Pathologische außergewöhnliche Bewusstseinszustände

Dissoziationen

Auto mit Licht an, unscharf, entgegenkommend

Während langer, monotoner Autofahrten vergisst man manchmal die Außenwelt und versinkt in Gedanken. © Dhinakaran Gajavarathan under cc

Hier sind an erster Stelle Dissoziationen zu nennen. Diese sind oft unbewusste Abwehrmaßnahmen der eigenen Psyche, die einmalig oder in schlimmen Fällen auch chronisch in extreme Situationen gerät, aus denen es momentan kein Entkommen gibt. Konfrontiert mit einem wirklich überwältigenden und psychisch nicht integrierbaren Ereignis springt ein gnädiger Schutzmechanismus der Psyche an, die Dissoziation. Ich erwähne das nachdrücklich, weil es die in vielerlei Hinsicht unschöne Tendenz gibt, alles zum Trauma zu erklären, auch wenn der Akku vom Smartphone alle ist oder eine Hose ausverkauft, die man gerne gehabt hätte. Ein echtes Psychotrauma tritt in Situationen mit Lebensgefahr oder extremer Bedrohung auf, wie Krieg, Vergewaltigungen, Geiselnahmen. Andere Ereignisse sind entsetzliche Zustände chronischer Aggression wie bei sexuellem Missbrauch in der Familie oder auch Erlebnisse mit Sadistischen Heimleitern.

In diesen Situationen steigt die Psyche einfach aus und das heißt inmitten des massivsten Stresses kehrt eine Ruhe ein und oft ein Gefühl, mit all dem was geschieht nichts zu tun zu haben. Ein Abspaltung von bestimmten Bereichen des Bewusstseins, die, obwohl katastrophal, irgendwie gar nicht mehr schlimm erscheinen oder sofort vergessen werden und einfach weg sind. Doch der Preis ist hoch. In einmaligen Fällen kommt es zu dem was man postraumatische Belastungsstörung nennt und bei dieser sind Flashbacks obligatorisch. Plötzlich, in ähnlichen Situationen – der Klang einer Sirene, ein Knall, Gedränge – ist alles wieder da. Abspaltungen bei chronischen Ereignissen sind oft tiefer, um den Preis, dass ganze Lebensbereiche, oft emotionaler Art, brach liegen und einfach nicht gefühlt und erlebt werden können. Dissoziationen sind vielfältig, hier sind einige aufgeführt, wir haben uns in Depersonalisation dem Thema gewidmet. Dissoziationen sind tendenziell eher Einschränkungen des Bewusstseins, das wird später zur Differenzierung noch wichtig.

Eine extreme Form der Dissoziation ist die Psychose, in der ein Mensch so sehr in seiner eigenen Welt ist, dass er von anderen Menschen kaum mehr zu erreichen ist. Sicher ist das ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand der erschreckend ist, aber doch ist es ein mehr oder minder offenes Geheimnis, dass er auch einen eigenartigen Reiz hat. Visionen in denen man meint alles zu verstehen, in rasender Geschwindigkeit und Kreativität, manchmal etwas zu sehr glorifiziert, aber oft auch von einem Gefühl der Größe und Macht durchdrungen und der Idee unaufhaltsam zu sein. Manchmal erlebt man ein Einheitsgefühl auf Kosten größerer Teile der Realität, aber immerhin einen Zustand in dem alles zusammen passt, in perfekter Schönheit. Die Facetten der diversen Psychosen sind so verschieden, wie die Menschen, die sie tragen. Man darf die lichten Seiten der Manie und auch einiger schizophrener und schizoaffektiver Episoden nicht kleinreden, die in jedem Fall den Namen außergewöhnliche Bewusstseinszustände verdienen, aber ebenso klar ist, dass es abgrundtiefe Schattenseiten der Psychosen gibt, die unendlich viel Leid erzeugen, für den Betroffenen und seine Mitwelt. Und wenn man Menschen sieht, die intensiv von diesen Zuständen heimgesucht werden, ist das nichts, was man sich für das eigene Leben wünschen würde.

Mischformen

Trotz der Isolation, die man in der Psychose am Ende erfährt, ist beschrieben worden, dass auch psychotische Menschen authentische Spirituelle Einsichten haben können. Der Unterschied liegt hier weniger im Inhalt der Erfahrung, als viel mehr in der Neigung die Erlebnisse allein auf sich zu beziehen.[1]

Besondere Rätsel geben uns auch die Heiligen Narren auf, deren Verhalten eine Mischung aus Wahrheit und Legende zu sein scheint und die uns in eben dieser Mischung auf die paradoxen Aspekte spiritueller Lehren hinweisen sollen. Ihr Verhalten wird oft als übertrieben hart beschrieben, manchmal als ganz und gar bizarr und verrückt.[2] Mitunter gibt es diese verrückten Lehrer noch in der Gegenwart, aber unser sozialer Kontext ist ein anderer und völlige Hingabe an einen Guru ist etwas, was nicht in unsere Zeit passt. Wie auch immer, der verrückte Aspekt kann den Sinn gehabt haben, dass man alle etwaigen Projektionen auf den Guru zurück nehmen muss, allerdings kann das auch eine Legitimation für alles Mögliche sein und es ist zu erwarten, dass kluge Gurus andere Wege finden, den Weg zur Erleuchtung zu weisen.

Eine weitere Mischform stellen Nahtoderfahrungen dar. Mischform klingt hier vielleicht sonderbar, weil Menschen in Todesnähe ja ziemlich eindeutig in einem pathologischen Zustand sind, aber dieser kann von jetzt auf gleich eintreten und muss nicht zwingend mit traumatisierenden Bedrohungen oder Begegnungen einhergehen. Manche Menschen berichtet, dass sie einfach umfallen, ohne zuvor Schmerzen oder Angst gespürt zu haben und haben dann (manchmal) typische Nahtoderfahrungen. Auf diese gehen wir später noch einmal ein.

Weitere Mischformen stellen die drogeninduzierten außergewöhnlichen Bewusstseinszustände dar, deren Spektrum von einem potenten Heilmittel und Türöffner zu anderen Welten bishin zu Sucht, Absturz, Verfall und Horrortrips reicht. Wer nimmt was, in welchem Kontext, ist auch hier der entscheidende Zugang. Wir werden uns dem Thema später ausführlicher widmen.

Wie außergewöhlich sind die Zustände von Psychopathen?

Eine interessante Frage ist, ob Psychopathen (näheres von uns hier, hier und hier) außergewöhnliche Bewusstseinszustände erleben. Außergewöhnlich sind ihre Erlebnisse nicht in dem Sinne, dass in ihrer Welt ein spektakuläres inneres Ereignis stattfindet, aber man kann Psychopathen als kühle und zielorientierte Kosten-Nutzen-Rechner bezeichnen, die gerade in Ausnahmesituationen klar, ruhig und fokussiert werden. Gewöhnlich wird man in emotional bedrohlichen oder brenzligen Situationen aufgeregt, bei Psychopathen ist das anders, viele von ihnen kennen auch keine Angst.

Kevin Dutton, forschender Psychologe auf dem Gebiet hat den Selbsttest gemacht und sich per transkranieller Magnetstimulation für kurze Zeit zum Psychopathen machen lassen. Er beschreibt die Wirkung als eine leichte Enthemmtheit, ähnlich der Wirkung von Alkohol, allerdings ohne jede Müdigkeit, im Gegenteil mit einem Gefühl der geschärften Aufmerksamkeit und Wachheit gepaart. Die Gefühle von Schuld, Reue, Mitleid, Scham oder Angst fallen weg. Seine Idee in dem Zustand ist, dass wir über Geschlechter, Schichten, Hautfarben und Intelligenz reden, doch der grundlegendste Unterschied für ihn ist die Frage, ob wir ein Gewissen besitzen, oder nicht.

Ein Zustand, dessen Vorteile sich mancher wünschen würde, allerdings ist der Preis für das Gesamtpaket Psychopathie zu hoch, denn auch hier handelt es sich aller Voraussicht nach um eine Kompensation für andere emotionale Bereiche, die man nicht zu erleben in der Lage ist. Da einige Eigenschaften der Psychopathen eine hohe Ähnlichkeit zu den Eigenschaften von spirituellen Langzeitpraktikern haben (aber ebenfalls einige gravierende Abweichungen) ist es interessant und geboten hier weiter zu forschen.

Die dunklere Seite der außergewöhnlichen Bewusstseinszutsände wird ergänzt durch weitere, denen wir uns demnächst zuwenden.

Quellen: