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Psychopathie als Persönlichkeitsstörung: Der eiskalte Killer © frankieleon under cc

Im ersten Teil dieser Serie zur Psychopathie wurde Psychopathie als Persönlichkeitsmerkmal dargestellt und gezeigt, dass Menschen mit psychopathischen Persönlichkeitstendenzen nicht zwangsläufig deliquentes beziehungsweise antisoziales Verhalten aufweisen müssen, sondern sie stattdessen wichtige Funktionen innerhalb einer Gesellschaft übernehmen können. Demgegenüber steht die Psychopathie als Persönlichkeitsstörung, deren Ausprägung bei Menschen zu kriminellen Verhaltensweisen führen kann.

Psychopathie als Persönlichkeitsstörung

Im ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem für psychiatrische Erkrankungen, ist die psychopathische Persönlichkeitsstörung unter den dissozialen Persönlichkeitsstörungen (F60.2) aufgeführt (vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2016).

Charakterisiert werden die dissozialen Persönlichkeitsstörungen im ICD-10 anhand folgender Kriterien:

  • Missachtung sozialer Verpflichtungen
  • herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere
  • Diskrepanz zwischen Verhalten und herrschenden sozialen Normen
  • Verhalten erscheint nicht änderungsfähig (z.B. durch Konsequenzen, Bestrafung)
  • geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, gewalttätiges Verhalten
  • Neigung, andere zu beschuldigen, oder Rationalisierungen für das Verhalten, durch welches man in Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist

Neurologische Besonderheiten bei Psychopathen?

Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass es in den Gehirnen von Psychopathen durchaus Unterschiede zu nicht psychopathisch veranlagten Menschen geben kann. So scheint unter anderem eine neurochemische und neurophysiologische Überaktivität des Dopamin-Belohnungssystems vorzuliegen, wie eine Studie von Buckholtz et al. (2010) nahelegt. Diese Überaktivität kann, überspitzt gesagt, dazu führen, dass stark impulsiv-antisozial veranlagte Menschen ihre Wünsche unbedingt erfüllen wollen, um jeden Preis, dass sie andernfalls ihre Aufmerksamkeit nicht davon ablenken können, ehe sie nicht bekommen haben, was sie wollen.
Andere Studien deuten unter anderem auf pathologische Veränderungen im orbitofrontalen Cortex hin sowie auf ein geringeres Vorhandensein des Enzyms MAO-A (Monoamine Oxidase-A), welches Neurotransmitter reguliert (vgl. z.B. Kolla et al., 2015).

Diagnostik der psychopathischen Persönlichkeitsstörung

Die PCL-R™(Hare Psychopathy Checklist-Revised, 2nd edition, 2003) gilt als klassisches diagnostisches Instrument zur Erfassung der psychopathischen Persönlichkeitsstörung (Hogrefe Testzentrale, 2005). Inhaltlich werden darin unter anderem folgende Aspekte berücksichtigt (in Anlehnung an z.B. Flores-Mendoza et al., 2008):

  • geringere Selbstkontrolle
  • übersteigerter Selbstwert
  • Suche nach Stimulation
  • pathologisches Lügen
  • Manipulation, um Ziele zu erreichen
  • Mangel an Reue
  • abgeflachter Affekt
  • Abgestumpftheit, Mangel an Empathie
  • Leben auf Kosten Anderer, „Schmarotzertum“
  • geringe Verhaltenskontrolle
  • unverbindliche sexuelle Kontakte, instabile Beziehungen
  • bereits in jungen Jahren Verhaltensprobleme
  • Verfehlen von Zielen bzw. Nichtvorhandensein
  • impulsiv
  • kein Übernehmen von Verantwortung
  • Straffälligkeit als Jugendlicher
  • Nichteinhalten von Vereinbarungen
  • diverse kriminelle Verhaltensweisen

Psychopathie als Persönlichkeitsmerkmal versus Persönlichkeitsstörung

American Express Card

Welche Faktoren entscheiden bei Psychopathen über Karriere oder Killer? © Clemson under cc

Generell entscheidend für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung bzw. einer psychiatrischen Erkrankung im Allgemeinen ist, ob ein persönlicher Leidensdruck vorliegt und/oder ob das Umfeld durch das Verhalten der Betroffenen geschädigt wird. Derzeit liegt der Fokus der Forschung zur Psychopathie unter anderem darauf, unter welchen Gesichtspunkten Menschen dissoziale Verhaltensweisen entwickeln versus sich trotz psychopathischer Persönlichkeitstendenzen erfolgreich in der Gesellschaft bewegen, ohne sich dabei grob normabweichend zu verhalten.
Da Psychopathie als vielschichtiges Merkmal betrachtet werden kann, scheint die individuelle Entwicklung zum Beispiel davon abzuhängen, welche Faktoren besonders stark oder schwach ausgeprägt sind. So könnte hohe Intelligenz und ein bildungsstarkes Elternhaus ein Einflussfaktor für eine gesellschaftskonforme Karriere bei Menschen mit psychopathischen Persönlichkeitstendenzen sein. Auf der anderen Seite könnte eine stark verringerte Selbstkontrolle, ausgeprägte Impulsivität und eine gewaltvolle Kindheit eher zu delinquentem Verhalten führen. Diesbezüglich ist allerdings noch weitere Forschung vonnöten.

Im dritten Teil unserer Serie zur Psychopathie wird Überlegungen nachgegangen, inwiefern sich psychopathische Persönlichkeitstendenzen bereits in der Kindheit andeuten könnten, wobei diesbezüglich allerdings nicht die Psychopathie als Persönlichkeitsstörung gemeint ist, sondern es sich vielmehr um das Merkmal per se handelt.

Quellen:

  • Buckholtz, J.W., Treadway, M.T., Cowan, R.L., Woodward, N.D., Benning, S.D., Li, R., Sib Ansari, M., Baldwin, R.M., Schwartzman, A.N., Shelby, E.S., Smith, C.E., Cole, D., Kessler, R.M. & Zald, D.H. (2010). Mesolimbic Dopamine Reward System Hypersensitivity in Individuals with Psychopathic Traits. Nature neuroscience, 13(4), 419–421.
  • Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2016). ICD-10-GM Version 2016. Verfügbar unter: https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2016/block-f60-f69.htm [17.09.2016].
  • Flores-Mendoza, C.E., Alvarenga, M.A.S., Herrero, O. & Abad, F.J. (2008). Factor structure and behavioural correlates of the Psychopathy Checklist-Revised [PCL-R] in a Brazilian prisoner sample. Personality and Individual Differences 45, 584–590.
  • Hogrefe Testzentrale (2005). PCL-R™ Hare Psychopathy Checklist-Revised (2nd Edition) von Robert D. Hare Verfügbar unter: https://www.testzentrale.de/shop/hare-psychopathy-checklist-revised.html [17.09.2016].
  • Kolla, N.J., Matthews, B., Wilson, A.A., Houle, S., Bagby, R.M., Links, P., Simpson, A.I., Hussain, A. & Meyer, J.H. (2015). Lower Monoamine Oxidase-A Total Distribution Volume in Impulsive and Violent Male Offenders with Antisocial Personality Disorder and High Psychopathic Traits: An [11C] Harmine Positron Emission Tomography Study. Neuropsychopharmacology, 40(11), 2596–2603.
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