3D Labyrinth

Zugegeben. es ist nicht alles einfach, im Moment. © fdecomite under cc

Das Jahr 2017 scheint zu beginnen, wie das alte aufhörte und das ist mindestens ärgerlich, so dass wir Ansätze für Wege aus der Krise aufzeichnen wollen. Das zwar in aller Demut, aus dem Wissen, dass die Psychologie auch nur einen Teil des Lebens abbildet, aber immerhin sind wir alle Psychen, erleben Welt als Psyche und können unsere Psyche von der Geburt bis zum Tod nicht abstreifen oder verlassen. Dennoch soll die erste Frage lauten:

Kann die Psychologie überhaupt helfen?

Gemeint ist, bei der Aufarbeitung, dem Verstehen und der Lösung von Krisen. Psychologie wird schnell als Methode für den Einzelnen angesehen, bestenfalls noch für eine Analyse gewisser gesellschaftlicher Zeitströmungen, aber sie gilt nicht als ein ernsthaftes Mittel zur Lösung von Problemen. Freuds Interesse galt immer auch der Analyse der Gesellschaft, ein Ast der verloren gegangen ist, darüber hinaus gibt es jedoch auch noch die Psychologie der Gesellschaft, der sozialen Prozesse (oder Sozialpsychologie), der Massen und kleinen und großen Gruppen.

Doch ich glaube, dass wir gerade heute nur Wege aus Krise finden, wenn wir psychologisch verstehen wollen und können, was in der Welt oder mindestens mal bei uns passiert, denn überall ploppen Fragen über sehr psychologische Themen aus dem Boden: Wo kommen auf einmal all der Hass und all die Häme her, wo ist die Zivilcourage hin, sind Deutsche oder Einwanderer Menschen, vor denen man Angst haben muss?

Von Hysterie und Narzissmus ist die Rede, alles mindestens mal knietief psychologische Fragen, warum man sich bei möglichen Antworten aus der Psychologie aber Augen und Ohren zuhält, bleibt unverständlich.

Verstehen statt Pathologisieren

Dabei geht es zuerst ums Verstehen. Man muss überhaupt wissen, was passiert, in unserem Fall werden wir mit einem psychologischen Blick auf das schauen, was uns alle in den letzten Monaten oder Jahren bewegte. Es geht nicht darum, diese oder jene Gruppe a priori zu pathologisieren, denn das hieße die Psychologie zu instrumentalisieren und für die Vorurteile dieser oder jener Lesart zu missbrauchen. Dann sind die politisch-weltanschaulichen Gegner, vorhersehbar, nicht nur auf der falschen Seite, sondern nun auch noch krank, weil sie stehen, wo sie stehen, meinen, was sie meinen, eine zirkuläre Zementierung von Ressentiments, die kein Mensch braucht.

Es sind diese einstudiert wirkendenden Reflexe, die di Lorenzo und Wefing hier kritisieren, die langweiligen, unkreativ sind und zu nichts führen. Der immer gleiche Singsang, den man kennt, inzwischen etwas zu gut.

Gute Psychologie ist weltanschaulich neutral und wird zur Pseudopsychologie, wenn sie ihre Neutralität verlässt. Zwar ist jeder, der sich mit Psychologie beschäftigt, auch ein Bürger mit einer privaten Meinung, das sollte man aber wissen und „ins Amt“ gehen, das heißt von dieser Meinung abstrahieren können. Ich will versuchen, das zu leisten, deshalb ein knappes Wort in eigener Sache. Ich bin eher schwach an Politik interessiert und mir geht die ganze Politisierung der Gesellschaft gehörig auf den Geist. Politik ist dann am besten, wenn sie geräuscharm im Hintergrund ihren Dienst tut und unser Leben nicht groß tangiert, dann macht sie vieles richtig. Das ist es, was ich erwarten würde und ebenfalls die Erwartung, zu der die Bürger nach meiner Überzeugung berechtigt sind. Den Grad sich selbst aktiv politisch einzubringen mag jeder für sich selbst bestimmen. Soweit zu meinen Vorurteilen.

Ich glaube, dass die Psychologie tatsächlich helfen kann, dass vieles von dem was passiert, keinesfalls unverständlich ist und dass man es unabhängig von der politischen Farbe an- und aussprechen sollte, wenigstens diese gute Absicht zu haben nehme ich hier für mich in Anspruch.

Der Mythos vom undankbaren Bürger

Seit längerem beschäftigt mich das Phänomen, dass das sogenannten subjektive Empfinden mit der sogenannten objektiven Realität nicht mehr zusammen zu passen scheint. Das begann damit, dass der Euro kein Teuro sein sollte, wobei weite Teile der Bevölkerung das Gefühl hatten, die Löhne seien halbiert worden, während die Preise schnell von 5 D-Mark zu 5 Euro wurden. Etwas übertrieben und mit den Ausnahmen Heizöl und Telekommunikation, aber tendenziell. Nun, wir wurden immer wieder aufgeklärt, dies sei eine Illusion. Auch heute werden wir mit Untersuchungen und Graphiken zugeschüttet, die uns alle eine ähnliche Botschaft verkünden: Leute, ihr fühlt euch vielleicht schlecht, aber ihr irrt euch. Seiten wie ourworldindata.org bieten ein Sammelsurium an positiven Daten.

Ein Problem könnte sein, dass die Veränderungen in der Welt zu schnell geschehen, auch dort wurde dieser Punkt thematisiert. Nun bleibt aber dieses Unbehagen bestehen und die Frage ist: Muss man sich rechtfertigen, wenn man sich schlecht fühlt? Vielleicht sind die Gründe, die man ausmacht falsch, aber nicht das Gefühl. Aber warum fühlen sich die Menschen, wie sie sich fühlen? Wer hat etwas davon, wenn man ihnen meint nachweisen zu können, dass sie alle einem Irrtum verhaftet sind? Man fühlt sich ja nicht besser, wenn man das hört, erst recht nicht ernst genommen.

Ich bin auch der Auffassung, dass in etlichen Punkten ein schlechtes Gefühl einer falschen Ursache zugeschrieben wird, aber es bleibt der Befund, dass, wenn man dafür auch noch verächtlich gemacht und vorgeführt wird, die Situation schlimmer wird. Die Metabotschaft dabei ist nämlich, dass man nicht nur kleingeistig und im Irrtum, sondern obendrein auch noch ichbezogen und undankbar ist. Zwar gibt es immer ein paar Verlierer: der Wende, der Globalisierung und überhaupt, aber so ist eben das Leben, freut euch, dass es allen statistisch besser geht. Man kann sich vorstellen, dass diese Freude überschaubar bleibt. Man kann sich ebenfalls vorstellen, dass die Botschaft: „Ihr seid halt arme Schweine, tja Pech, aber kümmert euch lieber um andere arme Schweine“, nicht überall auf Stürme der Begeisterung trifft. Die gefühlte Schieflage ist das Problem. Warum wird den einen geholfen, aber den anderen nicht?

Postfaktisch oder doch nicht?

„Postfaktisch“ hat es zum Wort des Jahres geschafft. Gemeint ist damit, dass Gefühle, Stimmungen, selbstreferentielle Aussagen und sogar Lügen für einige Menschen den gleichen Wert zu haben scheinen, wie Fakten und gut gesicherte Wahrheiten. Aber wie kam es dazu? Einfach so? Und wieder ist die erste Reaktion gewesen, sich über die vermeintlichen Deppen lustig zu machen. Das war noch alles sehr unpolitisch, es kam eher aus der Ecke von Leuten, die überall Verschwörungstheorien witterten. Und was Verschwörungstheorien sind, das bestimmte die immer gleiche Clique: männlich, gebildet, aggressiv mit einer leichten Tendenz zur Selbstüberschätzung. Menschen, die sich und anderen vor allem in Internetforen und sozialen Medien, die immer mehr soziales Gewicht bekamen, die Welt zu erklären. Oft mit einem weltanschaulichen Hintergrund, der auffallend wissenschaftsgläubig war.

Mythisch-rationale Menschen, oft unfähig zur Selbstreflexion, bei der sie hätten merken können, dass auch ihr Glaube auf unhinterfragten Bedingungen beruht, aber mit einer gewissen aggressiven Herablassung ausgestattet, die sich oft gegen religiöse Menschen richtete, deren Glauben man kritisierte. Das war noch nicht gegen eine spezielle Religion (und wenn, dann eher gegen das Christentum), vor allem aber auch gegen alternative Medizin und Esoterik gerichtet und das, was man dafür hielt. Das alles zu einer Zeit in der in den Bereichen der Wissenschaft und Medizin selbst Barrieren abgebaut wurden. Aber das störte die Anhänger und Dogmatiker nicht, die sich berufen fühlten, für die zu sprechen, die selbst viel entspannter waren.

Diese Protagonisten wurden besser, professioneller und organisierter. Nicht inhaltlich, aber was verbale Tricks und Kniffe anging. Wenn die Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht ausgeprägt ist, wird das in der Regel auch nicht trainiert, wenn man sich im fröhlichen Bashing anderer übt. Was sich festsetzte, waren nicht die besseren Argumente, sondern der längere Atem und die größere Aggression. Eine Aggression, die man selbst nicht bemerkte, hatte man doch obendrein den selbstgewählten gefühlten Auftrag, die Welt vor Dummheit und Aberglauben zu bewahren.[1]

Keine Frage, es gibt Verschwörungstheorien. Manche sind tatsächlich selten dämlich, aber was ist mit den Graubereichen, mit dem, wo eben nicht alles sonnenklar ist? Kurz nach 9/11 galt man vermutlich als Verschwörungstheoretiker, wenn man die Kriegsgründe der Amerikaner nicht geglaubt hat, heute ist man schlauer. Auf Verflechtungen von Politik und Wirtschaft hinzuweisen ist sicher nicht übermäßig paranoid und dass nicht alles Gold ist, was als wissenschaftlich erwiesen so glänzend dasteht, sollte auch klar sein, vor allem, wenn man weiß, woran man die Unterschiede erkennt.

Viele „Wahrheiten“ sind einfach nicht wahr, sondern irgendwelche tradierten Überzeugungen. Das gilt für Historisches, als beliebige und kleine Auswahl seien genannt: Populäre Mythen, Missverständnisse und historische Streitpunkte über das Mittelalter; der humorlose Existentialist Franz Kafka, der weder humorlos noch Existentialist war und über Galileo Galilei heißt es bei Arthut Koestler:

„Im Gegensatz zu dem, was man in den meisten Darstellungen des Werdegangs der Naturwissenschaften zu lesen steht, erfand Galilei das Teleskop nicht, ebenso wenig wie das Mikroskop, das Thermometer oder die Pendeluhr. Er entdeckte weder das Trägheitsgesetz noch das Kräfte oder Bewegungsparallelogramm, noch die Sonnenflecken. Er leistete keinen Beitrag zur theoretischen Astronomie, er warf keine Gewichte vom schiefen Turm zu Pisa und bewies die Richtigkeit des kopernikanisches Systems nicht. Er wurde von der Inquisition nicht gefoltert, schmachtete nicht in ihren Verliesen, sagt nicht ‚und sie bewegt sich doch‘ und war kein Märtyrer der Wissenschaft.“[2]

Doch das betrifft nur historische „Wahrheiten“, gegenwärtige sind oft nicht besser. Der Buchautor und Bericherstatter aus Krisengebieten Hans Christoph Buch berichtet von seiner oftmals vom Mainstream und dem was man hören und glaube wollte abweichenden Erfahrungen aus Krisengebieten, die er, im Unterschied zu anderen tatsächlich bereiste.[3] Und das betrifft auch die merkwürdig krititsch-aufgeklärten Formen von Wissen, über die Psychoanalyse, die Max Gitelson wie folgt zusammenfasst:

„Es gibt viele Menschen, die an die Psychoanalyse glauben, außer wenn es um Sex, Aggression und Übertragung geht.“[4]

Es sind gebildete Menschen, die zu einem guten Teil den Irrtümern, Schein- und Halbwahrheiten verfallen sind, von denen eben die Rede war. Doch das Gegenbashing, dreht nur weiter an der Eskaliationspirale, es geht jedoch darum zu zeigen, wie viel von unseren vermeintlich klaren Wissen weder klar noch richtig ist.

Die Schere zwischen Arm und Reich

Die Wege aus der Krise müssen dahin führen, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht größer wird, auch und vielleicht vor allem die Schere zwischen relativer Armut und Reichtum. Es entspricht dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen bei uns, dass derjenige, der mehr leistet und dies länger tut, auch etwas besser entlohnt wird, aber niemand kann mehr nachvollziehen, wenn Spitzengehälter bis ins Obszöne überhöht sind und auf der anderen Seite, Menschen, die wirklich viele Jahrzehnte hart gearbeitet haben, im Alter kaum über die Runden kommen.

Das ist und bleibt ein wesentlicher Faktor sozialer Spannungen, zugleich ein Quelle für die Verstärkung schwerer Persönlichkeitsstörungen und gesellschaftliche Regressionen, der Punkt wird uns weiter unten noch ausführlicher beschäftigen.

Einwanderer und ihr Verhalten

Ein heikler Punkt, gerade mit Blick auf die deutsche Geschichte. Auch ein wunder Punkt. Es wäre falsch zu sagen, die Geschehnisse der Nazizeit seien lange vorbei und wir hätten nichts mehr damit zu tun, denn historische Verantwortung ist etwas anderes als Schuld. Andererseits ist die Doktrin um Himmels Willen nur nicht zu weit rechts zu erscheinen etwas, was ebenfalls instrumentalisiert werden kann. Die Ereignisse der Kölner Silversternacht 2015/16 stellten eine Zäsur dar, das mag man erfreut oder mit Bedauern sehen, es ist schwer zu leugnen, dass es so ist.

Man darf durchaus einen naiv unpolitischen Standpunkt einnehmen und das Ganze auf die eigene Person übertragen. Wer Herz und Kopf nicht völlig verschließt, wird nachempfinden können, was der Verlust der Heimat, von Hab und Gut und womöglich der Tod von Angehörigen für eine Katastrophe ist. Gerade psychologisch informierte Menschen werden wissen, dass auch ein Trauma entsetzlich ist und dass traumatisierte Menschen schwer leiden. Umso dankbarer sollten Menschen sein und sind es in der Überzahl der Fälle auch, wenn sie Hilfe bekommen. Umso unverständlicher, gleich wie klein oder groß die Not ist, wenn Menschen, die in Not sind, nicht ein Mindestmaß an Dankbarkeit zeigen, wenn ihnen geholfen wird.

Es kann durchaus sein, dass manche Menschen, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind Dankbarkeit zu zeigen, aber die Gesellschaft hat ein Recht darauf, diese einzufordern und sich vor Verachtung zu schützen und Undankbarkeit negativ zu sanktionieren. Eine starke Gesellschaft reagiert nicht exzessiv, sondern gelassen, aber sie lässt sich auch nicht auf der Nase herumtanzen. Man darf von einander erwarten, dass man sich fair und gemäß der Regeln verhält, die in der Gesellschaft heute als normal gelten. Das ist insbesondere dann notwendig, wenn wir weiteren Regressionen Einhalt gebieten wollen, bei einer weiterer Zunahme Wege aus der Krise nur schwer zu finden. Eine Vielzahl von Menschen sind tatsächlich verunsichert, ohne als aufgesetzt „besorgte Bürger“ ihre Sorge zu instrumentalisieren. Es ist zu einfach, reflexhaft und auch falsch die Sorgen der Menschen in die Ecke von rechten Ressentiments zu schieben, weil das nur neue Feindbilder erzeugt und alte verfestigt. Es sind nicht nur die ungebildeten, alten, weißen Männer aus ländlichen Regionen, die sich da zu Wort melden, eine Aussage, die obendrein dem Rassismus noch Sexismus und weiteres hinzufügt.

Demo gegen Stuttgar 21

Stuttgart 21 war die Geburtsstunde der Wutbürger, in der Ältere dominierten. © SAV Sozialisitisch3 Alternative under cc

Das Land ist politischer geworden – oder?

Die Lust am Streit ist für viele Menschen in unserem Land tatsächlich neu. 70 Jahre ohne Krieg, die letzte größere Revolte der 68er ist nun auch schon fast 50 Jahre her, die (zum Glück) friedliche Revolution im Osten über ein viertel Jahrhundert. Das Volk, das so viel Unglück über Europa brachte war rehabilitiert und wurde nach und nach zum Zugpferd Europas. In leisen und diskreten Schritten und wie durch ein Wunder gewann Deutschlands Wirtschaft wenige Jahre nach dem verlorenen Krieg an Dynamik in kaum gekannter Art.

Was zurückblieb war das Bild vom etwas spröden Deutschen. Gründlich, pünktlich und ordentlich zwar, aber viel mehr war dann auch nicht zu holen. Auch das entsprach nicht so ganz der Realität und bei der WM 2006, dem Sommermärchen, sah die Welt ein anderes Gesicht von Deutschland. Petrus spielte mit, das Wetter war gut, die WM eine große Party, die Welt war zu Gast bei Freuden und obendrein sind „wir“ auch noch Papst geworden.

Nur vier Jahre später „definierte Dirk Kurbjuweit den „Wutbürger“ unter Bezugnahme auf die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Debatten um Thilo Sarrazin und das Stuttgarter Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 als wohlhabenden konservativen Menschen, der „nicht mehr jung“, früher gelassen und „staatstragend“, jetzt aber „zutiefst empört über die Politiker“ sei.“[5]

Wahlmüdigkeit war bis dahin das Attribut, das man den Deutschen zurecht zuschrieb. Wir hatten ausgedehnte Diskussionen darüber, dass die Deutschen politisch desinteressierte Nichtwähler werden und was man tun könne, um sie wieder zu mobilisieren. Dieser Trend scheint zumindest tendenziell gebrochen, bei den letzten Wahlen stieg die Beteiligung (auf niedrigem Niveau) leicht an. Und nicht nur das, unser Land scheint deutlich politischer geworden zu sein.

Aber ist das wirklich politisches Interesse, was sich da in „Wutbürgern“ und „besorgten Bürgern“ artikuliert? Was sich da als politische Bewegung ausgibt ist tendenziell eher eine, die die Nase von Politik gestrichen voll hat. Die Verachtung die Politikern entgegenschlägt, ist heute eklatant und weißt ebenfalls Züge einer Regression auf:

„Zu den Merkmalen eine massiven Gruppenregression gehören die lustvolle Gier nach Grausamkeit, die Entmenschlichung außenstehender Gruppen, primitive Selbstidealisierung, Konventionalität und Gedankenlosigkeit, Neid und Zerstörungswut – mit anderen Worten: sowohl die Merkmale von Patienten mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, insbesondere des malignen Narzissmus, als auch die Kennzeichen regressiver Großgruppenpsychologie.“[6]

Mit Politik im Sinne einer gestaltenden Kraft hat das nicht viel zu tun, es ist Protest, der die Neigung hat zum Selbstzweck zu werden, weil sich regressive Enthemmung zu einem Teil einfach auch gut anfühlt. Und falls man doch der Meinung ist, dass unser Land politischer geworden ist: Geholfen hat es uns zumindest nicht.

Echokammern und Blasen

Von Echokammern und Blasen ist derzeit viel die Rede, gemeint sind Welten, in denen man sich einrichtet, in denen man mit Bekanntem konfrontiert wird. Auch regressive Bewegungen zerfallen nach den immer gleichen Mustern in neue Gruppen, die auf einem primitiveren Organisationsniveau funktionieren, auf dem Ambivalenzen nicht toleriert werden und auf dem es nur ganz oder gar nicht, Freund oder Feind gibt. Doch man braucht keine Regressionen dazu, unsere Welt wird bereits vorselektiert durch Algorithmen, die uns immer weniger mit der Welt, aber immer mehr mit der Welt unserer Interessen konfrontiert. Was zunächst durchaus attraktiv klingt, hat nicht nur einen Haken, wie wir in Personalisierte Daten ausführten.

Und es führt eben dazu, dass man nur noch Bekanntes konsumiert. Das war früher auch nicht wesentlich anders, aber dadurch, dass sich ein immer größerer Teil des Lebens heute im Internet abspielt, bekommt er durch dasselbe eine größere Relevanz.

Das Internet zeigte aber schon seit Jahren eine deutliche Tendenz zur Emotionalisierung, schon bevor der Wutbürger die Bühne betrat. Bereits die Diskussionen um das Thema Willensfreiheit zu Beginn der Jahrtauschendwende, verlief im Internet sehr emotional und stellte den Auftakt zu dem eher politisch (wenn auch nicht parteipolitisch) motivierten Vorstoß einer szientistisch-atheistischen Stoßrichtung vor, die zunehmend aggressiver auftrat. Das war lange vor der Flüchtlingsdiskussion, deren Ausläufer, die mit Diskussionen nichts mehr zu tun haben, wir inzwischen erleben.

Darum Werte!

Wenn das eine die inhaltliche Komponente ist, dann ist der Bereich Internet, Blasen und Echokammern der andere und ein eher struktureller Ansatz. War man früher auch unterschiedlicher Meinung, so gab es bei allem Streit noch immer verbindende Elemente und Praktiken und wenn es nur der „Tatort“ oder das „Fußballspiel“ des Vorabends war. So gab es immer schon exklusive Bereiche, in denen man für sich oder mit wenigen anderen zusammen war und öffentliche Bereiche und Interessen, die man mit vielen anderen teilte. Es bleibt abzuwarten, ob das Internet auf lange Sicht neue Gemeinsamkeiten schafft und irgendwann die Top Ten bei Youtube ein ebensolches verbindendes Thema werden, wie die Zeitungsschlagzeilen oder Fernsehblockbuster vergangener Tage.

Wenn, wie aufgezeigt, der Unmut in etlichen Bereiche nachvollziehbar ist, dann wird die Frage umso dringender an welchen Werten wir uns zukünftig orientieren wollen. Das wird keinesfalls von oben nach unten diktiert, die wütendenden Proteste des letzten Jahres haben durchaus in Politik und Medienlandschaft ihre Spuren hinterlassen. Doch Protest ist die eine Sache, eine neue Ordnung und ein aktualisiertes Wertefundament zu schaffen, eine andere.

Eliten und Masse

Gegenwärtig richtet sich Wut neben den Flüchtlingen, in einem mindestens so starken Maße gegen die Politik und noch umfassender, gegen die Eliten, wie es heißt. Das ist in mehrfacher Hinsicht unklug, aus mindestens drei Gründen:

  • Die Verachtung der Elite und ihr wichtigster Haken

Wer alles auf die sogenannten Eliten schiebt, betreibt vor allem eine Selbstentmündigung. „Die da oben machen sowieso was sie wollen“, darf kein lähmender Reflex werden, denn unser durchaus schützenswerter Anspruch ist, dass die Politik den Bürger zu dienen habe. Das ist zwar ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, aber keinesfalls sind wir devote Befehlsempfänger wie in einer Diktatur. Das sollten jene bedenken, die beglückt nach „law and order“ rufen.

Die Erfindung des Individuums ist ein originärer Schritt unserer Kultur und obendrein stark mit dem Christentum verknüpft. Die Werte zu denen viele wieder, nicht ohne guten Grund, zurück wollen sind mehr als oft gedacht, von den Darstellungen in den letzten Jahrzehnten einseitig verzerrt worden.[7]

  • Die Verachtung der Elite und ihr zweitwichtigster Haken

Die Beschwörung geheimer und allwissender Mächte hat als andere Seite der selben Medaille oft eine angstvollen Überschätzung jener beschworenen Mächte im Schlepptau. Das ist eine unrealistische Einschätzung, die einerseits zu Gefühlen der Ohnmacht, andererseits zu Enttäuschung und Wut führt, wenn sich herausstellt, dass auch die allwissenden und geheimen Mächte nicht zaubern können. Es gibt genügend Informationen über Irrtümer, Fehleinschätzungen und Nichtwissen auf Seiten der sogenannten Eliten, dass wenig Grund besteht, von einer geheimen Planung und allmächtigen und allwissenden Strippenziehern auszugehen.

Macht hat viele Komponenten und neben der organisierten und verborgenen Macht gibt es eben auch die Macht des Einzelnen und diese zu unterschätzen und kleinzureden ist die größte Versicherung von Mächtigen. Das entspricht ungefähr dem Konzept der erlernten Hilflosigkeit in der Psychologie. Wenn man den Mächtigen oder Eliten weniger zutraut und zumutet, so ist auf der anderen Seite auch die Enttäuschung nicht so groß, wenn sie mal keine Lösung finden oder Antwort haben. Man könnte ihnen dann im besten Fall helfen und die andere Seite könnte lernen, Hilfe anzunehmen.

  • Falsche und echte Eliten

Eine kurze Anmerkung noch zum Begriff der Elite. Meines Erachtens wird der Begriff aktuell etwas inflationär benutzt. Ich würde Elite stärker im Sinne einer Leistungselite verstehen wollen, also Menschen, mit besonderen Fähigkeiten und es ist schön, wenn Menschen diese Fähigkeiten haben und durch besondere Leistungen positiv auffallen. Der Begriff wird aber stark im Sinne einer herrschenden Klasse oder Schicht verstanden, oft auch nur im Zusammenhang mit viel Einkommen, was ich persönlich nicht mit Elite identifizieren würde. Problematisch sind oft die Menschen, die reich, mächtig und unfähig sind, aber wer die Elite attackiert und damit Menschen meint, die Spitzenforschung oder -kunst betreiben, tut sich und anderen keinen Gefallen.

Fehler der Politik

Meine Kernthese ist, dass wir bei der Lösung unserer gesellschaftlichen Spannungen und Probleme sehr häufig die psychologische Komponente dramatisch unterschätzen. Psychologen kommen zu Wort, wenn wieder mal das vermeintlich Unerklärliche erklärt werden soll. Ein Amoklauf, ein bizarres Verhalten, aber selten, wenn es darum geht, die Strömungen und Zusammenhänge der normalen Gegenwart zu verstehen. Manchmal geschieht die Ablehnung psychologischer Erklärungen aus ideologischen Gründen, manchmal aus schlichter Unkenntnis. Selbst bei ideologischen Motiven muss man keine Böswilligkeit unterstellen, ich erlebe es häufig als einen Mangel an Übung und auf der anderen Seite eine gewissen Routine darin, Probleme aus gewohnten und vielfach auch geforderten, weil die eigene Klientel befriedigenden, Perspektiven einzunehmen.

Nun zu den Problemen im Einzelnen:

Die Unterschätzung der Moral

Es ist nicht so, dass man gegen Moral wäre. Wir reden heute wieder von Werten, beklagen den Verlust der Zivilcourage, der Tugenden und des Anstandes, die Kaltherzigkeit und den Egoismus in der Gesellschaft. Man würde gerne die Uhr zurückdrehen, sogar jenen Protestwählern, die nicht stramm rechts sind darf man positiv unterstellen, dass sie neben Angst und Verunsicherung auch ein gewisse Sehnsucht nach einer im besten Sinne geordneteren Welt haben. Und auch viele Politiker reiben sich verwundert die Augen und wissen nicht so recht, wie ihnen geschieht, würden, wenn sie könnten, sicher ebenfalls die Uhr zurückdrehen. Nur kann man das eben nicht.

Was man nicht versteht, ist, wo die Moral in all ihren Spielarten denn auf einmal hin ist. Und die Antwort ist, dass Moral kein Vogel ist, der über Nacht ausgebrochen und weggeflogen ist, sondern dass es sich dabei um ein Drama in mehreren Akten handelt. Der vielleicht wichtigste Punkt taucht gleich an mehreren Stellen auf, der Ausfall des Ödipuskomplexes. Ausführlich ist das in Warum wir den Ödipuskomplex brauchen ausgeführt worden. Das Kernargument ist, dass der dominante Vater das Kind zwar in den Komplex hineinführt, aber ihm damit gleichzeitig auch Schutz vor den anderen Autoritäten und Stimmen des Lebens gibt, wie Massenmedien, Schulen, Peergroups und politische Führer.

Nun kann man sagen, das sei doch gut, je mehr Stimmen, Meinungen, Sichtweisen das Kind kennen lernt, umso besser. Das stimmt aber nur bedingt, denn Psychologen haben immer und immer wieder herausgefunden, dass die Abwesenheit des Vaters und damit die Unterstrukturierung der Psyche gegenüber der als lastend empfundenen Dominanz das weitaus größere Problem ist. Letzteres entspricht in etwa einer neurotischer Struktur und ist sowas wie eine psychische Grippe. Ernst, aber das Immunsystem kommt meistens selbst damit klar. Eine schwere Persönlichkeitsstörung ist mindestens in den schwereren Formen so etwas wie psychischer Krebs. Erstens bösartig, zweitens schafft das psychische Immunsystem es in der Regel nicht alleine, sondern die Abwehrmechanismus der schweren Persönlichkeitsstörungen (Leugnung, projektive Identifikation) sorgen dafür, dass die psychische Spaltung vertieft wird und die Ich-Schwäche erhalten bleibt oder sogar verstärkt wird. Das ist kein Kindergeburtstag, das wächst sich auch nicht aus und es führt zu einem Strudel von Aggressionen, Entwertungen und Idealisierungen auf primitivem Niveau. Und … es unterminiert die Moral. Moral ist Selbstverpflichtung, ist die Bereitschaft sich auf Werte festzulegen und festlegen zu lassen. Auch das ist kein Selbstläufer, womit wir gleich bei der nächsten Schwierigkeit sind.

Intelligenz und Moral

Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen Intelligenz und Moral. Intelligenz ist eine Pionierlinie der Entwicklung, eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung dafür, dass es zu moralischer Entwicklung kommt. Oder in den Worten des Moralpsychologen Lawrence Kohlberg: „Alle moralisch fortgeschrittenen Kinder sind gescheit, aber nicht alle gescheiten Kinder sind moralisch fortgeschritten.“[8]

Gemeinhin hat man die Idee, mit Intelligenz und Bildung würde sich Moral schon von selbst einstellen, aber sich zu bilden setzt bereits bestimmten Eingenschaften voraus, wie Disziplin, Fleiß, Frustrationstoleranz die man heute nicht so ohne weiteres voraussetzen darf und selbst schon Tugenden sind, die man erlernen muss. Auch für die Konzepte zur Demokratisierung von Gesellschaften sind Brunnen und Bildung nicht genug, wobei Brunnen als Platzhalter für die Abdeckung grundlegender Bedürfnisse steht. Das Scheitern diverser Demokratisierungsversuche ist aktuell gar nicht mehr das Thema, heute reden wir von der Krise, manchmal vom Ende der Demokratie.

Das Verstehen von Spielregeln alleine reicht nicht. Psychopathen verstehen die Spielregeln der Gesellschaft sehr gut und nutzen sie zu ihren Gunsten, wenn sie sehr intelligent sind, macht sie das eher gefährlicher. Moral entwickelt sich in Stufen und man kann keine dieser Stufen überspringen. Die Problematik oft auch linksliberaler Ansätze liegt darin, dass ihnen die Stufe des Gehorsams, die nur eine von vielen ist, auf der niemand verharren soll, unsympathisch ist und sie wider alle Erkenntnisse doch meinen, auf Gehorsam könne insgesamt verzichtet werden, dies sei nur reaktionärer Affekt.

Ken Wilber hat immer wieder zurecht darauf hingewiesen, dass die pluralistische Kritik an der Moral sich selbst den argumentativen Boden entzieht, denn von einer hohen moralischen Warte aus negiert man den Entwicklungsaspekt der Moral und so wird das Projekt, was sich im besten Fall gegen Biederkeit und Kadavergehorsam richtet zum Kraftfutter für Narzissten, die in der Überzeugung leben, oft, weil ihre Eltern sie das glauben machen, alles an ihnen sei perfekt. Hier drückt keine väterliche Autorität mehr, hier züchtet man Schlangen an der eigenen Brust, hier haben perfekte Eltern selbstverständlich auch das perfekte Kind.

Als sei das alles nicht schon kompliziert genug, verkennt man aber noch eine Komponente:

Die Unterschätzung der Entschlossenheit

Es ist zwar durchaus so, dass in der Entwicklung der Moral höher gleich besser ist, aber es bedeutet moralisch besser. Man ist nachdenklicher, reflexiver, abwägender, hat mehr im Blick als den eigenen Vorteil oder die eigene Gruppe. Besser heißt komplexer, zur Einnahme von anderen Perspektiven in der Lage und ebenfalls zur Anerkennung und Würdigung dieser anderen Perspektiven. Höher ist gleich besser ist gleich komplexer. Was man dabei aber verkennt, ist die Kraft der Entschlossenheit. Die können moralisch entwickelte Menschen auch besitzen, aber um entschlossen zu sein, muss man nicht zwingend moralisch hoch entwickelt zu sein.

Mit einer großen Gruppe von zielgerichteten Entschlossenheit auf dem Niveau konventioneller Moralentwicklung kommt man politisch weit, weiter sogar, als mit abwägenden und reflexiven Menschen. Klare Kante, klare Freund- und Feindbilder, das ist moralisch seicht, aber effizient, wenn man Menschen hat, die eine Bewegung tragen sollen. Doch der Effizienz in der Durchsetzung von Ideen folgt immer eine Phase der Umsetzung des Neuen und wenn man da nicht auch komplexere Charaktere hat, regrediert das Neue schnell auf ein Niveau von paranoiden Konstellationen, die im Grunde niemand will, weil sie die Freiheit der Individuen beschränkt.

Auch deshalb sollte man den Begriff der Eliten nicht entwerten, wir brauchen moralische Eliten die das verstehen und beherzigen. Doch der Eindruck den man hat, ist leider ein anderer. Politikbashing ist nun wirklich nicht das, worum es hier gehen soll, davon haben wir derzeit mehr als genug. Aber selbst wenn man wohlmeinend ist, setzt sich ein Eindruck fest:

Sie haben es nicht begriffen

Obama und Trump

Überschätzt und unterschätzt? Wir werden es erleben. © quapan under cc

Viele Politiker haben die Unruhe in der Bevölkerung lange Zeit übersehen oder, was wahrscheinlicher ist, nicht sonderlich ernst genommen. Jetzt wo ihnen Aggression und offener Hass entgegenschlägt, können sie nicht mehr leugnen, dass in letzter Zeit einiges schief gelaufen ist und nachdem sich die sozial Abgehängten bereits als notorische Nichtwähler von der Gesellschaft, die auch ihre ist, abwandten, wurden die Sorgen der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg und einer zunehmend ungewissen Zukunft immer größer und zuletzt kündigten auch die ehedem staatstragenden Wutbürger die Gefolgschaft.

Die Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit der Deutschen waren bereits Indizien, aber auch hier unterschätzt man die psychologische Eigenschaft die man „innere Kündigung“ nennt und aus Firmen kennt. Innere Kündigung meint, dass man in einem Betrieb seiner Arbeit nur noch im Modus „Dienst nach Vorschrift“ nachkommt und ansonsten desinteressiert und nicht selten maximal frustriert ist. Das bedeutet aber, dass diese Menschen nachhaltig sauer sind und dies nun bezogen auf ihr Land, das sie oft nicht mehr als ihres empfinden. Es hat sich das Gefühl eingenistet, dass man es bei Politikern um eine abgehobene Kaste handelt, die mit allen unter einer Decke stecken, außer mit der Mehrzahl normaler Bürger, die sie eigentlich vertreten sollten.

Auch hier ist es vermutlich nicht das eine Ereignis, das den Ausschlag gab, sondern eine ganze Kette von Frustrationserlebnissen. Was als moderat, unaufgeregt und pragmatisch gelobt wurde wird nun als willkürlich und führungsschwach gedeutet. Vielleicht ist vieles zu beliebig geworden, vielleicht ist im Zeitalter der Transparenz ja etwas zu oft an die Öffentlichkeit gedrungen, dass und wie man Gesetze einfach durchwinkt, vielleicht hat man sich ein paar mal zu oft mit der Wirtschaft ins Bett gelegt und den Bürger die Zeche zahlen lassen. In besseren Zeiten wäre das vielleicht auch nicht groß aufgefallen, aber wie anfangs gesagt, sind die Zeiten gar nicht mehr so rosig, sie werden zumindest nicht so empfunden.

Es gibt Gewurschtel und Gemauschel, man hat das Gefühl, dass man die Kleinen hängt, und die Großen laufen lässt. Das Gezerre um TTIP machte noch mal klar, dass die Bürger nicht langer bereit sind, sich passiv etwas aufdrücken zu lassen, was sie nicht kennen, was die Politiker auch nicht kennen, von dem man aber glauben soll, dass es allen hilft. Dass mit der Beglückung der Wirtschaft auch die Beglückung der Bevölkerung einher geht, ist ein Versprechen, das man vor 20 Jahren noch glaubte, heute weiß man, dass es die Wirtschaft nicht groß kümmert, wie es den Menschen geht. Streng genommen ist das auch nicht ihre Aufgabe, aber es sollte die der Politik sein.

Das wirkt alles zu aalglatt und abgezockt, um Vertrauen zurück zu gewinnen, was ohnehin schwer genug ist. Hier wäre höchste Sensibilität angezeigt, ob wir die erleben werden und ob das „Wir haben verstanden“ einfach eine nützlich-flotte Werbebotschaft ist, die ein Einsehen verpsricht, was man nicht hat, bleibt abzuwarten.

Die Krise der Demoskopie und was man daraus lernen kann

Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Demoskopie in der Krise ist. Die Bürger sind nicht mehr so einfach ausrechenbar und die selbstsichere Gelassenheit, die man beim Brexit und der Wahl von Trump zum US-Präsidenten an den Tag legte, erwies sich als falsch. Ob nun postfaktisch oder sonst wie, wir wissen, wie die Wahlen ausgingen, eine Fortsetzung ist denkbar. Dabei scheinen auch die Zuschreibungen, dass es sich bei den Wählern der sogenannten Rechtspopulisten um abgehängte, ungebildete, männliche, weiße Landeier handelt nur sehr bedingt richtig zu sein. Die Menschen scheinen aktuell das Gefühl zu haben, dass es ihnen lieber ist jemanden zu wählen, der einfach anders und nach Möglichkeit ganz anders ist (oder erfolgreich so tut, als ob), als das Gewürge länger zu ertragen.

Wie schon erwähnt verstärkt sich so ein Effekt zu Massenregressionen und die sind dann in der Tat schwer aufzuhalten. Und Massenregressionen sind moralische Regressionen, die Menschen verdummen ja nicht auf einmal, aber ihre Fähigkeit moralisch zu differenzieren ist für eine Zeit dahin.

Der Bürger als dauernde Gefahr

Ein anderer Punkt ist, den Bürger als andauernde Gefahr zu sehen, als jemanden, der irrational ist und den es gilt, im Griff zu halten, dem man zumindest nicht zu viel zutrauen darf. So geht man schlechtestenfalls mit Kindern um, und selbst denen versucht man Schritt für Schritt mehr Verantwortung zuzutrauen, aber doch nicht mit erwachsenen Menschen. Dass man Menschen, die man fortwährend so behandelt, dann irgendwann unmündig und kindlich macht, ist im Preis mit drin.

Schon vor Jahren hörte ich, in vielleicht nicht repräsentativen Umfragen, dass viele Bürger auch durchaus zu Opfern bereit sind und Durststrecken zu überstehen, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt und etwas zumutet. In den Köpfen scheint sich aber eine Idee festgesetzt zu haben, nämlich, dass man dem Bürger nur ja nicht die Wahrheit zumuten darf. Es wird taktiert und angedeutet, im Wahljahr werden die üblichen Wahlgeschenke verteilt und längst gilt man als naiv, wenn man Politiker nach ihrer Wahl, an die vor der Wahl abgegeben Wahlversprechen erinnert – es ist dann immer der Zwang der Verhältnisse. Das ist eine auf Lug, Truug und Misstrauen aufgebaute Grundkonstellation.

Traut uns was zu, wir würden sogar mitmachen, hätten aber mindestens die Idee eine echte Wahl zu haben!

Statt dessen scheint das für die Mehrzahl der Politiker von heute ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Regressionen wirkt man nicht dadurch entgegen, dass man Menschen wie unartige Kinder behandelt, dadurch stärkt man regressive Tendenzen eher.

Moral kann man nicht einklagen … und dennoch

Gegen Moral wird bisweilen der Einwand erhoben, man könne sie, im Gegensatz zu Gesetzen, nicht einklagen. Das ist richtig, aber es besteht auch kein Zwang Gesetze und Moral gegeneinander auszuspielen, im Gegenteil, sie bedingen und ergänzen einander. Wenn jemand moralisch unten durch ist, selbst wenn er juristisch freigesprochen ist, so ist das alles andere als belanglos. Das dürfte auch die Kanzlerin gemerkt haben, die nach ihrem jahrelangen Dauerabo als beliebteste Politikerin nun in der Wählergunst abgeruscht ist. Und das ist beileibe noch kein Erdrutsch gewesen, es geht noch deutlich schlimmer, so dass Moral eine durchaus außergesetzliches potentes Mittel für die Feinjustierung ist und sogar einen schweren Bann verhängen und jemanden zu unerwünschten Person machen kann.

Wenn man Menschen erzählt, dass sie tun und lassen können, was sie wollen ist das nicht immer ein Gefühl von grenzenloser Freiheit, oft ist es auch ein Gefühl des Desinteresses. Menschen wollen auch Ordnung und Struktur, nicht alle und längst nicht alle im gleichen Maße. Doch zwischen einer Zwangsstörung oder völligem Losgelassensein, liegt noch ein breiter Raum, den man nutzen kann, derzeit nutzen ihn vor allem diejenigen Populisten bishin zu Extremisten, die keinerlei Beißhemmungen haben und nur zu gerne Orientierung geben.

Es muss ja nicht kleinkariert und spießig sein. Wem Moral (oft ist das, was man unter Moral versteht Hemmung und Restriktion) zu bieder und langweilig ist, der ist berufen kreative Wege wagen und die Bevölkerung mit in die Entscheidungen einzubinden, statt den Populisten das große Wort zu überlassen. An Möglichkeiten und (teils sogar bewährten) Vorschlägen würde es nicht mangeln, wie wir in Der gesunde Menschenverstand ausführten.

Die Unfähigkeit Mythen und Visionen zu entwickeln

Denn auch das ist ein Manko der Politik, ihr fehlt es derzeit an Visionärem, ja, es war in Deutschland einige Jahre chic, den Spruch des Altkanzlers Schmidt, wer Visionen hätte, solle zum Arzt gehen, allzeit parat zu haben. Dabei gibt es eine Sehnsucht nach dem Wir, nur zerfällt diese in Splittergruppen und jeder meint, sein kleines Wir sei stellvertretend für alle (für „das Volk“), aber das ist es wohl im Moment: ein Wir finden wir nicht, kein europäisches, nicht einmal ein deutsches. 2017 könnte zum erneuten Sorgenjahr werden, je nach dem, wie die Wahlen in Frankreich ausgehen und auf Beruhigungen der Art, was ganz sicher nicht passieren wird, sollte man nicht zu viel geben. Die Wege aus der Krise, werden sicher nicht mit Wunschdenken gepflastert sein.

Gerade an gesamteuropäische Leistungen der Vergangenheit könnte man anknüpfen, die Geschichte Europas ist reich und bunt: Die Wiege der Demokratie steht hier tatsächlich, ebenso wurde das Individuum hier erfunden, das Aufkommen einer starken Wissenschaft und sogar eine sich wechselseitige Koalition zwischen Religion und Wissenschaft, das alles ist Europa, von künstlerischen Meisterwerken, technischen Neuerungen und nicht zuletzt einer systematischen Psychologie ganz zu schweigen. Was wäre das Projekt für eine neues Europa?

Europa steht unter Druck, ist, wie wir spätestens seit der Flüchtlingskrise von 2015 wissen, keine Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten und ist im Grunde immer das am besten gewesen, was es vorher war, eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die früher auch EWG hieß. Aber Europa ist, anders als die USA oder Australien, eine Gruppe von Nationalstaaten mit je eigener Geschichte, Tradition und Sprache und den Menschen verordnet worden. Doch neben den Zerfallstendenzen (wurde der Grexit noch angedroht, war der Brexit freiwillig, ein Frexit und Czexit könnten vor der Tür stehen und irgendwann ist Europa dann sicher nicht mehr das, was es vielleicht nie so richtig war) könnte man neue Ziele beschreiben.

Ein Europa 2.0 müsste seine Bewohner mitnehmen und nicht einfach nur eine Wirtschaftsgemeinschaft sein, die den Handel zwischen den europäischen Staaten erleichtert, denn viele Menschen verbinden mit ihrer Region, in der sie wohnen etwas, aber nichts mit den Werften von Rotterdam, den Wäldern Böhmens oder Lissabon. Für mehr Sicherheit würden viele vermutlich das Warten an Grenzen wieder in Kauf nehmen und nicht nur Europa ist hier gespalten, die meisten Länder selbst sind da in sich uneins.

Wo ist der große, stolze Entwurf, dass wofür Europa in Zukunft stehen könnte? Denn eines geht mit Sicherheit schief: Europa zu einer bevölkerungsmäßig alternden Festung zu machen, in der versucht wird, aus der Vergangenheit zu leben und das, was man noch hat irgendwie abzusichern. Das ist ein Konzept, was, mal abgesehen von der moralischen Komponente auch zielsicher zur schlechten Laune führt. Die Menschen sind dann nicht mehr kreativ, sondern ein greiser Kontinent verwaltet sein Erbe und Kahneman lehrt uns, dass in dieser Situation die Menschen extrem konservativ werden und jedes Risiko meiden. Schon deshalb kann Verwaltung nicht dass Thema sein, sondern ein neuer Anreiz muss her.

Statt dessen Wirrwarr. Wenn es stimmt, was Egon Bahr sagte, dass es in der Politik keine Freunde, sondern nur Interessen gibt, sollte man auch so handeln und kommunizieren, dass es eben so ist. Es ist gut möglich, dass es im Konzert des Weltganzen nur annähernd optimale Interessenmaximierung nach spieltheoretischen Muster (das kreieren von Win-Win-Situationen) gibt, aber dann sollte man auch emotionslos nach der Optimierung von Interessen handeln. Im Moment ist davon aber nicht viel zu sehen, sondern wir sind Zeugen einer albernen gut/böse Rhetorik, die in sich inkonsistent ist (warum liefert man Waffen in Krisengebiete, aber erwartet von anderen Anstand?), aber auch strukturell ist kein roter Faden zu erkennen. Denn Saudi-Arabien Waffen zu liefern könnte eben mit Interessenpolitik erklärt werden, erklärt wird statt dessen aber gar nichts, sondern man sieht sich, fast etwas beleidigt, von Autokraten umzingelt, demnächst auch in den USA, wo das Urteil über den künftigen Präsidenten schon vor dessen Amtsantritt gefallen ist. Gerade in Europa müssten wir es besser wissen, erwarteten wir doch vom Vorgänger Obama im Vorfeld, dass er übers Wasser laufen wird, die Bilanz von acht Jahren Obama ist unterm Strich allenfalls durchwachsen.

Aber Interessenpolitik und Beleidigtsein ist ebenfalls etwas, was sich ausschließt. Wenn man nüchtern auf Optimierungen peilt muss man eben professionell mit allen klar kommen, ob sie einem nun passen, oder nicht, oder man rückt wirklich Werte und Moral in den Vordergrund, muss dann aber auch selbst einiges erklären und eventuell verändern. Der oben erwähnte Krisenberichterstatter und Autor Hans Christoph Buch ist im Laufe seiner Arbeit in diversen Kriegsregionen zu der Ansicht gekommen, dass es keine Einpoligkeit von gut und böse gibt, schon gar nicht in Krisengebieten, wir sind schnell in diese Richtung orientiert und unterstützen doch klammheimlich Systeme, die wir an sich böse finden oder lassen Machthaber über Nacht fallen, mit denen wir gestern noch Geschäft machten, die uns nützlich waren. Doch eine Orientierung hin zu immer mehr halbherziger Moral und immer mehr halbherziger Interessenpolitik, führt eher zu Lähmungen.

Der bange Blick nach Amerika unterstellt, dass dort ein großes Kind sitzt, das komplett unberechenbar ist, Gunnar Jeschke im freitag favorisiert hingegen eine andere Lesart. Statt darauf zu warten, was anderswo passiert könnte man in Sachen europäischer Außen-, Verteidigungs-, Sicherheits- und Energiepolitik mal ernst machen, statt dessen auch hier viel Halbherzigkeit, die im bürokratischen Dickicht untergeht. Die Kinder sitzen in Europa und schauen darauf, was Papa Amerika macht, statt sich um ihr Schicksal selbst zu kümmern. Europa sieht sich konfrontiert mit jemandem der Interessenpolitik knallhart durchzieht und wenn Europa nicht mehr nützlich ist und gebraucht wird … Wie lautet die Antwort Europas darauf?

Krisen gibt es genug. Ein Trias aus Globalisierungsfolgen, die eben auch in Deutschland nicht nur Gewinnern kennt, Klimawandel und demographischen Verwerfungen: Youth Bulge in Afrika und Arabien und ein alterndes Europa fliegt uns demnächst mit Ansage um die Ohren. Renten sind das nächste große Thema, das dafür sorgen könnten, dass auch noch die Alten verprellt werden. Man hört Beschwichtigungsformeln und jetzt wo wieder Wahlen sind gibt es wieder Geschenke, die Rentner gehen noch zuverlässig zur Wahl, sind sie saturiert kann man noch mal vier Jahre weiter wurschteln.

Man rechnet mit dem Optimum, dann mag das irgendwie aufgehen mit der Rente, ein realistisches Rentenkonzept muss aber auch einen Plan B und C bereithalten. Es ist nicht undenkbar, dass Europa wirklich taumelt. Wenn Frankreich austritt und Italien pleite geht und die Wirtschaft kriselt, dann müssten die Karten neu gemischt werden. Was dann? Und dass demnächst Roboter die Pflege übernehmen ist allenfalls unter Science Fiction zu verbuchen. Doch das alles sind politikinterne Fragen, hier soll es überwiegend um ihre psychologische Komponente gehen.

Der gefährliche Verzicht auf das Verständnis der Innenwelten

Regenbogen über Wald

EIn paar Träume und Visionen täten mal wieder gut. © Kevin M Klerks under cc

Wo die konservativen Kräfte stur auf Wirtschaftswachstum um jeden Preis setzten und sich dabei nicht eingestehen, dass die neoliberalen Versprechungen nicht gehalten wurden und vielfach auf Kosten der Familien gingen, machen linksliberale Strömungen so gut wie alles an äußeren Faktoren fest. Die Psyche kommt bei ihnen vor, aber viel zu oft im Sinne der Einbahnstraßendeutung, dass das Sein und das Bewusstsein bestimmt. Brunnen und Bildung, der Rest passiert dann schon irgendwie von selbst. Aber da stimmt was nicht. Es geht geht uns ja so gut wie nie. Dennoch ist die Stimmung mies, mindestens angespannt. Wer das leugnet, lebt mit geschlossenen Augen und Ohren.

Dass wir alle undankbar sind und auch höchstem Niveau meckern, ist eher eine Deutung, die verkennt, dass technischer Fortschritt längst nicht mehr gleichbedeutend mit einer Verbesserung des Lebens ist, wie es bei der Waschmaschine ganz sicher mal war. Doch die größeren Gefahren lauern innen, in der zerfallenden Struktur von Psychen. Auf eine Kurzformel gebracht: Mit fragmentierten Psychen ist kein Staat zu machen. Das ist deshalb so, weil ihr Interesse sich fortwährend um sie selbst dreht. Der psychologische Ausdruck für eine fragmentierte Psyche ist die Identitätsdiffusion und die Ich-Identität ist in ihrer psychologischen Bedeutung kaum zu unterschätzen.

Gleichzeitig ist aber auch eine kulturelle Orientierung für das Individuum identitätsbildend:

„Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird. Die individuelle Vielfalt der Menschen, die sich im Umfeld des Kindes und jungen Erwachsenen bewegen und die durch gemeinsame kulturelle Traditionen verbunden sind, trägt so zur Stärkung der Ich-Identität bei: Die Beziehung zu unterschiedlichsten Objekten lässt unterschiedlichste Selbstrepräsentanzen entstehen, die über gemeinsame Merkmale verbunden sind und die im Zuge der Entwicklung von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position integriert werden müssen.“[9]

Führen wir die Stränge nun zusammen. Wenn innerhalb der Familien die Möglichkeit den Ödipuskomplex zu erleben fehlt, fehlt ein Teil der Schutzes vor allerlei Einflüsterungen und einem Stimmenwirrwarrr, das später, auf dem Boden einer integrierten Psyche, eines stabilen Ich sehr hilfreich und befruchtend sein kann, bei der Ich-Schwäche aber verheerend wird.

Und die Menschen suchen nach Antworten, Richtungen und Orientierung. Es bleibt unterreflektiert und weitgehend unbeantwortet, warum wir Probleme mit islamistischer Orientierung eben nicht direkt bei den Einwanderern, sondern in der zweiten oder dritten Generation haben, bei Menschen, die eigentlich viel besser integriert sein sollten. Sie sind es nicht, weil wir ein Wir Gefühl, das spürbar macht, was es bedeutet, einer von uns zu sein, nicht positiv entwickelt und entworfen haben. Aber auch wachsendes links- oder rechtsradikales Gedankengut beobachten wir verstärkt in den letzten Jahren – und nicht erst seit der Flüchtlingskrise – in einer Zeit in der immer wieder verkündet wird, es ginge uns so gut wie nie. Radikale Gruppen geben den Menschen die Orientierung, die wir ihnen nicht geben können oder wollen.

In solchen Phasen wären klare Worte wichtiger denn je, die wirklich auf neue Ziele und Perspektiven hinweisen und nicht auf Sicht fahren. Was wir erleben sind Regressionen, die mehrere Schweregrade annehmen. In der Psychologie ist der Zusammenhang zwischen politischen, gesellschaftlichen und psychischen Faktoren bekannt, nur in der Politik wird er offenbar ignoriert, an den Rändern zugunsten des Lieblingsfeinbildes. Am rechten Rand ist es „der (islamische) Ausländer“ und die linken Kräfte und Verschwörungen, die das Land destabilisieren wollen, am linken Rand der Kapitalismus/Neoliberalismus und die und die rechten Kräfte, die ihn protegieren, in der Mitte ein achselzuckendes „Weiter so“, uns geht es doch allen so gut wie nie zuvor.

Die zerfallenden Psychen sind ein großes Problem, das sie in direkter Wechselwirkung mit gesellschaftspolitischen Veränderungen stehen:

„Zahlreiche Faktoren, ob einzeln oder in Verbindung miteinander wirksamen, können den Wechsel einer herrschenden gesellschaftlichen oder politischen Ideologie in Richtung eines paranoiden Fundamentalismus beschleunigen, insbesondere in einer Kultur in der es eine große Bereitschaft für Rassismus und kriegerische religiöse Auseinandersetzungen gibt. Zu diesen Faktoren gehören schwere gesellschaftliche Traumata, wie z.B. die Niederlage in einem Krieg oder der Verlust nationaler Territorien, wirtschaftliche Krisen, die Bedrohung durch feindliche Gruppierungen im Innern oder durch äußere Feinde, die Zugehörigkeit zu einer sozial benachteiligten oder unterdrückten Klasse. All diese Bedingungen können die Regression der Gruppe zu einem gewalttätigen Mob oder einer Massenbewegung machen.

Zusammenfassend können wir festhalten: Zu den vielen verschiedenen Faktoren, die die massive Regression einer Bevölkerungsgruppe auslösen können und gesellschaftlich sanktionierte Gewalt sowie den Zusammenbruch aller bislang gültigen Moralvorstellungen und zivilisierten menschlichen Umgangsformen nach sich ziehen, gehören

  • unverarbeitete soziale Traumata,
  • fundamentalistische Ideologien,
  • primitive, insbesondere maligne narzisstische Führung,
  • eine effiziente, rigide Bürokratie sowie
  • die durch eine Finanzkrise oder gesellschaftliche Revolution hervorgerufene Auflösung herkömmlicher gesellschaftlicher Strukturen und der damit verbundenen Aufgabensysteme.

Bracher (1982) hat dargelegt, dass staatliche Kontrolle der Wirtschaft, der Streitkräfte und insbesondere der Medien, die Machtübernahme durch eine totalitäre Führung zusätzlich fördert.“[10]

Entwicklung verläuft in Stufen, die Entwicklung verschiedener innerer Stufen läuft nicht direkt parallel sind aber oft voneinander abhängig. Wenn die Psyche nicht entwickelt ist, bedeutet das vor allem, dass Defizite bei der Ich-identität und der Moral (Empathie, Selbstverpflichtung) vorliegen und dieses Wechselspiel geht wie folgt:

„In Übereinstimmung mit Green vertrat ich die Ansicht, dass die Unfähigkeit, sich einem Wertesystem verpflichtet zu fühlen, das über Grenzen selbstsüchtiger Bedürfnisse hinausgeht, gewöhnlich eine schwere narzisstische Psychopathologie widerspiegelt. Die Verpflichtung gegenüber einer Ideologie, die sadistische Perfektionsansprüche stellt und primitive Aggression oder durch konventionelle Naivität geprägte Werturteile toleriert, gibt ein unreifes Ich-Ideal und die mangelnde Integration eines reifen Über-Ichs zu erkennen. Die Identifizierung mit einer „messianischen“ Ideologie und die Akzeptanz gesellschaftlicher Klischees und Banalitäten entspricht daher einer narzisstischen und Borderline-Psychopathologie. Dem gegenüber steht die Identifizierung mit differenzierten, offenen, nicht totalistischen Ideologien, die individuelle Unterschiede, Autonomie und Privatheit respektieren und Sexualität tolerieren, während sie einer Kollusion mit der Äußerung primitiver Aggression Widerstand leisten – all diese Eigenschaften, die das Wertesystem eines reifen Ich-Ideals charakterisieren. Eine Ideologie, welche die individuellen Unterschiede und die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen respektiert und Raum für eine reife Einstellung zur Sexualität lässt, wird den Personen mit einem höher entwickelten Ich-Ideal attraktiv erscheinen. Kurz, Adorno, Green und ich stimmen darin überein, dass Ich- und Über-Ich-Aspekte der Persönlichkeit das Individuum zu übergroßer Abhängigkeit von konventionellen Werten prädisponieren. Es ist berechtigt zu sagen, dass der spezifische Inhalt des Konventionellen durch soziale, politische und ökonomische Faktoren beeinflusst wird: Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.“[11]

Dass Stufen und Hierarchie (und letztlich dann auch das Elitäre) so einen negativen Beigeschmack haben, ist der sicher irgendwann mal gut gemeinten, aber letztliche falschen Idee geschuldet gewesen, dass wir nie wieder einem völkischen Elitarismus wie in der Nazizeit verfallen dürfen. Doch dieser Elitarismus war eben einer der verordnet wurde. Über Nacht galten die einen unbegründet als Herrenmenschen, die anderen als Untermenschen, begründet wurde das nie anders, als zirkulär, was heißt: Man fühlt sich überlegen, weil man meint man wäre besser. Aber entwickelter zu sein, heißt in der Psychologie integrierter zu sein, empathischer zu sein, sich verpflichtet zu fühlen und forciert im Grunde all das, was eine aufgeklärte und faire Gesellschaft anstrebt. Nicht gegen Stufen und Hierarchien sondern durch sie und mit ihnen.

Eine rigide und totalitäre Führung so wie eine primitive Psyche bedingen einander wechselseitig, so dass der Blick nach Innen, auf die Psyche der Menschen und ein Verständnis der Vorgänge mehr als geboten ist.

Unterschätzung der schweren Persönlichkeitsstörungen

Eine Zunahme schwerer Persönlichkeitsstörungen bedeutet psychologisch ein Zerfall von integrierten Psychen (oder die Unfähigkeit solche je zu bilden) und gesellschaftlich eine Zunahme narzisstischer und/oder paranoider Tendenzen in der Gesellschaft, immer verbunden mit einer Zunahme von aggressivem Misstrauen und/oder einem rücksichtslosen Interesse an Spaß in einer Art dekadenter Endzeitstimmung. Wenn diese Gruppen nun den Staat vor sich hertreiben, geht das in die Richtung eines totalitären Regimes, ausgehend von einer Regression der Bevölkerung. Darum ist es wichtig die Zunahme der narzisstischen und paranoiden Tendenzen in der Bevölkerung sehr ernst zu nehmen und sie nicht nur als Psychomarotte anzusehen.

Dabei ist es entscheidend folgende Punkte zu differenzieren:

Die Zunahme schwerer Persönlichkeitsstörungen

Ärgerlicherweise sind die Zahlen hier kontrovers. Man sieht die Veränderungen schon längst in der Gesellschaft, aber es gibt Untersuchungen die besagen, dass die Zahl der schweren Persönlichkeitsstörungen gar nicht sonderlich gestiegen ist. Andere Studien, wie etwa von der amerikanischen Narzissmusforscherin Jean Twenge sprechen von einen gewaltigen Zuanahme und sie macht vor allem das Internet in dem auf einmal jeder ein Superstar sein kann, vor allem je exhibitionistischer er sich darstellt (die Jungen krass, die Mädchen nackt) dafür verantwortlich, während der niederländische Psychologe Eddy Brummelman, vor allem die „parental overvaluation“ die Überbewertung oder Überschätzung der Kinder durch ihre Eltern als einen klarer Indikator für eine dramatische Zunahme des Narzissmus, vor allem unter Jungen sieht.[12]

Tenor: Wenn das Kind der Star ist und im Grunde nichts mehr falsch machen kann, dann fällt das elterliche Korrektiv weg. Das passt gut zu der Idee mit der Abwesenheit des Ödipuskomplexes: Da war der Vater dominant, das Kind musste sich später aus der Umklammerung befreien und vom Jungen zum Mann werden, hatte dafür aber auch Schutz und Orientierung, Vater und Mutter wussten wo es lang ging. Durch die Entwertung des Mannes und des Vaters kommt es hier zu kleinen Königen und Prinzessinnen in den Familien, in denen der Vater entweder kaltgestellt ist, was mitunter durch die zunehmende Patchwork Struktur weiter forciert wird oder sogar aktiv mitmacht, dann werden Eltern zu Helicopter-Eltern, die ihren kleinen Superstar auf Rosen gebettet sehen wollen.

Es gibt zumindest neuere Trends, die Brummelman Studie ist von 2015, die eine (dann drastische) Zunahme schwerer Persönlichkeitsstörungen anzeigt, aber davon zu unterscheiden sind noch einmal Regressionen in der Bevölkerung und man muss diesen Unterschied verstehen.

Massenregressionen

Massenregressionen sind zunächst passagere Effekte, bei denen an sich gesunde und integrierte Menschen in einen regressiven Strudel geraten können der ihre an sich moralisch entwickelten Ansichten und Einstellungen mitreißt, bis auf die Moral eines vorpubertären Kindes. Eine Welt in der es nur richtig oder falsch, gut oder böse, ganz oder gar nicht gibt, in der die Fähigkeit Ambivalenzen zu tolerieren – ein Zeichen psychischer Reife und das Tor zur Humanität – suspekt oder gar als Verrat erscheinen.

In diesem regressiven Klima ist die Zahl von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen nicht mal entscheidend, da Regression bedeutet, sich – meistens kurzzeitig – so zu verhalten, als ob eine schwere Persönlichkeitsstörung vorliegt, dass Thema der Massenregression wurde in Massenpsychologie angesprochen. Bei einigen Menschen können sich Regressionen auch chronifizieren, so dass die dauerhaft auf dem verminderten Niveau bleiben, andere tauchen mehr oder minder unbeschadet aus regressiven Phasen wieder auf.

Narzisstische und psychopathische Ideale

Neben der Zahl der manifesten Diagnosen und der kaum zu erfassenden Zahl von Regressionen haben wir noch mit einem weiteren Element zu tun, dem Einsickern von narzisstischen Idealen in die Gesamtbevölkerung. Neben Jean Twenge ist es Bonelli, der darauf hinweist, dass immer mehr Menschen erkennen, dass sie Narzissten sind, das aber an sich gar nicht weiter schlimm finden. Die Gesellschaft sei halt so, da müsse eben jeder selbst schauen, wo er bleibt, lauten Antworten von jungen Studenten.

Dass es gut und normal ist, dass jeder mal zuerst auf sich selbst schaut ist ein Trend, den szientistisch orientierte Atheisten gesellschaftsfähig gemacht haben. Noch heute glauben wir Floskeln, wie die, dass die Hirnforschung bewiesen habe, dass es den freien Willen nicht gibt und wir alle genetisch bedingte Egoisten seien und mehr als ein reziproker Altruismus, der freundlich ist um irgendwann gleiches oder mehr zu erhalten, nicht drin sei, beides Treppenwitze, die gut zusammen passen und die der Biologismus uns beschert hat.

Psychopathie ist selbst eine harte Variante des Narzissmus und selbst psychopathische Ideale wie demonstrative Rücksichtslosigkeit, kalte Gleichgültigkeit und soziales Desinteresse als Steigerung sozialer Kälte und Härte sind für einige sexy.

Gegen Regressionen hilft klare Führung. Klare Führung heißt nicht Diktatur, denn das wäre wieder ein psychopathisches Ideal, sondern es könnte auch die klare Ansprache ein, dass Europa sich reformiert und die Bürger mehr in die Verantwortung geholt und beteiligt werden, wenn es mit der gemeinsamen Idee Europa ernst gemeint ist. Alles in allem spricht viel dafür, dass Europa, wenn es eine Zukunft haben will, mit einer Stimme sprechen sollte und ansonsten als Konglomerat von Kleinstaaten bald massiv an Bedeutung verlieren wird, angesichts der aufkommenden Riesen wie China und Indien, die bald die Weltpolitik viel stärker dominieren.

Wie im einzelnen die Lösungen aussehen, ist an dieser Stelle gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Zusammenhänge zwischen Innen und Außen, Gesellschaft und Psyche, Individualentwicklung, Psychopathologie und Politik verstanden und anspruchsvoller diskutiert werden, als das bisher der Fall ist. So sind in 2017 Wege aus der Krise denkbar und möglich, Zeit wird es allmählich.

Quellen und Fußnoten:

  • [1] vgl. auch Fossa über GWUP
  • [2] Arhtur Koestler zitiert in: Manfred Lütz, Bluff! – Die Fläschung der Welt“, Droemer 2012, S. 150
  • [3] Hans Christoph Buch in der WDR5 Sendung Tischgespräche, vom 21. 12. 2016
  • [4] Max Gitelson, zitiert in: Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 301
  • [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Wutb%C3%BCrger
  • [6] Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 332
  • [7] Die Kritik am Christentum ist in vielen Teilen gut und richtig, bei allem dem sollte man die anderen und oft unbekannten Seiten nicht vernachlässigen, die man z.B. in dem Buch Arnold Angenendt „Toleranz und Gewalt“ dargestellt findet, „Die Erfindung des Individuums“ wird von Larry Siedentop nachgezeichnet.
  • [8] Lawrence Kohlberg, Die Psychologie der Moralentwicklung, Suhrkamp 1996, S. 33
  • [9] Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 330
  • [10] Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 331
  • [11] Otto F. Kernberg, Ideologie, Konflikt und Führung, Klett-Cotta, 1998 S.297f
  • [12] vgl. Raphael M. Bonelli, Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist, Kösel 2016, S. 90ff