radelte er noch zu seinem Schrebergarten, der nicht der Erbauung galt, sondern den praktischen Nutzen hatte, etwas mehr zum Essen zu haben. Das war noch Arbeit, neben der Arbeit, am Abend ging er mitunter zum Verkauf in eine Trinkhalle, die er sich mit meinem Onkel teilte. Ein Belastung die heute kaum jemand auf sich nehmen würde, doch Menschen wie mein Uropa waren damals kein Sonderfall.

Überhaupt sagen die Statistiken uns ein ums andere Mal, dass wir, abgesehen von ein paar Workaholics, die schuften, wie die Verrückten, nie soviel Freizeit hatten wie bisher. Und was ist das Resultat? Generation Burnout. Ein Bürojob und psychisch am Ende. Was ist da los? Wir empfinden unsere Freizeit oft als extrem knapp, kommen nicht raus aus dem Hamsterrad. Ein Punkt ist die mediale und digitale Revolution, sprich Handy, dann Smartphone, was permanente Erreichbarkeit bedeutet. Freizeit unter Anführungsstrichen, ob auf der Toilette oder im Wald, nirgends ist man sicher und auch wer sein Smartphone einfach aus oder zu Hause lässt (je jünger, desto unwahrscheinlicher), steht unter Druck, denn er hätte es ja mitnehmen können.

Es ist noch nicht so lange her, als man ein Telefon zu Hause hatte und entweder man war da, dann ging man dran – auch weil man nicht sah, wer anrief – und wenn man nicht da war, musste der andere es eben später noch mal versuchen, selbst Anrufbeantworter gab es nicht. Im Fernsehen gab es drei Sender, die meist erst (ausgenommen das Schulfernsehen in der Dritten) erst ab dem späten Nachmittag sendeten und Abends war Sendeschluss. Da war noch richtig Zeit für Langeweile, aber nicht Langeweile weil man übersättigt ist, sondern, weil es mitunter ausgedehnte Phasen des Tages gab, wo buchstäblich nichts los war. Es dauerte nicht lange, da hatte man mehr Sender, kannte man keinen Sendeschluss mehr, aber dafür Anrufbeantworter. Nun konnte man auch denen Nachrichten hinterlassen, die nicht zu Hause waren. Und etwas später wurden die Telefone mobil, der Rest ist bekannt. Der erste Irakkrieg war einer der massenmedial in Echtzeit mit Restlichtverstärkern in unsere Wohnzimmer übertragen wurde. Weiter weg als Jugoslawien und doch irgendwie präsenter, durch die überall gezeitgten grün-schwarzen Bilder näher dran.

Der soziokulturelle Wandel

… oder auch die Innenseite der Geschichte, hatte mit der Außenseite zu tun. Nach dem zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, die Häuser ebenso, wie das Gefühl ein auserwähltes Volk zu sein. Vieles was mit dem dritten Reich zu tun hatte, wurde auf Eis gelegt, man wollte wieder aufbauen und Ruhe haben, im Wirtschaftswunder gelang das. Den Blick fest auf die Arbeit gerichtet, hatte man im Wiederaufbau und steigender Produktion ein Ziel im Blick. Die überraschend gewonnene Fußball WM 1954 war ebenfalls identitätsstiftend, Deutschland war wieder wer, wie es hieß. Anfang der 1960er wurde die Teilung Deutschlands geteilt mit einer Mauer besiegelt. Der Osten hatte qua Diktat nun nichts mehr mit der Nazi-Vergangenheit zu tun, die Bundesrepublik wollte noch nichts davon wissen. Die Stimmung war konservativ, man stellte keine Fragen über die Vergangenheit, wollte tendenziell seicht unterhalten werden, das Rollenbild war patriarchal, die Werbung von damals vermittelt uns einen Einblick in die damaligen Rollenbilder und wirkt heute unfreiwillig komisch. Mutti geht es gut, wenn der Haushalt ordentlich ist, die Wäsche sauber und die Familie gut bekocht.

Doch in der Endphase der Wirtschaftswunders, begannen einige der nun heranwachsenden Kinder jener Eltern, die in der Zeit der Nazi-Herrschaft erwachsen waren, Fragen zu stellen. Fragen die bislang vermieden wurden, nämlich, nach der Rolle der Eltern in der Nazizeit. Ein ganze Generation wurde verdächtig und gefragt, was sie wussten und warum sie nichts getan hatten, um dem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Einerseits berechtigt, andererseits vielleicht ein wenig leichtfertig und umempathisch. Wir können heute kaum erahnen, was zerbombte Häuser, die allabendliche Flucht in den Bunker und Krieg an der Front bedeuten und wir können sehr froh darüber sein. Die meisten Väter schwiegen, aus Schuld, aus Scham, traumatisiert, weil sie keine Worte für das fanden, was sie sich selbst nicht erklären konnten.

Es kam zu heftigen Konflikten und man wollte mit dem starren und opportunistischen Konservativismus, der mindestens wegsieht, duldet und ergeben mitmacht aufräumen. Es passte der jungen Generation nicht, dass an zentralen Stellen des Staates oft noch Menschen zu finden waren, die in der Nazizeit auch schon exponierte Positionen einnahmen. Ein Startschuss der einiges umpflügte, man wollte mit Krieg und Hass endgültig Schluss machen und so kam die Flower Power-Bewegung aus den USA zur rechten Zeit es wurden Love & Peace im der Bundesrepublik eingeführt. Die Haare wurden immer länger, die Röcke immer kürzer, Nacktheit und freie Liebe für die Mutigen und eine Zeit der sexuellen Aufklärung für die Biederen pflügten einiges um, die Pille sorgte dafür, dass man nach dem Sex Kinder haben konnte, aber nicht musste. Frauen wurden als Wesen wahrgenommen, die eigene Bedürfnisse hatten, die über Kochen und Putzen hinaus gingen und da es mehrere Generationen im Lande gab, war für Aufregung gesorgt. Die Fernsehsendung Ein Herz und eine Seele griff diese Konflikte humorvoll auf. Wieder wurde das Land verändert und unter dem Begriff der 68er wurde diese Zeit zum Startschuss einer ganzen Bewegung, die Schritt für Schritt das Land veränderte.

Die traditionellen und konservativen Muster wurden aufgebrochen und nach und nach wurde für Gleichberechtigung der Frauen, der verschiedenen sexuellen Spielarten und Lebensformen gekämpft, alles änderte sich, wurde bunter, schriller und allmählich entwickelte sich ganz neues Lebensgefühl. Einerseits freier, unabhängiger, hedonistischer, andererseits hinterfragte man konventionelle Normen und Muster und betrachte zugleich immer mehr traditionell Überliefertes mit kritischem Blick, der auch auf die Entrechteten und Unterdrückten jenseits der eigenen Nation gerichtet wurde, zugleich gab es erste Stimmen, die die Idee eines linearen Wachstums kritisch sahen. Dass wir in einer Umwelt leben, die man nicht ungestraft plündern kann, kam damals zum ersten mal schleichend ins Bewusstsein, in der Folge entstand eine neue Partei, die sich bis heute hält, die Grünen.

Eine Zeit massiver und nachhaltiger Veränderungen, aber es waren Veränderungen, die sich trotz der langen Regierung des konservativen Kanzlers Helmut Kohl über Jahrzehnte erstreckten, so dass Gedanken an Gleichberechtigtung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit heute nicht mehr wegzudenken sind.

Die nächste Generation soll es besser haben

Das war die stille Agenda der Nachkriegszeit. Aus Trümmern geboren wurde ein immenser Glaube an den Fortschritt auf allen Ebenen. Die Selbstverständlichkeit mit der man unterstellte, dass es immer weiter bergauf geht, brachte vielleicht erst die anderen Themen, sich um bessere soziale und ökologische Bedingungen zu kümmern, auf die Agenda. Es war genug da, man würde nie wieder Mangel leiden, die Fortschritte von Wissenschaft und Technik waren immens, man schickte Menschen auf den Mond, die Ära der Antibiotika begann, Seuchen verschwanden zusehens und man war der Überzeugung, dass ein paar ernst gemeinte Investitionen auch den Krebs besiegen würden. Es war eine Zeit grundlegend optimistischer Stimmung, dass die nächste Generation es besser haben sollte und würde, war eine tief gefühlte Überzeugung und wurde fast wie eine Art Naturgesetz erlebt.

VW Bus in bunten Farben vor Meer

Ein Relikt aus der Stimmung der Flower Power Zeit. © Per-Olof Forsberg under cc

Allmählich, schleichend, begann dieses Bild feine Risse zu bekommen, erst so, dass es noch niemand merkte, doch dann immer mehr. Fortschrittspessimismus und Technologieskepsis gab es auch vorher schon, aber diese Stimmen wurde in der Breite nicht gehört, die realen Fortschritte sprachen dagegen und wissenschaftlich-technischer Fortschritt hieß zu jener Zeit, noch ganz direkt, dass es den Menschen besser geht. Etwa zeitgleich mit der erstarkenden Ökobewegung kam auch eine Esoterikbewegung auf, die kaum historisch aufgearbeitet ist. Sie war zu Beginn eine kritische Bewegung, nicht politisch kritisch sondern fortschrittsskeptisch, vor allem den Bereich der Medizin und Psychotherapie betreffend. Ausgerechnet jene Bewegungen, die gerade kräftig abräumten. Dass Öko- und Esobewegung überhaupt im breiteren Rahmen Zuspruch bekamen, zeigt bereits, die oben angesprochenen Risse im Bild. Etwa zu Beginn der 1980er nahmen die kritischen Stimmen Fahrt auf, doch die Stimmung war insgesamt noch immer positiv. Es würde weiter bergauf gehen. Vielleicht nicht mehr so schnell, aber Fortschritt und Wachstum waren weiter positiv gefärbte Begriffe.

Drei wichtige Faktoren

Doch dann gab es einen Bruch, der meines Erachtens wichtig ist. Wir sahen dicht gedrängte Veränderungen im Wechsel vom 19. zum 20.Jahrhundert, mit epochalen Perspektivverschiebungen. Ich weiß nicht, wie die Stimmung zu jener Zeit war, aber die massenmediale Begleitung war dezent und verglichen mit heute äußerst langsam. Zur Zeit der 68er Bewegung waren die Massenmedien einen Schritt weiter, das Radio war längst verbreitet, der Fernseher begann allmählich seinen Siegeszug, die nun folgenden Veränderungen wurden massenmedial intensiver begleitet. Doch die Stimmung weiterhin gut, optimistisch.

Die Veränderungen in der Welt, die nun kamen, waren vielleicht weniger dramatisch, aber zwei Dinge änderten sich. Zum einen gewannen einige Themen an Fahrt und Einfluss und man hatte den Eindruck, dass man sie nicht wieder los wird. Es waren Langlaufthemen, die in den Blick gerieten, keine kurzen Episoden. Und es waren keine schönen Themen, womit wir beim zweiten Punkt sind.

Ungefähr mit dem Beginn der 1980er Jahre begann der Mythos vom Fortschritt zu bröckeln, es wurden fortan zwei parallele aber diametral entgegengesetzte Geschichten geschrieben und beide Lesarten halten sich in unterschiedlichen Gewichtung bis zum heutigen Tag.

Die eine Geschichte erzählt den Fortschrittsmythos ungebrochen weiter. Kurzfassung: Natürlich gibt es hier und da Schwierigkeiten, doch die hat es immer gegeben, nie hat sich Menschheit davon aufhalten lassen, das Jammern bringt nichts, nur weiter machen, besser werden und ohne jeden Zweifel ist unsere Welt heute so gut wie nie zuvor. Klar, es könnte noch besser sein, aber so gut wie es jetzt ist, war es noch nie. (Diese Version wurde in Weltuntergang etwas ausführlicher beschrieben.)

Die andere Geschichte erzählt uns von Fehlern und Verirrungen, die schon längst bestehen und sich jetzt rächen. Ob der Aufhänger Gesundheit, Kapitalismus, Arm und Reich-Schere, Umweltsünden, soziale Missstände oder sonst etwas ist, die Lesarten sind trübe, manche finster, andere direkt apokalyptisch.

So parkt die Legende, dass wir aktuell in der besten aller möglichen Welten leben, dicht neben der, dass wir willenlose Sklaven in einer Bananenrepublik sind, die längst noch nicht das ganze Ausmaß des Desasters konfrontiert haben, kräftig an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen und ein Licht am Ende des Tunnels ist schon gar nicht zu erkennen.

Wir haben es nun mit einem neuen, ziemlich einzigartigen Dreiklang zu tun, der aus realer Veränderung, deren massenmedialer Begleitung oder Inszenierung und einer allmählich kippenden Stimmung besteht, denn die zweite Lesart gewinnt mehr Gewicht, wird zumindest immer schriller.

Warum kippt eigentlich die Stimmung?

In letzter Zeit ist oft von Wirklichkeit und gefühlter Wirklichkeit die Rede. Zum ersten Mal kam das vermutlich breiter auf, als der Euro eingeführt wurde und viele Menschen das Gefühl hatten, der Euro sei ein Teuro, sprich, die Einkommen wurden annähernd halbiert, die Preise jedoch nicht, so zumindest war der Eindruck. Immer wieder rechnete man uns vor, der Eindruck trüge, aber es scheint in vielen Bereichen des Lebens einfach so zu sein, dass wir Dinge, die uns negativ vorkommen, verstärkt wahrnehmen, Positives hingegen unter normal abhaken (siehe auch: Warum immer ich?).

Immer wieder und aus verschiedenen Ecken ist zu hören, dass man den Blick auf Positives, sowie einen Sinn dafür, dass es uns jetzt gerade gut geht, richtiggehend lernen muss. Man muss die Aufmerksamkeit dafür schulen. Und so lautet die Geschichte, dass es uns, betrachtet man reale Daten, wie Einkommen, Hunger, Lebensalter, Intelligenz, Kriege statistisch immer besser geht, doch die gefühlte Realität ist aktuell die der Bedrohung, Verunsicherung und dass die besten Jahre irgendwie vorbei zu sein scheinen.

Der stille Mythos, dass die nächste Generation es besser haben wird, ist nicht mehr da. Jedenfalls sinkt die Zahl derer, die davon tief überzeugt sind. Klimawandel, Migrationsströme, Terror, Ausbeutung von Ressourcen, unsichere Renten sind dominierende Themen. Und vielleicht ist es noch nicht mal viel mehr als ein Abwehrkampf auf hohem Niveau, aber schon das Gefühl, dass es nicht mehr ungebrochen weiter bergauf geht, ist belastend. Sogar sehr, wie uns Kahneman lehrt. Es war vielleicht gar nicht der eine große Knall, der eine Wende brachte, es waren viele kleine Nadelstiche. Anfang der 1980er begann der Trend milde, doch die Enttäuschungen kamen. Der Krebs wurde nicht besiegt, Zivilisationskrankheiten waren sogar eher auf dem Vormarsch und AIDS kam als Seuche hinzu, die Antibiotikatherapie hatte Grenzen und brachte eigene Gefahren mit sich. 1986 explodierte am Himmel über Amerika der US-Raumschuttle Challenger und in Tschernobyl ein Atomkraftwerk, die Euphorie von Ärmel hoch, dann schaffen wir es auch, schien verflogen. Die Folgen eines „weiter so“ rückten immer negativerer Bedeutung in unser Bewusstsein. Zwar gab es weiterhin technische Fortschritte, aber sie hatten nicht mehr die direkte Auswirkung auf unser Leben, so dass jeder unmittelbar davon profitierte, wie etwa von einer Waschmaschine.

Die Wiedervereinigung war eine Mischung aus Euphorie und Skepsis, der bald weitere Enttäuschungen folgten. Von jammernden und undankbaren Ossis und Besserwessis war die Rede. Es ging den meisten immer noch gut, vielen sogar deutlich besser, aber es lief nicht mehr so richtig rund.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich alt genug war um bewusst wahrzunehmen, dass wir nun 4 Milliarden Menschen auf der Welt seien. Ende der 1980er waren wir 5 Milliarden, gut 25 Jahre später, heute, knapp unter 7,5 Milliarden. Mehr als eine Verdoppelung der Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren.
Man hat den Einruck, dass es irgendwie eng auf der Welt wird, gerade im Zusammenhang mit der Umweltproblematik und den Migrationsströmen, die Zahl der produzierten Autos hat sich weltweit in den letzten 50 Jahren mehr als verdreifacht, ein Zeichen für Wohlstand, Umweltverschmutzung und Staus.

Das anbrechende Jahrzehnt brachte dann schnell neue Themen mit, zum dritten mal Fußballweltmeister, doch dann die erwähnten Kriege in Jugoslawien und dem Irak, vor der Haustür. Letzterer in Echtzeit, mit Reportern auf dem Dach. Die Medien rücken uns immer näher, Inszenierung und Wirklichkeit verschwimmen, denn einerseits sehen wir die Dinge ja mit eigenen Augen, andererseits genau das, was wir sehen sollen.

Die medial-digitale Revolution

Zeuichnung, Menchen schauen auf ihr Smartphone

Das Samrtphone ist nicht mehr wegzudenken und verändert uns. © Wendelin Jacober under cc

Handys und n-tv wurden zunehmend zum Teil unseres Lebens, der rote Balken mit wiederholtem Fließtext, die „Breaking News“ kamen in unser Leben und eine zunehmende Fokussierung auf die Wirtschaft mitsamt der Börsendaten. Aktualität wurde immer bedeutender und die Börse in New York oder ein Flugzeugabsturz in Asien oder eine Pressekonferenz irgendwo in der Welt zog in unsere Wohnzimmer ein, bald auch liefen sie in Autobahnraststätten und anderen öffentlichen Orten. So ging ausgerechnet die kritische Esoterikbewegung, die zu Beginn der 1980er richtig Fahrt aufnahm, immer mehr in die Breite, wurde zugleich immer populärer und flacher und überlappte mit einem Börsenhype, der bisher unbekannt war. Die Telekom bot eine Aktie an, die für kurze Zeit als Volksaktie galt, letztlich war sie ein Flop, bei dem viele Leute Geld verloren. Esoterikseminare gingen fließend in Managementseminare über und viele wollten so sein, wie die Börsenmanager, die heute keiner mehr leiden kann.

Das Internet breitete sich rasant aus, kurze Zeit später ein Interesse an sozialen Medien, dann brauchten Handy und Computer nur noch zusammen zu wachsen, was sie in den folgenden Jahren im Smartphone taten, die Zahl der Internetanschlüsse und das Social Media Interesse stiegen sprunghaft weiter an und das ist aktuell der Stand der Dinge.

Geschehen die Veränderungen in der Welt zu schnell?

Wir haben eine Zeit außerordentlich dichter und nachhaltiger Veränderungen erlebt. Die gab es auch vorher immer wieder, aber die Veränderungen in der Welt betreffen heute direkt unser Kommunikationsverhalten und das nimmt breiten Raum in unserem Alltag ein. Es ist nicht zu erwarten, dass das Internet bald keine Rolle mehr spielt, die Welt rückt uns immer näher, wir können Fakten und Fakes, Werbung und Information nicht mehr richtig trennen und eine Reaktion darauf ist steigendes Misstrauen, eine andere Anpassung. Doch das Internet ist ein schnelles Medium, immer mehr Menschen haben ihr Smartphone überall dabei und jederzeit an. Jeder kann sein privates Video einstellen. Wir können uns alles auf der Welt anschauen, wenn wir wollen, zu jeder Zeit. Klatsch und Tratsch, Privates und Öffentliches, Bedeutsames und Belangloses fließen ineinander. An sich nicht schlimm, wenn man es untescheidenn kann, ungünstig ist nur, wenn das nicht gelingt. Auch die mediale Propaganda kommt heutzutage gleich aus mehreren Ecken, auch das verwirrt.

Es fehlen die Welterklärer, es fehlen die Vertrauen erweckenden Institutionen, es gibt das unangenehme Gefühl, kaum mehr jemandem trauen zu können und die Massenmedien mit ihrer regressiven Kraft verstärken diesen Effekt. Regressive Bewegungen stabilisieren sich mit der Zeit von selbst allerdings auf einem niedrigen moralischen Niveau, das keinerlei Ambivalenzen toleriert.

Rechtspopulisten wollen neuerdings zurück in die 1950er. Eine konservative Welt, in der noch nichts aus dem zweiten Weltkrieg aufgearbeitet war, wo Männer noch Männer und Frauen noch Frauen sein durften. Man kann zumindest die Verwirrung einiger Menschen verstehen, die ihrerseits die Welt nicht mehr verstehen und lieber eine schlichte Ordnung als eine weitere Zunahme komplexerer und immer schnellerer Entwürfe möchten. Wir haben mehr Zeit denn je und fühlen uns immer gehetzter, mehr Kontakte und fühlen uns vereinsamt. Aber zurück in die gute alte Zeit zu wollen es ist eine seichte Version, die nur Freund und Feind kennt, richtig und falsch, auch wenn die Sehnsucht nach Orientierung verständlich ist. Eine verkitschte Welt, in der man sich an eine gute alte Zeit erinnert, die es, wie die heile und glückliche Kindheit stets nur in der Phantasie gegeben hat.

Die Veränderungen in der Welt von heute geschehen vermutlich nicht zu schnell, aber es finden welche statt, die nicht ohne sind und die uns erhalten bleiben. Sie werden intensiv medial begleitet und manchmal hat man den Eindruck, dass mediales Geschehen irgendwie realer ist, als selbst erlebtes Geschehen, aber wie wir wissen sind einflussreiche Denker durchaus vom weitreichenden Einfluss der Massenmedien überzeugt. Zudem ist die Stimmung mies, nicht weil es uns tatsächlich schon wahnsinnig schlecht geht, aber die gemeinsame Perspektive auf ein Ideal scheint verschwunden. Das immerhin hatten die 50er zu bieten. Der Wiederaufbau stand auf der Agenda. Zudem hatten Visionen zuletzt einen schweren Stand und immer mehr Grüppchen sorgen dafür, dass die Gesellschaft zersplittert. Europa ist als großes Projekt vermutlich erledigt und was uns verbinden könnte wären oftmals Ideen um einen drohenden Schaden zu vermeiden, Migrationsströme und Klimawandel eindämmen, irgendwie Rente bekommen, das klingt mehr nach Abwehrgefecht, als nach saft- und kraftvollem Entwurf. Sexy ist anders.

Ich denke, es ist diese Kombination die uns das Gefühl der Überforderung vermittelt und die eigenartige Koexistenz von Ansichten erklärt, die, nimmt man alles zusammen, einmal sehr gelassen sein können und bei anderen den Untergang einläuten, der aus ihrer Sicht ohnehin kaum noch zu verhindern ist. Was ernst zu nehmen ist, ist, dass offenbar weltweit Vorstellungen von einer harten und ordnenden Hand, die klar in Freund und Feind unterscheidet, für viele Menschen attraktiv genug sind, um auch in fairen Wahlen reichlich Stimmen zu bekommen. Diese Menschen scheinen eine solide bis rigide Ordnung weiteren Veränderungen vorzuziehen. Vielleicht würde es schon helfen, wenn man Großvisionen entwickelt, die mit echter eigener Überzeugung vorgetragen werden und uns etwas als Ziel in Aussicht stellen, das sich lohnt und als positive Vision und nicht als zaghafte Absicherung empfunden wird.