Übergangsobjekte in der Kindheit

Doch das ändert sich bei den meisten Menschen und daran haben die von dem Kinderpsychiater und Kinderanalytiker Donald Winnicott, der eng mit der Psychoanalytikerin Melanie Klein zusammenarbeitete, so genannten Übergangsobjekte einen entscheidenden Anteil. Die äußere Geschichte ist schnell erzählt. Irgendwann im Alter zwischen dem 4. und 12. Lebensmonat beginnen bestimmte äußere Objekte, ein Teddybär, ein Kissen, eine Schmusedecke oder was auch immer eine starke Bedeutung für das Kind zu entwickeln.

Innerlich ersetzt dieses Übergangsobjekt die abwesende Mutter, deren Abwesenheit dadurch besser toleriert werden kann und in dieser Zeit werden dem Übergangsobjekt bestimmte Eigenschaften der Mutter, die das Kind jetzt gerade braucht, etwa Wärme, Nähe, Schutz zugeschrieben. Es handelt sich also einerseits um reale nicht lebendige Objekte, andererseits um phantasierte Objekte, da sie so behandelt werden, als seien sie lebendig und Eigenschaften zugeschrieben bekommen, die sich nicht haben. Das allerdings zeigt, welche Macht von der Phantasie ausgeht, die helfen kann, einen realen Mangelzustand zu überwinden zugunsten einer Erfindung, Phantasie, Illusion. Wie wir sehen sind hier, wie auch später Phantasie und Realität nicht voneinander getrennt.

Doch so einfach das Geschehen äußerlich beschrieben ist, indem das Kind einfach ständig den Teddy, die Decke oder Ähnliches mit sich herum schleppt, so komplex ist es innerlich. Denn einerseits wird hier, laut Winnicott, auch der Modus der Sorge aktiviert, indem das Kind das Objekt beschützt und hätschelt. Diese Sorge ist eine Konsequenz der Integration eines nur-guten und eines nur-bösen/schlechten Objektes, denn das Kind kann durchaus auch wütend auf den Teddy sein, ihn in die Ecke werfen oder hauen, dennoch bleibt der Teddy erhalten, ist nicht restlos zerstört, verlässt das Kind nicht. Das ist der Prozess einer schrittweisen inneren Zusammenführung einer bis dato getrennten Welt, in der alles entweder gut oder schlecht war, zu einer ambivalenten Position, in der man auf ein Objekt böse sein kann, aber es danach wieder lieben und herzen kann und sogar traurig und deprimiert ist, über die Wut, die man zuvor empfand, so dass der Wunsch nach Wiedergutmachung auftaucht und das ist neben Verzeihen und Bereuen eine wesentliche Motivation einer reifen Persönlichkeit.

Hier, beim Kind, natürlich erstr beginnend und angedeutet, aber wenn diese Integration gelingt ist das ein gewaltiger Schritt, denn wo dies nicht der Fall ist haben wir es mit Menschen zu tun, die später unter einer schweren Persönlichkeitsstörung leiden und bei denen, auch wenn sie erwachsen sind, noch immer alles und jeder in die Kategorie gut oder böse/schlecht gesteckt wird, Idealisierung und Entwertung, ohne die Fähigkeit Ambivalenzen tolerieren zu können. Wir sehen, diese Phase der Übergangsobjekte und Übergangsbeziehungen sind für das Kind und seine spätere Entwicklung von immenser Bedeutung.

Übergangsgobjekte und was aus ihren hervorgeht

Über die Bedeutung für das Individuum hinaus ist Winnicott der Auffassung, dass der Umgang mit Übergangsobjekten und -beziehungen der Ursprung für unsere Fähigkeit ist Illusionen, Phantasien zu erschaffen und damit in letzter Konsequenz die Quelle für Wertesysteme und Fähigkeit, diese als geistige Realitäten zu behandeln und damit eben die Fähigkeit zu gewinnen, sich auf etwas festzulegen, zu wissen, wer man ist, wofür man steht und wogegen man ist, in differenzierter und nicht diffuser Art und Weise.

Die Welt der Phantasie, der Kreativität ist nicht flüchtig oder belanglos sondern folgt, wie Brandom in Expressive Vernunft ausführt, einer inneren logischen Folgerichtigkeit, die er Inferenz nennt, bei der aus Festlegungen, auf die man sich eingelassen hat weitere Festlegungen folgen.

Wenn das klar ist ist auch klar, dass die Übergangsobjekte die Schwelle zur Phantasie, Kultur, Kunst, Moral und Ethik, Liebe, Religion und Wissenschaft darstellen.[3] Und dann natürlich zu der anfangs von Harari erwähnten Fähigkeit sich ständig und selbstverständlich in den Welten erfundener oder illusionärer Festlegungen wie Demokratien, Firmen, dem Umgang mit Geld und Aktien ganz natürlich und manchmal virtuos zu bewegen, ohne das irgendwie seltsam zu finden. Das entspricht alles in allem dem, was wir als typisch menschlich definieren.

Quellen:

  • [1] Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. Suhrkamp 2000, S. 946, Fußnote 42
  • [2] Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. Suhrkamp 2000, S. 540
  • [3] Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 323