Vielleicht gehören Sie zu den Eltern, deren Kind auf dem Schulhof gemobbt wird oder das dem Leistungsdruck nicht standhält. Vielleicht gehören Sie aber auch zu den Eltern, die versuchen, ihrem Kind klarzumachen, dass es „einfach da durch muss“, trotz allem verspüren Sie ein ungutes Gefühl dabei. Vielleicht beschleichen Sie seit Längerem Zweifel, ob Ihr Kind noch die Schulbildung erhält, die es benötigt, um in der zukünftigen Gesellschaft bestehen zu können. Oder Sie gehören gar zu den Lehrern, die sich der Situation in den Schulklassen nicht gewachsen fühlen und Bedenken haben, ihre Aufgabe nicht ausreichend erfüllen zu können. Eltern wie Lehrern sei gesagt: So wie Ihnen geht es vielen. Vision und Realität von deutscher Bildungspolitik und Schule wirken nicht unbedingt aufeinander abgestimmt.

Das Ziel einer guten Schul- und Bildungspolitik scheint seitens der Bundesregierung klar abgesteckt und an visionären Inhalten fehlt es dabei nicht.

Ziel der Bildungspolitik und Schule

Klassenzimmer Frontalunterricht

Bildungspolitik und Schule: Frontalunterricht als veraltete Form © Phelyan Sanjoin under cc

Im Bericht des „Bundesministeriums für Bildung und Forschung“ (2014) zur „Bildungsforschung 2020 – Herausforderungen und Perspektiven“ heißt es:

„Der Zugang zu guter Bildung für alle ist der Schlüssel für die Entwicklung der individuellen Potenziale, für gesellschaftliche Teilhabe und gemeinschaftlichen Zusammenhalt sowie nicht zuletzt für unseren Wohlstand in Deutschland. Es gilt daher, bereits heute Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für die Gestaltung des Bildungssystems von morgen zu entwickeln.“

Schule versus Zukunft

Die derzeitige Situation in Bezug auf die Vorbereitung der Schüler für ihr späteres Leben sieht dagegen wie folgt aus:

Fachkräftemangel

In einigen Regionen Deutschlands herrscht akuter Fachkräftemangel an den Schulen, welcher in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016; Statistisches Bundesamt, 2001). Seit 2011 ist ein Anstieg der Geburtenzahlen zu verzeichnen, demzufolge ein Mehrbedarf an schulischer Betreuung notwendig wird.

Mobbing

„9,7% der Mädchen und 9,1% der Jungen sind in den letzten Monaten mindestens 2 Mal pro Monat schikaniert worden …“ (zitiert nach HBSC-Studienverbund Deutschland, 2015). Diese Zahlen beunruhigen und es stellt sich die Frage nach der Erfüllung der Aufsichtspflicht an deutschen Schulen.

Leistungsdruck und psychische Gesundheit

„Etwas mehr als ein Viertel der Jungen (26,9%) und Mädchen (28,9%) fühlen sich durch die schulischen Anforderungen einigermaßen stark oder sehr stark belastet …“ (zitiert nach HBSC-Studienverbund Deutschland, 2015). Und weiter: „Dreiviertel aller in KiGGS untersuchten Jugendlichem im Alter von 11 bis 17 Jahren geben an, in den letzten drei Monaten Schmerzen gehabt zu haben, wobei am häufigsten Kopfschmerzen (78%) Bauch- (60%) sowie Rückenschmerzen (49%) genannt werden (Ellert et al., 2007). Aus dem Vergleich der Ergebnisse der HBSC Untersuchung von 2001/02 und 2005/06 geht dabei hervor, dass die Prävalenz psychosomatischer Beschwerden sowohl für Mädchen als auch Jungen im Zeitverlauf leicht zugenommen hat (Bilz & Melzer, 2008) …“ (zitiert nach Paulus & Dadaczynski, 2010).
Der Vergleich zu erwachsenen Arbeitnehmern drängt sich auf. Auch bei diesen haben die psychischen und psychosomatischen Erkrankungen aufgrund von Überlastungen zugenommen, gemäß einem Zitat aus dem „Stressreport Deutschland 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2012): „2012 waren in Deutschland psychische Störungen für mehr als 53 Millionen Krankheitstage verantwortlich. Bereits 41 Prozent der Frühberentungen haben psychische Ursachen.“ Im Schnitt sei jeder siebente krankheitsbedingte Fehltag psychisch bedingt (Bundespsychotherapeutenkammer, 2015). Welche Zukunft wird demnach für unsere Kinder gestaltet? Und wieviele Arbeitnehmer haben aktuell einen Acht- bis Zehnstundentag mit zusätzlicher Arbeit an den Nachmittagen und Wochenenden (Hausaufgaben) analog zu den Gymnasialschülern in Deutschland?

Aktualitätsbezug der Lerninhalte

Ameisen tragen Last

Teamwork statt Konkurrenz zur Bewältigung komplexer Aufgaben © Luigi Mengato under cc

„Die Wirtschaft steht an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution …“ (zitiert nach Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2016). Aber: „Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler in Deutschland Computer vergleichsweise selten für schulische Zwecke nutzen und Deutschland oftmals sogar das Schlusslicht des internationalen Vergleichs bildet …“ (zitiert nach Bos et al., 2014; vgl. Spiewak, 2014).
Doch nicht nur der mangelnde Kontakt zur digitalisierten Welt in der Schule scheint zur Debatte in Bezug auf eine angemessene Umsetzung der bildungspolitischen Ziele zu stehen, auch die in Schulen praktizierte Form der Wissensaneigung (Frontalunterricht, Auswendiglernen). Eigenständiges Lernen und Denken gerate dabei in den Hintergrund, wie der Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel in einem Interview beklagt (Lossau, 2016): „Schlimmer ist allerdings, dass an Schulen und Universitäten die Vermittlung von Wissenslandkarten bislang vernachlässigt wird. Dort steht noch immer das Anhäufen von Wissenshäppchen im Vordergrund. Viel wichtiger wäre es, zu lernen, wie man bei Bedarf Wissen findet. Wissenskarten sind die Basis für selbstständiges Denken.“
Betrachtet man die Lerninhalte analytisch, so scheint Wissen über zum Beispiel Fotosynthese oder die chemische Formel für Salpetersäure im Zeitalter von freien Zugängen zu Informationstechnologien tatsächlich innerhalb kürzester Zeit nachlesbar. Gerade im Hinblick darauf, wie kurzfristig dieses Wissen nach Beendigung der Schulzeit im Kopf vorrätig bleibt, sollte dieser Aspekt hinterfragt werden. Erste Ansätze zur Verschlankung der Lehrpläne existieren bereits (vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, o.A.).

Darüber hinaus scheint die Stärkung von Soft Skills ebenfalls nicht ausreichend zu sein. Unabhängig vom sozialen Hintergrund der Schüler müsse in Schulen die Möglichkeit genutzt werden, diese zu vermitteln, so Universitäten und Wirtschaftsverbände über die mangelnde Tauglichkeit von Schulabgängern (vgl. z.B. IHK Frankfurt am Main, 2016).

Die Arbeitsaufgaben im Zeitalter von Digitalisierung und Automatisierung sind wesentlich komplexerer Natur, als es vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Viele Probleme der derzeitigen Gesellschaft lassen sich nur im Team angehen. Eine angemessene Fehlertoleranz (kein Verurteilen von Fehlern) scheint unabdingbar für die Entwicklung von Innovationsfreude, Kreativität und eigenverantwortlichem Arbeiten. Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft sind Vorraussetzungen für die Bearbeitung komplexer Aufgabenstellungen. Diese Fähigkeiten sollten bereits in den Schulen gestärkt werden.

Erfolgreiches Lernen

Kinder am Tisch mit Laptop

Hineingeboren in eine digitalisierte Welt: Kinder sollten lernen, damit umzugehen © Erik (HASH) Hersman under cc

Dank lernpsychologischer und neurobiologischer Forschung weiß man, unter welchen Bedingungen erfolgreiches, nachhaltiges Lernen möglich ist. Diese Kenntnisse sollten in den Schulalltag einfließen. So beschreibt Gerald Hüther, Neurobiologe und Vorstand der „Akademie für Potentialentfaltung“, dass Lernen emotional berühren sollte – eine Umsetzung dessen wird in der Initiative „Schulen der Zukunft“ versucht (vgl. Hüther & Hunziker, o.A.; vgl. Ansätze für erfolgreiches Lernen).

Eine Modernisierung des deutschen Schulsystems scheint dringend notwendig. Erste Ansätze gibt es bereits. Für Eltern stellt sich allerdings die Frage, wie lange sie auf bedeutende Veränderungen warten können und wollen, damit ihre Kinder durch eine Stärkung der Sozialkompetenzen, durch die Vermittlung aktuell relevanter Inhalte sowie auch durch eine angemessene Förderung von Innovationsfreude, Kreativität und Eigenverantwortung den Ansprüchen der zukünftigen digitalisierten Gesellschaft gerecht werden können.
Der Landeselternrat Sachsen (2016) hat eine Vorreiterrolle übernommen und in einer offiziellen Presseerklärung gefordert, dass eine Aussetzung der Schulpflicht erfolgen müsse, sollten die Schulen ihrem selbstauferlegten Bildungsauftrag nicht nachkommen. Es stünde jedem anderen Landeselternverband frei, das gleiche zu tun. Eltern könnten diesbezüglich unterstützend tätig werden – für eine angemessene Bildung der Kinder und eine bessere Abstimmung von Bildungspolitik und Schule.

Eine Auflistung der Landeselternverbände findet sich hier: http://www.bundeselternrat.de/home/der-ber/mitglieder.html.

Quellen:

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