Gesicht mit Hand im Halbprofil, animiert

Muster und Formen gleiten in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oft ineinander und zerfallen wieder. © new 1illuminati under cc

Um über außergewöhnliche Bewusstseinszustände zu reden, muss man zunächst klären, was denn gewöhnliche Bewusstseinszustände sind. Im Grunde müsste man erst noch klären, was Bewusstsein ist, aber damit verhält es sich merkwürdig. Nichts ist so sicher, wie die Tatsache, dass wir über Bewusstsein verfügen. Ob und in welcher Form es die Welt gibt, ist ungeklärter, als die Frage, ob wir bewusst sind, denn das sind wir. Aber nur von uns wissen wir es, denn ob der Mitmensch auch über Bewusstsein verfügt, ist streng genommen schon Spekulation. Wir erleben uns bewusst und die Frage ob es nicht sein könnte, dass wir uns irren, setzt bereits voraus, dass sie einem bewussten Wesen vorgelegt wird und würde, auch wenn wir meinen, wir könnten nicht bewusst sein, auf einen Selbstwiderspruch hinaus laufen.

Was aber nun Bewusstsein genau ist und an welcher Stelle der Evolution es einsetzt, ist ungeklärt. Man kann zwar das Bewusstsein an einer beliebigen Stelle beginnen lassen, bei Tieren, bei Pflanzen, beim Leben, aber das wäre dann eben tatsächlich beliebig. Halten wir an dieser Stelle fest, dass wir bewusste Wesen sind, deren Bewusstseinszustände wechseln.

Gewöhnliche Bewusstseinszustände

Der Wechsel der Bewusstseinszustände ist normal und zwar mindestens durch die Zustände von Wachsein, Träumen und dem traumlosen Tiefschlaf beschrieben. Erstaunlicherweise wissen wir auch über diese Zustände sehr wenig. Der traumlose Tiefschlaf ist nahezu unbekannt in seiner Bedeutung. Immerhin weiß man heute, dass man ihn unterschätzt hat und dass er zum Beispiel für unser Lernen sehr wichtig ist. Auch der Traum wurde unterschätzt. Nachdem Freuds furioser Auftakt im Grunde mit seinem Buch Die Traumdeutung begann, wurde die Bedeutung des Traumes in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr vergessen, tatsächlich halten selbst viele Psychoanalytiker den Traum heute nicht mehr für die via regia, den Königsweg zum Unbewussten, wie Freud es noch annahm, dennoch ist die Auffassung des späten 20. Jahrhunderts, in dem man Träume achselzuckend als bedeutungslose Hirngewitter ansah auch schon wieder revidiert. Irgendwie sollten der Schlaf und seine Bestandteile Traum und Tiefschlaf bestenfalls eine Art Ruhe- und Erholungsphase für Körper und Gehirn sein, doch während der Körper sich im Schlaf tatsächlich erholt und regeneriert und eine Unzahl lebenswichtiger und hochwertiger Prozesse stattfinden, während wir schlafen, ist das Gehirn in dieser Zeit keinesfalls in den Stand by Modus heruntergefahren, sondern hochaktiv, einige Forscher sagen, dass es sogar wesentlich aktiver als am Tag ist.

Über etwa ein Drittel dessen, was wir alle tun und daher als normal oder gewöhnlich bezeichnen – schlafen – wissen wir im Grunde sehr wenig und nehmen diesen Bereich auch weniger ernst, als gut ist. Ein Großteil der Probleme, die wir heute haben, sind nicht etwa ungeheuer kompliziert, sondern berühren unsere natürlichsten Vorgänge. Essen, Bewegen, Naturkontakte, Sexualität, Beziehungen und eben auch der Schlaf, kein Bereich der nicht von ausgedehnten Störungen und Problemen bei sehr vielen Menschen durchzogen ist. Wir können natürliche Rhythmen nur bis zu einem gewissen Grad verändern und nach dem wir das jahrzehntelang fröhlich ignoriert haben, bekommen wir in gar nicht mal so wenigen Bereichen die Quittung. Kein Grund zur Freude oder Häme, aber eine Zeit zum Umdenken und für neue Angebote, die Altes mit integrieren.

Bleibt für den Bereich der gewöhnlichen Bewusstseinszustände noch das Wachbewusstsein, was ungefähr das abbildet, was wir als gewöhnlich ansehen. Man steht morgens auf, zieht sich an, nimmt sein Frühstück zu sich, checkt seine Nachtrichten und hat vielleicht den Fernseher oder das Radio laufen und fährt dann zu Schule, Uni oder Arbeit. Während dessen sind wir wach, klar und bewusst, so die Normalvorstellung. Aber jeder weiß, dass es so nicht ist. Ständig sind wir unterwegs in Tagträumen und nehmen die Realität, die wir gemeinsam sehen und bezeugen können, als Aufhänger für weitere Phantasiereisen. Wer kennt nicht den langen Blick aus dem Fenster oder in die Zimmerecke, bei dem man scheinbar geistesabwesend ist und dann wieder in den Moment kommt. Wer kennt nicht eine monotone Auto- oder Zugfahrt, bei der man Gedankenversunken zwar funktioniert, aber die letzten 50 Kilometer Strecke gar nicht richtig mitbekam? Und wenn wir einen spannenden oder bewegende Film verfolgen, wo sind wir dann eigentlich?

Zwei Arten etwas zu kennen

Es gibt ausgedehnte Diskussionen darüber, was es heißt, etwas zu kennen, zu können und zu wissen. In der Philosophie wurde das als Qualia-Diskussion bekannt und manchmal berüchtigt. Für unser Thema bedeutet es, dass die Frage, was ein bestimmter Bewusstseinszustand ist, etwas anderes ist, als ihn zu erleben. Ein männlicher Gynäkologe kann sehr viel über Geburten wissen und mehr begleitet haben, als je eine Frau Kinder gebären kann, aber er weiß dennoch nicht, wie es ist, ein Kind zu bekommen.

In der integralen Theorie ist dies der Unterschied zwischen dem oberen rechten und oberen linken Quadranten.

Die Wissenschaft und hier insbesondere die Neurowissenschaften betrachten, was auf einer messbaren Ebene stattfindet, während ein Mensch einen bestimmten Bewusstseinszustand erlebt. Die Yogis hatten einen ganz anderen Ansatz und betrachteten die Ebene der Phänomene selbst, sie untersuchten, oft haargenau, wie es ist in diesem Zustand zu sein und es bedurfte in der Regel eines langjährigen Trainings um in diesen Zustand zu kommen. Sie waren frühe Bewusstseinsforscher, die uns die Innenperspektive nahe gebracht haben und Wege aufgezeigt haben, die es uns ermöglichen, diese Zustände selbst zu erleben.

Zustände zu kennen und zu erleben, hängen natürlich zusammen, da sie die Innen- und Außenperspektive desselben Phänomens darstellen, aber natürlich ist es nicht dasselbe. Aktuell sind wir in einer etwas eigenartigen Situation. Wir sind durch unser Weltbild darauf trainiert, die Außenwelt und insbesondere objektive Fakten oft ernster zu nehmen, als unsere subjektiven Einstellungen, doch im Zuge dieser Forschungen wird auch objektiv und faktisch immer klarer, dass wir wesentlich innerliche Wesen sind. Die Zahl der innerlichen Reize, die wir verarbeiten ist ungleich höher (manche sagen 10.000 mal, andere sprechen sogar von Millionen), als die, der Außenwelt. Wir brauchen die Daten der Außenwelt zur Verständigung mit anderen, aber diese weichen hoch selten von einander ab. Die Innenwelt dafür umso mehr, wobei das aber keine Willkür ist, sondern man kann feststellen, dass diese Innenwelten sehr verschieden aber in sich logisch geschlossen und konsistent sind.

Es kann also sein, dass sich die Innenwelten tatsächlich in der Weise unterscheiden, dass sie absolut individuell sind Beispiele finden Sie in Wundersame Innenwelten oder sich in Gruppen von Menschen sammeln, die ein bestimmtes Weltbild oder Interessengebiet teilen.

Und damit sind wir im Thema, denn auch außergewöhnliche Bewusstseinszustände haben diese mehrfache Identität. Sie sind einerseits individuell, andererseits intersubjektivierbar, das heißt kann von anderen, die ähnliche Erfahrungen machten bestätigt, ergänzt oder nicht bestätigt werden. Zudem sind sie objektivierbar, durch verschiedene Verfahren.

Pathologische außergewöhnliche Bewusstseinszustände

Dissoziationen

Auto mit Licht an, unscharf, entgegenkommend

Während langer, monotoner Autofahrten vergisst man manchmal die Außenwelt und versinkt in Gedanken. © Dhinakaran Gajavarathan under cc

Hier sind an erster Stelle Dissoziationen zu nennen. Diese sind oft unbewusste Abwehrmaßnahmen der eigenen Psyche, die einmalig oder in schlimmen Fällen auch chronisch in extreme Situationen gerät, aus denen es momentan kein Entkommen gibt. Konfrontiert mit einem wirklich überwältigenden und psychisch nicht integrierbaren Ereignis springt ein gnädiger Schutzmechanismus der Psyche an, die Dissoziation. Ich erwähne das nachdrücklich, weil es die in vielerlei Hinsicht unschöne Tendenz gibt, alles zum Trauma zu erklären, auch wenn der Akku vom Smartphone alle ist oder eine Hose ausverkauft, die man gerne gehabt hätte. Ein echtes Psychotrauma tritt in Situationen mit Lebensgefahr oder extremer Bedrohung auf, wie Krieg, Vergewaltigungen, Geiselnahmen. Andere Ereignisse sind entsetzliche Zustände chronischer Aggression wie bei sexuellem Missbrauch in der Familie oder auch Erlebnisse mit Sadistischen Heimleitern.

In diesen Situationen steigt die Psyche einfach aus und das heißt inmitten des massivsten Stresses kehrt eine Ruhe ein und oft ein Gefühl, mit all dem was geschieht nichts zu tun zu haben. Ein Abspaltung von bestimmten Bereichen des Bewusstseins, die, obwohl katastrophal, irgendwie gar nicht mehr schlimm erscheinen oder sofort vergessen werden und einfach weg sind. Doch der Preis ist hoch. In einmaligen Fällen kommt es zu dem was man postraumatische Belastungsstörung nennt und bei dieser sind Flashbacks obligatorisch. Plötzlich, in ähnlichen Situationen – der Klang einer Sirene, ein Knall, Gedränge – ist alles wieder da. Abspaltungen bei chronischen Ereignissen sind oft tiefer, um den Preis, dass ganze Lebensbereiche, oft emotionaler Art, brach liegen und einfach nicht gefühlt und erlebt werden können. Dissoziationen sind vielfältig, hier sind einige aufgeführt, wir haben uns in Depersonalisation dem Thema gewidmet. Dissoziationen sind tendenziell eher Einschränkungen des Bewusstseins, das wird später zur Differenzierung noch wichtig.

Eine extreme Form der Dissoziation ist die Psychose, in der ein Mensch so sehr in seiner eigenen Welt ist, dass er von anderen Menschen kaum mehr zu erreichen ist. Sicher ist das ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand der erschreckend ist, aber doch ist es ein mehr oder minder offenes Geheimnis, dass er auch einen eigenartigen Reiz hat. Visionen in denen man meint alles zu verstehen, in rasender Geschwindigkeit und Kreativität, manchmal etwas zu sehr glorifiziert, aber oft auch von einem Gefühl der Größe und Macht durchdrungen und der Idee unaufhaltsam zu sein. Manchmal erlebt man ein Einheitsgefühl auf Kosten größerer Teile der Realität, aber immerhin einen Zustand in dem alles zusammen passt, in perfekter Schönheit. Die Facetten der diversen Psychosen sind so verschieden, wie die Menschen, die sie tragen. Man darf die lichten Seiten der Manie und auch einiger schizophrener und schizoaffektiver Episoden nicht kleinreden, die in jedem Fall den Namen außergewöhnliche Bewusstseinszustände verdienen, aber ebenso klar ist, dass es abgrundtiefe Schattenseiten der Psychosen gibt, die unendlich viel Leid erzeugen, für den Betroffenen und seine Mitwelt. Und wenn man Menschen sieht, die intensiv von diesen Zuständen heimgesucht werden, ist das nichts, was man sich für das eigene Leben wünschen würde.

Mischformen

Trotz der Isolation, die man in der Psychose am Ende erfährt, ist beschrieben worden, dass auch psychotische Menschen authentische Spirituelle Einsichten haben können. Der Unterschied liegt hier weniger im Inhalt der Erfahrung, als viel mehr in der Neigung die Erlebnisse allein auf sich zu beziehen.[1]

Besondere Rätsel geben uns auch die Heiligen Narren auf, deren Verhalten eine Mischung aus Wahrheit und Legende zu sein scheint und die uns in eben dieser Mischung auf die paradoxen Aspekte spiritueller Lehren hinweisen sollen. Ihr Verhalten wird oft als übertrieben hart beschrieben, manchmal als ganz und gar bizarr und verrückt.[2] Mitunter gibt es diese verrückten Lehrer noch in der Gegenwart, aber unser sozialer Kontext ist ein anderer und völlige Hingabe an einen Guru ist etwas, was nicht in unsere Zeit passt. Wie auch immer, der verrückte Aspekt kann den Sinn gehabt haben, dass man alle etwaigen Projektionen auf den Guru zurück nehmen muss, allerdings kann das auch eine Legitimation für alles Mögliche sein und es ist zu erwarten, dass kluge Gurus andere Wege finden, den Weg zur Erleuchtung zu weisen.

Eine weitere Mischform stellen Nahtoderfahrungen dar. Mischform klingt hier vielleicht sonderbar, weil Menschen in Todesnähe ja ziemlich eindeutig in einem pathologischen Zustand sind, aber dieser kann von jetzt auf gleich eintreten und muss nicht zwingend mit traumatisierenden Bedrohungen oder Begegnungen einhergehen. Manche Menschen berichtet, dass sie einfach umfallen, ohne zuvor Schmerzen oder Angst gespürt zu haben und haben dann (manchmal) typische Nahtoderfahrungen. Auf diese gehen wir später noch einmal ein.

Weitere Mischformen stellen die drogeninduzierten außergewöhnlichen Bewusstseinszustände dar, deren Spektrum von einem potenten Heilmittel und Türöffner zu anderen Welten bishin zu Sucht, Absturz, Verfall und Horrortrips reicht. Wer nimmt was, in welchem Kontext, ist auch hier der entscheidende Zugang. Wir werden uns dem Thema später ausführlicher widmen.

Wie außergewöhlich sind die Zustände von Psychopathen?

Eine interessante Frage ist, ob Psychopathen (näheres von uns hier, hier und hier) außergewöhnliche Bewusstseinszustände erleben. Außergewöhnlich sind ihre Erlebnisse nicht in dem Sinne, dass in ihrer Welt ein spektakuläres inneres Ereignis stattfindet, aber man kann Psychopathen als kühle und zielorientierte Kosten-Nutzen-Rechner bezeichnen, die gerade in Ausnahmesituationen klar, ruhig und fokussiert werden. Gewöhnlich wird man in emotional bedrohlichen oder brenzligen Situationen aufgeregt, bei Psychopathen ist das anders, viele von ihnen kennen auch keine Angst.

Kevin Dutton, forschender Psychologe auf dem Gebiet hat den Selbsttest gemacht und sich per transkranieller Magnetstimulation für kurze Zeit zum Psychopathen machen lassen. Er beschreibt die Wirkung als eine leichte Enthemmtheit, ähnlich der Wirkung von Alkohol, allerdings ohne jede Müdigkeit, im Gegenteil mit einem Gefühl der geschärften Aufmerksamkeit und Wachheit gepaart. Die Gefühle von Schuld, Reue, Mitleid, Scham oder Angst fallen weg. Seine Idee in dem Zustand ist, dass wir über Geschlechter, Schichten, Hautfarben und Intelligenz reden, doch der grundlegendste Unterschied für ihn ist die Frage, ob wir ein Gewissen besitzen, oder nicht.

Ein Zustand, dessen Vorteile sich mancher wünschen würde, allerdings ist der Preis für das Gesamtpaket Psychopathie zu hoch, denn auch hier handelt es sich aller Voraussicht nach um eine Kompensation für andere emotionale Bereiche, die man nicht zu erleben in der Lage ist. Da einige Eigenschaften der Psychopathen eine hohe Ähnlichkeit zu den Eigenschaften von spirituellen Langzeitpraktikern haben (aber ebenfalls einige gravierende Abweichungen) ist es interessant und geboten hier weiter zu forschen.

Die dunklere Seite der außergewöhnlichen Bewusstseinszutsände wird ergänzt durch weitere, denen wir uns demnächst zuwenden.

Quellen: