Erleuchtung

Steine m Zentrum, Kreise im Kies

Die Schönheit des Zen ist oft wenig üppig. © RC Designer under cc

Man kann. Die vermeintliche Unmöglichkeit über Erleuchtung zu reden beruht wesentlich auf drei Punkten: Erstens, ist Erleuchtung kein Konzept, wie immer wieder betont wird. Konzept meint die Idee, dass es eine Art richtiges Verhalten oder immer gültigen Algorithmus für Erleuchtete gibt, der besagen würde, dass ein erleuchteter Mensch sich in einer spezifischen Situation, immer auf eine bestimmte Art verhalten wird. Im Gegensatz dazu wird in spirituellen Texten neben der radikalen Einfachheit und Direktheit der Erleuchtung vor allem auch größter Wert auf die Paradoxie und Verschiedenartigkeit der Erleuchtung gelegt. Sie ist „nicht dies, nicht das“ wie es in Hinduismus heißt, sie taucht in nahezu allen unterschiedlichen Gewändern auf, wie uns die Mahamudra-Texte lehren. Das kann man als eine Weigerung sich festzulegen interpretieren, aber es ist eher eine Warnung sich zu schnell und zu eng festzulegen. Doch die Art der Festlegung ist eine etwas andere, als wir es oft gewohnt sind, die etwa die Form hat: Wo ist es? Was tut es? Woran kann ich es erkennen? Wenn wir Erleuchtung ernst nehmen wollen, müssen wir eher auf etwas, was die Form von Prinzipien hat schauen und das kennen wir aus der Ethik, die im Utilitarismus das Prinzip hat, den größtmöglichen Nutzen der größtmöglichen Zahl von Menschen (Wesen) zu mehren und bei Kant die Formel: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Auch hier wird nicht konkret gesagt, was zu tun ist, wie bei einer Verkehrsampel: Wenn rot, dann halt. Erleuchtung geht in Richtung der Prinzipien und darüber hinaus. Es ist eine ziemlich radikale Weigerung sich festzulegen. Aber, das kann nicht alles sein, wenn wir über Erleuchtung reden wollen und uns dennoch bewusst bleiben, dass das Reden über etwas nicht die Erfahrung von etwas ist.

Zweitens, ist es die Sprache selbst, der hier manchmal unterstellt wird, das Wesentliche zu verbergen, aber das ist ganz einfach die Erfahrung, der Qualia-Aspekt. Der bleibt allerdings auch verborgen, wenn es um den Geschmack von Pfifferlingen geht. Man kann sich sprachlich noch so sehr annähern, die eine der beiden Arten des Wissens über den Geschmack von Pfifferlingen erfährt man nur, wenn man sie probiert. Doch auch die Begriffe selbst, die wir benutzen, sind sehr uneinheitlich, aus zig verschiedenen Gründen, denen wir hier nicht nachgehen können.

Drittens, sind die Teilnehmer die sich irgendwie auf den Weg Richtung Erleuchtung machen mindestens so uneinheitlich, wie die Sprache, das heißt, die Qualität der Berichte ist unterschiedlich gut. Da aber spirituelle Erfahrungen einen großen Teil der gesunden außergewöhnlichen Bewusstseinszustände ausmachen ist es wichtig das Verhältnis von diesen zum Phänomen Erleuchtung zu klären, trotz des Chors der uneinheitlichen Stimmen, oder gerade deshalb.

Warum sollte man über Erleuchtung reden?

Neben den bereits genannten Gründen ist es so, dass wir festzurren sollten in welche Richtung Erleuchtung geht, denn neben der Beschreibung was sie nicht ist, sollten wir zumindest schauen, ob wir eine gewisse Kontinuität innerer Erfahrungen finden. Zudem ist Erleuchtung unsere Blaupause für außergewöhnliche Bewusstseinszustände, auch wenn es um diese gar nicht geht, falls damit Gipfelerfahrungen gemeint sind. Auch das klingt etwas paradox, wie auch der letzte Punkt, die Frage nach dem Nutzen: „Und was hab‘ ich dann davon?“

Wenn man ehrlich ist, sind die ersten Motive sich um Erleuchtung zu kümmern in aller Regel nicht sonderlich schmeichelhaft. Wenn wir von den ganz wenigen spirituellen Supertalenten mal absehen, die irgendwie karmisch berufen zu sein scheinen, dann es ist oft die Aura des Besonderen, Auserwählten, Mächtigen, die diesen Bereich attraktiv erscheinen lässt. Doch auf diesem Weg zu sein und sich tatsächlich auf ihn einzulassen bedeutet dann sehr bald ernst zu machen mit der Idee das Ego, oder besser: die Egozentrik hinter sich zu lassen. (Das man sich hier herrlich verirren und etwas vorspielen kann, ist Teil der Wahrheit über das Thema.) Kann man sich zunächst noch mit der Aura des Besonderen schmücken, so bedeutet die Abkehr von der Egozentrik tatsächlich, dass man die Komfortzone verlassen muss. Endlose Phasen langweiliger Meditiation, die eben nicht außergewöhnliche Bewusstseinszustände in Reihe bedeuten, sondern vielmehr zähe Stunden des Sitzens, die keine sichtbaren Fortschritte bringen. Der Nimbus des Besonderen ist teuer erkauft und gewöhnlich braucht man einige Zeit – und das heißt in der Regel viele Jahre – bis man begreift, dass es um die paar Highlights, die es tatsächlich gibt, gar nicht geht. Der amerikanische Zen-Lehrer Brad Warner berichtet von einer tiefen Erleuchtungserfahrung und im Anschluss daran schreibt er:

„War dies derselbe Zustand den Gautama Buddha an jenem frühen Dezembermorgen vor 2.500 Jahren erfuhr? Ja, das war er. Ist er. Absolut.
Gibt es irgendetwas Besonderes an mir? Nicht im Geringsten.
Hat es mein Leben verändert? Yep.
War das ’ne große Sache? Kumpel, alles ist ’ne große Sache, aber ja, es war ’ne große Sache. Unzählige Jahre lang war ich durch einen dunklen Tunnel gefahren, bis ich ganz plötzlich im Sonnenlicht am Strand einer üppigen tropischen Inseln auftauchte. Und doch gab’s keine Glockenklänge, keine Fanfaren, keine Gongs, keinen Donner, kein Erdbeben; kein großes Gelächter, keine Tränen, kein Drama.
Und dann ging ich zur Arbeit und machte meinen Job. Es war alles sehr außergewöhnlich und normal. Doch genau in dieser Normalität und Gewöhnlichkeit lag etwas Wundervolleres als in jeder Besonderheit, die ich mir je hätte vorstellen können. Alle Vorstellungskraft verblasst im Vergleich zu dem, was dein echtes Leben hier und jetzt ausmacht. Es gibt keinen einzigen Traum, den du haben kannst, ganz egal, wie rein und schön, der besser ist als das, was du genau jetzt durchlebst, ganz egal, wie beschissen du dieses Genau-Jetzt findest.“[3]